Baden: Katholisch-evangelische "Erklärung zur Zukunft der Familie"
Die Evangelische Landeskirche in Baden und die Erzdiözese Freiburg haben eine "Gemeinsame Erklärung zur Zukunft der Familie" (pdf-Download hier) verfasst. Unterzeichnet wurde sie von den beiden Bischöfen Dr. Ulrich Fischer (Landesbischof, ev.) und Dr. Robert Zollitsch (Erzbischof, kath.) sowie den beiden (weiblichen) Kirchenparlamentspräsidentinnen Margit Fleckenstein (Synodalpräsidentin, ev.) und Christel Ruppert (Diözesanratsvorsitzende, kath.).
Inhaltlich...
...enthält das Papier bemerkenswert neue Akzente, die in der Praxis (etwa der Kinderbetreuung, Schulen und Eheberatung) oft schon länger bekannt, in lehramtlichen Verlautbarungen aber lange unterbelichtet waren:
Veränderte Familienbilder und -realitäten werden zunächst einmal beschrieben, nicht mehr einseitig als Verfall beklagt. Die Kirchen halten am "Leben in Ehe und Familie" als "unersetzlicher Grundlage der Gesellschaft" fest, allerdings weniger als Einforderer gefälligst zu erfüllender Pflichten, sondern als Helfer und Unterstützer gelingenden Lebens und ohne Abwertung anders lebender Menschen. Statt einem - auch theologisch - überhöhten Idealbild, an dessen Maßstab Menschen scheitern, wenden sie sich den Realitäten zu, steigen vom hohen Roß. "Auch der Bibel ist die Familie nicht nur als Ort gelingenden Zusammenlebens vertraut, sondern auch als Ort des Misstrauens, Scheiterns, Versagens und des aneinander Schuldigwerdens." Über die Arbeit eigener Familien- und Kindereinrichtungen hinaus stellen sie auch Forderungen an die Politik, diese solle "Chancen- und Verteilungsgerechtigkeit" schaffen. "Kinder und Familie dürfen kein Armutsrisiko sein."
Auch die oft beklagte Benachteiligung von Frauen, "wenn sie Erziehung und Pflege in der Familie leisten" wird durch die bemerkenswerte Feststellung ergänzt: "Eine Verbindung von Familienarbeit und Berufstätigkeit wird ihnen schwer gemacht." Nicht mehr das Vorschreiben einer bestimmten Arbeitsteilung, sondern die Schaffung und Anerkennung von Wahlfreiheit hat sich hier durchgesetzt.
Bewertung
Die gemeinsame Erklärung ist ein spannender Wurf, den wahrzunehmen ich Ihnen auch deswegen ans Herz legen möchte, weil die Kirchen hier ihre Kernkompetenzen als Förderer und Begleiter von Lebensentscheidungen zu entdecken beginnen. Religiös vergemeinschaftete Menschen schenken auch in Deutschland durchschnittlich mehr Kindern das Leben - und für die reale Entwicklung der Kirchen spielen die Entwicklungen von Geburtenzahlen und Familientrends eine sehr viel größere Rolle als die im Bereich weniger tausend Menschen pro Jahr verbleibenden Konversionsbewegungen. Ganz abgesehen davon, dass unterjüngende Gemeinden auch missionarische Ausstrahlung verlieren.
Leider wird aber gerade diese bestehende Stärke noch kaum erkannt: Auch in der gemeinsamen Erklärung tauchen die Kirchen vor allem als Institutionen auf, die "den Familien" mit Rat und Tat zur Seite stehen. Dass Familien, in denen geboren, gebetet, gesungen, geholfen, gescheitert, geliebt und letztlich (auch Glauben) gelebt wird, schon aus sich heraus wesentlicher Teil der Kirchen "sind" (oder sein könnten) ist noch nicht im Blick. Hier könnte auch ein Blick auf das religiöse Leben des Judentums helfen, in dem Familienrituale einen unverzichtbaren Platz einnehmen und beispielsweise im Pessachfest erst durch das Miteinander von Mutter, Kind und Vater Ritual und religiöse Erzählung in Gang gesetzt werden.
Auch wurde eine zweite Option christlichen Glaubens umgangen: die Schuldanerkenntnis. Es liest sich wunderbar, wenn die Kirchen nun wortmächtig die Verbindung von Familie und Beruf, ein familiengerechteres Steuerrecht und ein Ende der Überforderung von Eltern verlangen und von der Wirtschaft und Politik fordern. Noch beeindruckender wäre es gewesen, wäre auch kurz reflektiert worden, welche Rollen die Kirchen selbst in diesen Prozessen gespielt haben: Sehr häufig drängten gerade kirchliche Stellungnahmen zur Alleinverdienerehe, einer entsprechenden Ausgestaltung des Steuerrechts und manchmal wohlfeilen Appellen gutsituierter Mittel- und Oberschichtangehöriger "an die Elternverantwortung" auch prekär lebender Familien. Unter uns: Waren in der Anerkennung veränderter Realitäten hier wirklich stets die Kirchen der Politik voraus - oder eher umgekehrt? Der Glaubwürdigkeit der Erklärung hätte eine kleine Reflektion dazu gut getan.
Und dennoch... ist ein mutiger Schritt als mutiger Schritt zu sehen. Schon dass die in dieser Form erste, ökumenische Erklärung der beiden großen Kirchen in Baden Familien in den Blick nahm, signalisiert einen ermutigenden Prioritäten- und Perspektivenwechsel. Kinder und Kirchen - diese früher viel belächelte Verbindung wird als Zukunftsthema entdeckt. Bitte, liebe Kirchen, geht diesen Weg entschlossen weiter! (-:
Inhaltlich...
...enthält das Papier bemerkenswert neue Akzente, die in der Praxis (etwa der Kinderbetreuung, Schulen und Eheberatung) oft schon länger bekannt, in lehramtlichen Verlautbarungen aber lange unterbelichtet waren:
Veränderte Familienbilder und -realitäten werden zunächst einmal beschrieben, nicht mehr einseitig als Verfall beklagt. Die Kirchen halten am "Leben in Ehe und Familie" als "unersetzlicher Grundlage der Gesellschaft" fest, allerdings weniger als Einforderer gefälligst zu erfüllender Pflichten, sondern als Helfer und Unterstützer gelingenden Lebens und ohne Abwertung anders lebender Menschen. Statt einem - auch theologisch - überhöhten Idealbild, an dessen Maßstab Menschen scheitern, wenden sie sich den Realitäten zu, steigen vom hohen Roß. "Auch der Bibel ist die Familie nicht nur als Ort gelingenden Zusammenlebens vertraut, sondern auch als Ort des Misstrauens, Scheiterns, Versagens und des aneinander Schuldigwerdens." Über die Arbeit eigener Familien- und Kindereinrichtungen hinaus stellen sie auch Forderungen an die Politik, diese solle "Chancen- und Verteilungsgerechtigkeit" schaffen. "Kinder und Familie dürfen kein Armutsrisiko sein."
Auch die oft beklagte Benachteiligung von Frauen, "wenn sie Erziehung und Pflege in der Familie leisten" wird durch die bemerkenswerte Feststellung ergänzt: "Eine Verbindung von Familienarbeit und Berufstätigkeit wird ihnen schwer gemacht." Nicht mehr das Vorschreiben einer bestimmten Arbeitsteilung, sondern die Schaffung und Anerkennung von Wahlfreiheit hat sich hier durchgesetzt.
Bewertung
Die gemeinsame Erklärung ist ein spannender Wurf, den wahrzunehmen ich Ihnen auch deswegen ans Herz legen möchte, weil die Kirchen hier ihre Kernkompetenzen als Förderer und Begleiter von Lebensentscheidungen zu entdecken beginnen. Religiös vergemeinschaftete Menschen schenken auch in Deutschland durchschnittlich mehr Kindern das Leben - und für die reale Entwicklung der Kirchen spielen die Entwicklungen von Geburtenzahlen und Familientrends eine sehr viel größere Rolle als die im Bereich weniger tausend Menschen pro Jahr verbleibenden Konversionsbewegungen. Ganz abgesehen davon, dass unterjüngende Gemeinden auch missionarische Ausstrahlung verlieren.
Leider wird aber gerade diese bestehende Stärke noch kaum erkannt: Auch in der gemeinsamen Erklärung tauchen die Kirchen vor allem als Institutionen auf, die "den Familien" mit Rat und Tat zur Seite stehen. Dass Familien, in denen geboren, gebetet, gesungen, geholfen, gescheitert, geliebt und letztlich (auch Glauben) gelebt wird, schon aus sich heraus wesentlicher Teil der Kirchen "sind" (oder sein könnten) ist noch nicht im Blick. Hier könnte auch ein Blick auf das religiöse Leben des Judentums helfen, in dem Familienrituale einen unverzichtbaren Platz einnehmen und beispielsweise im Pessachfest erst durch das Miteinander von Mutter, Kind und Vater Ritual und religiöse Erzählung in Gang gesetzt werden.
Auch wurde eine zweite Option christlichen Glaubens umgangen: die Schuldanerkenntnis. Es liest sich wunderbar, wenn die Kirchen nun wortmächtig die Verbindung von Familie und Beruf, ein familiengerechteres Steuerrecht und ein Ende der Überforderung von Eltern verlangen und von der Wirtschaft und Politik fordern. Noch beeindruckender wäre es gewesen, wäre auch kurz reflektiert worden, welche Rollen die Kirchen selbst in diesen Prozessen gespielt haben: Sehr häufig drängten gerade kirchliche Stellungnahmen zur Alleinverdienerehe, einer entsprechenden Ausgestaltung des Steuerrechts und manchmal wohlfeilen Appellen gutsituierter Mittel- und Oberschichtangehöriger "an die Elternverantwortung" auch prekär lebender Familien. Unter uns: Waren in der Anerkennung veränderter Realitäten hier wirklich stets die Kirchen der Politik voraus - oder eher umgekehrt? Der Glaubwürdigkeit der Erklärung hätte eine kleine Reflektion dazu gut getan.
Und dennoch... ist ein mutiger Schritt als mutiger Schritt zu sehen. Schon dass die in dieser Form erste, ökumenische Erklärung der beiden großen Kirchen in Baden Familien in den Blick nahm, signalisiert einen ermutigenden Prioritäten- und Perspektivenwechsel. Kinder und Kirchen - diese früher viel belächelte Verbindung wird als Zukunftsthema entdeckt. Bitte, liebe Kirchen, geht diesen Weg entschlossen weiter! (-:
blume-religionswissenschaft - 25. Apr, 06:34
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