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Mittwoch, 16. April 2008

Gibt es in der deutschen Theologie stärkere Vorbehalte gegen Ökonomen?

Nicht selten sind es die kleineren, unauffälligen Debatten, aus denen neue Gedanken erwachsen. So brachte Edgar in der Wissenslogs-Debatte zur Religionstheorie des Wirtschaftsnobelpreisträgers Friedrich-August von Hayek den Begriff der "Wirtschaftstheologie" auf - wobei von Hayek darunter ausdrücklich nicht zu verstehen wäre.

Gibt es aus Unkenntnis verbreitete Vorbehalte deutscher Theologen gegenüber der Ökonomie?

Spannend war aber auch der Beitrag von Basty Castellio, außerhalb des Netzes ein süddeutscher Theologe und Pfarrer. Er hatte mehrere Hayek-Texte und den Hayek-Vortrag Markets and Morals von Oberrabbiner Jonathan Sacks gelesen - und dabei reflektierend auch bei sich antiökonomische Vorurteile festgestellt.

So fragte er hier:
"Den Jonathan Sacks las ich – deutlich dadurch geworden: von Hayek ist nicht für den a-moralischen liberalen Markt. Aber woher kommt das Missverständnis, nicht nur bei mir?"

Meine Vermutung dazu war:

"In Religionsgemeinschaften, die durch Beiträge und Spenden finanziert werden, erwächst ein Ethos der Bewunderung gegenüber wirtschaftlichen Leistungsträgern und Unternehmern, die auch teilen. In den steuerfinanzierten Kirchen und theologischen Fakultäten in Deutschland gilt dagegen eine verächtliche Haltung gegenüber Ökonomen und Ökonomie als schick. Da wurden tausende theologische Arbeiten zu Marx geschrieben, aber nach meiner Kenntnis bislang keine zu Friedrich August von Hayek..."

Theologie & Wirtschaft

Erfreulicherweise gibt es Theologen, die die ökonomische Unkenntnis zu durchbrechen versuchen und auch die Evangelische Akademie Bad Boll, deren Kuratorium ich angehöre, setzt hier einen Schwerpunkt und vermittelt z.B. Dialoge, Vikaren Einblicke ins Wirtschaftsgeschehen etc.

Warum ich das wichtig finde?

Zum einen erforschen Ökonomen entgegen gängigen Klischees längst nicht mehr nur, wie man Geld möglichst gewinnbringend investiert - die Ökonomie ist vielmehr eine der Disziplinen, aus denen die stärksten Innovationen in den Bereichen Selbstorganisation, Kommunikationsprozesse und Spieltheorie stammen. Umgekehrt verfällt sie jedoch allzu oft in rationalistische Engführungen und die Versuchung, ihre theoretischen Modelle für Realität zu halten - eine Entwicklung, die Friedrich August von Hayek beklagte und gegen die er (bislang ohne großen Erfolg) eine Öffnung der Disziplin zur Evolutionstheorie anregte. Auch Ökonomen sind immer wieder verblüfft, dass schon in seinen frühen Schriften (aufbauend auf Walter Eucken) Religionsfreiheit Teil seines Denkens war und der Einsatz für diese für ihn zum Beginn der liberalen Bewegung zählte.



Es läge m.E. gerade auch an den Theologien und Religionswissenschaften, hier stärker einzusteigen - auch, damit es nicht länger unfreiwillig komisch wirkt, wenn Theologen hilflos Wirtschafts- und Finanzskandale kommentieren, die sie ganz offensichtlich kaum verstehen.

In einer Welt, in der die Schicksale von Menschen sowohl durch Wirtschaft wie Religionen längst weltweit im Guten wie im Bösen eng verknüpft sind, braucht es überzeugend verbindende Denker. Rabbiner Sacks hat gezeigt, dass es geht - und ich hoffe nach wie vor, dass er auch unter Christen und Muslimen deutscher Sprache Nachahmer finden wird.

Trackback URL:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4863652/modTrackback

Stefan Sedlaczek (Gast) - 17. Apr, 00:21

Er kanns nicht lassen :-)
Was aber stehen da Marktordnung und Demokratie zusammen? Auf dem Markt entscheiden Einzelne oder freie Gruppen, was sie kaufen und anbieten. In einer Demokratie entscheidet eine willkürliche Mehrheit, was, wann, zu welchen Bedingungen und unter welchen Voraussetzungen bei irgendwelchen Einschränkungen von wem produziert, angeboten oder nachgefragt werden darf. Demokratie schafft keine Freiheit von Staat, sondern ist - wenn nicht zumindest ein wenig verfassungsmäßig gebremst - Staat total. Wir hatten noch nie in den letzten gut 2000 Jahren soviel Staat wie heute. Und das liegt wesentlich an der Demokatie.

Und die Alternative...

...zur Demokratie wäre, lieber Stefan? Bin gespannt...
Wirr-Licht - 17. Apr, 11:59

demokratie ist schuld

finde ich jetzt ein wenig seltsam. wer, ausser dem volk (das manchmal dumm ist, wie seine vertreter, kein zweifel) sollte denn sonst über das volk herrschen?

aber auch in der wirtschaft finde ich, sollte es grenzen geben, die die menschliche gier nicht überschreiten darf. leider sehen das gierige menschen oft nicht so.
Edgar (Gast) - 17. Apr, 23:11

Religiöse Wirtschaftsethik

Würd mich interessieren, wie Religiosität und Wirtschaftsweise zusammenhängen. Stichwort "Dominium terrae" (Genesis 1,28: "Macht Euch die Erde untertan").
s.a. http://de.wikipedia.org/wiki/Dominium_terrae

Edgar (Gast) - 17. Apr, 23:36

"Toraökonomie"

Klingt interessant!

Franz Segbers: Die Hausordnung der Tora. Biblische Impulse für eine theologische Wirtschaftsethik.

http://www.dnwe.de/forum/h2003_2/05.htm

Edgar (Gast) - 17. Apr, 23:43

Christliche, jüdische und islamische Wirtschaftsethik

einen hab ich noch...

"Wie spiegeln sich die Normen von Bibel, Tora und Koran in der wirtschaftlichen Realität wider?"

Hans G. Nutzinger (Hg.)
Christliche, jüdische und islamische Wirtschaftsethik
Über religiöse Grundlagen wirtschaftlichen Verhaltens in der säkularen Gesellschaft

http://www.metropolis-verlag.de/Christliche,-juedische-und-islamische-Wirtschaftsethik/424/book.do

Basty Castellio (Gast) - 18. Apr, 00:21

Zur Ökonomie der Fremd- und der Eigenwahrnehmung

Na ja, so gut sollten Theologen die Ökonomen zu verstehen versuchen wie beispielsweise Religionswissenschaftler Theologen zu verstehen versuchen. Manchmal meint man auch zu schnell, jemand verstanden oder durchschaut zu haben. Das wird dann zum vorschnellen Urteil, zum Vorurteil: Weil du in der und der Position bist, den oder jenen Job hast, müssen deine Gedanken doch in den Geleisen verlaufen. Gibt natürlich auch vorschnelle Urteile über vorschnelle Urteile. Kann dann spannend werden, oder spannungsvoll, wenn man sich gegenseitig mit vorschnellen Urteilen bewirft.

Ich betone absichtlich, dass Vorurteile vor-schnell sind; und nicht etwa, dass sie jeder Grundlage entbehren. So bieten natürlich Theologen mit ihren diversen Äußerungen zu allen möglichen Anlässen genügend Anlässe, ihnen vorschnelle Urteile nachzuweisen. Gibt ja auch so viele Theologen und noch mehr Anlässe. Man findet immer etwas. Und dann erwartet man es von ihnen vielleicht nicht mehr anders. Oder man erklärt ihnen kurzerhand von außen, wie einstens Kaiser Wilhelm II, dass sie gewisse Zusammenhänge gar nichts angehen. Vielleicht auch, dass sie’s längst hätte angehen müssen. Wird dadurch aber auch nicht einfacher, sich in ein Thema hineinzutasten.
Gibt andererseits aber auch so etwas wie methodische Beschränkung, gewissermaßen als Gegengewicht gegen die Versuchung zu vorschnellen Urteilen. In Bezug auf ökonomische Theorien, gegenüber denen ich wirklich keine Berührungsängste habe, entwickle ich deshalb lieber keine eigenen Theorien; sondern schaue, welche Leute mit ihren Theorien vertrauenswürdiger sind und welche weniger. Nicht insgesamt „antiökonomisch“; aber wohl mehr für die eine und weniger für die andere ökonomische Richtung. (Ähnlich wie der Patient sich zwischen verschiedenen medizinischen Richtungen entscheiden muss, ohne selber Mediziner zu sein. Und deshalb hoffentlich nicht „antimedizinisch“.)
Und wenn ich mich, selten genug (und hoffentlich nicht zu apodiktisch, sondern auf Diskussion angelegt) zu ökonomischen Zusammenhängen äußere, berufe ich mich lieber auf Leute, die mehr zu verstehen scheinen. Da kann man allerdings durchaus sehen, dass man nicht zu abseitigen Ideen aufsitzt. Eigene Grenzen zu kennen, schadet auch nicht. So schien mir übrigens auch Oberrabbiner Sacks nicht besonders viel eigene ökonomische Sachkompetenz aufbieten zu müssen; sondern eben das zu erklären, wie er als Theologe die moralischen Implikationen beurteilt.
Nun, bei meinem Eingehen auf die verschiedenen ökonomischen Richtungen sehe ich, dass in den verschiedensten Systemen – linken und rechten, eher kapitalistischen und eher sozialistischen – die Leute, die näher an den wirtschaftlichen Schalthebeln sitzen, ihre Erkenntnis als die wissenschaftlich einzig richtige darzustellen belieben. Und wer da anderer Meinung ist, versteht nichts von der Sache. Er versteht vielleicht wirklich nichts von der Sache, sonst wäre er eben so nahe an den Schalthebeln wie seine erfolgreicheren Lehrmeister.
Es gibt allerdings einige kirchliche Institutionen, zu denen durchaus die Akademie Bad Boll gehören dürfte (die ich aber im Grunde kaum mehr kenne, also kein schnelles Urteil wage), in den Gespräche auf verschiedensten Ebenen laufen, die wohl vielen Beteiligten, nicht nur Vikaren, Erkenntnisgewinne bringen dürften. Das kommt wohl wieder den Gedanken von Hayeks entgegen: dass es auch für die Wirtschaft ganz gut ist, wenn es eine Offenheit der Diskussion gibt, wie es im Getriebe der Betriebe nicht unmittelbar möglich ist.
Wo eine verächtliche Haltung gegenüber den Ökonomen und der Ökonomie insgesamt als schick empfunden wird, entzieht sich meiner Kenntnis. Dass in den steuer-finanzierten Großkirchen sehr viel kritischere Töne laut werden gegenüber gewissen ökonomischen Entwicklungen (und den entsprechenden Theorien) als in den durch Spenden finanzierten Freikirchen – das hängt wohl hauptsächlich damit zusammen, dass die Letzteren sich diese Sozialarbeit gar nicht leisten könnten; und dass deshalb die ganze gegenwärtige Problematik an den Türen der Großkirchen sehr viel schärfer sichtbar wird. Und dass da wenigstens die steuer-finanzierten Leute noch den Mund aufmachen können. Ich denke, dass das Diakonische Werk auch nicht so weit von Bad Boll entfernt ist - dass da und dort das Nötige durchdacht wird, wenn auch nicht vorschnell.

So viel für heute
Basty

Stefan Sedlaczek (Gast) - 18. Apr, 10:26

Alternativen zur Demokratie

Lieber Michael,

ich gehöre nicht zu den Leuten, dies es sich verbieten, Ungutes schlecht zu nennen, nur weil sie noch nichts Besseres wissen. Allein schon, weil mir derartige Besserwisserei nicht liegt. Um Besseres bemühen wir uns alle. Wenn es aber schmerzt, suche ich zu heilen - und bei neuen, noch nie dagewesenen Schmerzen bedarf es eben auch schon einmal einer neuen Salbe.
Ich spreche auch deshalb nicht gerne von Alternativen zu Demokratie. Das ist so auf Bekanntes beschränkt. Und: Die Menschheit lebt in Zeit und Geschichte; die äußerst fragwürdige Herrschaftsform der Demokratie wird nicht immer sein, sie wird ganz sicher abgelöst werden. Und da sollte es keinen Rückfall geben, sondern wirklich Besseres gefunden werden, mit mehr der gottgewollten Freiheit des Menschen.
Und bringe meine Worte, Bilder und Gedanken dazu - ganz zeitgemäß - nicht zu Papier, sondern verschriftliche sie hier:
http://wort-bild-gedanke.blogspot.com/2008/04/dorfleben.html

Herzliche Grüße
Stefan

Dass die Welt noch...

...nicht perfekt ist und es allein durch Menschenmacht auch nie werden wird - darin sind wir uns völlig einig! Aber einer der Gründe, warum ich Demokratie und Marktwirtschaft so schätze, ist der Umstand, dass sie Menschen wie Dir die Freiheit auch zur kritischen Kontemplation einräumen. (-:

Dir alles Liebe, danke, dass Du hin und wieder vorbei schaust!

Beste Grüße

Michael
Edgar (Gast) - 14. Jul, 12:35

Religionsökonomie?

Hallo,

bei Wikipedia gibt es einen Artikel über "Religionsökonomie". Wenn es hier ein Wunschkonzert wie beim Fischblog gäbe, würde ich mir (wieder) mehr Aufmerksamkeit für die Zusammenhängen zwischen den religiösen und ökonomischen Strukturen von Gesellschaften, z.B. "Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen" oder religiöse Einstellungen zu Geld und Wirtschaft wünschen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Religions%C3%B6konomie

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