Freitag, 11. April 2008

Idea war schneller...

Eigentlich wollte ich Ihnen auf dem Blog vom Erscheinen eines neueren Artikels "Glauben und Demografie - Der übersehene Wettbewerb der Religionen" in "Die Politische Meinung, (4/2008) 461", herausgegeben von der Konrad-Adenauer-Stiftung, berichten.

Worin bestehen Chancen und Risiken der Religionsfreiheit? Ein Beitrag aus religionsdemografischer und -biologischer Sicht in "Die Politische Meinung" April 2008 der Konrad-Adenauer-Stiftung. Klick zum pdf.

Nun kam jedoch mir selbst eine Nachrichtenagentur zuvor - die evangelisch-evangelikale Idea hier.

Und die freundliche Zusammenfassung macht mich ganz verlegen...

Nachrichten des Tages
Religion & Weltanschauung 10.04.08
Glaube und Demografie: Je frömmer, desto mehr Kinder

S a n k t A u g u s t i n (idea) – Der Zusammenhang zwischen Bevölkerungsentwicklung und Religion wird in Kirche und Politik zu wenig beachtet. Darauf macht der Religionswissenschaftler Michael Blume (Stuttgart) in der Zeitschrift „Die politische Meinung“ (Sankt Augustin) aufmerksam, die von der Konrad-Adenauer-Stiftung herausgegeben wird.

Es sei durch zahlreiche Studien belegt, dass Menschen mit höherer religiöser Bindung in der Regel mehr Kinder haben. Entsprechende Auswertungen einer deutschlandweiten Befragung aus dem Jahr 2002 habe der Ökonom Dominik Enste vom Institut der deutschen Wirtschaft 2007 bei der Auswertung von World Value Surveys (Welt-Wertebefragungen) in 82 Nationen auf internationaler Ebene bestätigt. Weltweit hätten Menschen, die nie einen Gottesdienst besuchen, durchschnittlich 1,7 Kinder, jene, die mehr als einmal pro Woche teilnähmen, aber 2,5 Kinder. In Deutschland falle die Diskrepanz auf niedrigerem Niveau ähnlich aus: 1,4 Kinder bei den Nicht-Kirchgängern stünden knapp 2 Kinder bei den regelmäßigen Gottesdienstbesuchern gegenüber. Die Volkszählung in der Schweiz im Jahr 2000 bestätige diese Ergebnisse. Blume: „Die meisten gewachsenen Religionsgemeinschaften weisen durchschnittlich deutlich mehr Geburten pro Frau auf als die Konfessionslosen.“

Mehr Jüngere als Senioren glauben an ein Jenseits

Zugleich gebe es innerhalb der religiösen Gemeinschaften große Unterschiede. So schnitten verbindliche Religionsgemeinschaften wie die jüdischen Gemeinden, Pfingst- und Freikirchen erfolgreicher ab als die großen Amtskirchen und liberale Gründungen. Der Kinderreichtum der Frommen sorge dafür, dass das Interesse an Religion in der jüngeren Generation wachse. Blume: „Jene Gemeinschaften, die viele Kinder hervorbringen, gewinnen nicht nur ein großes Potenzial möglicher Missionare, sondern werden auch für weitere junge Leute auf der Suche nach Verbindlichkeit, Liebe und Lebenssinn interessant.“ Dieser Trend habe sich unter anderem in den Ergebnissen des Ende 2007 veröffentlichten Religionsmonitors der Bertelsmann-Stiftung niedergeschlagen: „Zum ersten Mal in der Geschichte der deutschen Religionssoziologie gaben junge Menschen unter 30 häufiger an, an ein Jenseits zu glauben, als selbst Senioren über 60.“

Warum boomt die Religion in den USA?

Ferner sei der „religiöse Markt“ in den USA nicht deshalb so lebendig, weil eine stabile Nachfrage nach Religion bestehe, sondern weil nachwachsende Generationen zu einem immer wieder höheren Prozentsatz aus religiös verbindlichen Familien und Gemeinschaften stammten. Der religiöse Kreationismus (Schöpfungslehre) kehre nicht deshalb immer wieder zurück, weil er mehr wissenschaftliche Argumente als die Evolutionsbefürworter habe, sondern deutlich mehr Kinder und ein wachsendes Netz eigener Bildungseinrichtungen, so Blume.

Großkirchen verpassen Religionsrückkehr

An den großen Kirchen gehe die Rückkehr der Religion derzeit noch weitgehend vorbei. Stattdessen entstehe eine Polarisierung - „eine noch ansteigende Zahl säkularisierter und zunehmend religionsfeindlicher Menschen vor allem gehobenen Alters und ein schnell wachsender religiöser Markt an freikirchlichen, islamischen und anders glaubenden Gemeinschaften, die gezielt auch junge Menschen vor und in der Elternphase gewinnen und kinderreiche Familien prägen.“

Tja, danke für die Wahrnehmung und recht präzise Zusammenfassung, Idea - und den Gesamtartikel gibt es dann ab Mai auf der KAS-Homepage hier.

Trackback URL:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4853726/modTrackback

Monika (anonym) - 10. Apr, 21:36

Gratulation

Lieber Michael, das freut mich, denn die Freude an der Sache wird durch so ein Ereignis doch immer gesteigert ;-)

Gerade bin ich noch am recherchieren über die Bedeutung von Wissenschaftsblogger im Web 2.0 - und immer wieder bekommt man zu lesen, dass alle mehr oder weniger aus purem Idealismus bloggen. Denn weder mit Werbung, noch durch die große Notiznahme der Printmedien, noch sonstwie - als alleine durch die "gespürten" Besucher lässt sich messen, ob die eigene Schreiberei ankommt.

Und wenn - wie hier - eine so schöne schmeichelnde Berichterstattung über Deine Aktivitäten erfolgt, dann zeigt sich, dass sich Qualität doch bewährt. Plötzlich sind die Link- und Besuchermassen anderer Blogger nur Schall und Rauch...Denn leider sagen diese überhaupt nichts über die Qualität eines Blogs aus.........

Herzlichen Glückwunsch!

Wissenschaftsblogs

Liebe Monika,

danke für die Rückmeldung!

Natürlich freue ich mich sehr, bin aber ausdrücklich auch den anderen Wissenschaftsbloggern und -lesern dankbar. Denn was hier derzeit im Internet passiert, erlebe ich als eine unglaublich interdisziplinäre Vernetzung und Diskussion, die Themen auf eine neuartige voranbringt. Die kostenlose Zugänglichkeit macht wiederum weitere Menschen (z.B. auch Schüler, Pfarrer, interessierte Rentner, die ihre Zeit zum Wissenserwerb entdecken etc.) auf verschiedenste Wissenschaften aufmerksam und erlaubt auch Journalisten schnelle Recherchen. Und was noch gar nicht gesehen wird: Nach meinem Eindruck beteiligen sich Frauen auch im Wissenschaftsbereich bloggend und diskutierend hier sehr viel stärker als in den klassischen Hierarchien - auch da sehe ich eine echte Bereicherung.

Mir ist klar, dass die Wissenschaftskommunikation (auch) über das Bloggen mit Risiken behaftet ist und mir wird auch immer wieder signalisiert, dass (noch) viele darüber lächeln. Aber mit jedem erfolgreichen Blog ändern wir die Wahrnehmung ein bißchen - und zwar gemeinsam. Und ich bin eigentlich zuversichtlich, dass wir mittelfristig die Besucherzahlen in die Nähe anderer Blogs heben können, wenn wir uns gut vernetzen, Gastbeiträge schalten, mit innovativen Print-, Ton- und Filmmedien kooperieren usw.

Yes, we can! (-;

Mit Dank und optimistischen Grüßen

Michael
Monika (anonym) - 12. Apr, 08:47

Einladung

Lieber Michael, da stimme ich Dir zu. Wobei die Religionswissenschaften, so wie diese von Dir präsentiert werden ;-) offenbar einen Nerv treffen und vor allem auch viel Diskussionsstoff liefern. Deine nette Art auch mit kontroversen Kommentatoren umzugehen, sorgt m.E. auch für die guten "Austauschmöglichkeiten". So schön
klappt das in den von mir vertretenen Wissenschaftsbereichen leider noch nicht......

Ich möchte Dich noch einladen an der von Tobias angestossenen Qualitätsoffensive teilzunehmen. Denn bei Dir könnte man ein solches "Siegel" durchgehend platzieren. Lars, für den dasselbe gilt, ist schon dabei. Diese Initiative sorgt ggf. auch für eine generelle Qualitätsorientierung bei Wissenschaftsblogs. Nur: sie braucht auch "Mitacher" und "Mitmacher" ;-)
Infos hier:
Neues Qualitätssiegel für wissenschaftliche Blogposts
Anmeldung hier:
http://german.researchblogging.org/
Herzl. Grüße Monika

Monika (anonym) - 12. Apr, 08:48

Fehlerteufel ;-)

..soll natürlich "Macher" und "Mitmacher" heißen....
Kunar - 12. Apr, 14:59

verbindlich/liberal und modern/verschlossen

Jetzt habe ich eine Verständnisfrage, die mir schon bei einem Artikel vor einigen Monaten gekommen ist. Oben lese ich:

"Zugleich gebe es innerhalb der religiösen Gemeinschaften große Unterschiede. So schnitten verbindliche Religionsgemeinschaften wie die jüdischen Gemeinden, Pfingst- und Freikirchen erfolgreicher ab als die großen Amtskirchen und liberale Gründungen."

Ansonsten wurde in diesem Blog mehrfach schon betont, dass Religionen sich besser behaupten, wenn sie sich neueren gesellschaftlichen Entwicklungen nicht verschließen. Wie passt das zusammen?

Natürlich muss "liberal" nicht immer "modern" sein und "verbindlich" nicht automatisch "allem Neuen verschlossen". Dennoch erwarte ich diese beiden Kombinationen eher als "liberal und allem Neuen verschlossen" und "modern und verbindlich". Was macht denn das "modern und verbindlich" aus, welches ja nach diversen Beiträgen in diesem Blog das erfolgreichste Rezept für eine Religion sein sollte?

In Kurzform...

...geht es hierbei um evolutionäre Anpassung: Religionsgemeinschaften müssen einerseits verbindlich sein, um überhaupt Wirkung erzielen zu können. (Siehe dazu aktuell:
http://www.wissenslogs.de/wblogs/blog/natur-des-glaubens/grundlagen/2008-04-12/gebote-rituale-was-nichts-kostet-ist-nichts-wert )

Aber zugleich müssen sie sich immer wieder auch auf die neuen Umweltanforderungen einstellen, anstatt stur an Wegen festzuhalten, die unter veränderten Bedingungen nur noch in Sackgassen führen.

Ein Beispiel: Die Neuapostolische Kirche war und ist sehr verbindlich und konnte in Zeiten mit allgemein höheren Geburtenraten mit der Konzentration auf Gottesdienst und Mission wachsen. Aber ihre Verweigerung, sich lehramtlich und mit eigenen Angeboten auf die Lebensrealitäten junger Familien in der postindustriellen Gesellschaft einzulassen (Wunsch und Bedarf nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf auch der zunehmend gebildeten Frauen, Nachfrage nach hochwertigen Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für Kinder etc.) hat sie europaweit und auch in Deutschland inzwischen in einen demografisch-missionarischen Abwärtsstrudel gerissen:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4346647/

Für die kulturelle Evolution der Religionen gelten wesentlich die gleichen Grundregeln wie für die biologische Evolution: Variation (Vielfalt) - Selektion (Wettbewerb) - Reproduktion (Weitergabe). Und Varianten, die unter den Bedingungen A (z.B. Agrargesellschaft) florierten, müssen unter den Bedingungen B (z.B. Industriegesellschaft) noch lange nicht erfolgreich sein. Die Evolution geht weiter und wer stagniert, geht früher oder später unter...
ElsaLaska - 13. Apr, 00:37

Eine Rolle könnte vor allem auch spielen, ob Erwachsenentaufe praktiziert (also strikte, nicht optionale) wird oder nicht.
Die Mennoniten (die Brüdergemeine jedenfalls) zum Beispiel sind eine überaus verbindliche Gemeinde (ich pflege verwandtschaftliche Beziehungen nach dort und kann das mal so sagen). Sie reproduzieren sich auch (das kann ich guten Wissens auch mal so sagen, Familien mit 7 und mehr Kindern sind eher die Regel als die Ausnahme). Aus der Tradition her ist es z. B. selbstverständlich für die Frauen, lange Röcke zu tragen, die Haare nicht offen zu tragen und sich den Kopf beim Gebet in der Öffentlichkeit zu bedecken. Sie tun das selbst wenn sie nicht als Erwachsene getauft wurden, weil es sich so gehört, also aus Konvention. Gleichzeitig ergibt sich durch die strikte Form der Taufe (man entschließt sich wirklich voll und ganz im evangelischen Sinne Jesus nachzufolgen, soweit man das als Familiar kann, und diesen Entschluss möchten viele doch nicht mehr treffen, weil er viel rigoroser in den Ansprüchen ist als etwa "einfach" protestantisch oder katholisch werden) ein riesiges Nachwuchsproblem, da man ja nur als Getaufte/r in dem Sinne Mitglied der Gemeinde ist. (Wobei auch die Ungetauften an den Wort (!) - Gottesdiensten selbstverständlich teilnehmen dürfen und es auch tun). Deshalb meine ich, man müsste sogar noch weiter ausdifferenzieren ... Die Mennoniten missionieren allerdings auch nicht, soweit ich das sehe ...
Lieben Gruß
Elsa

Tja, @Elsa...

...was soll ich dazu sagen, außer: Ja!? (-:

Die Mennoniten stellen einen interessanten, religiösen Weg dar, der die Verbindlichkeit der Gemeinschaft steigert, in dem er nur und erst Erwachsenen das Recht einräumt, sich bewusst dafür oder dagegen zu entscheiden. Die Folge: Einerseits ein gewisser Schwund, andererseits eine bleibend hohe Verbindlichkeit und Geburtenzahl. Da kann man dann sogar auf aktive Mission verzichten! (-;

Machen übrigens auch die Amischen so, sind ja auch eine Täuferbewegung und mit den Mennoniten historisch-verwandtschaftlich verbunden.

Dr. Blume

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