Afroamerikanisches Judentum z.B. in Chicago
Nur wenige Europäer wissen, dass es ein afrikanisches Judentum gibt: So führen sich viele Äthiopier (sowie auch Angehörige anderer afrikanischer Völker und Stämme) auf Vorfahren zurück, die vor einigen tausend Jahren zum Judentum konvertiert seien. Auch in der Apostelgeschichte des Neuen Testaments wird die Begegnung mit einem Äthiopier geschildert, der nach Jerusalem gekommen war, um zu beten. Obwohl die meisten Äthiopier heute Christen und Muslime geworden sind, hielt sich eine äthiopisch-jüdische Gemeinde, die heute auch in Israel vertreten ist.
In den USA haben sich darüber hinaus jedoch auch immer wieder Afroamerikaner zum Judentum bekehrt und inzwischen gibt es in Chicago auch eine Gemeinde, die von einem (aus christlich-methodistischer Familie stammenden) afroamerikanischen Rabbiner geleitet wird. Hier ein Artikel der New York Times dazu und die Homepage der Beth Shalom Synagoge Chicago.
Und hier auch Rabbi Caspars Funnye bei einem Medienauftritt:
Natürlich gibt es auch innerjüdisch nicht weniger Akzeptanzdebatten als in anderen Weltreligionen auch - und gerade in Chicago hatte es in der Vergangenheit massive Vorbehalte zwischen Afroamerikanern und Juden gegeben.
Und doch vermag auch hier die Religion ethnische Spaltungen zu überwinden - auf die Geschichte der wachsenden Gemeinde von Chicago wurde ich durch den Bericht eines Freundes aufmerksam, der verdutzt und erfreut eine herzliche Begegnung jüdischer und muslimischer Afroamerikaner in der Stadt erlebte.
Tja, Weltreligionen und Religionswissenschaft sind nichts für Schubladen...
In den USA haben sich darüber hinaus jedoch auch immer wieder Afroamerikaner zum Judentum bekehrt und inzwischen gibt es in Chicago auch eine Gemeinde, die von einem (aus christlich-methodistischer Familie stammenden) afroamerikanischen Rabbiner geleitet wird. Hier ein Artikel der New York Times dazu und die Homepage der Beth Shalom Synagoge Chicago.
Und hier auch Rabbi Caspars Funnye bei einem Medienauftritt:
Natürlich gibt es auch innerjüdisch nicht weniger Akzeptanzdebatten als in anderen Weltreligionen auch - und gerade in Chicago hatte es in der Vergangenheit massive Vorbehalte zwischen Afroamerikanern und Juden gegeben.
Und doch vermag auch hier die Religion ethnische Spaltungen zu überwinden - auf die Geschichte der wachsenden Gemeinde von Chicago wurde ich durch den Bericht eines Freundes aufmerksam, der verdutzt und erfreut eine herzliche Begegnung jüdischer und muslimischer Afroamerikaner in der Stadt erlebte.
Tja, Weltreligionen und Religionswissenschaft sind nichts für Schubladen...
blume-religionswissenschaft - 4. Apr, 06:51
7 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
ElsaLaska - 3. Apr, 20:19
Ergänzend dazu von mir: Der Glaube der Rastafaris (Bob Marley, genau!) orientiert sich an äthopischer jüdisch-christlicher Kultur. Die Rastas befolgen (teilweise) auch Gebote des Alten Testamentes (u.a. erklärt sich daraus auch die Haartracht, außerdem gibt es wohl noch eine Art Gebot, nicht bei einer menstruierenden (weil unreinen) Frau zu liegen o.ä.). Das ganze ist auch noch verknüpft mit dem ehemaligen äthiopischen Kaiser Haile Selassie, der messiasähnlich verklärt wird, aber hier verlassen mich dann auch schon meine Jugenderinnerungen als eifrige Reggae-Hörerin :-)
Lieben Gruß
Elsa
Lieben Gruß
Elsa
kp (anonym) - 4. Apr, 06:40
re: Rastafari
Ich bin mal so frei Teile eines eigenen Artikels hier zu recyclen:
"In der Verehrung der Rastas nimmt der äthiopische Kaiser Haile Selassie, der unter dem Namen Ras (Fürst) Tafari Makonnen geboren wurde, einen prominenten Platz ein. In seiner Krönung zum Kaiser von Äthiopien am 2. November 1930 sahen die ersten Rastas folgende Prophezeiung des schwarzen Nationalisten Marcus Mosiah Garveys als erfüllt an: "Schaut nach Afrika, wenn sie dort einen schwarzen König krönen, dann ist der Tag der Befreiung nahe."
Von den Rastas wird Haile Selassie als (72.) Inkarnation des lebendigen Gottes verstanden. Daran sollte auch sein Tod im Jahr 1975 nichts ändern.
Die Rastafaris sind in einzelne Gruppen organisiert, in denen jenseits kirchlicher Dogmen ein individueller Weg zur Begegnung mit Gott, Jah, gesucht wird. Die Gemeinschaft mit Jah drückt sich in der Formel I & I aus. Hierunter wird die Vereinigung des göttlichen ‘ICH’ mit dem menschlichen ‘Ich’ verstanden.
Rastafari kennt einen eigenen Festkalender. Neben Weihnachten und Neujahr sind der Geburtstag des Kaisers Haile Selassie am 23. Juli und sein Krönungstag Anlässe für feierliche Zusammenkünfte. An diesen Tagen treffen sich die einzelnen Gruppen zu gemeinsamen Gebeten, Gesängen mit Trommelbegleitung und dem rituellen Rauchen von Ganja, dem Heiligen Kraut." Das ist allerdings vor allem eine Sache der Männer.
Vor allem frühe Rastafaris wollten nach der Krönung Haile Selassies nach Äthiopien migrieren. Haile Selassie war da selber jedoch nicht "begeistert" von.
"Am 21. April 1961 trafen drei Rastafari bei Haile Selassie ein über die "Rückführung" afrikanisch-stämmiger Jamaikaner nach Äthiopien zu diskutieren und dafür den Grundstock dafür zu legen. Fünf Jahre später, am 21. April 1966 besuchte Haile Selassie die drei Rastafaris in Jamaika. So zumindest die offizielle Lesart von Rastafari.
Tatsächlich handelte es sich offiziell um einen Staatsbesuch, den Haile Selassie in Jamaika absolvierte."
Haile Selassie hatte nicht wirklich ein Interesse daran, dass Rastafaris nach Äthiopien kommen und prägte auf Jamaika die Doktrin "Liberate, before emigrate".
"In der Verehrung der Rastas nimmt der äthiopische Kaiser Haile Selassie, der unter dem Namen Ras (Fürst) Tafari Makonnen geboren wurde, einen prominenten Platz ein. In seiner Krönung zum Kaiser von Äthiopien am 2. November 1930 sahen die ersten Rastas folgende Prophezeiung des schwarzen Nationalisten Marcus Mosiah Garveys als erfüllt an: "Schaut nach Afrika, wenn sie dort einen schwarzen König krönen, dann ist der Tag der Befreiung nahe."
Von den Rastas wird Haile Selassie als (72.) Inkarnation des lebendigen Gottes verstanden. Daran sollte auch sein Tod im Jahr 1975 nichts ändern.
Die Rastafaris sind in einzelne Gruppen organisiert, in denen jenseits kirchlicher Dogmen ein individueller Weg zur Begegnung mit Gott, Jah, gesucht wird. Die Gemeinschaft mit Jah drückt sich in der Formel I & I aus. Hierunter wird die Vereinigung des göttlichen ‘ICH’ mit dem menschlichen ‘Ich’ verstanden.
Rastafari kennt einen eigenen Festkalender. Neben Weihnachten und Neujahr sind der Geburtstag des Kaisers Haile Selassie am 23. Juli und sein Krönungstag Anlässe für feierliche Zusammenkünfte. An diesen Tagen treffen sich die einzelnen Gruppen zu gemeinsamen Gebeten, Gesängen mit Trommelbegleitung und dem rituellen Rauchen von Ganja, dem Heiligen Kraut." Das ist allerdings vor allem eine Sache der Männer.
Vor allem frühe Rastafaris wollten nach der Krönung Haile Selassies nach Äthiopien migrieren. Haile Selassie war da selber jedoch nicht "begeistert" von.
"Am 21. April 1961 trafen drei Rastafari bei Haile Selassie ein über die "Rückführung" afrikanisch-stämmiger Jamaikaner nach Äthiopien zu diskutieren und dafür den Grundstock dafür zu legen. Fünf Jahre später, am 21. April 1966 besuchte Haile Selassie die drei Rastafaris in Jamaika. So zumindest die offizielle Lesart von Rastafari.
Tatsächlich handelte es sich offiziell um einen Staatsbesuch, den Haile Selassie in Jamaika absolvierte."
Haile Selassie hatte nicht wirklich ein Interesse daran, dass Rastafaris nach Äthiopien kommen und prägte auf Jamaika die Doktrin "Liberate, before emigrate".
kp (anonym) - 4. Apr, 06:20
re:
Im afroamerikanischen Judentum muss man sehr unterscheiden zwischen Afroamerikanern, die zum Judentum konvertieren und sich in segregierten Synagogen organisieren und denen, die sich den "Black Hebrews" oder auch "Black Hebrew Israelites" und "Black Jews" angehörig fühlen. Black Hebrews und Black Jews setzen in ihrer Heilsgeschichte i.d.R. auf der Hamitischen Hypothese in Verbindung mit "den verlorenen Stämmen Israels" auf. Meistens sehen sie sich selber als die "wahren Juden" an und vertreten die Position, dass die Juden keine wirklichen Juden sondern Proseliten seien. Inkludiert sind Glaubensinhalte der eigenen Auserwähltheit. Beispiele u.a.: "Commandment Keepers Ethiopian Hebrew Congregation", "Church of God and Saints of Christ" (gegründet 1896) und "African Hebrew Israelites of Jerusalem" (gegründet 1966). Letztere siedeln - nach einem Zwischenstopp in Liberia - seit Jahren in Israel (Dimona, Negev). Vergleicht man a) afroamerikanische Religionen der USA mit b) afroamerikanischen Religionen z.B. auf Kuba (Santeria), Haiti (Voodoo) oder Brasilien (Umbanda, Macumba) finden sich Regelmäßigkeiten, die sich letztlich darauf zurückführen lassen, welches Christentum (nicht zuletzt auch in der Zeit der Sklaverei) regional vorherrscht(e). In den afroamerikanischen Religionen der Gruppe a) findet man (stichwortartig): Auserwähltheit, eigene Propheten bzw. Gott in Person (hier müsste in einem größeren Vergleich dann auch die Nation of Islam und Rastafari betrachtet werden), 400 Jahre Sklaverei als Wiederholung der Sklaverei in Ägypten, USA (und auch England) als Analogie zu Ägypten/Babylon und das AT als "verschlüsselte Heilsgeschichte" der Afroamerikaner - und zwar nur dieser. Es spielen auch Aspekte des religiösen Afrozentrismus hinein. In der Gruppe b) fehlen diese Vorstellungen. Man muss im Prinzip bei jeder einzelnen afroamerikanischen Synagoge schauen, ob es eine segregierte Synagoge ist oder eine neue Religion, was ich jetzt aber im hier angesprochenen Fall nicht getan habe. Es ist auf jeden Fall ein sehr interessantes Forschungsgebiet. Hier nur noch zwei der wichtigsten Autoren, die auch für Gruppe a) die jeweiligen Heilsgeschichten prägten waren: Joseph J. Williams (Hebrewisms of West Africa) und Yosef ben-Jochannon (u.a. We the Black Jews).
Der Kommentar ist jetzt leider doch etwas lang geworden. Gibt es hier eine Zeichenbegrenzung für Kommentare?
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blume-religionswissenschaft - 4. Apr, 11:17
Zustimmung und Aber
Hallo Kerstin,
danke für den Beitrag! Nein, bewusst gibt es keine Zeilenbeschränkung! (-:
Ursprünglich hatte ich auch vorgehabt, die Zweige des afroamerikanischen Judentums stärker zu unterscheiden. Aber nach längerer Recherche scheinen mir die Grenzen doch sehr viel fluider zu werden. So beruft sich o.g. Rabbi, ein Konvertit aus einer christlichen Familie, jedoch zugleich auf die erwähnten, jüdisch-afrikanischen Wurzeln - quasi ein jüdisches "Back to the roots", einschließlich eines neuen Verständnisses der Geschichte "dazwischen". Und auch die Nation of Islam u.a. haben sich ja zunehmend von vielen Sonderlehren entfernt und sich dem islamischen Mainstream wieder angenähert.
Deswegen würde ich Dir zustimmen: Man müsste da in jedem Einzelfall genauer hinschauen und nicht nur den Standpunkt derzeit, sondern auch die Entwicklungen aufzeigen. Das aber kann ein (nicht auf ein Thema spezialisierter) Blog kaum leisten, er kann allenfalls die Sensibilität für neue Themen wecken. Die ergänzenden, tollen Beiträge von Elsalaska und Dir zeigen m.E., dass das funktionieren kann! Gerne mehr davon! (-:
Herzliche Grüße
Michael
danke für den Beitrag! Nein, bewusst gibt es keine Zeilenbeschränkung! (-:
Ursprünglich hatte ich auch vorgehabt, die Zweige des afroamerikanischen Judentums stärker zu unterscheiden. Aber nach längerer Recherche scheinen mir die Grenzen doch sehr viel fluider zu werden. So beruft sich o.g. Rabbi, ein Konvertit aus einer christlichen Familie, jedoch zugleich auf die erwähnten, jüdisch-afrikanischen Wurzeln - quasi ein jüdisches "Back to the roots", einschließlich eines neuen Verständnisses der Geschichte "dazwischen". Und auch die Nation of Islam u.a. haben sich ja zunehmend von vielen Sonderlehren entfernt und sich dem islamischen Mainstream wieder angenähert.
Deswegen würde ich Dir zustimmen: Man müsste da in jedem Einzelfall genauer hinschauen und nicht nur den Standpunkt derzeit, sondern auch die Entwicklungen aufzeigen. Das aber kann ein (nicht auf ein Thema spezialisierter) Blog kaum leisten, er kann allenfalls die Sensibilität für neue Themen wecken. Die ergänzenden, tollen Beiträge von Elsalaska und Dir zeigen m.E., dass das funktionieren kann! Gerne mehr davon! (-:
Herzliche Grüße
Michael
kp (anonym) - 4. Apr, 06:42
der Blog
hat mich jetzt doch inspiriert mal auf YouTube zu schauen, was es noch aus dem Bereich afroamerikanisches Judentum dort zu finden gibt. Danke und viele Grüße, Kerstin
blume-religionswissenschaft - 4. Apr, 11:19
Genau dafür...
...ist er da, der Blog! Wenn Leser von hier aus Lust bekommen, Themen selbständig zu vertiefen, ist das das schönste Kompliment! (-:
Mit strahlenden Grüßen
Michael
Mit strahlenden Grüßen
Michael
KP (anonym) - 4. Apr, 11:41
re:
"Und auch die Nation of Islam u.a. haben sich ja zunehmend von vielen Sonderlehren entfernt und sich dem islamischen Mainstream wieder angenähert."
Naja. Ich denke häufig, dass Farrakhan einfach nur Muslim ist, wenn er mit den Muslimen ist und Christ, wenn er mit den Christen ist. Das ist aber wirklich nur ein Eindruck. Ansonsten hat sich zwar nach Elijah Muhammads Tod eine der beiden Nachfolger dem islamischen Mainstream angenähert, dies gilt aber nicht in gleichem Maße für die NOI unter Farrakhan, siehe auch: http://www.noi.org/muslim_program.htm .
Das "schwarze Judentum" kann man in der Tat wirklich nur anreißen oder darauf aufmerksam machen. Man müsste im Prinzip - so seh ich das - die gesamte (Religions)geschichte der USA betrachten.
Naja. Ich denke häufig, dass Farrakhan einfach nur Muslim ist, wenn er mit den Muslimen ist und Christ, wenn er mit den Christen ist. Das ist aber wirklich nur ein Eindruck. Ansonsten hat sich zwar nach Elijah Muhammads Tod eine der beiden Nachfolger dem islamischen Mainstream angenähert, dies gilt aber nicht in gleichem Maße für die NOI unter Farrakhan, siehe auch: http://www.noi.org/muslim_program.htm .
Das "schwarze Judentum" kann man in der Tat wirklich nur anreißen oder darauf aufmerksam machen. Man müsste im Prinzip - so seh ich das - die gesamte (Religions)geschichte der USA betrachten.




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