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Donnerstag, 27. März 2008

Y. Courbage, E. Todd, "Die unaufhaltsame Revolution. Wie die Werte der Moderne die islamische Welt verändern.", Piper 2008

Verhalten sich Muslime unter vergleichbaren Umständen grundsätzlich anders als Christen, Hindus oder Konfessionslose? Die (entstehende) Religionsdemografie bietet eine großartige Gelegenheit, diese Frage anhand eines religiös, kulturell, wirtschaftlich, politisch und auch wissenschaftlich zentralen Thema zu untersuchen: dem Familien- und Geburtenverhalten. In diesem Blog konnten Sie bereits darüber lesen, dass religiöse Menschen (in allen Weltreligionen) tendenziell mehr Kindern das Leben schenken als Konfessionslose und dass sich die Geburtenrate von Muslimen also vergleichbar zu Christen, Hindus etc. entwickelt. Entsprechend beobachten wir heute einen allgemeinen Geburtenrückgang mit Bildung, ökonomischer und freiheitlicher Entwicklung, bei gleichzeitig relativ wachsender Bedeutung der individuellen Religiosität für den Familien- und Reproduktionserfolg. Religions- und Familienangelegenheiten fallen zunehmend stärker in den Bereich der individuellen Entscheidung und Lebensführung.

Mit der sozioökonomischen Entwicklung sinken auch die Geburtenraten islamischer Länder. Da allerdings bereits große Jugendkohorten geboren wurden ist für Länder wie z.B. Pakistan noch eine Zeit demografischer Spannung (sog. "Jugendberg") zu erwarten. Die Türkei hat diese Entwicklung gerade hinter sich.

Youssef Courbage & Emanuel Todd

Nun haben Youssef Courbage und Emanuel Todd genau diese Frage in "Die unaufhaltsame Revolution. Wie die Werte der Moderne die islamische Welt verändern" bearbeitet. Und die beiden wissen, wovon sie schreiben: Youssef Courbage, geb. 1946 in Aleppo (Syrien), ist Forschungsdirektor am Institut National d'Etudes Demographiques in Paris. Emanuel Todd ist ein Mitarbeiter des Instituts und erfolgreicher Buchautor (u.a. "Weltmacht USA. Ein Nachruf", 2003). Diese beiden untersuchen also nun die Modernisierung in der islamischen Welt anhand des Familien- und Reproduktionsverhaltens.



Die Ergebnisse...

...entsprechen den o.g. Befunden. Ohne ihn zu zitieren (zu kennen?), kommen die beiden französischen Forscher zum identischen Schluss wie bereits Friedrich August von Hayek: Religiosität geht, im interreligiösen Wettbewerb ausgebildet, mit Reproduktionserfolg einher.

Sie erkennen: "Es liegt in der Natur der Sache, dass diejenigen religiösen Systeme, die bis heute weitverbreitet sind, eine positive Einstellung zur Fortpflanzung haben: Andere, welche die Sinnlosigkeit der Fortpflanzung postulieren - und solche gab es durchaus -, sind mitsamt ihren Anhängern zum Aussterben verurteilt." (S. 27)

Der Islam mache dabei keine Ausnahme, könne aber den allgemeinen Geburtenrückgang ebensowenig aufhalten, wie es die christlichen Kirchen vermocht hätten. In beeindruckenden Zeitreihen zeigen die Forscher auf, wie eng der Zusammenhang zwischen der Alphabetisierung von Männern und besonders Frauen (gemessen an dem Zeitpunkt, ab dem 50% des jeweiligen Geschlechts lesen und schreiben konnten) und dem allgemeinen Geburtenrückgang ist. Nur extreme Umstände könnten die Entwicklung zu mehr Entscheidungsfreiheiten und damit diesen Rückgang zeitweise bremsen: derzeit noch ganz oder teilweise gegeben in den Palästinensergebieten, Afghanistan, Somalia und (möglicherweise) dem Irak.

Auch teilen sie eine interessante Beobachtung zu den Youth-Bulge-, deutsch Jugendberg-Theorien mit. Demnach erfolge ein Aufstieg politisch oder religiöser Extremismen meist zwei bis drei Jahrzehnte nach Beginn des Geburtenrückgangs: eine Überzahl junger Männer wird nicht nur mit Ressourcenknappheit, sondern auch mit einem Auflösen traditioneller Familienstrukturen konfrontiert - Extremismus auch als Suche nach Ersatzfamilie und orientierender Sicherheit.

Sehr starke Passagen beschreiben auch die real bestehenden Familienverhältnisse in vielen islamisch und gemischt geprägten Ländern und zeigen auf, wie unterschiedlich die religiösen Lehren umgesetzt werden. Wer weiß schon, dass sich in vielen islamischen Regionen matriarchale Erblinien gehalten haben? Oder dass im Tschad weit mehr Katholiken und Animisten polygam leben (mehrere Frauen geheiratet haben) als Muslime (anim.: 51,4%, kath.: 46,8%, musl.: 35,6%, S. 80)? Einen statistisch nachweisbaren Einfluss weisen die Forscher auch für das Verbot der Mädchentötung bzw. -abtreibung nach: die Rate überlebender Mädchen und Frauen fällt in islamischen Populationen deutlich höher (und oft nahe am natürlichen Verhältnis) aus als in einigen hinduistischen Regionen Indiens oder zwangs-säkularisierten Populationen Chinas.

Fazit

Courbage und Todd haben ein atemberaubend faktenreiches Buch vorgelegt, dass vor dem Hintergrund von Religionsdemografie realistisches Wissen vermittelt und mit Vorurteilen aufräumt. Teilweise sind die verwendeten Datensätze nicht mehr ganz frisch und die wissenschaftliche Sprache sowie das Hin und Her zwischen verschiedenen, islamischen Ländern und Regionen fordert den Leser stark. Es ist also zweifelhaft, ob das Buch die Freunde unseriöser Anti-Islam-Verschwörungsliteratur a la Udo Ulfkotte erreichen wird. Lesern, die auf gehobenem Niveau die politischen, demografischen und religiösen Entwicklungen der islamischen Welt besser verstehen wollen sowie Wissenschaftlern mit Interesse an Religionsdemografie sei das Buch jedoch wärmstens empfohlen.

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