Samstag, 8. März 2008

Sinnstiftung aus den Genen - Genographic Project, DNA-Ancestry Project u.a.

Die Evolutionary Religious Studies widmen sich der Frage, warum und wie der Mensch religiöse Veranlagungen evolvierte (und ggf. weiter evolviert). Interessanterweise aber werden Evolutionstheorie und Genetik auch längst selbst in immer mehr Formen zu Mitteln der Selbsterzählung und Sinnstiftung.

"Begin your ancestral journal - Beginne Deine Ahnenreise" lockt das DNA Ancestry Project. "Wer waren Deine Ahnen? Entdecke Deine tiefen Ahnenwurzeln mit genetischer Genealogie."

Noch breiter angelegt ist das Genographic Project, das u.a. von National Geographic und IBM betrieben wird.



Hier einen Bericht über einen Hawaianer - der natürlich ebenfalls auf afrikanische Homo Sapiens zurück geht. Und sinnigerweise hat gerade dieser Aspekt Kritik amerikanischer Eingeborenenstämme hervorgerufen - die wissenschaftliche Erkenntnis bedrohe ihre Identität und ggf. auch Rechtsansprüche, erkläre sie doch auch die Stämme nur zu früheren Einwanderern.

Persönlich halte ich diese Projekte für durchaus interessant und chancenreich - warum sollen sich nicht Menschen einem Hobby widmen, das biologisch-naturwissenschaftliche sowie geografische und historische Kenntnisse zu verbreitern hilft und zudem den Menschen bewusst macht, wie vielfältig wir untereinander verwandt und verbunden sind? Geld und Zeit werden für sehr viel sinnlosere Dinge aufgewendet. Und: Möglicherweise kommen bei solchen Projekten durchaus noch viele weitere wissenschaftliche (z.B. biologische, historische, psychologische) Erkenntnisse heraus. Diskutieren wir doch mal drüber!

Wenn alle Verhaltensmerkmale und Fähigkeiten des Menschen evolutiv gewachsen und genetisch veranlagt sind - dann auch die Religiosität? Immer mehr Forscher verschiedener Disziplinen machen sich gemeinsam auf die Suche nach neuen Daten und Antworten...

Religionswissenschaftlich interessant ist auf jeden Fall, dass auch die naturwissenschaftliche Vergangenheit hier Sinn- und Erzählungsfunktionen gewinnt. Die Faszination und Funktion unserer Sinnsuche in Vergangenheit und Verwandschaftsbeziehungen, die schon z.B. die Autoren der Bibel ellenlange Ahnentafeln auflisten ließ (auch um nahe und ferne Verwandschaften zu etablieren) - sie ist heute noch lebendig und begegnet uns in neuen Gewändern.

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kamenin (anonym) - 6. Mrz, 11:20

Allzumenschliches

Religionswissenschaftlich interessant ist auf jeden Fall, dass auch die naturwissenschaftliche Vergangenheit hier Sinn- und Erzählungsfunktionen gewinnt.
Eine der Motivationen von Wissenschaften war schon immer, mehr über unseren Platz in der Welt und über uns herauszufinden. Ich verwahre mich da ein bisschen gegen die Implikation, Sinnsuche und Narration seien irgendwie schon religiös -- die sind vor allem menschlich. Wir reden hier vor allem über sich unterscheidende Methoden, wenn man Religion überhaupt als solche bezeichnen kann; die Motivationen sind oft ähnlich.

Ja, die Motivationen...

...und wohl auch einige Funktionen und Empfindungen, z.B. das Staunen, Alleinheitserfahrungen, Heureka-Erlebnisse etc. Wenn (wie im Video gezeigt) dann auch Menschen aus biohistorischen Erkenntnissen und Erzählungen "a new sense of identity" ableiten, erkennen "that we belong to a family" etc., ist das natürlich für die Wissenschaft-Religion-Diskussion schon interessant. Wobei ich die fließenden Übergänge eher normal als beunruhigend empfinde - sie zeigen z.B. auf, dass sich Religionen vor wissenschaftlicher Erkenntnis nicht verstecken, sondern mit und an ihnen wachsen sollten. Wenn in unserem Universum eine tiefe Musik spielt, dann läßt sich mit verschiedenen Methoden und doch in gegenseitigem Respekt nach ihr lauschen. (-:
kamenin (anonym) - 6. Mrz, 21:10

Common Descent...

... ist jetzt also auch schon religionsstiftendes Merkmal. Na, von mir aus. Wenn die Religionen ihre Narration jetzt aber um wissenschaftliche Erkenntnisse erweitert: dann erscheint es nicht wirklich redlich, die Sachen rauszupicken, die nun mal in den Kram passen. Einerseits Stammbaum des Lebens und andererseits im Zentrum der Schöpfung, des Universums und Gottes Interesses: erscheint irgendwie unredlich.

Aber es ist natürlich sowieso nur Narration.

Der Common Descent...

...ist ja keinesfalls selbstverständlich - in Stammeskulturen, bei der Unterscheidung hinduistischer Kasten und auch bei heutigen Rassisten wird ja immer wieder versucht, Eigen- und Fremdgruppe vermeintlich absolut voneinander abzugrenzen. Insofern war und ist die Adam-Eva-Erzählung natürlich schon ein revolutionärer Schritt: zu behaupten, dass alle Menschen gemeinsame Vorfahren und potentiell gleiche Würde haben. Und ist es nicht interessant, dass jetzt z.B. einige Stammesvertreter gegen die DNA-Genealogie wettern, wogegen andere daraus neue, identitätsstiftende Individualerzählungen gewinnen? Auch für NPD-Anhänger dürfte es harte Kost sein zu realisieren, mit wem alles sie wie eng verwandt sind. (-;

Im Kern hast Du m.E. übrigens völlig Recht: sowohl Wissenschaft wie Mythologie bringen immer wieder neue Narrationen hervor, die sich dann allerdings an verschiedenen Funktionen zu bewähren haben: wissenschaftliche Erzählungen an empirischer Falsifizierbarkeit, religiös-symbolische Mythologien am (v.a. auch demografischen) Wettbewerb. Dabei braucht es uns nicht zu wundern, dass sich die jeweiligen Narrationen immer wieder auch von erfolgreichen Modellen der je anderen Seite anregen lassen.

Ich würde wissenschaftliche und religiöse Erzählungen deswegen keinesfalls gleichsetzen (und tue das ja auch hier nicht), aber natürlich vergleichend beobachten, wie sie konstruiert werden, welche Funktionen sie erfüllen und wo aus religiösen Mythen wissenschaftliche Thesen entwickelt werden und vice versa.

Dr. Blume

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