Anthroposophie - Religionsdemografische Betrachtungen von Ingo Bading
Die Anthroposophie wurde von Rudolf Steiner (1861-1925) begründet. Der Philosoph mit Schwerpunkt Nietzsche begann als Religionskritiker, wurde 1902 zum erfolgreichen Gründungsvorstand der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft (die eine an indischen Lehren angelehnte Esoterik entwickelte) und begründete 1912 die Anthroposophische Gesellschaft, die stärker christliche und humanistische Motive aufnahm. Auch in der Einordnung seiner Arbeiten zwischen Offenbarungsmystik und Wissenschaft setzte Steiner verschiedene Akzente, so dass die Anthroposophie heute weniger eine einheitliche Weltanschauung darstellt als vielmehr eine sehr uneinheitliche Strömung verschiedener Auslegungen. Aus ihr gingen Impulse in verschiedenste Bereiche aus, besonders bekannt in der ökologischen Landwirtschaft (Demeter), der Pädagogik (Waldorf-Schulen, nach der Erstgründung für die Arbeiter der Waldorf-Astoria Zigarettenfabrik) und der Religion (Christengemeinschaft). Auch die Arzneimittelfirma Weleda AG und die Bewegungskunst der Eurythmie gehen auf die Anthroposophie zurück.
Religionsdemografie der Anthroposophie
Da sich Ingo Bading vom Blog Studium Generale besonders für naturalistische und nicht-monotheistische Spielarten von Religiosität interessierte, fragte er mich vor einiger Zeit, ob auch bereits religionsdemografische Befunde zur Anthroposophie vorlägen. Ich konnte nur auf - noch nicht veröffentlichte - ALLBUS 2002-Auswertungen von Carsten Ramsel im Zuge seiner Magisterarbeit verweisen, der nach meiner Erinnerung einen gemäßigt positiven Zusammenhang zwischen der Bejahung von Anthroposophie und Reproduktionserfolg gemessen hatten. Auf Carstens Promotion zum Thema Religionsdemografie dürfen wir gespannt sein!
Erfreulicherweise hat Ingo sich aber nicht auf später vertrösten lassen und hier Befunde einer empirischen Studie von Dirk Randoll, Heiner Barz und Michael Ebertz über Absolventen der Waldorfschule zusammengetragen. (Datenblätter als pdf hier, v.a. S. 193 / 194)
Demnach wiesen die Absolventen der Waldorfschulen durchschnittlich 1,6 Kinder auf, was -wenn auch nicht direkt mit der klassischen Geburtenrate vergleichbar- tatsächlich einen leicht überdurchschnittlichen Reproduktionserfolg anzeigen würde.
Auswirkungen religiöser Vergemeinschaftung
Außerordentlich interessant ist auch die Unterscheidung von Eltern und Kinderlosen nach der Konfession der Absolventen. Insgesamt 66% der Waldorf-Absolventen waren (bereits) Eltern.
Von jener knappen Mehrheit (56%), die einer Religionsgemeinschaft angehörten, hatten 70% Kinder. Unter den Konfessionslosen waren dagegen nur 60% Eltern.
Erhebliche Unterschiede gab es auch zwischen den Konfessionen:
Jene, die der anthroposophischen Christengemeinschaft angehörten, hatten zu 81% Kinder, gehören aber vor allem den ältesten Jahrgängen an.
Protestantische Absolventen waren zu 68% Eltern, Katholiken (die allerdings zu drei Vierteln erst den jüngsten Jahrgängen angehörten, also noch einige Familien gründen dürften) erst zu 50%.
Einen Zusammenhang der Bejahung von Anthroposophie und Elternschaft ergab sich ebenfalls: Von den Eltern unter den Absolventen standen 43% der Anthroposophie positiv gegenüber, von den Kinderlosen nur 34%.
Fazit
Auch die Befunde der Waldorf-Absolventenstudie verweisen auf den Zusammenhang von Religiosität und Reproduktionserfolg. Religiöse Vergemeinschaftung, zumal verbindlich in der "zugehörigen" Christengemeinschaft korreliert ebenso mit leicht erhöhten Elternanteilen wie die Zustimmung zur Antroposophie insgesamt. Die demografische Wirkung von Konfessionszugehörigkeit ist damit weiter gestärkt, es finden sich aber auch Anzeichen für eine gewisse Wirkung auch nicht konfessionell organisierter, anthroposophischer Spiritualität.
Aber natürlich, das sieht auch Ingo so, sind die Daten für weitergehende Schlüsse alleine noch zu schwach. So wäre nicht nur interessant zu erfahren, wieviel Prozent der je Befragten Kinder haben, sondern auch deren Anzahl. Auch erlauben die vorliegenden Daten noch keine Aufschlüsselung nach Alter, das einen Teil des höheren Elternanteils von Mitgliedern der Christengemeinschaft und der altersbedingt noch niedrigeren Quote von katholischen Absolventen erklären dürfte.
Vertiefende Studien könnten zudem Wechselwirkungen in den Blick nehmen: Möglicherweise geht die höhere Zustimmung von Eltern zur Anthroposophie gerade mit dem Schul- und Orientierungsbedarf für die Kinder einher - einen Bedarf, den ihre kinderlosen Zeitgenossen logischerweise so nicht zu befriedigen haben.
Und dennoch bin ich Ingo Bading für das Ausgraben des anregenden Datenschatzes dankbar. Es bildet ein weiteres Mosaikstück im Rahmen der empirischen Erforschung des Zusammenhangs von Religiosität und Demografie. Wenn die interdisziplinäre Forschung weiterkommen will, geht das nur mit einer Vielzahl möglichst umfassender Daten zu Fallbeispielen. Danke!
Religionsdemografie der Anthroposophie
Da sich Ingo Bading vom Blog Studium Generale besonders für naturalistische und nicht-monotheistische Spielarten von Religiosität interessierte, fragte er mich vor einiger Zeit, ob auch bereits religionsdemografische Befunde zur Anthroposophie vorlägen. Ich konnte nur auf - noch nicht veröffentlichte - ALLBUS 2002-Auswertungen von Carsten Ramsel im Zuge seiner Magisterarbeit verweisen, der nach meiner Erinnerung einen gemäßigt positiven Zusammenhang zwischen der Bejahung von Anthroposophie und Reproduktionserfolg gemessen hatten. Auf Carstens Promotion zum Thema Religionsdemografie dürfen wir gespannt sein!
Erfreulicherweise hat Ingo sich aber nicht auf später vertrösten lassen und hier Befunde einer empirischen Studie von Dirk Randoll, Heiner Barz und Michael Ebertz über Absolventen der Waldorfschule zusammengetragen. (Datenblätter als pdf hier, v.a. S. 193 / 194)
Demnach wiesen die Absolventen der Waldorfschulen durchschnittlich 1,6 Kinder auf, was -wenn auch nicht direkt mit der klassischen Geburtenrate vergleichbar- tatsächlich einen leicht überdurchschnittlichen Reproduktionserfolg anzeigen würde.
Auswirkungen religiöser Vergemeinschaftung
Außerordentlich interessant ist auch die Unterscheidung von Eltern und Kinderlosen nach der Konfession der Absolventen. Insgesamt 66% der Waldorf-Absolventen waren (bereits) Eltern.
Von jener knappen Mehrheit (56%), die einer Religionsgemeinschaft angehörten, hatten 70% Kinder. Unter den Konfessionslosen waren dagegen nur 60% Eltern.
Erhebliche Unterschiede gab es auch zwischen den Konfessionen:
Jene, die der anthroposophischen Christengemeinschaft angehörten, hatten zu 81% Kinder, gehören aber vor allem den ältesten Jahrgängen an.
Protestantische Absolventen waren zu 68% Eltern, Katholiken (die allerdings zu drei Vierteln erst den jüngsten Jahrgängen angehörten, also noch einige Familien gründen dürften) erst zu 50%.
Einen Zusammenhang der Bejahung von Anthroposophie und Elternschaft ergab sich ebenfalls: Von den Eltern unter den Absolventen standen 43% der Anthroposophie positiv gegenüber, von den Kinderlosen nur 34%.
Fazit
Auch die Befunde der Waldorf-Absolventenstudie verweisen auf den Zusammenhang von Religiosität und Reproduktionserfolg. Religiöse Vergemeinschaftung, zumal verbindlich in der "zugehörigen" Christengemeinschaft korreliert ebenso mit leicht erhöhten Elternanteilen wie die Zustimmung zur Antroposophie insgesamt. Die demografische Wirkung von Konfessionszugehörigkeit ist damit weiter gestärkt, es finden sich aber auch Anzeichen für eine gewisse Wirkung auch nicht konfessionell organisierter, anthroposophischer Spiritualität.
Aber natürlich, das sieht auch Ingo so, sind die Daten für weitergehende Schlüsse alleine noch zu schwach. So wäre nicht nur interessant zu erfahren, wieviel Prozent der je Befragten Kinder haben, sondern auch deren Anzahl. Auch erlauben die vorliegenden Daten noch keine Aufschlüsselung nach Alter, das einen Teil des höheren Elternanteils von Mitgliedern der Christengemeinschaft und der altersbedingt noch niedrigeren Quote von katholischen Absolventen erklären dürfte.
Vertiefende Studien könnten zudem Wechselwirkungen in den Blick nehmen: Möglicherweise geht die höhere Zustimmung von Eltern zur Anthroposophie gerade mit dem Schul- und Orientierungsbedarf für die Kinder einher - einen Bedarf, den ihre kinderlosen Zeitgenossen logischerweise so nicht zu befriedigen haben.
Und dennoch bin ich Ingo Bading für das Ausgraben des anregenden Datenschatzes dankbar. Es bildet ein weiteres Mosaikstück im Rahmen der empirischen Erforschung des Zusammenhangs von Religiosität und Demografie. Wenn die interdisziplinäre Forschung weiterkommen will, geht das nur mit einer Vielzahl möglichst umfassender Daten zu Fallbeispielen. Danke!
blume-religionswissenschaft - 20. Feb, 06:32
5 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
Ingo Bading - 20. Feb, 16:42
Makellos!
Hallo Michael,
ich danke Dir auch für die - wie ich sehe - sehr intensive Auseinandersetzung mit den von mir vorgetragenen Daten. Ich kann bei dem, was Du referierst, keine Fehler entdecken, was zeigt, daß Du es nicht oberflächlich gemacht hast.
Das freut mich sehr.
Ja, damit habe ich erreicht, was ich hatte erreichen wollen und können. Ich wollte Anstöße geben, dieser Sache weiter nachzugehen. Wie Du sehe ich viele Vertiefungs-Möglichkeiten. Und Du hast auch gleich exakt die - zunächst - wichtigsten aufgeführt. Wäre schön, wenn diesen möglichst bald nachgegangen würde.
- - - Übrigens blieben meine Beiträge auch bei den Anthroposophen nicht unbemerkt. Der Redakteur eines wohl bekannteren anthroposophischen Informationsportals
http://www.info3.de/ycms/index.shtml
schrieb mich deshalb schon an.
Vielleicht gehen die Anthroposophen jetzt auch selbst solchen Fragestellungen noch mehr nach, da sie ja auch sonst in vielen von mir zitierten Studien neuerdings sehr naturalistische Forschungsansätze verfolgen. (Was ja - traditionell gesehen - nicht gerade ihre Stärke darstellt.)
ich danke Dir auch für die - wie ich sehe - sehr intensive Auseinandersetzung mit den von mir vorgetragenen Daten. Ich kann bei dem, was Du referierst, keine Fehler entdecken, was zeigt, daß Du es nicht oberflächlich gemacht hast.
Das freut mich sehr.
Ja, damit habe ich erreicht, was ich hatte erreichen wollen und können. Ich wollte Anstöße geben, dieser Sache weiter nachzugehen. Wie Du sehe ich viele Vertiefungs-Möglichkeiten. Und Du hast auch gleich exakt die - zunächst - wichtigsten aufgeführt. Wäre schön, wenn diesen möglichst bald nachgegangen würde.
- - - Übrigens blieben meine Beiträge auch bei den Anthroposophen nicht unbemerkt. Der Redakteur eines wohl bekannteren anthroposophischen Informationsportals
http://www.info3.de/ycms/index.shtml
schrieb mich deshalb schon an.
Vielleicht gehen die Anthroposophen jetzt auch selbst solchen Fragestellungen noch mehr nach, da sie ja auch sonst in vielen von mir zitierten Studien neuerdings sehr naturalistische Forschungsansätze verfolgen. (Was ja - traditionell gesehen - nicht gerade ihre Stärke darstellt.)
Ingo Bading - 21. Feb, 15:21
Paper fertig - wo einreichen? ;-)
Hallo Michael,
hier habe ich meine "Forschungsergebnisse" und Hypothesen zur Religionsdemographie der Anthroposophen noch einmal in einem englischsprachigen Text wie ich glaube einigermaßen übersichtlich zusammengefaßt:
http://studgen.blogspot.com/2008/02/reproductive-benefits-of-anthroposophic.html
Dabei hat es mir so viel Spaß gemacht, den Text in Form eines typischen naturwissenschaftlichen "Papers" zu gliedern (Introduction, Methods, Results, Discussion), daß ich fast Lust bekomme, diese Arbeit bei irgend einer Zeitschrift einzureichen (vielleicht noch mit allerhand Verbesserungen oder Erweiterungen im Detail ---?).
Hat jemand Ideen? Und kann mich jemand auf wenigstens EINIGE der zahlreichen Fehler im englischen Text hinweisen? Oder gibt es sogar Ko-autoren, die sich beteiligen möchten, mit denen man die Arbeit noch ausbauen könnte?
Freue mich jedenfalls über alle Rückmeldungen!
hier habe ich meine "Forschungsergebnisse" und Hypothesen zur Religionsdemographie der Anthroposophen noch einmal in einem englischsprachigen Text wie ich glaube einigermaßen übersichtlich zusammengefaßt:
http://studgen.blogspot.com/2008/02/reproductive-benefits-of-anthroposophic.html
Dabei hat es mir so viel Spaß gemacht, den Text in Form eines typischen naturwissenschaftlichen "Papers" zu gliedern (Introduction, Methods, Results, Discussion), daß ich fast Lust bekomme, diese Arbeit bei irgend einer Zeitschrift einzureichen (vielleicht noch mit allerhand Verbesserungen oder Erweiterungen im Detail ---?).
Hat jemand Ideen? Und kann mich jemand auf wenigstens EINIGE der zahlreichen Fehler im englischen Text hinweisen? Oder gibt es sogar Ko-autoren, die sich beteiligen möchten, mit denen man die Arbeit noch ausbauen könnte?
Freue mich jedenfalls über alle Rückmeldungen!
blume-religionswissenschaft - 21. Feb, 22:16
Hmmm...
Lieber Ingo,
für einen rein empirisch-beschreibenden, beispielsweise religionswissenschaftlichen Artikel dürften die verfügbaren Daten noch zu dünn und die philosophischen Aspekte (und auch impliziten Wertungen) noch zu ausgeprägt sein. Aber ich könnte mir vorstellen, dass der Text nach einer sprachlichen Bearbeitung im anthroposophischen Bereich Interesse finden könnte. "Evolution" war ein Begriffsansatz auch Steiners und Deine Verbindung von demografisch-biologischer Evolution (Reproduktionsvorteil) und Deiner Suche nach Fortschritt und Entwicklungsschritten (die die rein empirische Ebene überschreiten) könnte in diesem Rahmen ggf. begrüßt werden.
Herzliche Grüße
Michael
für einen rein empirisch-beschreibenden, beispielsweise religionswissenschaftlichen Artikel dürften die verfügbaren Daten noch zu dünn und die philosophischen Aspekte (und auch impliziten Wertungen) noch zu ausgeprägt sein. Aber ich könnte mir vorstellen, dass der Text nach einer sprachlichen Bearbeitung im anthroposophischen Bereich Interesse finden könnte. "Evolution" war ein Begriffsansatz auch Steiners und Deine Verbindung von demografisch-biologischer Evolution (Reproduktionsvorteil) und Deiner Suche nach Fortschritt und Entwicklungsschritten (die die rein empirische Ebene überschreiten) könnte in diesem Rahmen ggf. begrüßt werden.
Herzliche Grüße
Michael
Ingo Bading - 23. Feb, 14:40
Eine "genießbarere" deutsche Fassung zunächst hier:
http://studgendeutsch.blogspot.com/2008/02/der-anthroposophische-lebensstil-als.html
http://studgendeutsch.blogspot.com/2008/02/der-anthroposophische-lebensstil-als.html
Ingo Bading - 24. Feb, 15:32
Pfennigfuchsereien ...
Hier noch einige "Pfennigfuchsereien" zu den von Dir genannten Zahlen:
http://studgendeutsch.blogspot.com/2008/02/die-positiven-demographischen.html
http://studgendeutsch.blogspot.com/2008/02/die-positiven-demographischen.html



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