Ingo Bading - 8. Feb, 17:38

Ethnische Verschiebungen in Deutschland

Naja, Michael,

WENN stärkere religiöse Verbundenheit die Geburtenrate heben kann, dann sollte man doch alle Anzeichen, die auf eine Wiederkehr von religiöser Verbundenheit hindeuten in einem Volk, das mit einer Geburtenrate von 1,3 so "dahinvegetiert", mit sehr großem Interesse zur Kenntnis nehmen.

Mich als Deutschen interessieren da - ich weiß vielleicht nicht so ganz, warum - die Zahlen, die sich auf die religiöse Verbundenheit von Menschen beziehen, von denen als Gruppe erwartet werden kann, daß sie die Kultur von Goethe, Schiller, Hölderlin und Lessing weiterführen, MEHR als von Gruppen, von denen ich letzteres viel weniger erwarten kann.

So weiß ich aus geschichtlicher Erfahrung, daß die Schimanski's, Lafontaine's und Maiziere's in der bisherigen Geschichte des deutschen Volkes noch niemals eine so ausschlaggebende Minderheiten-Gruppe, bzw. "Parallelgesellschaft" ausgebildet haben, daß von ihnen hätte erwartet werden können, daß sie die Ausgangspopulation einer ganz NEUEN Ethnie sein werden oder könnten.

Bei den derzeitigen ethnischen Verschiebungen in Deutschland kann man eine solche Erwartung aber sehr wohl haben. Die Hälfte der in Deutschland lebenden Türken fühlen sich mehr der Türkei als Deutschland verbunden, las ich grade in der Zeitschrift "Max PlanckForschung" 4/07, S. 62ff. (Kostenlos herunterladbar hier: www.magazin-dt.mpg.de , Tagungsbericht über "Bundeswehr und demographischer Wandel; es war dort Necla Kelek, die darüber referierte). Und ehrlich gesagt, kann ich ihnen das gar nicht verübeln. Wahrscheinlich würde ich an ihrer Stelle ähnlich fühlen.

Nur darf man dann eben von solchen Migrantengruppen nicht erwarten, daß ihnen das "Recht und die Freiheit des deutschen Volkes" ein besonders hoher Wert darstellen werden, daß ihnen "das Wohl des deutschen Volkes" als jenes Volk, als das es in der Geschichte bislang bestanden hat und seine kulturellen Leistungen von welthistorischer Bedeutung erbracht hat, daß ihnen das besonders groß am Herzen liegen muß. Wie gesagt, ich nehme ihnen das in keiner Weise übel.

Nur sage ich mir als Deutscher, daß ich in der GESAMTHEIT von ihnen nicht allzu viel für die Zukunft der deutschen Kultur erwarten darf. Ich könnte von ihnen höchstens etwas erwarten in Richtung einer "Nachfolgekultur" gegenüber der heutigen deutschen Kultur. Sagen wir so wie die neugriechische Kultur gegenüber der klassischen griechischen Kultur oder die Kultur der Sasaaniden gegenüber der altpersischen, womit ich natürlich keine Wertung verbunden haben möchte. Auch Nachfolgekulturen haben wieder ihre unverwechselbare Einzigartigkeit.

Aber ich liebe nun mal besonders diese meine deutsche Kultur. Und ich glaube, diese Liebe könnte einen eben besonders an der Wiederkehr religiöser Verbundenheit als breite Strömung in der deutschen Bevölkerung interessiert sein lassen.

- - - Zu den Daten noch mal: Ich finde halt so Meinungsumfragen viel weniger aussagekräftig als Ein- und Austrittszahlen von Großkirchen, wenn es um gesamtgesellschaftliche Entwicklungen geht. Du nicht auch?

Naja...

Für unsere niedrige Geburtenrate inmitten von Wohlstand, Frieden und Freiheit, wie ihn noch kaum eine Generation zuvor genoss, können wir kaum die Zuwanderer verantwortlich machen. Und Freunde der deutschen Kultur haben doch alle Möglichkeiten: selber mehr Kinder in stabilen Familien großzuziehen, sich um ein gutes Bildungssystem bemühen, die Staatsverschuldung nicht ausufern lassen usw. usf. Kultur ist immer im Wandel, für den ja gerade Goethe, Schiller und Lessing auch stehen - und an der Erhaltung und Tradierung wertvoller Kulturgüter kann sich jeder beteiligen.

Im Kern scheint hier in Deutschland nichts anderes passieren als in sehr vielen anderen entwickelten Gesellschaften auch - der Übergang von der ethnischen und religiösen Monokultur in eine Vielfalt, das Schrumpfen säkularer Bildungsschichten zugunsten verschiedenster religiöser Gemeinschaften. Klar ist das auch schmerzhaft, für alle Beteiligten. Kann man gut oder schlecht finden, aber wie Du weißt, lege ich Wert auf die Trennung von Beschreibung und Bewertung.

Das mit den Kirchenzahlen verwundert mich jetzt schon, weil es bis vor kurzem doch immer geheißen hat, die hohen Mitgliederzahlen besagten doch gar nichts, viele Leute seien doch nur pro forma in den Kirchen. Nun klammern sich die säkularen Hoffnungen also doch an die schrumpfenden Mainstream-Kirchen? Mein Vorschlag war und ist: nach Möglichkeit alle verfügbaren Daten einbeziehen - Mitgliederzahlen, Befragungsdaten, Fallstudien. Internationale Vergleiche, wie sie die Bertelsmann-Studie zum Beispiel ermöglicht, sind schon aufgrund der verschiedenen Staat-Kirchen-Systeme über Mitgliederzahlen kaum möglich. Und eine echte Volkszählung wie die Schweiz ist ja wahrscheinlich nicht mehr zu erwarten - auch die Schweiz wird 2010 mit der Tradition der Vollerhebung von über einem Jahrhundert brechen. *Seufz*

Dir alles Liebe

Michael

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