Freitag, 21. Dezember 2007

Wer schenkt warum? Von Nikolaus, Christkind, drei Königen und dem Weihnachtsmann von Coca-Cola

Seit dem 4./5.Jahrhundert nach Christus entfaltete sich aus dem Gebiet der heutigen Türkei die Überlieferung eines Bischofs Nikolaus von Myra, der dem Volk und zunehmend den Kindern besonders nahe gestanden sei. Er wurde als Heiliger immer populärer, am 6.Dezember, seinem Namenstag, wurden regional zunehmend Kinder beschenkt.

Die evangelischen Reformatoren störten sich jedoch am Heiligenwesen und verlegten das Beschenken auf Christi Geburt, auf Weihnachten. Luther setzte dem Nikolaus das engelhafte Christkind entgegen - das sich aber nicht in allen evangelischen Gebieten durchsetzte, dafür von einigen katholischen Regionen übernommen wurde. Andernorts (z.B. Spanien) erhielten die Kinder ihre Geschenke von den heiligen drei Königen.

Der von seinem Namenstag auf Weihnachten verlegte Sankt Nikolaus (Santa Claus, Sinterklaas) entwickelte sich vor allem in Nordeuropa und den USA zum bürgerlich-säkularen "Weihnachtsmann". Über Erzählungen und Gedichte floßen Aussehen und Elemente wie Schlitten und Rentiere aus nordischer, zu Märchen abgesunkener Mythologie (Thor, Balder etc.) und russischen Traditionen (Väterchen Frost) ein - der Weihnachtsmann wurde zur säkularen Spaßfigur. Als Teil bürgerlicher Erziehung wurde ihm daher zunehmend ein den Teufel verkörpernder, strafender Begleiter (Beelzebub, Schmutzli, Zwarte Piet, Knecht Ruprecht) beigesellt, der "böse Kinder" züchtigte oder gar symbolisch mitnahm. Hatte Bischof Nikolaus noch Menschen und besonders Kinder als Mitgeschöpfe Gottes geliebt (und in einer frühen Legende z.B. verarmte Mädchen vor Schande bewahrt), so erfolgte das bürgerlich-säkulare Schenken zunehmend als "Belohnung fürs Bravsein", mit paralleler Strafandrohung.

Coca-Cola erobert und formt den globalen Weihnachtsmann

Seit 1931 greift Coca-Cola den Mythos auf und vereinheitlichte die (bereits teilweise bestehende) rot-weiße Kleidung und den weißen Bart in einer jährlichen, expandierenden Werbekampagne. Der Coca-Cola-Weihnachtsmann ist nur noch gutmütig und will schenken, begleitende Legenden und auch sein strafender Begleiter verschwinden. Auch in den Filmproduktionen setzt sich diese "spaßige" Variante durch und wird zu einem global wirksamen Teil von Hollywoodkultur - auch in nichtchristlichen Ländern wie z.B. Japan oder China zunehmend Geschenkabende auslösend.

In der aktuellen Werbelinie hat der Coca-Cola-Weihnachtsmann bereits ganz zentrale Merkmale religiöser Akteure übernommen: er ist überall präsent, tröstet mithilfe des Brausegetränks die Einsamen, begleitet mit Flaschengeschenken durch das ganze Leben, stiftet mit ihnen gar Liebes- und Ehebande und begrüßt auch die nächsten Generationen. Schließlich akzeptiert er sogar Gegengaben - nicht aber Nüsse oder Gebäck, nur Cola, natürlich.



Und die Entwicklung geht weiter: vielleicht ist Ihnen aufgefallen, dass inzwischen auch Schlitten und Rentiere verschwunden und durch Cola-Trucks, die im Hintergrund durch die Szenen glitten, abgelöst wurden. Im folgenden Clip, der auf die Trucks fokussiert, sieht man die Tiere sogar eingangs in den Naturzustand zurück entlassen. Nun werden die Trucks (bzw. im Stile eines Cargo-Kult die von ihnen transportierten Waren) zu den eigentlichen Bringern von Geheimnis, Licht, Wärme und, so der Song, "Love for everyone" (Liebe für jeden). Nicht mehr zum Kind in der Krippe, zur Ware strömen die Familien. Auch der Weihnachtsmann selbst zwinkert (natürlich Cola trinkend) nur noch von der Werbungs-Heckklappe.



Wachsendes Unbehagen - Zersplitterter Widerstand

Seit einigen Jahren wachsen, insbesondere aus Kirchen und christlichen Gemeinschaften heraus, Unbehagen und Widerwillen gegen den "säkularen Weihnachtsmann", der von immer mehr Menschen als Sinnbild geistloser Kommerzialisierung und globaler Einebnung von Kultur wahrgenommen wird.

Mit einigem Erfolg werden an Nikolaus wieder Bischöfe mit religiösen Gewändern und Legenden gesichtet. Gerade auch in Deutschland spielt dabei neben der bewußten Entscheidung kirchlicher Akteure sinnigerweise die türkische Minderheit eine Rolle - vielerorts entwickelt sich "der echte Nikolaus" zu einem gemeinsamen Bezugspunkt christlicher und muslimisch-türkischer Kindergarten- und Familienkultur.

Weniger erfolgreich gelingt der "Widerstand" gegen den rot-weißen Geschenkebringer am Weihnachtsabend - denn hier sind die "Rebellen" völlig zersplittert. Mit bisher wenig sichtbarem Erfolg wird je nach Region dem Nikolaus ein zweiter Besuch zugeschrieben, wird das Christkind betont oder werden Termine Anfang Januar verteidigt - sei es aufgrund des Weihnachtstermins nach orthodoxem Kalender (z.B. Griechenland, Russland) oder der Beschenkung zu Heilige drei Könige (z.B. Spanien).

Wird also das Cola-Imperium mit funkelnden Trucks Heiligabend völlig übernehmen? Wird die religiöse Überliefung wieder stärker zum Nikolaustag ausweichen? Wird sich regionale Vielfalt halten können oder gar wiederbeleben? Oder werden gar Christen verschiedener Länder und Konfessionen gemeinsam das Weihnachtsfest neu definieren und vom Weihnachtsmann "zurück erobern"?

Sie fanden Religionen und religiöse Überlieferungen langweilig? Hey, Sie sind mitten drin und entscheiden mit, was zukünftigen Generationen überliefert wird! Frohes Fest!

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Wirr-Licht - 21. Dez, 12:53

Io saturnalia! :)

haben wir nicht einen bärtigen alten mann vergessen, zu dessen feier auch schon geschenke verteilt wurden?

die kirche hat doch, wenn ich das richtig gelesen habe, ans ende der saturnalien (bzw, an den tag des aurelianischen "sol invictus") die geburt christi gelegt. oder?

Pssst...

...noch ned zuviel verraten! Zum Hintergrund des (lateinischen) Weihnachtsdatums und Sol Invictus wollte ich in einem eigenen Beitrag mal kommen, versprochen! (-:

Eine direkte Tradierung des Geschenkegebens aus den Saturnalien gilt jedoch m.W. als sehr unwahrscheinlich. Denn die christliche Tradition schenkte ursprünglich vor allem zum Namenstag des Nikolaus und regional zu den Heiligen Drei Königen. Weihnachten gewann also erst sehr viel später, maßgeblich auch auf reformatorischen (Heiligenverehrung ablehnenden) Druck, die volksreligiöse Aufwertung, die es heute vielen als christliches Hauptfest erscheinen lässt.

Dr. Blume

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