Inwiefern betrachten sich Juden als von Gott besonders auserwählt?
Bezüglich des Judentums bekomme ich wenige Fragen häufiger zu hören als diese. Manchmal erfolgt sie aus Interesse, gelegentlich schwingt jedoch auch ein ablehnender Unterton mit, so etwa: Halten die sich für etwas Besseres?
Diese Befürchtung gab es schon in der vorchristlichen Antike, in der nicht verstanden wurde, warum sich eine religiöse Minderheit kultisch so dauerhaft absondert, statt sich in den Schmelztiegeln der Mittelmeerstädte (z.B. auch Roms oder Alexandrias) zu assimilieren.
Die Antwort ist dagegen sehr einfach. Natürlich gibt es auch unter Juden -wie unter jeder anderen Menschengruppe- solche, die sich für "etwas Besseres" halten. Aber die jüdisch-religiöse Überlieferung benennt die "Erwählung" eindeutig als eine "Verpflichtung". Sie schließt damit besondere, religiöse Aufgaben auch anderer Völker und Religionen keineswegs aus und erkennt die Heilsmöglichkeit von Nichtjuden sogar ausdrücklich an. Auch das Neue Testament verzeichnet den argumentativ starken Einsatz des berühmten Rabbiners Gamaliel I. für Religionsfreiheit - lange konnten sich die kirchlichen Theologen dies jedoch nicht anders erklären als mit einer (extrem unwahrscheinlichen) "heimlichen Konversion" des Gelehrten. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde anerkannt, dass hier bereits eine jüdische Lehrbegründung religiöser Freiheit und gegenseitigen Respekts aufscheint.
Noachidische Gebote
So wird bereits im ersten Buch der Bibel, in Genesis (1. Moses), der "Noachidische Bund" gesehen, der sich an alle Menschen richte - und nach dem auch alle Nichtjuden "Anteil an der kommenden Welt" erlangen könnten, insofern sie sieben grundlegende, noachidische Gebote (quasi ein biblisches Weltethos) einhielten.
Aus genau diesem Grund konnte das Judentum nicht nur auf Mission verzichten, sondern werden Bekehrungswillige sogar darauf hingewiesen, dass sie auch mit dem Einhalten "nur" der Noachidischen Gebote bestehen könnten. Die Eintritt in die erwählte, jüdische Gemeinschaft sei demgegenüber eine sehr viel umfassendere Bewährung, ohne das Versprechen eines unbedingt größeren Lohns.
Was Erwählung also nicht ist...
So führt der jüdische Theologe Edward Kessler, Michael Wyschogrod zitierend, aus, "dass die göttliche Erwählung Israels allein auf Gottes unwandelbarer Liebe gründet und von menschlicher Seite nicht aufgehoben werden kann. Gott erwählte Israel nicht, weil es besser ist als andere Völker - in mancher Hinsicht mag es sogar mehr negative Eigenschaften haben als andere. Gottes Wahl ist auch nicht bedingt durch den Gehorsam Israels gegenüber den Geboten, die Gott ihm als Ausdruck des göttlichen Willens gegeben hat. Zur Erwählung gehört auch Gottes Gesetz und die Androhung schwerer Bestrafung, wenn Israel seiner Erwählung nicht gerecht wird. Und obwohl sich das jüdische Volk endlos gegen seine Erwählung gewehrt hat, - und zwar mit verhängnisvollsten Konsequenzen für sich selbst und für den Rest der Menschheit -, blieb die göttliche Erwählung unbeschadet, denn Israels Erwählung ist eine unbedingte, allein auf Gottes Liebe gründende Erwählung."
(Edward Kessler in: Freiburger Rundbrief 1/2008, S. 11. Übersetzung Hans Hermann Henrix)
Fazit
Hat man sich also wirklich informiert, dann erscheint der biblisch-jüdische Erwählungsgedanke keinesfalls als eine arrogante, sondern vielmehr als eine sehr demütige und großherzige Lehre. Schon der wohl größte, jüdische Gelehrte des Mittelalters, Maimonides, jüd. Mosche ben Maimon, isl. Musa bin Maimun, lehrte daher trotz aller antijüdischen Übergriffe seiner Zeit aus christlichen und islamischen Reihen, dass Jesus und Muhammad womöglich ebenfalls aufgrund göttlicher Vorsehung wirksam geworden seien - um den nichtjüdischen Völkern die Botschaft des Einen Gottes zu übermitteln.
Dagegen waren es -zum Teil bis heute- vor allem christliche und islamische Fundamentalisten, die Juden immer wieder vorhielten (und z.T. vorhalten), wegen ihres Verhaltens habe Gott seine Erwählung gewechselt - nun könnten nur noch Christen bzw. Muslime in den Himmel gelangen. Aber weder biblisch noch koranisch sind diese neuen "Absolutheitsansprüche" gedeckt.
Und trotz aller Konflikte mehren sich die Zeichen, dass mutige Christen, Muslime, Juden und Andersglaubende aufeinander zugehen - und erkennen, dass sowohl die je anderen wie auch ihre eigenen Lehren vielleicht schon immer großherziger angelegt waren, als es aggressive Fundamentalisten aller Seiten bis heute wahrhaben wollen...
Diese Befürchtung gab es schon in der vorchristlichen Antike, in der nicht verstanden wurde, warum sich eine religiöse Minderheit kultisch so dauerhaft absondert, statt sich in den Schmelztiegeln der Mittelmeerstädte (z.B. auch Roms oder Alexandrias) zu assimilieren.
Die Antwort ist dagegen sehr einfach. Natürlich gibt es auch unter Juden -wie unter jeder anderen Menschengruppe- solche, die sich für "etwas Besseres" halten. Aber die jüdisch-religiöse Überlieferung benennt die "Erwählung" eindeutig als eine "Verpflichtung". Sie schließt damit besondere, religiöse Aufgaben auch anderer Völker und Religionen keineswegs aus und erkennt die Heilsmöglichkeit von Nichtjuden sogar ausdrücklich an. Auch das Neue Testament verzeichnet den argumentativ starken Einsatz des berühmten Rabbiners Gamaliel I. für Religionsfreiheit - lange konnten sich die kirchlichen Theologen dies jedoch nicht anders erklären als mit einer (extrem unwahrscheinlichen) "heimlichen Konversion" des Gelehrten. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde anerkannt, dass hier bereits eine jüdische Lehrbegründung religiöser Freiheit und gegenseitigen Respekts aufscheint.
Noachidische Gebote
So wird bereits im ersten Buch der Bibel, in Genesis (1. Moses), der "Noachidische Bund" gesehen, der sich an alle Menschen richte - und nach dem auch alle Nichtjuden "Anteil an der kommenden Welt" erlangen könnten, insofern sie sieben grundlegende, noachidische Gebote (quasi ein biblisches Weltethos) einhielten.
Aus genau diesem Grund konnte das Judentum nicht nur auf Mission verzichten, sondern werden Bekehrungswillige sogar darauf hingewiesen, dass sie auch mit dem Einhalten "nur" der Noachidischen Gebote bestehen könnten. Die Eintritt in die erwählte, jüdische Gemeinschaft sei demgegenüber eine sehr viel umfassendere Bewährung, ohne das Versprechen eines unbedingt größeren Lohns.
Was Erwählung also nicht ist...
So führt der jüdische Theologe Edward Kessler, Michael Wyschogrod zitierend, aus, "dass die göttliche Erwählung Israels allein auf Gottes unwandelbarer Liebe gründet und von menschlicher Seite nicht aufgehoben werden kann. Gott erwählte Israel nicht, weil es besser ist als andere Völker - in mancher Hinsicht mag es sogar mehr negative Eigenschaften haben als andere. Gottes Wahl ist auch nicht bedingt durch den Gehorsam Israels gegenüber den Geboten, die Gott ihm als Ausdruck des göttlichen Willens gegeben hat. Zur Erwählung gehört auch Gottes Gesetz und die Androhung schwerer Bestrafung, wenn Israel seiner Erwählung nicht gerecht wird. Und obwohl sich das jüdische Volk endlos gegen seine Erwählung gewehrt hat, - und zwar mit verhängnisvollsten Konsequenzen für sich selbst und für den Rest der Menschheit -, blieb die göttliche Erwählung unbeschadet, denn Israels Erwählung ist eine unbedingte, allein auf Gottes Liebe gründende Erwählung."
(Edward Kessler in: Freiburger Rundbrief 1/2008, S. 11. Übersetzung Hans Hermann Henrix)
Fazit
Hat man sich also wirklich informiert, dann erscheint der biblisch-jüdische Erwählungsgedanke keinesfalls als eine arrogante, sondern vielmehr als eine sehr demütige und großherzige Lehre. Schon der wohl größte, jüdische Gelehrte des Mittelalters, Maimonides, jüd. Mosche ben Maimon, isl. Musa bin Maimun, lehrte daher trotz aller antijüdischen Übergriffe seiner Zeit aus christlichen und islamischen Reihen, dass Jesus und Muhammad womöglich ebenfalls aufgrund göttlicher Vorsehung wirksam geworden seien - um den nichtjüdischen Völkern die Botschaft des Einen Gottes zu übermitteln.
Dagegen waren es -zum Teil bis heute- vor allem christliche und islamische Fundamentalisten, die Juden immer wieder vorhielten (und z.T. vorhalten), wegen ihres Verhaltens habe Gott seine Erwählung gewechselt - nun könnten nur noch Christen bzw. Muslime in den Himmel gelangen. Aber weder biblisch noch koranisch sind diese neuen "Absolutheitsansprüche" gedeckt.
Und trotz aller Konflikte mehren sich die Zeichen, dass mutige Christen, Muslime, Juden und Andersglaubende aufeinander zugehen - und erkennen, dass sowohl die je anderen wie auch ihre eigenen Lehren vielleicht schon immer großherziger angelegt waren, als es aggressive Fundamentalisten aller Seiten bis heute wahrhaben wollen...
blume-religionswissenschaft - 25. Dez, 06:25
17 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
ingo_34 - 20. Dez, 08:29
Robert Trivers und Noam Chomsky kritisieren das ETWAS robuster
Es gibt viele Formen von "Großherzigkeit", die zugleich arrogant sind und umgekehrt. Siehe die in Gruppen lebenden Graudroßlinge, die (zufälligerweise auch) in Israel leben. Erforscht von Amoz Zahavi (siehe "Signale der Verständigung"), bzw. siehe auch Eckart Voland: "Angeber haben mehr vom Leben".
Ich glaube nicht, daß der Auserwähltheits-Glaube für sich das Problem ist bei Menschen, die nicht in jedem Augenblick ihres Lebens so hochwertig denken, argumentieren und handeln wie in Deinem Artikel angeführt. Viele Passagen des Alten Testamentes klingen da bei weitem nicht so hochherzigen den nichtjüdischen Völkern gegenüber. Und für einen strenggläubigen Juden sind das nun einmal Gottesworte. Richard Dawkins führt ja in seinem Buch "God Delusion" Studien an, nach denen Völkermord in allgemeinen Kontexten abgelehnt wird von jüdischen Schulkindern, steht er aber im Zusammenhang mit traditionellen religiösen Berichten und Argumentationen, wird er sogar eher heroisiert.
Der Glaube, man selbst sei als Volk mehr wert als andere Völker, ist wohl mit fast jeder Art von Bezogenheit auf die eigene Ethnie (oder Religion) verbunden, bzw. kann verbunden sein. Viele ursprünglichere Völker haben für den Begriff "Mensch" die Bezeichnung ihres eigenen Volkes, während alle anderen Völker dann "Nichtmenschen" sind (also "Tiere", "Hunde" - oder zumindest "Barbaren").
Und ein Kern von Wahrheit ist da doch immer drin. Natürlich ist jedes Volk - ebenso wie jeder Mensch - einzigartig und hat darum auch eine einzigartige Bedeutung in der Welt (oder eine einzigartige Beziehung zu Gott, somit eine einzigartige "Mission" auf der Erde). Die Frage bleibt halt immer, inwieweit die "Missionen" anderer Völker und Religionen dabei anerkannt und unterstützt, mit einzbezogen oder eher untergraben und infrage gestellt werden. Auf meinem Blog zitierte ich neulich neoamerikanische, jüdische, gläubige Konservative (Milton Himmelfarb), bei denen mir bisher noch nicht recht klar geworden ist, wie weit ihnen religiöser Pluralismus auf der Erde - ja, "Heidentum" an sich - ein Wert ist oder nicht. Dieser Himmelfarb sagte sinngemäß: Die Mission des Judentums ist die Vernichtung des Heidentums auf der Erde. Und das heute als ein einflußreicher neokonservativer amerikanischer Intellektueller.
Auch als Einzelmensch möchte man sich ja normalerweise selbst lieber in günstigerem statt in ungünstigerem Licht sehen. Es ist immer erst ein zweiter moralischer Schritt, davon zu abstrahieren und statt des Dornes beim anderen den Balken bei sich selbst zu sehen. Und es ist immer zu hinterfragen, ob auch alle schönen Argumentationen, die Du in Deinem Beitrag anführst, möglicherweise vornehmlich dazu dienen können (oder sollen?), diesen Balken bei sich selbst oder anderen zu übersehen.
Ich glaube, es gibt inzwischen viele Juden selbst, die in ihrer Kritik an der Einstellung Israels und vieler Juden gegenüber nichtjüdischen Völkern (den "Gojim") robuster vorgehen als die Argumentationen in Deinem Beitrag. Etwa der große theoretische Biologe Robert Trivers zusammen mit dem großen Sprachforscher Noam Chomsky (siehe einen Beitrag dazu auch auf meinem Blog). (Ich wunderte mich dort darüber, daß ein solcher bedeutender Grundlagenforscher wie Robert Trivers in tagespolitischen Fragen SO emotional und engagiert sein konnte. Ich begrüße das aber sehr. Wissenschaft ist keine weltfremde Angelegenheit - im Gegenteil.)
Ich glaube nicht, daß der Auserwähltheits-Glaube für sich das Problem ist bei Menschen, die nicht in jedem Augenblick ihres Lebens so hochwertig denken, argumentieren und handeln wie in Deinem Artikel angeführt. Viele Passagen des Alten Testamentes klingen da bei weitem nicht so hochherzigen den nichtjüdischen Völkern gegenüber. Und für einen strenggläubigen Juden sind das nun einmal Gottesworte. Richard Dawkins führt ja in seinem Buch "God Delusion" Studien an, nach denen Völkermord in allgemeinen Kontexten abgelehnt wird von jüdischen Schulkindern, steht er aber im Zusammenhang mit traditionellen religiösen Berichten und Argumentationen, wird er sogar eher heroisiert.
Der Glaube, man selbst sei als Volk mehr wert als andere Völker, ist wohl mit fast jeder Art von Bezogenheit auf die eigene Ethnie (oder Religion) verbunden, bzw. kann verbunden sein. Viele ursprünglichere Völker haben für den Begriff "Mensch" die Bezeichnung ihres eigenen Volkes, während alle anderen Völker dann "Nichtmenschen" sind (also "Tiere", "Hunde" - oder zumindest "Barbaren").
Und ein Kern von Wahrheit ist da doch immer drin. Natürlich ist jedes Volk - ebenso wie jeder Mensch - einzigartig und hat darum auch eine einzigartige Bedeutung in der Welt (oder eine einzigartige Beziehung zu Gott, somit eine einzigartige "Mission" auf der Erde). Die Frage bleibt halt immer, inwieweit die "Missionen" anderer Völker und Religionen dabei anerkannt und unterstützt, mit einzbezogen oder eher untergraben und infrage gestellt werden. Auf meinem Blog zitierte ich neulich neoamerikanische, jüdische, gläubige Konservative (Milton Himmelfarb), bei denen mir bisher noch nicht recht klar geworden ist, wie weit ihnen religiöser Pluralismus auf der Erde - ja, "Heidentum" an sich - ein Wert ist oder nicht. Dieser Himmelfarb sagte sinngemäß: Die Mission des Judentums ist die Vernichtung des Heidentums auf der Erde. Und das heute als ein einflußreicher neokonservativer amerikanischer Intellektueller.
Auch als Einzelmensch möchte man sich ja normalerweise selbst lieber in günstigerem statt in ungünstigerem Licht sehen. Es ist immer erst ein zweiter moralischer Schritt, davon zu abstrahieren und statt des Dornes beim anderen den Balken bei sich selbst zu sehen. Und es ist immer zu hinterfragen, ob auch alle schönen Argumentationen, die Du in Deinem Beitrag anführst, möglicherweise vornehmlich dazu dienen können (oder sollen?), diesen Balken bei sich selbst oder anderen zu übersehen.
Ich glaube, es gibt inzwischen viele Juden selbst, die in ihrer Kritik an der Einstellung Israels und vieler Juden gegenüber nichtjüdischen Völkern (den "Gojim") robuster vorgehen als die Argumentationen in Deinem Beitrag. Etwa der große theoretische Biologe Robert Trivers zusammen mit dem großen Sprachforscher Noam Chomsky (siehe einen Beitrag dazu auch auf meinem Blog). (Ich wunderte mich dort darüber, daß ein solcher bedeutender Grundlagenforscher wie Robert Trivers in tagespolitischen Fragen SO emotional und engagiert sein konnte. Ich begrüße das aber sehr. Wissenschaft ist keine weltfremde Angelegenheit - im Gegenteil.)
ingo_34 - 20. Dez, 08:34
Verbot von Götzenanbetung?
Ach, Du lieber Gott, ich sehe grade auf dem von Dir angegebenen Wikipedia-Link, daß zu den Noachidischen Geboten auch gehört:
Verbot von Götzenanbetung. Na, da hat man ja alles. Wie bringt man denn das mit religiösem Pluralismus zusammen? Da muß man wohl den Begriff "Götze" sehr abstrakt auffassen, oder wie?
Ähnliches dürfte für das Verbot der "Gotteslästerung" gelten. Ich lästere gerne über Gott. Manchmal widert er mich sogar an. Wenn er nämlich als Völkermörder auftritt oder als Kinderschänder etc. pp. pp..
Verbot von Götzenanbetung. Na, da hat man ja alles. Wie bringt man denn das mit religiösem Pluralismus zusammen? Da muß man wohl den Begriff "Götze" sehr abstrakt auffassen, oder wie?
Ähnliches dürfte für das Verbot der "Gotteslästerung" gelten. Ich lästere gerne über Gott. Manchmal widert er mich sogar an. Wenn er nämlich als Völkermörder auftritt oder als Kinderschänder etc. pp. pp..
Edgar (anonym) - 20. Dez, 11:26
Gott oder Bibel?
Widert Dich Gott an oder die Biblischen Geschichten? Ich erinnere nur an das Theodizee: warum läßt Gott wenn "er" gütig, gerecht und allmächtig ist, Leid und Krieg zu. Kann "er" es nicht verhindern ist er nicht allmächtig, will "er" es nicht verhindern, ist "er" nicht gütig. Ist das gerecht?
ingo_34 - 20. Dez, 16:50
Weder noch per se
Auch die biblischen Geschichten per se nicht. Ich sagte doch: dann, wenn Gott als Völkermörder auftritt. Lästern ist ja dann wohl doch das geringste. Ich würde sagen, viele Passagen der Bibel fallen unter die Rubrik "Aufstachelung zum Rassenhass", unter die Rubrik "Volksverhetzung". Da wäre Lästern ja noch gar nicht die richtige Reaktion.
(Warum es Leid in der Welt gibt, ist eine philosophische Frage. "Ihn" gibt es doch gar nicht ... Er spukt nur in den Köpfen von Menschen herum. Und als solche Kopfgeburt finde ich "ihn" manchmal nett und manchmal nicht nett.)
(Warum es Leid in der Welt gibt, ist eine philosophische Frage. "Ihn" gibt es doch gar nicht ... Er spukt nur in den Köpfen von Menschen herum. Und als solche Kopfgeburt finde ich "ihn" manchmal nett und manchmal nicht nett.)
blume-religionswissenschaft - 20. Dez, 18:38
Wissen und Affekte
Lieber Ingo,
ich möchte Deine interessante Diskussion mit Edgar ja gar nicht stören, nur auf ein paar Dinge hinweisen. In diesem Blog geht es um die Vermittlung von religionswissenschaftlichem (also beobachtbarem) Wissen - hier beispielsweise konkret um die Frage, ob die jüdische Glaubensüberlieferung an eine Erwählung Israels das Heil oder ebenfalls besondere Berufungen für Andersglaubende ausschließt. Und hier lautet die klare, historische und zeitgenössische Antwort: Nein.
Allerdings sehe ich Deinerseits keine wissenschaftlich stringente Argumentation oder Frage dazu. Schon in der Eröffnung Deines Beitrags wirfst Du stattdessen Judentum, Israelis, eine Vogelart, Großherzigkeit - Angeberei und ungenannte Passagen des AT zusammen. Was willst Du uns damit eigentlich sagen, außer dass Du die jüdische Religion offensichtlich nicht magst? Auf was, bitte, soll jemand da antworten?
Danke für Deinen Hinweis, dass sich immer nur sehr wenige Menschen an den hehren Lehren ihrer Religionen oder Weltanschauungen orientieren (ist das bei Christen, Muslimen oder Humanisten denn anders?), dass sich Menschengruppen voneinander abzugrenzen tendieren und Erzählungen bevorzugen, in denen sie selbst gut wegkommen - wer hätte das hier je bestritten? Wie Du weisst, erforscht die Religionswissenschaft (früher daher auch oft "vergleichende Religionswissenschaft" genannt) doch gerade, wie sich Religionen entwickeln und ausbreiten - mit oft verblüffend ähnlichen Entwicklungspfaden. Mich wundert eher, dass es Dich wundert, dass es auch unter Juden ganz unterschiedliche Meinungen gibt und auch interne Kritik an Überlieferungen bzw. ihrer Interpretation. Offen gesagt: es wäre doch eine wissenschaftliche Sensation, wenn es anders wäre, oder!? Warum sollte es unter Juden weniger Meinungsvielfalt geben als unter Christen, Muslimen oder Atheisten?
Dass es Juden gibt, "die in ihrer Kritik an der Einstellung Israels und vieler Juden gegenüber nichtjüdischen Völkern robuster vorgehen als Deine Argumentation" kann ich ebenfalls nur schwer nachvollziehen - denn ich sehe wertende Kritik an Religionen überhaupt nicht als meine primäre Aufgabe. Wenn Du wissen willst, was Juden konkret von dieser oder jener Lehre halten oder ob sie Veränderungen wünschen, musst Du schon Juden selber fragen. Als Religionswissenschaftler steht es mir erst einmal nur zu, nach bestem Wissen und Gewissen zu beobachten und darzustellen, was sich da belegbar herausgebildet hat. Die Religionen zu gestalten ist und bleibt Aufgabe der Mitglieder dieser Religionen. Persönliche Wertungen des Wissenschaftlers sind daher von der Beschreibung zu trennen und als solche kenntlich zu machen, daher mache ich am Textende gerne je ein persönliches Fazit, statt Beschreibung und Bewertung zu vermischen.
Vollends verwirrt mich die Abschlussargumentation. Du beschwerst Dich, dass auch die Noachidischen Gebote "Götzendienst" und "Gotteslästerung" ablehnten, ein jüdischer Denker sogar "Heidentum" weltweit überwinden wolle, dies sei ja wohl kaum pluralistisch. Gleichzeitig lässt Du uns wissen, dass Du selbst Gott manchmal "widerlich" findest, einige ihm zugeschriebene Textpassagen des AT unakzeptabel und dass es Ihn im übrigen gar nicht gebe...
Da fragt sich, wie Du "pluralistisch" verstehst? Dass alle das gleiche gut oder schlecht finden müssen? Pluralistisch kann doch wohl nur heißen, dass man mit Unterschieden zu leben lernt, anstatt sie zwanghaft einebnen zu wollen. Weder Juden noch sonst eine Religionsgemeinschaft sind verpflichtet, sich nach Deinen Wertentscheidungen oder "Gotteswiderlegungen" zu richten - ebensowenig wie Du umgekehrt ihren Glaubensweisen und "Gotteserfahrungen" folgen musst. Der Gläubige, der Götzendienst oder Heidentum überwinden will oder der Atheist, der Gottesglauben und die Religionen am liebsten abschaffen würde, dürfen das im Rahmen von Gesetz und Menschenrechten jeweils gerne vertreten, sie müssen auch gar nicht einer Meinung sein. Offen gesagt halte ich es für normal, dass es auf dieser Welt nicht nur eine Standardreligion oder -weltanschauung gibt, sondern eine große Vielfalt. Und das Judentum ist ein Teil dieser Vielfalt.
Ich würde es daher einfach begrüßen, wenn Kraftausdrücke pro oder contra von Glaubensinhalten auf meinem Blog unterblieben, da es hier um empirische Sachinformation und nicht um emotionale Affekte ("Mag ich... Mag ich nicht...") gehen sollte. Wer der Welt unbedingt mitteilen will, was ihn "anwidert", findet in allen Schattierungen (von religiös-fundamentalistisch bis atheistisch-fundamentalistisch) doch wahrlich genug andere Gelegenheiten dazu - ob es um Judentum, Gott oder (was morgen Blogthema sein wird) den Weihnachtsmann geht. (-;
Mit herzlichen Grüßen
Michael
ich möchte Deine interessante Diskussion mit Edgar ja gar nicht stören, nur auf ein paar Dinge hinweisen. In diesem Blog geht es um die Vermittlung von religionswissenschaftlichem (also beobachtbarem) Wissen - hier beispielsweise konkret um die Frage, ob die jüdische Glaubensüberlieferung an eine Erwählung Israels das Heil oder ebenfalls besondere Berufungen für Andersglaubende ausschließt. Und hier lautet die klare, historische und zeitgenössische Antwort: Nein.
Allerdings sehe ich Deinerseits keine wissenschaftlich stringente Argumentation oder Frage dazu. Schon in der Eröffnung Deines Beitrags wirfst Du stattdessen Judentum, Israelis, eine Vogelart, Großherzigkeit - Angeberei und ungenannte Passagen des AT zusammen. Was willst Du uns damit eigentlich sagen, außer dass Du die jüdische Religion offensichtlich nicht magst? Auf was, bitte, soll jemand da antworten?
Danke für Deinen Hinweis, dass sich immer nur sehr wenige Menschen an den hehren Lehren ihrer Religionen oder Weltanschauungen orientieren (ist das bei Christen, Muslimen oder Humanisten denn anders?), dass sich Menschengruppen voneinander abzugrenzen tendieren und Erzählungen bevorzugen, in denen sie selbst gut wegkommen - wer hätte das hier je bestritten? Wie Du weisst, erforscht die Religionswissenschaft (früher daher auch oft "vergleichende Religionswissenschaft" genannt) doch gerade, wie sich Religionen entwickeln und ausbreiten - mit oft verblüffend ähnlichen Entwicklungspfaden. Mich wundert eher, dass es Dich wundert, dass es auch unter Juden ganz unterschiedliche Meinungen gibt und auch interne Kritik an Überlieferungen bzw. ihrer Interpretation. Offen gesagt: es wäre doch eine wissenschaftliche Sensation, wenn es anders wäre, oder!? Warum sollte es unter Juden weniger Meinungsvielfalt geben als unter Christen, Muslimen oder Atheisten?
Dass es Juden gibt, "die in ihrer Kritik an der Einstellung Israels und vieler Juden gegenüber nichtjüdischen Völkern robuster vorgehen als Deine Argumentation" kann ich ebenfalls nur schwer nachvollziehen - denn ich sehe wertende Kritik an Religionen überhaupt nicht als meine primäre Aufgabe. Wenn Du wissen willst, was Juden konkret von dieser oder jener Lehre halten oder ob sie Veränderungen wünschen, musst Du schon Juden selber fragen. Als Religionswissenschaftler steht es mir erst einmal nur zu, nach bestem Wissen und Gewissen zu beobachten und darzustellen, was sich da belegbar herausgebildet hat. Die Religionen zu gestalten ist und bleibt Aufgabe der Mitglieder dieser Religionen. Persönliche Wertungen des Wissenschaftlers sind daher von der Beschreibung zu trennen und als solche kenntlich zu machen, daher mache ich am Textende gerne je ein persönliches Fazit, statt Beschreibung und Bewertung zu vermischen.
Vollends verwirrt mich die Abschlussargumentation. Du beschwerst Dich, dass auch die Noachidischen Gebote "Götzendienst" und "Gotteslästerung" ablehnten, ein jüdischer Denker sogar "Heidentum" weltweit überwinden wolle, dies sei ja wohl kaum pluralistisch. Gleichzeitig lässt Du uns wissen, dass Du selbst Gott manchmal "widerlich" findest, einige ihm zugeschriebene Textpassagen des AT unakzeptabel und dass es Ihn im übrigen gar nicht gebe...
Da fragt sich, wie Du "pluralistisch" verstehst? Dass alle das gleiche gut oder schlecht finden müssen? Pluralistisch kann doch wohl nur heißen, dass man mit Unterschieden zu leben lernt, anstatt sie zwanghaft einebnen zu wollen. Weder Juden noch sonst eine Religionsgemeinschaft sind verpflichtet, sich nach Deinen Wertentscheidungen oder "Gotteswiderlegungen" zu richten - ebensowenig wie Du umgekehrt ihren Glaubensweisen und "Gotteserfahrungen" folgen musst. Der Gläubige, der Götzendienst oder Heidentum überwinden will oder der Atheist, der Gottesglauben und die Religionen am liebsten abschaffen würde, dürfen das im Rahmen von Gesetz und Menschenrechten jeweils gerne vertreten, sie müssen auch gar nicht einer Meinung sein. Offen gesagt halte ich es für normal, dass es auf dieser Welt nicht nur eine Standardreligion oder -weltanschauung gibt, sondern eine große Vielfalt. Und das Judentum ist ein Teil dieser Vielfalt.
Ich würde es daher einfach begrüßen, wenn Kraftausdrücke pro oder contra von Glaubensinhalten auf meinem Blog unterblieben, da es hier um empirische Sachinformation und nicht um emotionale Affekte ("Mag ich... Mag ich nicht...") gehen sollte. Wer der Welt unbedingt mitteilen will, was ihn "anwidert", findet in allen Schattierungen (von religiös-fundamentalistisch bis atheistisch-fundamentalistisch) doch wahrlich genug andere Gelegenheiten dazu - ob es um Judentum, Gott oder (was morgen Blogthema sein wird) den Weihnachtsmann geht. (-;
Mit herzlichen Grüßen
Michael
ingo_34 - 21. Dez, 10:51
Emotionen - positive oder negative - sind vielleicht der Kern aller Religiosität?
Lieber Michael,
ich will Dir ja nicht die Stimmung verderben - auch nicht die vorweihnachtliche - aber nimm nur das, was Peter Sloterdijk in "Zorn und Zeit" (2006) etwa ab Seite 129 thematisiert, die "Fluchpsalmen und Feindvernichtungsgebete":
"Gott des die Rache ist, erscheine". (94. Psalm)
"Tochter Babel, du Gewalttätige:
Selig, wer dir vergilt
deine Taten, die du uns angetan!
Selig, wer ergreift und zerschmettert
deine Kinder am Felsgestein."
(137. Psalm)
"Gott, zermalme ihnen die Zähne im Maul,
das Gebiß der Löwen zerkrache, JHWH!
Sie sollen vergehen wie Wasser, die sich verlaufen,
sie sollen verdorren wie Gras, das man zertritt,
wie die Schnecke, die im Schleim dahingeht,
wie einer Frau Fehlgeburt, die die Sonne nicht schaut.
Ehe sie Stacheln treiben wie ein Dornstrauch:
ob frisch, ob verbrannt, es wehe ihn weg!
Es soll sich freuen der Gerechte, wenn er die Rache schaut,
wenn er seine Füße badet im Blut des Frevlers."
(58. Psalm)
Ich habe nur darauf bestanden, solche Bibel-Passagen "widerlich" nennen zu dürfen, ohne der Gotteslästerung geziehen zu werden. Es würde uns heute ja eigentlich auch viel näher liegen zu sagen, diese Passagen selbst wären Gotteslästerung.
Religion als Thema an sich birgt viele Emotionen - positive wie negative. Und ich glaube nicht, daß es wissenschaftlich ist, diese Emotionen alle bei der Erkenntnis-Gewinnung beiseite lassen zu wollen. Vielleicht umgeht man dann immer den eigentlichen emotionalen Kern. Vielleicht ist ja die menschliche Psyche auch so geartet, daß alle positiven Emotionen um so stärker aktiviert werden, um so stärker gleichzeitig auch negative Emotionen aktiviert werden. Es wird ja auch so sein, daß jüdische (christliche oder islamische) Gläubige aus einer so gelagerten Emotionalität, einem so gelagerten religiösen Fanatismus viel an Kraft gewannen (und gewinnen?) zum Überleben in einer ihnen religiös oder sonstwie feindlichen Umwelt.
ich will Dir ja nicht die Stimmung verderben - auch nicht die vorweihnachtliche - aber nimm nur das, was Peter Sloterdijk in "Zorn und Zeit" (2006) etwa ab Seite 129 thematisiert, die "Fluchpsalmen und Feindvernichtungsgebete":
"Gott des die Rache ist, erscheine". (94. Psalm)
"Tochter Babel, du Gewalttätige:
Selig, wer dir vergilt
deine Taten, die du uns angetan!
Selig, wer ergreift und zerschmettert
deine Kinder am Felsgestein."
(137. Psalm)
"Gott, zermalme ihnen die Zähne im Maul,
das Gebiß der Löwen zerkrache, JHWH!
Sie sollen vergehen wie Wasser, die sich verlaufen,
sie sollen verdorren wie Gras, das man zertritt,
wie die Schnecke, die im Schleim dahingeht,
wie einer Frau Fehlgeburt, die die Sonne nicht schaut.
Ehe sie Stacheln treiben wie ein Dornstrauch:
ob frisch, ob verbrannt, es wehe ihn weg!
Es soll sich freuen der Gerechte, wenn er die Rache schaut,
wenn er seine Füße badet im Blut des Frevlers."
(58. Psalm)
Ich habe nur darauf bestanden, solche Bibel-Passagen "widerlich" nennen zu dürfen, ohne der Gotteslästerung geziehen zu werden. Es würde uns heute ja eigentlich auch viel näher liegen zu sagen, diese Passagen selbst wären Gotteslästerung.
Religion als Thema an sich birgt viele Emotionen - positive wie negative. Und ich glaube nicht, daß es wissenschaftlich ist, diese Emotionen alle bei der Erkenntnis-Gewinnung beiseite lassen zu wollen. Vielleicht umgeht man dann immer den eigentlichen emotionalen Kern. Vielleicht ist ja die menschliche Psyche auch so geartet, daß alle positiven Emotionen um so stärker aktiviert werden, um so stärker gleichzeitig auch negative Emotionen aktiviert werden. Es wird ja auch so sein, daß jüdische (christliche oder islamische) Gläubige aus einer so gelagerten Emotionalität, einem so gelagerten religiösen Fanatismus viel an Kraft gewannen (und gewinnen?) zum Überleben in einer ihnen religiös oder sonstwie feindlichen Umwelt.
blume-religionswissenschaft - 21. Dez, 16:37
Unterschiedliches Wissenschaftsverständnis
Lieber Ingo,
danke, Du verdirbst die Stimmung gar nicht - vielmehr hat Dein Beitrag m.E. zur Klärung beigetragen. Wir hatten ja schon öfter zum Wissenschaftsverständnis diskutiert, nun wird mir der Unterschied unserer Auffassungen etwas klarer.
Denn natürlich erhebe auch ich nicht den Anspruch, dass ein Wissenschaftler emotionslos sein oder keine Meinung haben sollte. Aber im Prozess des "Erkennens" sollte er einen bewusst-zurückhaltenden Umgang mit Emotionen einüben.
Denn Emotionen sind immer subjektiv, wissenschaftliche Erkenntnis hat aber intersubjektiv nachvollziehbar zu sein. Das gilt sogar ganz besonders für die Religionswissenschaft, da -wie Du richtig schreibst- "Religion an sich viele Emotionen" birgt. Damit also Atheisten, Agnostiker und Glaubende dort zu gemeinsamen, je empirisch nachprüfbaren Erkenntnissen kommen können, ist es hier unerläßlich, die nachvollziehende Beschreibung von der persönlichen Bewertung zu trennen.
Wer sich z.B. in einer religionswissenschaftlichen Veranstaltung zum Thema "Erwählungsglauben in den Weltreligionen, Heute: Judentum" nicht beherrschen kann und erstmal verkünden muss, dass ihn die Rachepsalmen emotional beschäftigen, ja "anwidern", und dass er dafür Verständnis erwarte - der wird da auf Dauer nicht glücklich. Denn weder hätte das etwas direkt mit dem aktuellen Thema zu tun (siehe auch Thema dieses Blogbeitrags...), noch sind religionswissenschaftliche Seminare emotionale Selbsterfahrungsgruppen. Über persönliche Emotionen, Einstellungen, Bewertungen etc. kann und soll durchaus in eigenen Veranstaltungen oder außerhalb des Seminars diskutiert werden - aber dann ist das eben in dem Moment nicht mehr empirische Religionswissenschaft im engeren Sinn.
Denn -wie Du richtig geschrieben hast- schon allein die Rachepsalmen sind ein faszinierendes Thema für sich und gerade auch der Aspekt des Umgangs mit Emotionen der Psalmisten wäre spannend. Du vermutest z.B., dass Gläubige aus solcher "Emotionalität" "Kraft" zum "Überleben" in einer "feindlichen Umwelt" zögen - was eine empirisch testbare These wäre (wenn auch jeder der genannten Begriffe eine Klärung bräuchte - welche Emotionen, was für Kraft, was für eine Umwelt). Andere (gängigere) Thesen verweisen z.B. auf die Verarbeitung der historischen, militärischen Niederlage Israels mit folgender Verschleppung nach Babylon und folgender Glaubenskrise, in der die Psalmen gerade die Hilflosigkeit zum Ausdruck gebracht hätten: die Erkenntnis, dass nicht die eigene Gewalt, sondern allenfalls Gottes Zorn dereinst Unrecht würden sühnen können. Und die Frage, ob, wie und von wem diese Verse heute ausgelegt wären, wäre dann wieder eine interessante, aber andere Frage usw.
Insofern konzidiere ich Dir, dass vielleicht die empirische Erforschung von Religion(en) eine besonders sorgfältige Unterscheidung von intersubjektiver Erkenntnis (Beschreibung) und subjektiver Emotionalität (Bewertung) erfordert. Denn anders macht Religionswissenschaft keinen Sinn. Ich kann nicht abschließend beurteilen, ob das bei Biologen wirklich anders ist - mich ärgert es auf jeden Fall nicht weniger, wenn Leute beim Thema Evolutionstheorie reflexartig mit Sozialdarwinismus, Eugenik, Rassismus und anderen Großthemen "argumentieren", anstatt sich erst einmal verstehend die dem jeweiligen Thema entsprechenden empirischen Befunde und Thesen anzuschauen und "dann" zu bewerten.
Daher einfach noch einmal die Bitte: wenn sich auch unser Wissenschaftsverständnis an diesem Punkt unterscheiden sollte, dann nutze doch einfach die Chance, hier ein anderes auszuprobieren - in dem es eben um spezifische Befunde und überprüfbare Thesen, und weniger um Befindlichkeiten und Totaldiskussionen geht.
Dir also nochmal danke für Deinen Beitrag - und die besten Wünsche für ein schönes Weihnachtsfest!
Michael Blume
danke, Du verdirbst die Stimmung gar nicht - vielmehr hat Dein Beitrag m.E. zur Klärung beigetragen. Wir hatten ja schon öfter zum Wissenschaftsverständnis diskutiert, nun wird mir der Unterschied unserer Auffassungen etwas klarer.
Denn natürlich erhebe auch ich nicht den Anspruch, dass ein Wissenschaftler emotionslos sein oder keine Meinung haben sollte. Aber im Prozess des "Erkennens" sollte er einen bewusst-zurückhaltenden Umgang mit Emotionen einüben.
Denn Emotionen sind immer subjektiv, wissenschaftliche Erkenntnis hat aber intersubjektiv nachvollziehbar zu sein. Das gilt sogar ganz besonders für die Religionswissenschaft, da -wie Du richtig schreibst- "Religion an sich viele Emotionen" birgt. Damit also Atheisten, Agnostiker und Glaubende dort zu gemeinsamen, je empirisch nachprüfbaren Erkenntnissen kommen können, ist es hier unerläßlich, die nachvollziehende Beschreibung von der persönlichen Bewertung zu trennen.
Wer sich z.B. in einer religionswissenschaftlichen Veranstaltung zum Thema "Erwählungsglauben in den Weltreligionen, Heute: Judentum" nicht beherrschen kann und erstmal verkünden muss, dass ihn die Rachepsalmen emotional beschäftigen, ja "anwidern", und dass er dafür Verständnis erwarte - der wird da auf Dauer nicht glücklich. Denn weder hätte das etwas direkt mit dem aktuellen Thema zu tun (siehe auch Thema dieses Blogbeitrags...), noch sind religionswissenschaftliche Seminare emotionale Selbsterfahrungsgruppen. Über persönliche Emotionen, Einstellungen, Bewertungen etc. kann und soll durchaus in eigenen Veranstaltungen oder außerhalb des Seminars diskutiert werden - aber dann ist das eben in dem Moment nicht mehr empirische Religionswissenschaft im engeren Sinn.
Denn -wie Du richtig geschrieben hast- schon allein die Rachepsalmen sind ein faszinierendes Thema für sich und gerade auch der Aspekt des Umgangs mit Emotionen der Psalmisten wäre spannend. Du vermutest z.B., dass Gläubige aus solcher "Emotionalität" "Kraft" zum "Überleben" in einer "feindlichen Umwelt" zögen - was eine empirisch testbare These wäre (wenn auch jeder der genannten Begriffe eine Klärung bräuchte - welche Emotionen, was für Kraft, was für eine Umwelt). Andere (gängigere) Thesen verweisen z.B. auf die Verarbeitung der historischen, militärischen Niederlage Israels mit folgender Verschleppung nach Babylon und folgender Glaubenskrise, in der die Psalmen gerade die Hilflosigkeit zum Ausdruck gebracht hätten: die Erkenntnis, dass nicht die eigene Gewalt, sondern allenfalls Gottes Zorn dereinst Unrecht würden sühnen können. Und die Frage, ob, wie und von wem diese Verse heute ausgelegt wären, wäre dann wieder eine interessante, aber andere Frage usw.
Insofern konzidiere ich Dir, dass vielleicht die empirische Erforschung von Religion(en) eine besonders sorgfältige Unterscheidung von intersubjektiver Erkenntnis (Beschreibung) und subjektiver Emotionalität (Bewertung) erfordert. Denn anders macht Religionswissenschaft keinen Sinn. Ich kann nicht abschließend beurteilen, ob das bei Biologen wirklich anders ist - mich ärgert es auf jeden Fall nicht weniger, wenn Leute beim Thema Evolutionstheorie reflexartig mit Sozialdarwinismus, Eugenik, Rassismus und anderen Großthemen "argumentieren", anstatt sich erst einmal verstehend die dem jeweiligen Thema entsprechenden empirischen Befunde und Thesen anzuschauen und "dann" zu bewerten.
Daher einfach noch einmal die Bitte: wenn sich auch unser Wissenschaftsverständnis an diesem Punkt unterscheiden sollte, dann nutze doch einfach die Chance, hier ein anderes auszuprobieren - in dem es eben um spezifische Befunde und überprüfbare Thesen, und weniger um Befindlichkeiten und Totaldiskussionen geht.
Dir also nochmal danke für Deinen Beitrag - und die besten Wünsche für ein schönes Weihnachtsfest!
Michael Blume
Yael (anonym) - 24. Apr, 14:58
Anmerkungen
Also ich bin einigermaßen konsterniert, was ich hier zu lesen bekomme, daher einige stichpunktartigen Klarstellungen:
1. Auserwählt bedeutet im Judentum, von HaSchem auserwählt zu sein, die 613 Mitzwot zu erfüllen. Alle Völker haben das abgelehnt und nur das jüdische Volk hat diese Mitzwot auf sich genommen. Daher bedeutet es nicht, wie zum Beispiel Antisemiten damit hausieren gehen, Juden wären besser oder schlechter.
2. Götzendienst (Awoda Sara): Hier muss man in Betracht ziehen, was Götzendienst zu der Zeit des Talmuds und davor überhaupt bedeutet hat (Stichwort Azteken usw., nämlich hauptsächlich Menschenofer).
Siehe hier:
Der 'fremde Dienst':
Götzendienst - Awodah sarah
Schon die früheste Geschichte Israels beginnt mit der Verurteilung des Götzendienstes und schon Awraham (1) setzt sich mit der Ohnmacht materialisiert-statuierter Gottheit auseinander. Aus Awrahams Erkennen des 'Einen Einzigen G'ttes', der Himmel und Erde erschaffen hat, folgt seine Berufung und damit auch die Verpflichtung Israels zur Arbeit (Awodah) für den 'Einen Einzigen G'tt'.
Viele Rabanim (Torah-Lehrer) sehen im Götzendienst eine 'niedere Neigung des Menschen', welche in der gesamten Menschheit, so auch im jüdischen Volk, ihren Ausdruck findet. Während sich die Völker dem heidnischen Trieb hingeben, versucht Israel beständig sich von diesem Trieb zu befreien. Noch im 15.Jahrhundert (allg. Zeit) eröffnet Josef Karo (Toledo 1488 - Zfath 1575) den Schulhan Arukh mit dem Aufruf zur 'Überwindung des Götzendienstes".
http://www.hagalil.com/judentum/avoda-sara/goetzendienst.htm
Auch wird kein Jude jemals die Thora oder den Tanach ohne Kommentare lesen. Dass auch hier wieder einmal angebliche Zitate des jüdischen Racheg´ttes zitiert werden, kennen wir leider schon zur Genüge. Diese christliche Brille sollte man daher ablegen.
Wäre ich nicht jüdisch würde ich mich schon an Juden wenden, wenn ich Fragen zum Judentum hätte. Eine Religion muss man auch leben, um sie letztendlich beurteilen zu können.
1. Auserwählt bedeutet im Judentum, von HaSchem auserwählt zu sein, die 613 Mitzwot zu erfüllen. Alle Völker haben das abgelehnt und nur das jüdische Volk hat diese Mitzwot auf sich genommen. Daher bedeutet es nicht, wie zum Beispiel Antisemiten damit hausieren gehen, Juden wären besser oder schlechter.
2. Götzendienst (Awoda Sara): Hier muss man in Betracht ziehen, was Götzendienst zu der Zeit des Talmuds und davor überhaupt bedeutet hat (Stichwort Azteken usw., nämlich hauptsächlich Menschenofer).
Siehe hier:
Der 'fremde Dienst':
Götzendienst - Awodah sarah
Schon die früheste Geschichte Israels beginnt mit der Verurteilung des Götzendienstes und schon Awraham (1) setzt sich mit der Ohnmacht materialisiert-statuierter Gottheit auseinander. Aus Awrahams Erkennen des 'Einen Einzigen G'ttes', der Himmel und Erde erschaffen hat, folgt seine Berufung und damit auch die Verpflichtung Israels zur Arbeit (Awodah) für den 'Einen Einzigen G'tt'.
Viele Rabanim (Torah-Lehrer) sehen im Götzendienst eine 'niedere Neigung des Menschen', welche in der gesamten Menschheit, so auch im jüdischen Volk, ihren Ausdruck findet. Während sich die Völker dem heidnischen Trieb hingeben, versucht Israel beständig sich von diesem Trieb zu befreien. Noch im 15.Jahrhundert (allg. Zeit) eröffnet Josef Karo (Toledo 1488 - Zfath 1575) den Schulhan Arukh mit dem Aufruf zur 'Überwindung des Götzendienstes".
http://www.hagalil.com/judentum/avoda-sara/goetzendienst.htm
Auch wird kein Jude jemals die Thora oder den Tanach ohne Kommentare lesen. Dass auch hier wieder einmal angebliche Zitate des jüdischen Racheg´ttes zitiert werden, kennen wir leider schon zur Genüge. Diese christliche Brille sollte man daher ablegen.
Wäre ich nicht jüdisch würde ich mich schon an Juden wenden, wenn ich Fragen zum Judentum hätte. Eine Religion muss man auch leben, um sie letztendlich beurteilen zu können.
blume-religionswissenschaft - 24. Apr, 16:01
@ Yael: Willkommen!
Mensch, schön, dass Du vorbei schaust! Und danke für Deine Anmerkungen. Auch ich schrieb Ingo bereits: "Wenn Du wissen willst, was Juden konkret von dieser oder jener Lehre halten oder ob sie Veränderungen wünschen, musst Du schon Juden selber fragen." Denn das beurteilen und bewerten, auch das schrieb ich, kann beschreibende Wissenschaft an den Angehörigen der jeweiligen Religion nicht vorbei leisten.
Umgekehrt kann dies aber natürlich nicht bedeuten, dass Juden, Christen, Muslime, Hindus o.ä. Wissenschaftlern auch je anderer Konfession untersagen wollen, nach bestem Wissen und Gewissen zu je anderen Religionen zu arbeiten, zu forschen und zu schreiben. Oder würdest Du umgekehrt sagen, dass z.B. ein jüdisch-sephardischer Soziologe nicht über aschkenasische, christliche oder taoistische Gemeinschaften schreiben dürfte? Ein katholischer Politikwissenschaftler nicht über evangelische Gemeinschaften der USA forschen? Und ein Konfessionsloser über gar keine oder nur noch historische Religionen?
Ein Religionswissenschaftler muss schon aus Vergleichsgründen über verschiedenste Religionen arbeiten - wissend und reflektierend, dass es immer auch (ggf. abweichende) Binnenperspektiven und religionskritische Haltungen dazu gibt und dass es auch innerhalb der jeweiligen Religionsgemeinschaften keinerlei unumstrittene Beschreibungen gibt.
Ich weiß nicht, ob Ingo etwa bei der Zitierung der Rachepsalmen eine "christliche Brille" zu attestieren ist - wie viele andere Blogger auch grenzt er sich auch gegen das Christentum und den Monotheismus an sich ab. Ein Großteil der neueren Kritik am Judentum (die inhaltlich meist bekannte Themen aufgreift) zumindest im Web legitimiert sich ausdrücklich religions- und v.a. monotheismuskritisch im Gefolge von Richard Dawkins, siehe z.B. hier:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4407311/
Und gerade auch Dawkins und seine Anhänger würden es entschieden zurück weisen, "christlich bebrillt" zu sein. (-:
Herzliche Grüße!
Michael
Umgekehrt kann dies aber natürlich nicht bedeuten, dass Juden, Christen, Muslime, Hindus o.ä. Wissenschaftlern auch je anderer Konfession untersagen wollen, nach bestem Wissen und Gewissen zu je anderen Religionen zu arbeiten, zu forschen und zu schreiben. Oder würdest Du umgekehrt sagen, dass z.B. ein jüdisch-sephardischer Soziologe nicht über aschkenasische, christliche oder taoistische Gemeinschaften schreiben dürfte? Ein katholischer Politikwissenschaftler nicht über evangelische Gemeinschaften der USA forschen? Und ein Konfessionsloser über gar keine oder nur noch historische Religionen?
Ein Religionswissenschaftler muss schon aus Vergleichsgründen über verschiedenste Religionen arbeiten - wissend und reflektierend, dass es immer auch (ggf. abweichende) Binnenperspektiven und religionskritische Haltungen dazu gibt und dass es auch innerhalb der jeweiligen Religionsgemeinschaften keinerlei unumstrittene Beschreibungen gibt.
Ich weiß nicht, ob Ingo etwa bei der Zitierung der Rachepsalmen eine "christliche Brille" zu attestieren ist - wie viele andere Blogger auch grenzt er sich auch gegen das Christentum und den Monotheismus an sich ab. Ein Großteil der neueren Kritik am Judentum (die inhaltlich meist bekannte Themen aufgreift) zumindest im Web legitimiert sich ausdrücklich religions- und v.a. monotheismuskritisch im Gefolge von Richard Dawkins, siehe z.B. hier:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4407311/
Und gerade auch Dawkins und seine Anhänger würden es entschieden zurück weisen, "christlich bebrillt" zu sein. (-:
Herzliche Grüße!
Michael
ingo_34 - 22. Dez, 00:00
Also nach einigem Überlegen vielleicht noch etwas dichter an den von Dir getätigten Ausführungen. Du schreibst: "Die jüdisch-religiöse Überlieferung schließt besondere, religiöse Aufgaben auch anderer Völker und Religionen keineswegs aus und erkennt die Heilsmöglichkeit von Nichtjuden sogar ausdrücklich an."
In den Noachidischen Geboten steht aber dann "Verbot des Götzendienstes" und der "Gotteslästerung". Wenn nun aber andere Völker und Religionen gerade in solchem "Götzendienst", in solcher "Gotteslästerung" ihre besonderen religiösen Aufgaben sehen? Was dann? Das war die Frage, die sich mir gestellt hatte, und die vielleicht durch Ansprechen allzu emotionaler Themen und Verwendung allzu emotionaler Worte unterging.
In den Noachidischen Geboten steht aber dann "Verbot des Götzendienstes" und der "Gotteslästerung". Wenn nun aber andere Völker und Religionen gerade in solchem "Götzendienst", in solcher "Gotteslästerung" ihre besonderen religiösen Aufgaben sehen? Was dann? Das war die Frage, die sich mir gestellt hatte, und die vielleicht durch Ansprechen allzu emotionaler Themen und Verwendung allzu emotionaler Worte unterging.
blume-religionswissenschaft - 22. Dez, 20:58
Au ja!
Lieber Ingo,
danke für die präzisen Fragen, auf die ich gerne ausführlicher zu antworten versuche. Da das Thema (laut Zugriffszahlen) auch viele weitere Leser zu interessieren scheint, werde ich Anfang kommenden Jahres in einem eigenen Thread alle sieben Noachidischen Gebote und die Fülle an Auslegungen gesondert darzustellen versuchen. Denn nicht nur religionshistorisch sondern auch religionsvergleichend halte ich das schon für ein spannendes Thema.
Aber soviel vorab: bei der Frage der Auslegung des noachidischen Verbots von Götzendienst gibt es innerjüdisch ein ganz breites Spektrum. Sehr strenge Auslegungen lehnen (manchmal mit Ausnahme des Islam als einer sehr strengen und ebenfalls bilderlosen Form des Monotheismus) die meisten religiösen Traditionen tendenziell ab und empfehlen Nichtjuden ein Leben mit einer religiösen Identität als "Kinder Noahs" oder auch "Gottesfürchtige", wie es sie auch zu Zeiten Jesu schon gab (vergleiche z.B. Apostelgeschichte 17,17), die z.B. auch einen eigenen Tempelbezirk hatten. Andere Ausleger verweisen darauf, dass mit Götzendienst eben kein Bilderverbot wie in den Zehn Geboten ausgesprochen sei und dass durchaus auch henotheistische Vorstellungen (wonach mehrere Gottheiten Emanationen des Eingottes sein könnten wie etwa im Hinduismus) oder die Dreieinigkeit auf Gott verweisen, insofern sie Dessen Willen suchen. Tendenziell wird die Frage von Götzendienst zunehmend stärker ethisiert: Gier, Gewalt, Menschenopfer, Zerstörung der Schöpfung o.ä. wiesen damit auf Götzen-, Barmherzigkeit, Friedfertigkeit und die Achtung der (anderen) Noachidischen Gebote auf Gottesdienst. Generell ist aber zu sagen, dass sich ja Juden gerade nicht als Richter anderer Völker verstehen (das ist ja der Witz der Noachidischen Gebote - auch Nichtjuden werden direkt vor Gott gerichtet) und deshalb allenfalls Empfehlungen geben (können), ohne abschließende "Urteile" abgeben zu wollen.
So spielt z.B. gerade das Gebot der "Gotteslästerung" bisweilen eine überraschend öffnende Rolle. Denn die Ausleger weisen darauf hin, dass ja interessanterweise kein Noachidisches Gebot Gottesanbetung oder -glaube zwingend vorschreibt, nur gelästert werden soll Er nicht. Auch ein ethisch handelnder Agnostiker oder Atheist, der den Gottesglauben anderer respektiert, könnte demnach ggf. "Anteil an der kommenden Welt haben".
Nicht weniger interessant ist ein zweiter Gedankengang: da nach Bibel der Mensch "nach Gottes Bild" geformt sei, zeige sich die Wertschätzung oder Lästerung Gottes auch unter Nichtjuden wesentlich im Umgang mit Mitmenschen. Wer Menschen verhöhne, angreife o.ä. "lästere" damit den Schöpfer (nach dessen Bild sie geschaffen sind), wer sie achte und z.B. bedürftigen Menschen helfe, ehre dadurch "Ihn".
Es wäre also nach diesem Verständnis der noachidischen Gebote durchaus möglich, dass ein Frommer, der ständig Gott anbete, aber z.B. andere unterdrücke oder ausbeute, vor Gott nicht bestünde. Hier sind übrigens enge, inhaltliche Parallelen zur Weltgerichtsrede Jesu (Mt 25,31 f.) erkennbar, der ja ausdrücklich das Gericht über alle Völker anspricht, aber weder von einer Frömmigkeits- noch Katechismusprüfung ausgeht, sondern predigt, dass nach dem Verhalten zu den Mitmenschen gefragt werde ("Was Ihr den Geringsten unter ihnen getan habt, habt Ihr mir [dem Richter] getan."). Zur Nur-wir-werden-gerettet-Lehre mancher Christen passt das m.E. sehr viel weniger als zum klassischen Verständnis der Noachidischen Gebote.
Übrigens ist das, was wir beide gerade taten, auch nach streng-orthodoxer Auslegung durchaus verdienstvoll: denn da sich die Noachidischen Gebote an Nichtjuden richten, sind sie aufgerufen, sich selbst und eigenständig mit ihnen auseinander zu setzen. Insofern war Deine Frage nicht nur wissenschaftlich ein Treffer! (-;
Ernsthaft, danke für die Frage - das ist wirklich ein Thema, das ich dann mal gerne ausführlicher aufgreife. Denn mich betrübt auch immer wieder, dass die Noachidischen Gebote z.B. weder im Allgemeinwissen noch in der christlichen Theologie präsent sind. Immerhin widerlegen sie seit Jahrtausenden die irrige Vorstellung, jede Religion müsse heilsexklusiv sein - und legen pikanterweise nahe, dass auch Jesus selbst das so nie geglaubt haben dürfte. Sein Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das Lob auf die römische Religiosität des Hauptmanns von Kafernaum oder auch noch der Beschluss des biblischen Apostelkonzils zur Aufnahme nichtjüdischer Christen lesen sich vor dem Hintergrund der Noachidischen Gebote m.E. sehr viel schlüssiger. Könnte sein, dass hier den Kirchen Wurzel-Wissen lange abhanden gekommen war.
Dir nochmal danke für Fragen und Anregung - und gesegnete Weihnachten!
Michael
danke für die präzisen Fragen, auf die ich gerne ausführlicher zu antworten versuche. Da das Thema (laut Zugriffszahlen) auch viele weitere Leser zu interessieren scheint, werde ich Anfang kommenden Jahres in einem eigenen Thread alle sieben Noachidischen Gebote und die Fülle an Auslegungen gesondert darzustellen versuchen. Denn nicht nur religionshistorisch sondern auch religionsvergleichend halte ich das schon für ein spannendes Thema.
Aber soviel vorab: bei der Frage der Auslegung des noachidischen Verbots von Götzendienst gibt es innerjüdisch ein ganz breites Spektrum. Sehr strenge Auslegungen lehnen (manchmal mit Ausnahme des Islam als einer sehr strengen und ebenfalls bilderlosen Form des Monotheismus) die meisten religiösen Traditionen tendenziell ab und empfehlen Nichtjuden ein Leben mit einer religiösen Identität als "Kinder Noahs" oder auch "Gottesfürchtige", wie es sie auch zu Zeiten Jesu schon gab (vergleiche z.B. Apostelgeschichte 17,17), die z.B. auch einen eigenen Tempelbezirk hatten. Andere Ausleger verweisen darauf, dass mit Götzendienst eben kein Bilderverbot wie in den Zehn Geboten ausgesprochen sei und dass durchaus auch henotheistische Vorstellungen (wonach mehrere Gottheiten Emanationen des Eingottes sein könnten wie etwa im Hinduismus) oder die Dreieinigkeit auf Gott verweisen, insofern sie Dessen Willen suchen. Tendenziell wird die Frage von Götzendienst zunehmend stärker ethisiert: Gier, Gewalt, Menschenopfer, Zerstörung der Schöpfung o.ä. wiesen damit auf Götzen-, Barmherzigkeit, Friedfertigkeit und die Achtung der (anderen) Noachidischen Gebote auf Gottesdienst. Generell ist aber zu sagen, dass sich ja Juden gerade nicht als Richter anderer Völker verstehen (das ist ja der Witz der Noachidischen Gebote - auch Nichtjuden werden direkt vor Gott gerichtet) und deshalb allenfalls Empfehlungen geben (können), ohne abschließende "Urteile" abgeben zu wollen.
So spielt z.B. gerade das Gebot der "Gotteslästerung" bisweilen eine überraschend öffnende Rolle. Denn die Ausleger weisen darauf hin, dass ja interessanterweise kein Noachidisches Gebot Gottesanbetung oder -glaube zwingend vorschreibt, nur gelästert werden soll Er nicht. Auch ein ethisch handelnder Agnostiker oder Atheist, der den Gottesglauben anderer respektiert, könnte demnach ggf. "Anteil an der kommenden Welt haben".
Nicht weniger interessant ist ein zweiter Gedankengang: da nach Bibel der Mensch "nach Gottes Bild" geformt sei, zeige sich die Wertschätzung oder Lästerung Gottes auch unter Nichtjuden wesentlich im Umgang mit Mitmenschen. Wer Menschen verhöhne, angreife o.ä. "lästere" damit den Schöpfer (nach dessen Bild sie geschaffen sind), wer sie achte und z.B. bedürftigen Menschen helfe, ehre dadurch "Ihn".
Es wäre also nach diesem Verständnis der noachidischen Gebote durchaus möglich, dass ein Frommer, der ständig Gott anbete, aber z.B. andere unterdrücke oder ausbeute, vor Gott nicht bestünde. Hier sind übrigens enge, inhaltliche Parallelen zur Weltgerichtsrede Jesu (Mt 25,31 f.) erkennbar, der ja ausdrücklich das Gericht über alle Völker anspricht, aber weder von einer Frömmigkeits- noch Katechismusprüfung ausgeht, sondern predigt, dass nach dem Verhalten zu den Mitmenschen gefragt werde ("Was Ihr den Geringsten unter ihnen getan habt, habt Ihr mir [dem Richter] getan."). Zur Nur-wir-werden-gerettet-Lehre mancher Christen passt das m.E. sehr viel weniger als zum klassischen Verständnis der Noachidischen Gebote.
Übrigens ist das, was wir beide gerade taten, auch nach streng-orthodoxer Auslegung durchaus verdienstvoll: denn da sich die Noachidischen Gebote an Nichtjuden richten, sind sie aufgerufen, sich selbst und eigenständig mit ihnen auseinander zu setzen. Insofern war Deine Frage nicht nur wissenschaftlich ein Treffer! (-;
Ernsthaft, danke für die Frage - das ist wirklich ein Thema, das ich dann mal gerne ausführlicher aufgreife. Denn mich betrübt auch immer wieder, dass die Noachidischen Gebote z.B. weder im Allgemeinwissen noch in der christlichen Theologie präsent sind. Immerhin widerlegen sie seit Jahrtausenden die irrige Vorstellung, jede Religion müsse heilsexklusiv sein - und legen pikanterweise nahe, dass auch Jesus selbst das so nie geglaubt haben dürfte. Sein Gleichnis vom barmherzigen Samariter, das Lob auf die römische Religiosität des Hauptmanns von Kafernaum oder auch noch der Beschluss des biblischen Apostelkonzils zur Aufnahme nichtjüdischer Christen lesen sich vor dem Hintergrund der Noachidischen Gebote m.E. sehr viel schlüssiger. Könnte sein, dass hier den Kirchen Wurzel-Wissen lange abhanden gekommen war.
Dir nochmal danke für Fragen und Anregung - und gesegnete Weihnachten!
Michael
ingo_34 - 23. Dez, 17:12
Dann zunächst einmal nur noch so viel - und auf die Gefahr hin, vielleicht zu spitzfindig zu erscheinen: Wenn ich Deine Ausführungen richtig verstehe, wäre es richtiger gewesen, wenn Du statt:
"DIE jüdisch-religiöse Überlieferung etc. "
gesagt hättest:
Es gibt Strömungen, die die jüdisch-religiöse Überlieferung so und es gibt Strömungen, die sie so interpretieren.
"DIE jüdisch-religiöse Überlieferung etc. "
gesagt hättest:
Es gibt Strömungen, die die jüdisch-religiöse Überlieferung so und es gibt Strömungen, die sie so interpretieren.
blume-religionswissenschaft - 22. Apr, 10:14
Selbstverständlich...
...ist das so. Genau genommen hätte ich also schreiben müssen "Mehrheitsmeinungen innerhalb der jüdischen Überlieferungen", hoffte aber, dass das auch so klar war. Aber ein Hinweis schadet ja nicht. (-:
Yael (anonym) - 24. Apr, 19:40
Ich weiß jetzt nicht wo ich antworten soll.
Natürlich kann man als Atheist usw. über das Judentum sich informieren oder es versuchen zu beurteilen, aber das geht eben nur begrenzt, weil das Judentum keine Glaubensreligion ist, sondern eine Gesetzesreligion ist, d.h. man lebt es konkret mit anderen Juden, allein ist das nicht möglich und erst in der Gemeinschaft kann man verstehen und konkret erleben, was es heißt Jüdisch zu sein. Von außerhalb bekommt man naturgemäß zuwenig mit, das gilt auch für den Islam.
Was Dawkins betrifft kenne ich dessen Thesen nur oberflächlig, aber wenn ich schon jüdische Lobby lese, schrillen bei mir schon die Alarmglocken. Mit solchen unseriösen Gebrappel, einfach mal gegen Religionen polemisch vorgehen, dann noch angeblich wissenschaftlich erarbeitet, gebe ich mich persönlich nicht ab. Kann ich beweisen, dass es G´tt gibt? Nein, genausowenig wie dieser Herr das Gegenteil beweisen kann.
Natürlich kann man als Atheist usw. über das Judentum sich informieren oder es versuchen zu beurteilen, aber das geht eben nur begrenzt, weil das Judentum keine Glaubensreligion ist, sondern eine Gesetzesreligion ist, d.h. man lebt es konkret mit anderen Juden, allein ist das nicht möglich und erst in der Gemeinschaft kann man verstehen und konkret erleben, was es heißt Jüdisch zu sein. Von außerhalb bekommt man naturgemäß zuwenig mit, das gilt auch für den Islam.
Was Dawkins betrifft kenne ich dessen Thesen nur oberflächlig, aber wenn ich schon jüdische Lobby lese, schrillen bei mir schon die Alarmglocken. Mit solchen unseriösen Gebrappel, einfach mal gegen Religionen polemisch vorgehen, dann noch angeblich wissenschaftlich erarbeitet, gebe ich mich persönlich nicht ab. Kann ich beweisen, dass es G´tt gibt? Nein, genausowenig wie dieser Herr das Gegenteil beweisen kann.
blume-religionswissenschaft - 24. Apr, 20:06
Kein Widerspruch dazu...
...und von mir wirst Du im übrigen auch nie den Anspruch lesen, das Judentum (oder überhaupt irgendeine Weltreligion) unbegrenzt und fehlerlos verstehen und beschreiben zu können. Schon deswegen werde ich immer dafür eintreten, ggf. auch Angehörige der jeweiligen Religion selbst zu befragen (zumal lebendige Religionen stets in Bewegung, nie abgeschlossene Systeme sind). Die Bemühungen, im Rahmen meiner begrenzten Fähigkeiten doch (für Kritik, Anregungen und Ergänzungen stets offen!) zu informieren, geht aber hoffentlich in Ordnung - und lasse ich mir auch nicht nehmen.
Dawkins sehe ich ebenfalls sehr skeptisch - und zwar nicht vor allem wegen seiner religionskritischen Haltung, noch nicht einmal wegen seiner (verkaufstechnisch genial eingesetzten) Begabung zur Polemik (die er fair auf alle monotheistischen Weltreligionen verteilt), sondern vor allem, weil seine Thesen (z.B. die Mem-Theorien) weder klar definiert noch empirisch haltbar sind. Wenn man da empirisch oder religionshistorisch dran piekt, geht die Luft raus. Dennoch verehrt ihn eine ergebene Anhängerschaft, die gerade das Religionen-Bashing und die quasi-wissenschaftliche Erklärung dazu an ihm schätzt.
Dagegen ist z.B. David Sloan Wilson ebenso Atheist, seine biologische Religionstheorie ist empirisch und historisch viel ergiebiger - aber (wohl gerade aufgrund fehlenden Polemik-Potentials!) auch viel unbekannter:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4671173/
Und das halte ich schon für interessante Phänomene und versuche dabei, wie Du siehst, im Verlauf der Diskussionen wenigstens die gröbsten, antireligiösen Vorurteile etwas aufzuarbeiten. Denn einige Leute da draußen interessieren sich wirklich und entwickeln sich mit zunehmend differenzierter Kenntnis auch weiter. Hilfe ist da stets hochwillkommen und gerne kannst Du auch informierende Beiträge von Dir hier verlinken!
Dawkins sehe ich ebenfalls sehr skeptisch - und zwar nicht vor allem wegen seiner religionskritischen Haltung, noch nicht einmal wegen seiner (verkaufstechnisch genial eingesetzten) Begabung zur Polemik (die er fair auf alle monotheistischen Weltreligionen verteilt), sondern vor allem, weil seine Thesen (z.B. die Mem-Theorien) weder klar definiert noch empirisch haltbar sind. Wenn man da empirisch oder religionshistorisch dran piekt, geht die Luft raus. Dennoch verehrt ihn eine ergebene Anhängerschaft, die gerade das Religionen-Bashing und die quasi-wissenschaftliche Erklärung dazu an ihm schätzt.
Dagegen ist z.B. David Sloan Wilson ebenso Atheist, seine biologische Religionstheorie ist empirisch und historisch viel ergiebiger - aber (wohl gerade aufgrund fehlenden Polemik-Potentials!) auch viel unbekannter:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4671173/
Und das halte ich schon für interessante Phänomene und versuche dabei, wie Du siehst, im Verlauf der Diskussionen wenigstens die gröbsten, antireligiösen Vorurteile etwas aufzuarbeiten. Denn einige Leute da draußen interessieren sich wirklich und entwickeln sich mit zunehmend differenzierter Kenntnis auch weiter. Hilfe ist da stets hochwillkommen und gerne kannst Du auch informierende Beiträge von Dir hier verlinken!
Edgar (anonym) - 2. Nov, 15:50
Noachidische Gebote in den USA
Die sieben Noachidischen Gebote wurden übrigens bereits 1991 vom Kongreß der USA erwähnt und als ihr Fundament (bedrock) bezeichnet:
"Whereas Congress recognizes the historical tradition of ethical values and principles which are the basis of civilized society and upon which our great Nation was founded; Whereas these ethical values and principles have been the bedrock of society from the dawn of civilization, when they were known as the Seven Noahide Laws."
http://thomas.loc.gov/cgi-bin/query/z?c102:H.J.RES.104.ENR:
via:
http://en.wikipedia.org/wiki/Noahide_Laws#United_States_Congress
"Whereas Congress recognizes the historical tradition of ethical values and principles which are the basis of civilized society and upon which our great Nation was founded; Whereas these ethical values and principles have been the bedrock of society from the dawn of civilization, when they were known as the Seven Noahide Laws."
http://thomas.loc.gov/cgi-bin/query/z?c102:H.J.RES.104.ENR:
via:
http://en.wikipedia.org/wiki/Noahide_Laws#United_States_Congress
blume-religionswissenschaft - 2. Nov, 21:36
Wow, danke...
...spannender Fund, Edgar! Ein parlamentarisches Lob auf die sieben Noachidischen Gebote und Rabbi Menachem Mendel Schneerson, den langjährigen Leiter der Lubawitscher Bewegung - das ist schon ein spannender Fund zwischen Religion(en) und Politik! Da werde ich in Zukunft sicher nochmal näher darauf eingehen.
(Anm.: Leider hat bei mir der Link nicht funktioniert, aber über Wikipedia ging es.)
Mit dankenden Grüßen
Michael
(Anm.: Leider hat bei mir der Link nicht funktioniert, aber über Wikipedia ging es.)
Mit dankenden Grüßen
Michael




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