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Montag, 3. Dezember 2007

Religion & prosoziales bzw. altruistisches Verhalten: Ein psychologisches Experiment aus Kanada

Ebenfalls einer der jüngeren Forscher im Forschernetzwerk der Evolutionary Religious Studies ist Prof. Ara Norenzayan, Evolutionspsychologe an der University of British Columbia in Vancouver, Kanada.

In einem neueren, spannenden Experiment ließen Norenzayan und Azim Shariff Probanden das "Diktator-Spiel" spielen: sie erhielten 10 Dollar mit dem Hinweis, per Glück zur Gebergruppe gezählt worden zu sein und frei entscheiden zu können, ob und wieviel Dollar sie einem anderen (ihnen unbekannten) Probanden abgeben würden, der per Pech in die Nehmergruppe gefallen war. "Diktatorspiel" wird dieses Setting genannt, weil hier eine einseitig "diktierende" Gelegenheit besteht und tatsächlich entscheiden sich regelmäßig viele Probanden, aber eben nicht alle, den kompletten Betrag für sich zu behalten.

Religiöses und zivilreligiöses "Priming" beeinflusst das Spielverhalten

Der Clou an dem Experiment: Norenzayan und Shariff teilten die Probanden in drei Gruppen auf, die vor Spielbeginn als Teil der Startprozedur je einige Worträtsel zu lösen hatten. Eine Gruppe erhielt lediglich neutrale Wortbedeutungen, einer zweiten Gruppe waren säkulare Begriffe wie "Gerechtigkeit", "Vertrag" und "Gericht" beigefügt und die dritte Gruppe wurde mit Begriffen wie "Gott", "heilig" und "Prophet" konfrontiert (sog. "geprimet").

Die Ergebnisse fielen erstaunlich deutlich aus: die nur "neutral" geeichten Probanden gaben durchschnittlich 2,6 Dollar ab, zehn (von 25) gaben gar nichts. Die säkular-zivilreligiös geeichten Probanden teilten durchschnittlich 4,4 Dollar aus, nur vier (von 25) gaben nichts. Und jene, die religiös geeicht worden waren, gaben sogar im Durchschnitt 4,6 Dollar, nur drei (von 25) behielten alles.

Wurden Probanden mit säkular-zivilreligiösen oder gar explizit religiösen Begriffen konfrontiert, handelten sie in spieltheoretischen "Diktator"-Settings altruistischer als jene, die zuvor nur mit neutralen Wortaufgaben konfrontiert worden waren.

Dabei zeigte sich auch eine schwache Korrelation zur religiösen Selbstaussage: wer sich selbst als religiös betrachtet hatte, reagierte nach religiösem Priming etwas freigiebiger, aber auch auf Atheisten hatten sowohl die zivilreligiösen wie religiösen Begriffe offensichtlich einigen Effekt.

Zumal dieser Befund bereits mit früheren Experimenten korrespondierte, nach denen Probanden, die sich (etwa durch gemalte Augen) "beobachtet" fühlten, altruistischer handelten, stärkt auch dieser Befund die These, dass religiöse Vergemeinschaftung, Mythologien, Rituale etc. zur Stärkung der Solidarität schon in den Wildbeutergruppen unserer Vorfahren beigetragen haben. Der lesenswerte Artikel, erschienen in der Psychological Science 18/9 (2007) unter dem Titel "God Is Watching You - Priming God Concepts Increases Prosocial Behavior in an Anonymous Economic Game" ist hier als pdf-Download abrufbar.

Viel Spass!

Trackback URL:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4501605/modTrackback

ingo_34 - 3. Dez, 08:34

nur weiter so

Hallo Michael,

vielen Dank für diesen wunderbaren Beitrag. Ist doch erstaunlich, wie LEICHT man offensichtlich Menschen zu Altruisten machen kann. Einfach ein paar äußere Signale richtig einstellen ...

Wenn man sich also über zu viel Egoismus und strukturelle Rücksichtslosigkeit in einer Gesellschaft aufregt, sollte man sich einfach mal fragen, welche kulturellen Signale in dieser Gesellschaft in Bezug auf Altruismus gegeben werden.

Manche Dinge sind soooooo simpel.

Es stellt sich natürlich jetzt die Frage: Wenn also ganz klar ist, daß 1. religiöser Bezug im kulturellen Setting die Neigung zu Altruismus deutlich erhöht, wenn 2. eine solche Erhöhung einer Mehrheit von Menschen wünschenswert erscheint, dann wäre doch 3. zu fragen: Gibt es noch GLAUBWÜRDIGE religiöse Bezüge im kulturellen Setting von heute, die einer allgemeinen Erhöhung der Altruismus-Bereitschaft in der Gesellschaft (bspw. auch gegenüber der Umwelt, dem Klima etc.) beitragen würden?

Auch Edward O. Wilson arbeitet ja daran, wenn er religiöse Menschen anspricht, um die Artenvielfalt auf der Erde zu retten, weil er sieht, daß Altruismus gegenüber der Umwelt erhöht wird, wenn religiöse Bezüge vorhanden sind.

Und ebenso scheint mir Peter Sloterdijk in seinem neuen Buch "Gottes Eifer" daran zu arbeiten, was ich aber nur ganz vorläufig behaupte, da ich es noch nicht gelesen habe.

Ich möchte behaupten: Gesellschaften mit einer größeren religiösen Grundstimmung, die nicht dazu verleiten, bösartig gegenüber "Andersartigen", Andersgläubigen zu werden, sind Gesellschaften, in denen Menschen einfach auch GLÜCKLICHER sind.

Denn in Gesellschaften, in denen fortlaufend eine so hohe Egoismus-Rate vorherrscht, reichert sich das Mürrische an, jeder ärgert sich über jeden, echte, reine Freude am Gutsein geht völlig abhanden, überall nur noch Mißtrauen und - letztlich - Feindschaft.

Naja!

Nur weiter so: "Religionswissenschaft aus Freude"!!!!

Danke, Ingo...

...für das schöne Feedback. Und witzigerweise habe ich gerade den Computer hochgefahren, um ein Zitat zum Zusammenhang von Religion & Glückserfahrung einzuspeisen, das dann am 6.Dezember, Nikolaustag, hier erscheinen soll. Es ist von einem Psychologen und Wirtschaftsnobelpreisträger und Deinem Posting nach müsste es Dir gefallen! (-;

Alles Liebe

Michael

Dr. Blume

Religionswissenschaft aus Freude
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