Mittwoch, 28. November 2007

Religionswissenschaft & Neue Medien - Zum Beispiel Daniel Böttger

Auf das zweite Seminar am religionswissenschaftlichen Institut der Universität Leipzig ("Angewandte Religionswissenschaft II") freue ich mich bereits sehr - denn schon beim ersten Seminar war mir das sehr hohe Niveau der Studierenden aufgefallen. Ein wichtiger Faktor ist einerseits das kleine, aber engagiert-hochkarätige Lehrteam. Daneben schien mir auch ein Faktor zu sein, dass Religionswissenschaft und überhaupt die Befassung mit Religion von den Studierenden in Leipzig zwischen einem noch eher religionsfernen Mainstream und kleinen, aber oft besonders identitätsbewussten Kirchen und Religionsgemeinschaften bis in den Alltag hinein sehr viel häufiger begründet werden muss und daher nicht selten bewusster erfolgte. Häufiger steht da ein echtes Erkenntnis- und Gestaltungsinteresse im Vordergrund, seltener hatten Studierende "irgendwas" studieren wollen und sich "halt schon immer irgendwie für Religion" interessiert.

Entsprechend kreativ und hochkarätig fielen die Beiträge im ersten Seminar aus, so dass ich dieses Semester den Themen- und Anwendungsbereich über Politik und Verwaltung ausdrücklich auch auf öffentliche Präsentationsformen, Film und neue Medien erweitern will. Denn schließlich schöpfen gute Filme, aber auch populäre Bücher, Spiele etc. weltweit aus religiösen Mythen - und gute Religionswissenschaftler könnten nicht nur als Redenschreiber, Berater, Integrations- bzw. Dialogbeauftragte und Konfliktmoderatoren, sondern stärker noch auch als (Drehbuch- et al.)Autoren, Film- und Kommunikationsfachleute, Produzenten neuer Medien sowie Lektoren und Gutachter reüssieren.

Zum Beispiel: Das Matrix Tarot

Und noch bevor das Seminar überhaupt begonnen hat, hat Daniel Böttger bereits ein erstes Highlight gesetzt. Auch er hat an der religiösen Grundierung des Kinofilms "Matrix" gearbeitet und eine neue und originelle These präsentiert: die Drehbuchautoren könnten sich (auch) von einer bekannten Tarotkartenfolge (der "Fools Journey", "Reise des Narren") inspiriert haben lassen. Und diese These ist buchstäblich "in den Raum gestellt": Daniel Böttger, der derzeit auch u.a. ein eigenes Seminar über Wikipedia anbietet, hat seine These als YouTube-Video und eine eigene Page in Englisch online gestellt. Sehen Sie selbst:



Das Evolution-Religion-Teaser-Video ist also keine Eintagsfliege geblieben, wir Religionswissenschaftler erobern jetzt sukzessive die neuen Medien! (-;

Im Ernst: es ist außerordentlich ermutigend zu sehen, welche Kreativität und Vielfalt an Interessen in unserem Fach schlummert. Schon jetzt freue ich mich daher sehr auf die Einführungsveranstaltung am 7.12., 13 bis 15 Uhr und das Blockseminar dann am 11. und 12.01.2008.

Ohne zuviel zu verraten: wir dürfen gespannt sein, inhaltlich und medial Neues unter anderem über Religion und Demografie im Deutschen Bundestag (Dirk Schuster et al.) bis hin zur öffentlichen Debatte um UFO-Glauben (Martin Bramert et al.) zu erfahren! Die Leipziger Studierenden beweisen es: Religionswissenschaft kann bunt, fachlich und auch medial interessant sein und mutig Neuland erschließen.

Trackback URL:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4488800/modTrackback

anonymus (Gast) - 30. Dez, 22:25

Was Herr Dr. Böttger anhand der Matrix-Trilogie nachweist, zeigt jeder x-beliebige (Science-Fiction- und Fantasy-) Film (z.B. Herr der Ringe) auf. Hier ist zum einen die Frage, was das Originelle an diesem Vergleich ist und zum anderen, was hier den religionswissenschaftlichen und systematischen Mehrwert darstellt. Die Verbindung religionswissenschaftlicher und medienwissenschaftlicher Ansätze kann sehr fruchtbar sein, doch sollte ein solcher Vergleich systemtisch durchgeführt werden. Gerade bei den Matrix-Filmen liegen die Bezüge zur jüdisch-christlichen Traditionen und Esoterik, auch für den belesenen Laien erkenntlich, auf der Hand und wurden schon an anderer Stellen diskutiert. Es liegt wohl auch in der Natur der Tarot-Karten sie mit der (Phantasie-) Welt vergleichen zu können. Eine theoretische Unterfütterung wäre daher sehr wünschenswert. Nicht überall wo Religionswissenschaft draufsteht, ist wohl auch Religionswissenschaft drin.

Klar...

Lieber Anonymus,

danke für dass Feedback. Daniel Böttger ist derzeit noch (gerade magistierender) Student und wie geschrieben handelt es sich bei der Tarot-Matrix-Hypothese vor allem um eine Seminarübung, um einerseits den Umgang mit neuen Medien einzuüben, aber auch den Blick für die Verarbeitung mythologischer Themen in Filmen zu schärfen. (Für etablierte Beispiele siehe z.B. hier
http://religionswissenschaft.twoday.net/topics/Kult-Filme/ )

Klar: Als Prüfungs- oder gar Abschlussarbeit wären auf jeden Fall vertiefende Recherchen beispielsweise zur Drehbuchentstehung, ggf. Nachfragen bei den Produzenten u.ä. nötig gewesen. Aber hier handelt es sich lediglich um die Präsentation einer frischen Hypothese und die einübende Demonstration kommunikativer und medialer Fähigkeiten. Und eine Menge Seminare würden davon profitieren, wenn Studierende öfter so kreativ und auch unerschrocken an Themen herangehen würden, wie es Daniel Böttger tat. Um ein anderes Beispiel zu wählen: ich lasse auch immer wieder Studierende populärwissenschaftliche Artikel üben. Auch die bilden keine originär religionswissenschaftlichen Forschungsbeiträge, sind aber m.E. wichtig, um Studierenden die Kommunikation außerhalb des Faches einüben zu lassen, berufliche Chancen zu eröffnen und Aspekte unseres Faches auch in die öffentliche Wahrnehmung zu bringen.

Dass einerseits z.B. Matrix-Fanseiten Daniels Clip auf ihre Seiten genommen haben, andererseits auch Sie als "Anonymus" den berechtigten Ruf nach vertiefender Religionswissenschaft äußerten spricht m.E. dafür, dass der Kurs insgesamt stimmt.

Ihnen von Herzen alles Gute, einen guten Rosch und ein erfreuliches Jahr 2008!

Michael Blume
Daniel Böttger (Gast) - 5. Jan, 01:38

Es scheint mir unrichtig, dass sich die selben Parallelen in anderen Filmen finden ließen - wenigstens nicht im selben Grad. Ähnlichkeiten sind immer graduell und ihr Vorhandensein nicht ohne weiteres signifikant, diese grundsätzliche Schwäche der vergleichenden Methode macht sie für die Religionswissenschaft nicht untauglich.

Ich habe in der Ausarbeitung der Hypothese durchaus andere Drehbücher mit der "Reise des Narren" verglichen, insbesondere auch eine veröffentlichte frühere Version des Drehbuches von "The Matrix" - die Ähnlichkeiten, obwohl notwendigerweise stets ebenso vorhanden wie sich alle Filme irgendwie ähneln, sind wesentlich schwächer. Außerdem habe ich Kommentare der Regisseure zu ihrem Film studiert, aus denen beispielsweise der Hinweis stammt, dass in der Szene mit der Frau mit dem roten Kleid alle Statisten Zwillinge oder Doubles sind und dadurch Neos Alleinsein betont wird: ohne diesen Hinweis wäre die Parallele mit der Karte "Der Eremit" gar nicht zu finden gewesen. Die vorhandenen Arbeiten zu esoterische Bezüge in dem Film, etwa von Flannery-Dailey und Wagner, habe ich selbstverständlich rezipiert und wie Sie leicht nachprüfen können, haben diese zwar zahlreiche andere der vielen Referenzen aufgezeigt, nicht aber die Parallele zur "Reise des Narren". Diese und ähnliche Feinheiten in der Erarbeitung der Hypothese lassen sich notwendigerweise in einem so kurzen Clip nicht unterbringen, zumal dann nicht, wenn er sich nicht an ein Fachpublikum richtet.

Ihrer Erwartung daran, was Religionswissenschaft sei, könnte ich vielleicht mit einem schriftlichen Artikel besser entsprechen. Sie haben allerdings Recht, dass ich es nicht getan habe - weil es (wie Herr Blume schon sagte) nicht die Aufgabe des Seminars war. Offen gestanden halte ich meine Hypothese auch für im Fachkontext vergleichsweise belanglos. Ein unbeteiligtes Publikum lässt sich damit aber allemal besser ansprechen als, sagen wir, mit einem Vergleich der Begriffe des "Heiligen" bei Otto und des "sacré" bei Durkheim. Oder?

(Nein, ich habe die Regisseure/Drehbuchschreiber nicht gefragt, ob die Parallele Absicht ist - ich habe es versucht, sie aber nicht kontaktieren können. Ich schätze, wenn es eine Möglichkeit gibt, sie auf diese Frage aufmerksam machen zu können, dann indem man sie öffentlich stellt und darüber redet. In diesem Sinne danke für Ihre Hilfe!)

Dass auch...

...eine bewusst nur online präsentierte Hypothese seriöse Diskussionen und Forderungen nach Vertiefung auslösen kann, ist m.E. ein sehr gutes Kompliment an die Arbeit! Ich würde mir wünschen, dass es uns gelänge, dass mehr Seminararbeiten ein solches Echo fänden!

PS: Stand heute ist das Video schon 580-mal abgerufen worden und hat auch bereits einige internationale Pro und Contras hervorgebracht. Kompliment! (-:

Dr. Blume

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