Montag, 26. November 2007

Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung

Im Jahr 2000 wurde aus Stiftungsmitteln das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung ins Leben gerufen, um Öffentlichkeit und Politik über Aspekte des demografischen Wandels zu informieren. Und innerhalb weniger Jahre hat sich das Institut zu einem echten Glücksfall für unser Land entwickelt, wichtige politische Debatten angestossen, müde Bereiche der Wissenschaft auf Trab gebracht und einige seiner spannendsten Arbeiten auch online verfügbar gemacht. Auch in meinem Forschungen, Vorträgen und Blogtexten hatte ich verschiedentlich (natürlich stets mit Quellenangabe) aus den Berliner Schätzen geschöpft und habe vor, dies noch zu vertiefen.

Neben dem Geschäftsführer Dr. Rainer Klingholz sind mir dabei immer wieder besonders die Arbeiten von Steffen Kröhnert (derzeit promovierend) ins Auge gefallen - sicher ein Name, den man sich schon mal merken sollte!

Wie verhalten sich Demografie und die Häufigkeit von Konflikten zueinander? Steffen Kröhnert vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat hierzu eine absolut lesenswerte Studie auf Basis guter Datensamples erstellt.

Lesetips

Eine absolute Pflichtlektüre zum Zusammenhang von Demografie und Gewalt (die sog. Youth-Bulge-Theorie, die in Deutschland vor allem von Gunnar Heinsohn popularisiert wurde) ist...

Warum entstehen Kriege? (pdf)

Ein frühes, durch Daten gestütztes Plädoyer für eine moderne Familienpolitik:

Emanzipation oder Kindergeld? Der europäische Vergleich lehrt... (pdf)

Es sieht aus, als ginge es in der folgenden Studie "nur" um geburtenfördernde Medizin. Doch weit gefehlt: hier finden Sie reiches, zitierfähiges Material zu Kinderwünschen und dem Umstand, dass Entscheidungen für oder gegen Kinder unter ökonomischen Rahmenbedingungen getroffen werden:

Ungewollt kinderlos (pdf)

Und kaum hatte ich über die Rede von Angela Merkel zu Technologie, Talenten und Toleranz an der Hochschule für jüdische Studien Heidelberg geschrieben, wurde ich schon darauf aufmerksam gemacht, dass auch zur TTT-Theorie Richard Floridas das Berlin-Institut bereits eine spannende Studie vorgelegt hat:

Talente, Technologie und Toleranz - wo Deutschland Zukunft hat (pdf)

Mein Fazit...

...die Homepage des Berlin-Instituts ist für an Wissenschaft und insbesondere Demografie interessierte Menschen ein absolutes Muss. Dass sich endlich auch in Deutschland Think-Tanks dieser Qualität bilden, die ihr Wissen noch dazu online zur Verfügung stellen, empfinde ich als außerordentlich ermutigend und wegweisend. Wetten, dass Sie kein Download einer der obengenannten Studien bedauern werden? Viel Spass! (-:

Trackback URL:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4480194/modTrackback

Fischer (anonym) - 26. Nov, 00:26

So, die Lesetipps hab ich mir runtergezogen.
Jetzt muss ich nur noch irgendwo Zeit zum Lesen herbekommen...

Bernd (anonym) - 26. Nov, 06:36

Es gibt jedoch auch ...

... Stimmen, die die Arbeit des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung kritisch bewerten. (Disclaimer: Ich weiß nicht, wer "richtig" liegt. Ich werde nur bei dem Wort "Think-Tank" hellhörig :-)

Kritik ist...

...in der Wissenschaft immer geboten! Es wäre schlimm, wenn es keine gebe - und bei dem Erfolg des Instituts im übrigen seltsam, wenn keiner Contra geben würde!

Also danke für die Hinweise, so kann sich jeder ein Bild machen.

Herzliche Grüße

Michael

Hab mir...

...die kritischen Seiten jetzt angeschaut.

Also, einmal hat das Berlin-Institut mit der Übernahme der Annahme von der "weltweit niedrigsten Geburtenrate" schlicht einen Mediencoup gelandet, aber einen wissenschaftlichen Fehler gemacht - Deutschland hat eine niedrige, keinesfalls aber die niedrigste Geburtenrate. Gut, dass so etwas dann auch aufgedeckt und diskutiert wird, das erhöht die Qualitätsstandards. Andererseits kenne ich niemanden im Wissenschaftsbetrieb, der noch nie einen Fehler gemacht hätte - und gerade wenn man in die Öffentlichkeit geht, steigern sich natürlich die Risiken, weil man nichts mehr "unauffällig" korrigieren kann.

Der zweite Beitrag greift den Umstand an, dass die Kinderlosen-Studie von einer Biotech-Firma gesponsert wurde; was das Berlin-Institut aber in der Präsentation und im Text der Studie selbst immer transparent gemacht hat. Die Daten werden auch nicht kritisiert und keine Verzerrung aufgedeckt, zudem wird eingeräumt, dass die Demoskopie von Allensbach erledigt wurde. Hier wird also nur moniert, dass "private Geldgeber" und eben eine Firma Geld gegeben hätten. Meine Gegenfrage: wenn es z.B. ein Bundesministerium, eine Bank, Einzelperson oder Partei gewesen wäre - hätte dies dann nicht ebenfalls ein Grund für Kritik sein können? Hier ist meine Meinung ganz eindeutig: es ist gut und wichtig, dass in Deutschland verschiedenste Auftraggeber für Wissenschaft und Forschung auftreten, solange diese dann auch (wie bei der Kinderlosen-Studie vorbildlich) transparent genannt werden. Denn erst über Vielfalt und wechselseitige Prüfung entsteht ein dreidimensionales Bild, zwingt die wechselnde Kritik zu höheren Standards und neuen Einsichten.

Und damit sind wir auch schon bei der dritten Kritik: ein betont gewerkschaftsnaher Professor kritisiert das Statistische Bundesamt (bei dem er übrigens früher selber arbeitete) und das Berlin-Institut für deren Thematisierung von Demographie. Dabei reiche eine Absenkung der Arbeitslosenquote doch zur Stabilisierung z.B. der Rentenkassen aus. Wissenschaftlich hat Prof. Bosbach gegen das Berlin-Institut nur den o.g. Vergleichsfehler aus 2006 anzuführen, seine Hauptkritik zielt auf das Bundesamt. Sein eigenes Argument aber ist (bewusst?) grob verkürzt: natürlich entlastet ein Absenken der Arbeitslosenzahlen (wie wir derzeit erleben) die Kassenlage. Aber auch den zusätzlich Einzahlenden entstehen durch ihre Beiträge dann auch wieder Ansprüche - die von späteren Generationen wieder geleistet werden müssten. Umfassender begründet und lesenswert ist seine Alternativstudie zur Bevölkerungsvorausberechnung 2050 des Stat. Bundesamtes, die letztlich zu dem Ergebnis kommt, dass eine moderne Familienpolitik, eine andauernde Produktivitätssteigerung und ein höheres Renteneintrittsalter (für das Herr Bosbach natürlich nicht plädieren mag, aber so seien nun einmal die Daten... (-; ) einerseits die Geburtenrate heben und andererseits die volkswirtschaftlichen Auswirkungen des demografischen Wandels beherrschbar machen könnten. Genau dafür aber plädieren doch auch Statistisches Bundesamt und das Berlin-Institut...

Hier: http://www.nachdenkseiten.de/upload/pdf/gbosbach_demogr.pdf

Insofern zeigen auch diese erst durch Stat. Bundesamt und Berlin-Institut befeuerten Debatten und Bosbachs Statement sehr schön, dass auch verbandsnahes und aus Steuergeldern finanziertes Engagement nur bestimmte Perspektiven beleuchten kann und dass es also wichtig ist, dass Themen angestossen und bearbeitet werden.

Also, in summa, danke Bernd für das Aufzeigen der Kritikpunkte - und mit Deinem sehr spannenden Soziologieblog willkommen auf meiner Blogroll! Gleichzeitig möchte ich nach Prüfung auch dieser Kritiken an meiner positiven Wertung des Instituts ausdrücklich festhalten. Denn Kritik muss natürlich sein, letztlich brauchen wir aber m.E. vor allem mehr Mut und Vielfalt auch in der Wissenschaft! (-:

Danke und herzliche Grüße!

Michael
Bernd (anonym) - 26. Nov, 18:10

Eine erschöpfende Antwort

Diese kann ich z.Z. nur würdigend zur Kenntnis nehmen, allein mir fehlt die Zeit argumentativ darauf einzugehen.

Freut mich, dass Dir das Quanti|Soz|Blog gefällt.

Gruß,

Bernd

Edgar (anonym) - 26. Nov, 20:46

Bundeszentrale für politische Bildung

Hinweisen möchte ich an dieser Stelle auch auf die lesenswerten Veröffentlichungen der BpB. So habe ich z.B. den Eindruck, daß folgender Bericht über Gentechnik und Biopolitik noch viel zu wenig bekannt ist in der der Wissenschafts-Bloggosphäre.

http://www.bpb.de/publikationen/4HUWVF,0,0,Gentechnik_Biopolitik.html

Gruß,

Edgar

PS: Oder habe ich einfach nur die "Genom-Revolution" verschlafen?

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