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Sonntag, 25. November 2007

Das Familienbild der Mormonen (Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage)

Die Mormonen sind eine christliche Glaubensgemeinschaft, die Anfang des 19. Jahrhunderts aus dem Wirken von Joseph Smith (1805-1844) hervorging.

Neben der Bibel erkennen die Mormonen auch das Buch Mormon an, dessen Aufenthaltsort nach ihrem Glauben Smith vom Engel Moroni anvertraut worden war. Diese Schrift verpflanzte das israelische Heilsgeschehen geografisch teilweise in die USA, was vielen Anhängern entgegenkam, aber auch z.B. eine positive Haltung zu Indianern förderte.

Allerdings war Smith schon zu seinen Lebzeiten (insbesondere wegen seiner Bejahung der Polygamie, die er auch selbst praktizierte, wegen des Buches Mormon, einer erfolglosen Kandidatur als US-Präsident usw.) umstritten und zeitweise wegen eines Angriffs auf die lokale Pressefreiheit inhaftiert. Viele Lehren, darunter z.B. die Totentaufe, werden von anderen christlichen Konfessionen strikt abgelehnt, haben aber auch zu einem beeindruckenden, genealogischen Archiv geführt, an das sich Menschen aus aller Welt richten.

Trotz mancherlei Spaltungen und der schließlich erzwungenen Abkehr von der anfangs praktizierten Polygamie überlebte die Kirche, insbesondere aufgrund ihres missionarischen Einsatzes und ihres Kinderreichtums. Längst ist sie aus den USA heraus gewachsen und hat Tempel u.a. in Deutschland (davon den ersten in der ehemaligen DDR - da auch Mormonen kaum Auslandsreisen möglich waren) errichtet, geplant ist derzeit auch ein erster Tempelbau in der Ukraine.



Da dieser Blog sowohl die reproduktiven Potentiale religiöser Vergemeinschaftung evolutionstheoretisch wie auch die Entstehung und Veränderung von religiös legitimierten Familienbildern und ihren demografischen Auswirkungen erforscht, sind die Mormonen gerade auch in ihrer Entwicklung und Ambiguität ein interessanter Fall.

Kinderreiche Monogamie

So hat die Kirche 1995 eine Familienproklamation erlassen, die Ehe und Kinderreichtum ausdrücklich fordert. So heißt es zum Beispiel:

"Das erste Gebot, das Gott Adam und Eva gab, bezog sich darauf, dass sie als Ehemann und Ehefrau Eltern werden konnten. Wir verkünden, dass Gottes Gebot für seine Kinder, sich zu vermehren und die Erde zu bevölkern, noch immer in Kraft ist. Weiterhin verkünden wir, dass Gott geboten hat, dass die heilige Fortpflanzungskraft nur zwischen einem Mann und einer Frau angewandt werden darf, die rechtmässig miteinander verheiratet sind.

Wir verkünden, dass die Art und Weise, wie sterbliches Leben erschaffen werden soll, von Gott so festgelegt ist. Wir bekräftigen, dass das Leben heilig und in Gottes ewigem Plan von wesentlicher Bedeutung ist.

Mann und Frau tragen die feierliche Verantwortung, einander und ihre Kinder zu lieben und zu umsorgen. "Kinder sind eine Gabe des Herrn." (Psalm 127:3.) Die Eltern haben die heilige Pflicht, ihre Kinder in Liebe und Rechtschaffenheit zu erziehen, für ihre physischen und geistigen Bedürfnisse zu sorgen, sie zu lehren, dass sie einander lieben und einander dienen, die Gebote Gottes befolgen und gesetzestreue Bürger sein sollen, wo immer sie leben. Mann und Frau — Vater und Mutter — werden vor Gott darüber Rechenschaft ablegen müssen, wie sie diesen Verpflichtungen nachgekommen sind.

Die Familie ist von Gott eingerichtet. Die Ehe zwischen Mann und Frau ist wesentlich für seinen ewigen Plan. Das Kind hat ein Recht darauf, im Bund der Ehe geboren zu werden und in der Obhut eines Vaters und einer Mutter aufzuwachsen, die den Ehebund in völliger Treue einhalten. Ein glückliches Familienleben kann am ehesten erreicht werden, wenn die Lehren des Herrn Jesus Christus seine Grundlage sind."

Interessant ist aber auch ein Kurzfilm zur "Bedeutung der Familie", der das Selbstverständnis der Kirche wie auch deren familiäres Rollenbild darstellt.

Eine Splittergruppe und konfliktreiche Polygamie

Anfang des 20. Jahrhunderts spaltete sich eine weitere Gruppe, die "Fundamentalistische Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage" mit später einigen tausend Mitgliedern von der Hauptkirche ab. In ihr wurde die Polygamie (genauer: die Polygynie, die Heirat eines Mannes mit mehreren Frauen) nicht nur erlaubt, sondern Männern sogar religiös empfohlen: nur wer mindestens drei Frauen geheiratet habe, sei auf dem Weg zur Göttlichkeit.

Unter dem seit 2002 amtierenden Leiter Warren Jeffs eskalierte die Lage. Unter anderem ließ Jeffs hunderte junger Männer und Jugendlicher wegen geringster Vergehen aus der Gemeinschaft und damit auch ihren Familien verstossen - um letztlich für den nötigen Frauenüberschuss in der Gemeinschaft zur Verheiratung der verbliebenen Anhänger zu sorgen. Über das Schicksal der "verlorenen Söhne", "Lost Boys" berichtete Alexander Schwabe 2005 in SPIEGEL online. Die teilweise brutalen Generationenkonflikte zwischen Älteren, die unbedingt drei Frauen erreichen wollten und damit Jüngere aus dem Heiratsmarkt zu drängen versuchten, zeigt die eskalierende Problematik der Polygamie in Zeiten niedriger Sterblichkeit (also in der entwickelten Welt) eindrucksvoll auf.

Selbst in den USA, mit der wohl umfangreichsten Religionsfreiheit innerhalb der Staatengemeinschaft, schritt schließlich der Staat ein. Da eine religiös erzwungene Vielehe inzwischen als Vergewaltigung erkannt wurde, wurde Warren Jeffs inzwischen zu lebenslanger Haft (mit frühester Begnadigung nach zehn Jahren) verurteilt.

Fazit

Die mormonischen Gemeinschaften zeigen sowohl in ihrer Geschichte wie Gegenwart einerseits auf, wie stark Religionsgemeinschaften Familienstrukturen prägen und damit reproduktiven Erfolg vermitteln können. Auch der missionarische Erfolg mormonischer Gemeinschaften entfaltet sich maßgeblich durch den Einsatz der Nachfahren kinderreicher Familien, denen Missionsdienste als junge Erwachsene empfohlen werden. Laut idea-spektrum 47/2007 brachten es die Mormonen so auf eine ratio von 411 Missionaren im Ausland pro 100.000 Mitgliedern - der Durchschnitt aller Kirchen liegt bei 37.

Und zum missionarischen Angebot gehören wiederum feste Gemeinschafts- und Familienstrukturen, wie sie derzeit nicht nur in Osteuropa vermisst werden.

Gleichzeitig wird aber auch die Problematik extremer Vergemeinschaftungen und fundamentalistisch erzwungener Familienformen augenfällig, die zu Gewalt nach innen und außen führen können. Auch Religionsgemeinschaften können fehlgehen, Religionsfreiheit ist ein unverzichtbares, aber kein schrankenloses Menschenrecht.

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