Die Value of Children (VOC) und der Bedeutungszuwachs der Religion(en)
Noch ignorieren es die Naturwissenschaften, namentlich die noch immer im Malthusianismus steckenden Biologen: aber aufgrund der empirischen Befunde haben sich in der Bevölkerungswissenschaft (wie von Adam Smith entworfen) nach einem soziologischen Zwischenspiel ökonomische Modelle durchgesetzt. Sie erkennen in der Frage der Elternschaft ein ökonomisches Entscheidungsproblem, in dem aber auch nichtmaterielle Werte in die Waagschale geworfen werden. Entsprechend lassen sich die Ansätze unter dem Kürzel "VOC" - Value of Children ("Wert von Kindern") zusammenfassen.
So ist es möglich, ökonomischen VOC-Erwägungen (Kinder als Altersversorgung, Arbeitskräfte) von emotionalen bzw. psychologischen VOC (Kinder bringen Freude, stärken die Familienbande) und schließlich normativen und also auch außerweltlich (transzendent) begründeten VOC (Pflicht gegenüber Ahnen, Gott, Familiennamen weiterführen etc.) zu unterscheiden.

Wie schon bei Herwig Birg von 1991 stieß ich auch bei Eckart Volands "Fortpflanzung: Natur und Kultur im Wechselspiel" (suhrkamp 1992) auf seit langem ruhende Schätze, hier insbesondere eine sorgfältige, empirische Arbeit von Bernhard Nauck "Fruchtbarkeitsunterschiede in der Bundesrepublik und in der Türkei. Ein interkultureller und interkontextueller Vergleich". So konnte Nauck, aufbauend auf Daten von Kagitcibasi, aufzeigen, wie sich die VOC türkischer Frauen von 1982 je nach dem Entwicklungsstand ihrer Wohnregion unterschied.

In den noch agrarisch geprägten Regionen sprechen viel mehr ökonomische Gründe für Kinder - 1983 erreichten die östlichen (anatolischen) Regionen der Türkei noch eine Geburtenrate von 6,5. Aus ökonomischer Sicht sind aber auch Töchter (die mit der Heirat den Hof verlassen) meist weniger lohnend als Söhne, von denen als Hoferben oder Wanderarbeiter auch eine direkte Unterstützung der Eltern erwartet werden kann. Die dominierende Familienform ist also die patriarchale Großfamilie.
In den Großstädten gewinnen Emotionen und schließlich normative, d.h. auch religiöse Aspekte an relativem Gewicht für die reproduktive Entscheidung - die sich dynamisch entwickelnde West-Türkei verzeichnete 1983 nur noch 2,7 Geburten pro Frau, in 2005 ist die Geburtenrate der Gesamttürkei sogar auf 2,2 gesunken. Denn in post-agrarischen Gesellschaften werden Kinder zunehmend von einem Ertrags- zum Kostenfaktor, sie werden seltener gewählt. Dafür werden sie aber als emotionaler und normativer "Gewinn" erlebt und entsprechend stärker gefördert. Hier haben wir also die Entwicklung zur neolokalen (sich agrar-unabhängige Wohnsitze schaffenden) Kleinfamilie mit mehr individueller Freiheit und stärkerer Gleichberechtigung der Geschlechter.
Zugleich gewinnen aber religiöse Gemeinschaften in zweifacher Hinsicht an Bedeutung: sie orientieren, wo traditionelle Zwänge und damit Wege nicht mehr bestehen. Und sie wirken sich reproduktiv stärker aus, da mit dem Wegfall ökonomischer Gründe das relative Gewicht normativer Familienbegründungen deutlich ansteigt.
Dieser Befund passt hervorragend nicht nur zur weltweiten Situation, sondern auch zur Geschichte der menschlichen Demografie - und erklärt auch, warum religiöse Vergemeinschaftung (also die Stärkung des normativen Faktors) in der Evolution des Menschen belohnt wurde - und belohnt wird.
So ist es möglich, ökonomischen VOC-Erwägungen (Kinder als Altersversorgung, Arbeitskräfte) von emotionalen bzw. psychologischen VOC (Kinder bringen Freude, stärken die Familienbande) und schließlich normativen und also auch außerweltlich (transzendent) begründeten VOC (Pflicht gegenüber Ahnen, Gott, Familiennamen weiterführen etc.) zu unterscheiden.

Wie schon bei Herwig Birg von 1991 stieß ich auch bei Eckart Volands "Fortpflanzung: Natur und Kultur im Wechselspiel" (suhrkamp 1992) auf seit langem ruhende Schätze, hier insbesondere eine sorgfältige, empirische Arbeit von Bernhard Nauck "Fruchtbarkeitsunterschiede in der Bundesrepublik und in der Türkei. Ein interkultureller und interkontextueller Vergleich". So konnte Nauck, aufbauend auf Daten von Kagitcibasi, aufzeigen, wie sich die VOC türkischer Frauen von 1982 je nach dem Entwicklungsstand ihrer Wohnregion unterschied.

In den noch agrarisch geprägten Regionen sprechen viel mehr ökonomische Gründe für Kinder - 1983 erreichten die östlichen (anatolischen) Regionen der Türkei noch eine Geburtenrate von 6,5. Aus ökonomischer Sicht sind aber auch Töchter (die mit der Heirat den Hof verlassen) meist weniger lohnend als Söhne, von denen als Hoferben oder Wanderarbeiter auch eine direkte Unterstützung der Eltern erwartet werden kann. Die dominierende Familienform ist also die patriarchale Großfamilie.
In den Großstädten gewinnen Emotionen und schließlich normative, d.h. auch religiöse Aspekte an relativem Gewicht für die reproduktive Entscheidung - die sich dynamisch entwickelnde West-Türkei verzeichnete 1983 nur noch 2,7 Geburten pro Frau, in 2005 ist die Geburtenrate der Gesamttürkei sogar auf 2,2 gesunken. Denn in post-agrarischen Gesellschaften werden Kinder zunehmend von einem Ertrags- zum Kostenfaktor, sie werden seltener gewählt. Dafür werden sie aber als emotionaler und normativer "Gewinn" erlebt und entsprechend stärker gefördert. Hier haben wir also die Entwicklung zur neolokalen (sich agrar-unabhängige Wohnsitze schaffenden) Kleinfamilie mit mehr individueller Freiheit und stärkerer Gleichberechtigung der Geschlechter.
Zugleich gewinnen aber religiöse Gemeinschaften in zweifacher Hinsicht an Bedeutung: sie orientieren, wo traditionelle Zwänge und damit Wege nicht mehr bestehen. Und sie wirken sich reproduktiv stärker aus, da mit dem Wegfall ökonomischer Gründe das relative Gewicht normativer Familienbegründungen deutlich ansteigt.
Dieser Befund passt hervorragend nicht nur zur weltweiten Situation, sondern auch zur Geschichte der menschlichen Demografie - und erklärt auch, warum religiöse Vergemeinschaftung (also die Stärkung des normativen Faktors) in der Evolution des Menschen belohnt wurde - und belohnt wird.
blume-religionswissenschaft - 16. Nov, 05:33
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