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Freitag, 2. November 2007

Dawkins wünscht atheistisch-politische Lobby nach "jüdischem Vorbild"

Richard Dawkins ist und bleibt einerseits Medienkünstler, andererseits entfernt sich seine Religionskritik immer weiter von der in Europa lange dominierenden links-aufklärerischen Stoßrichtung und nimmt nicht nur über den Biologismus eher rechtsgerichtete Argumentationsmuster auf (wobei z.B. Antisemitismus und Islamophobie je auf beiden Seiten des politischen Spektrums anzutreffen sind).

So holzte Dawkins in seinem "Gotteswahn"-Buch kräftig gegen Religionen, neben seinen kreationistischen und katholisch-zölibatären Lieblingsgegnern aber auch besonders gegen kinderreiche Gemeinschaften wie Amish, Mormonen und fromme Juden.

Mit dem einführenden Hinweis, dass Hitler doch schon 60 Jahre tot sei, hatte er zuvor für ein neues Nachdenken über Menschenzucht plädiert - und nun forderte er die Gründung einer atheistisch-politischen Lobby "nach jüdischem Vorbild".

Denn die "jüdische Lobby" sei, so Dawkins gegenüber dem Guardian, "fantastisch erfolgreich": obwohl religiöse Juden in den USA "weniger zahlreich" als Atheisten seien, "monopolisiere sie mehr oder weniger die amerikanische Außenpolitik". "Wenn Atheisten einen kleinen Teil dieses Einflusses erringen könnten, wäre die Welt ein besserer Ort."

Das Originalzitat, gefunden von MartinM hier im Guardian:

"When you think about how fantastically successful the Jewish lobby has been, though, in fact, they are less numerous I am told - religious Jews anyway - than atheists and [yet they] more or less monopolise American foreign policy as far as many people can see. So if atheists could achieve a small fraction of that influence, the world would be a better place."

Wie so oft ist nicht klar, ob Dawkins hier einfach wieder lustvoll Tabus brechen und (verkaufsfördernde) mediale Empörung erzeugen möchte oder/und ob er und seine Anhänger tatsächlich auf die Gewinnung auch politischen Einflusses aus sind (was eine weitere Ahnlichkeit religiöser und atheistischer Fundamentalisten aufzeigen würde).

Wie von den teilweise militanten, marxistischen Gegnern der Soziobiologie in den 70er Jahren befürchtet deuten aber auch weitere Debatten der jüngsten Zeit (wie die Behauptung James Watsons eines erblich niedrigeren IQs von Afrikanern oder die satirische US-Dystopie sich vermehrender Dummer in "Idiocracy") darauf hin, dass aus der Biologie heraus wieder eher sozialdarwinistische, fremdenfeindliche und rassistische Stereotype (mitsamt der Verachtung "religiöser Gutmenschen") vermeintlich "wissenschaftlich legitimiert" werden.

Eine wissenschaftlich informierte Öffentlichkeit, die über den Ge-, aber auch Mißbrauch wissenschaftlicher Erkenntnisse urteilen kann, wird damit in Zukunft eher noch wichtiger werden. Insbesondere die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften sind aufgerufen, es nicht beim Naserümpfen zu belassen, sondern sich aktiv auch mit der Biologie (und beispielsweise auch der Evolutionsgeschichte der Religion) zu befassen - denn nur dann werden Diskussionen der Zukunft auch sattelfest, fair und informiert geführt werden können.

Eine vor wenigen Wochen erschienene, hervorragend gelungene (und auch vergnüglich zu lesende) Einführung in den derzeitigen Stand der soziobiologischen Stand der Humanforschung ohne politische Untertöne bietet zum Beispiel Eckart Voland in "Die Natur des Menschen", erschienen bei Beck. Bis Sonntag möchte ich auch ein beispielhaft gutes Buch zu den Neurowissenschaften und ihren Folgen von Rüdiger Vaas ("Schöne neue Neuro-Welt", erschienen bei Hirzel) hier rezensieren.

Trackback URL:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4407311/modTrackback

Claudia (Gast) - 2. Nov, 23:38

Zu Dawkins schreibt der Blogger Alipius schön süffisant: http://amroemsten.blogspot.com/2007/10/das-haut-ja-irgendwie-nicht-hin.html

Kunar - 3. Nov, 03:01

überflüssiges "eher"

Wieso "eher"? Eine wissenschaftlich informierte Öffentlichkeit wird wohl, was die breite Masse betrifft, eine Utopie bleiben, aber zumindest ein hoher Anteil aufgeklärter Menschen, die ihren Verstand für kritische Rückfragen benutzen, ist in der heutigen Zeit wünschenswert.

Ingo (Gast) - 3. Nov, 12:07

also dann los: fordern wir die Entlassung von Richard Dawkins!

Michael, was ist? Lies bitte mal - z.B. - den letzten "Stern" über das Buch "Israel-Lobby". Die Äußerung von Richard Dawkins fällt völlig in das Spektrum der Unterstützer dieses Buches.

Manche Leute haben einfach die Schnauze voll. Gestrichen voll. Während eine "Holocaust-Industrie" alte Greise von 99 Jahren aus ihren Schlupflöchern holt, weil sie vor mehr als 60 Jahren irgendwas gemacht haben, wird HEUTE fröhlich weitergemordet und Völkermord betrieben, OHNE daß die einflußreichsten Presseorgane der Welt dagegen Sturm laufen, Orkane öffentlicher Empörung entfesseln.

Dawkins hat einfach die Schnauze voll von so was. Ebenso wie sein Kollege Robert Trivers. Ebenso wie Noam Chomsky:

http://studgendeutsch.blogspot.com/2007/06/zerreien-will-ich-das-geweb-der-arglist.html

Unter Wissenschaftlern bildet sich allmählich ein Konsens über all diese Dinge heraus. Man braucht sich nicht naiver zu stellen als notwendig.

Es gibt Menschengruppen, die benutzen ihre durchschnittlich höhere Intelligenz zu Dingen, die nicht im Interesse anderer Menschengruppen sind. Und Punkt. Und andere Menschengruppen können das kritisieren. Weil sie sich nicht für dumm verkaufen lassen wollen.

Gregor Keuschnig - 3. Nov, 13:00

Weil sie sich nicht für dumm verkaufen lassen wollen.
Eben. Weil Dawkins als Sektenführer der Athetisten eine Dummheit gegen die andere austauscht.

Gegen fundierte Kritik ist nichts einzuwenden und sie ist notwendig - wo auch immer. Aber der Schwerpunkt sollte auf fundiert liegen.

Moment mal...

Lieber Ingo,

wie schon bei der Watson-Debatte scheinst Du anzunehmen, dass ich irgendwelche Sanktionen gegen Andersdenkende fordern oder gar befürworten würde. Das ist definitiv nicht der Fall - im Gegenteil.

Aber mir kommt es umgekehrt mulmig vor, dass schon jede Kritik an Watson, Dawkins & Co. ein Angriff auf die Meinungsfreiheit sein soll. Warum ist es nicht okay, Watson bzw. Dawkins zu widersprechen und für ihre Behauptungen empirische Belege einzufordern?

Ja, über US-amerikanische Außenpolitik kann man völlig verschiedener Meinung sein und es gibt in den USA auch gerade eine sehr heftige und ernsthafte, politikwissenschaftliche Debatte über den Einfluss verschiedener, religiöser Lobbies, einschließlich evangelikal-jüdischer Koalitionen. Muss ich es aber deswegen gleich gut finden, wenn Dawkins erklärt, religiöse Juden "monopolisierten" die US-Außenpolitik? Um dann noch hinzuzufügen, Atheisten sollten das gleiche versuchen, es sei doch "fantastisch erfolgreich"?

Und wenn ich das sowohl in der Analyse wie Schlussfolgerung für überzogen und verquast halte - warum muss ich mir dann gleich Anwürfe in Richtung "Holocaust-Industrie" anhören? Was soll das? Ginge es nicht etwas differenzierter als über Keulen zu klagen und sie gleichzeitig zu schwingen?

Lieber Ingo, ich stehe für freie Debatte und den Streit der Meinungen ein. Forderungen nach Denkverboten oder Sanktionen gegen Andersdenkende wirst Du von mir nicht lesen. Aber ebensowenig lasse ich es mir nehmen, selbst kritisch Stellung zu nehmen. Offen gesagt glaube ich sogar, dass die Debatten umso freier geführt werden können, umso mehr Menschen sich im freien Meinungsstreit ein eigenes Urteil bilden. Dazu gehören Pro und Contra, auch wenn die Protagonisten Watson, Dawkins, Ulfkotte o.ä. heißen - die selbst ja auch gerne deftige Kritik an anderen "austeilen". Mehr Freiheit wagen heißt dann aber auch, sich auch selbst in Frage stellen zu lassen.

Herzliche Grüße

Michael
ingo_34 - 3. Nov, 15:56

nein, nein, Michael,
ich habe Dir nicht unterstellen wollen, daß Du für eine Unterdrückung der Meinungsfreiheit bist. Dazu glaube ich Dich zu gut zu kennen.

Aber Du weiß ebenso, daß solche Worte

"(...) deuten aber auch weitere Debatten der jüngsten Zeit (...) darauf hin, dass aus der Biologie heraus wieder eher sozialdarwinistische, fremdenfeindliche und rassistische Stereotype (mitsamt der Verachtung "religiöser Gutmenschen") vermeintlich "wissenschaftlich legitimiert" werden"

nicht gerade harmlos sind.

Mir wäre es lieber, Du würdest erst einmal das Thema "Israel-Lobby" thematisieren, bevor Du solche Pauschal-Urteile fällst.

Es muß möglich sein, den politischen Einfluß des orthodoxen Judentums zu kritisieren, ohne in dieses von Dir angesprochene Schema eingeordnet zu werden ...

ingo_34 - 3. Nov, 16:02

Mit "Holocaust-Industrie" habe ich doch nicht irgend etwas von dem angesprochen, was Du vertrittst.

Aber ich glaube, man kann schon sagen, daß Deine Formulierung in normalen Diskussions-Zusammenhängen eher dazu tendiert, eine weitere Diskussion zu verhindern, als zu fördern. Denn wer will denn schon sozialdarwinistisch, fremdenfeindlich, rassistisch sein, wenn er bestimmte Standpunkte vertritt? - DU etwa?

Standpunkte

Lieber Ingo,

wenn "niemand" sozialdarwinistisch, fremdenfeindlich oder rassistisch sein will, muss das auch niemand. Aber wenn jemand entsprechende Themen aufs Tapet bringt, nehme ich mir das Recht heraus, das auch aufzugreifen, kritisch zu kommentieren und nicht einfach hinzunehmen. Damit würdige ich niemanden persönlich herab und fordere schon gar keine Konsequenzen oder Denkverbote, sondern eine ernsthafte Debatte. Mir geht es hier nicht um die political, sondern um die scientific correctness und ich bin schon immer wieder verblüfft, welche "Argumente" sich als "Wissenschaft" verkleiden. Und gerade wer sich so kräftig auf das Austeilen von auch massiver Kritik gegenüber Andersdenkenden und -glaubenden versteht wie z.B. Dawkins und seine Anhängerschaft, sollte dann auch selbst damit umgehen können. Die meisten Brights (Positivbeispiel: nickpol) können das übrigens durchaus.

Gerade aus der Begeisterung für den interdisziplinären Dialog werde ich es auch in Zukunft nicht kommentarlos hinnehmen, wenn jemand mit Berufung auf Wissenschaft (aber ohne überzeugende, empirische Belege) z.B. Afrikaner für dümmer, die US-Politik als von Juden "monopolisiert" oder die "Menschenzucht" als bedenkenswert betrachtet. Ich will niemandem per Order "verbieten", so zu denken - mir aber ebensowenig verbieten lassen, vor so etwas aufklärend zu warnen und dagegen an zu argumentieren. So entsteht auch hier im Netz die Informations- und Meinungsvielfalt, auf deren Basis sich die Leser ihre je eigene Position bilden können. Nicht weniger, und nicht mehr. Ich würde mich freuen, wenn Du das einfach ebenso akzeptieren könntest wie z.B. die deftige Kritik, die z.B. Dawkins an religiösen Menschen, Lehren und Institutionen übt. Vielleicht ist es auch einfach wichtig, dass wir nicht alle einer uniformen Meinung sind?

Herzliche Grüße!

Michael
ingo_34 - 3. Nov, 16:07

Herr Keuschnig, wenn wir hier FUNDIERT die Thematik erörtern wollten, dann müßten wir wahrscheinlich alle erst das Buch "Israel-Lobby" lesen. Ich fürchte, das hat keiner von uns getan.

Aber ich habe wenigsten den "Stern" dazu gelesen und davon den Eindruck gewonnen, daß in dem Buch nicht Standpunkte vertreten werden, die sozialdarwinistisch, rassistisch und fremdenfeindlich sind.

Gregor Keuschnig - 3. Nov, 23:35

Ich hatte

einen Artikel aus dem Buch gelesen, der schon lange Zeit vorher kursierte. Der Stern ist leider für mich keine besonders seriöse Quelle. Genau so wenig wie mir Dawkins' affektierte Äusserungen (z. B. zu Themen wie Eugenik) ausser zur "Popularisierung" seiner Person zu nichts nütze erscheinen. Nach dem Motto: Welches Tabu kann ich denn jetzt noch verletzen?

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