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Montag, 29. Oktober 2007

Sexuelle Selektion

Goethe vermutete sie (sogar mit Bezug zur Religiosität) in seiner unsterblichen "Gretchenfrage", Charles Darwin entdeckte sie beim Tier und verdrängte ihre Geltung beim Menschen und Alfred Russel Wallace vertrat sie noch kurz vor dem ersten Weltkrieg eindringlich als Alternative zu Sozialdarwinismus, Eugenik und Krieg: die sexuelle Selektion.

Damit ist ein zunächst sehr einfach wirkender Prozess bezeichnet, der die Evolution wie kein zweiter prägt: da bei sich sexuell (zweigeschlechtlich) vermehrenden Arten das Investment des Weibchens in jedes Nachkommen meist sehr viel höher ist als das des Männchens, entstehen Szenarien der "Damenwahl": das Weibchen kann mitentscheiden, welchem Partner es die Gelegenheit zur Befruchtung einräumt.

Darwin nannte dieses Phänomen wenig romantisch "geschlechtliche Zuchtwahl", er trifft den Kern damit aber schon: die Partner, insbesondere aber die das knappere Gut verwaltende Frauen, gestalten über ihre wechselwirkende Wahl die Evolution ihrer jeweiligen Spezies entscheidend mit. Das wohl bekannteste Beispiel dafür ist der Pfauenschwanz, der Energiehaushalt und Überlebenschancen des Hahns belastet - gerade dadurch aber dem Weibchen signalisiert: "Ich bin genetisch fit und gesund, ich kann es mir leisten!"



Obwohl zahlreiche tierische Merkmale (wie Balztänze, leuchtende Farben, Hirschgeweihe etc.) ohne den Aspekt der sexuellen Selektion nicht zu erklären sind und dieses Prinzip also einen hohen Rang in Darwins Evolutionstheorie einnahm, wischte er es mit Bezug auf den Menschen schließlich vom Tisch - zu sehr widersprach es patriarchalen Traditionen:

„Der Mann ist an Körper und Geist kraftvoller als die Frau, und im wilden Zustande hält er dieselbe in einem viel unterwürfigeren Stande der Knechtschaft, als es das Männchen irgend eines anderen Thieres thut; es ist daher nicht überraschend, dass er das Vermögen der Wahl erlangt hat.“ (Darwins "Abstammung des Menschen", S. 675)

Wiederentdeckung auch in der Primatologie

Erst in den vergangenen Jahrzehnten ist das Prinzip der sexuellen Selektion mit Macht in die biologischen Diskurse zurück gekehrt und hat reiche Erkenntnisschätze hervorgebracht.

Ein schönes Beispiel ist der Artikel des deutschen Primatologen Andreas Paul Sexual Selection and Mate Choice (Download hier), der sowohl die Eleganz, wie aber auch die Komplexität und den Forschungsbedarf dieses wichtigen Prozesses schon bei unseren nächsten Verwandten unterstreicht.

Gretchenfrage - beim Menschen?

Gemeinsam mit einer Reihe anderer Forscher bin ich der Meinung, dass die sexuelle Selektion beim Menschen maßgeblich zur Evolution der Religiosität beigetragen hat - und beiträgt. Goethe lag mit seiner genialen "Gretchenfrage" wohl goldrichtig, wie auch religionssoziologische und religionsdemografische Daten eindrücklich nahelegen.

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Dr. Blume

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