IQ-Evolution und die Vedrängung der Frauen als Beispiele für Biologismus
Wer über die Evolution von Verhaltensmerkmalen wie Religiosität forscht und lehrt, wird sowohl von Befürwortern wie Gegnern mit Themenstellungen hart am Rande der political correctness konfrontiert: etwa mit Thesen zu "gruppenspezifische Unterschieden", "IQ-Evolution" oder gar (so z.B. Richard Dawkins) "Nachdenken über Menschenzucht".
Denn einerseits - so argumentieren die Befürworter - gebe es doch allerhand empirische Daten, die auf Unterschiede nicht nur zwischen Einzelpersonen, sondern auch zwischen Gruppen hinwiesen, Beispiele wie die Milchverträglichkeit verwiesen auf auch historisch schnelle Selektions- und Gen-Kultur-Wechselwirkungsprozesse innerhalb weniger hundert Generationen und Wissenschaft dürfe sich Denkverboten nicht beugen.
Gegner dieser Ansätze verweisen dagegen auf die folgenschweren Katastrophen, die mit "Biologismen" schon gerechtfertigt wurden - etwa Rassismus, Eugenik, Sozialdarwinismus und Frauenfeindlichkeit - und hegen daher ein tiefes Mißtrauen gegen entsprechende Forschungen. Da kann es dann schon mal passieren, dass einem wohlmeinende Freunde raten, "sich besser gar nicht mit der Evolution des Menschen zu befassen".
Die tragischen Äußerungen des James Watson
James Watson, Mitentdecker der DNA-Doppelhelix und Medizin-Nobelpreisträger hat mit Äußerungen über eine vermeintlich geringere Intelligenz von Afrikanern nun diese Debatte neu angefacht. Nach empörten Reaktionen versuchte er sich mit einer Entschuldigung zurück zu ziehen - in der er immerhin einräumte, noch keinerlei empirisch haltbare Daten für seine Behauptung zu haben. (vgl. Blogberichterstattung in Studium Generale von Ingo Bading)
Im Gegensatz zu Bading teile ich jedoch die scharfe Kritik an Watson - und zwar nicht, weil ich Denk- oder Forschungsverbote befürworten würde. Vielmehr hat Watson durch plumpe Fahrlässigkeit Rechtsextremen wie auch Gegnern seriöser Biologie wieder neue Stichworte geliefert und damit der Wissenschaft insgesamt einen Bärendienst erwiesen.
Die Kritikpunkte im einzelnen:
1. Anekdoten statt Daten
In seiner nachträglichen Entschuldigung räumt Watson selber ein, keine belastbaren Daten für seine Behauptung aufweisen zu können. Stattdessen beruft er sich auf Ergebnisse "einiger" nicht näher genannter Studien und auf Erzählungen "von Menschen, die mit schwarzen Angestellten zu tun haben" (sic!). Wer auf Basis dieser skandalös schwachen Datenbasis dann auch noch wie Watson politisch den Ansatz der Entwicklungshilfe kritisiert (!), Afrikaner wie gleichbegabte Menschen zu behandeln, braucht sich über den Vorwurf des Rassismus wirklich nicht mehr zu wundern.
2. Essentialisierungen
Die fahrlässigen Äußerungen Watsons führen in einen Kardinalfehler, wie er auch der Religionswissenschaft täglich begegnet: der Essentialisierung, also des Zuschreibens scheinbar fester Merkmale an Gemeinschaften aus Menschen, ohne die soziokulturelle und auch individuelle Vielfalt zu berücksichtigen (Der Islam ist... Das Christentum ist... Der Afrikaner ist... Die Jüdinnen sind...).
Tatsächlich haben wir es bei der Kategorisierung von Menschengruppen jedoch immer nur mit statistischen Verteilungen zu tun - wenn Gruppe A unter einer höheren Arbeitslosigkeit als B leidet, bedeutet das nicht, dass jedes Mitglied von A arbeitslos ist. Wenn in Familie C besonders viele Kinder musisch begabt sind, heißt das nicht zwingend, dass Ferdinand C Klarinette spielen kann. Dass religiös vergemeinschaftete Menschen durchschnittlich mehr Kindern das Leben schenken bedeutet nicht, dass alle religiösen Menschen eine Familie gründen usw. Und schon weil weltweit erkennbar ist, dass natürlich auch Menschen afrikanischer Herkunft (und letztlich sind wir übrigens alle dieser Herkunft!) unter den klugen Köpfen dieses Planeten vertreten sind, sind Pauschalaussagen wie "Afrikaner sind weniger intelligent" sachlich falsch und können zu ungerechten Diskriminierungen führen (z.B. "Das Kind brauchen wir nicht fördern, das wird es doch ohnehin nicht schaffen."). Indem Watson auch noch Beispiele aus der Politik und Arbeitswelt (!) verwendete, rief er genau diesen essentialisierenden Effekt hevor.
3. IQ ist ein willkürlicher Standard
Wenn von "IQ-Evolution" geredet oder generell die "Intelligenz" von Völkern verglichen wird, so entsteht leicht der Eindruck, hier werde etwas Absolutes gemessen. Tatsächlich handelt es sich beim Intelligenzquotienten jedoch um ein kulturelles Konstrukt, dass maßgeblich in westlichen Universitäten erstellt und angewendet wird. Selbst wenn, wie Watson vermutet, auch angeborene Unterschiede im Durchschnitt dieses Skalenwertes bestünden, so wäre zu erwarten, dass schon geringfügige Veränderungen andere Ergebnisse hervorbringen könnten. Letztlich schwingt also schon in der Fragestellung ein an unserem Lebensstil vorgefertigtes Modell mit, ohne das klar ist, woher sich dessen vermeintlicher Absolutheitsanspruch ableitet. Warum nicht z.B. den Anteil von mathematischen Aufgaben verdoppeln und z.B. Schnelligkeitsaufgaben, die Zielwerfen beinhalten, einbeziehen? Emotionale Intelligenz vergleichen (EQ)? Räumliches Sehen? Musikalität? Religiosität? Körpergröße? Elternliebe?
Schauen wir der Tatsache ins Auge: IQ-Vergleiche messen andere Kulturen (mit vielleicht auch ganz anderen Lösungsstrategien) an Maßstäben, die wir innerhalb unserer Kultur entwickelt haben. Wie würden wir Deutschen wohl abschneiden, würden z.B. die Kung San einen "Intelligenztest" auf der Basis der Aufgaben stellen, denen sie täglich begegnen?
Es macht einfach überhaupt keinen Sinn, willkürliche Einzelaspekte des Menschseins in einer Weise zu präsentieren, die ein "Evolutionsziel" oder eine "menschliche Hierarchie" nahelegen - aber genau das wird mit Begriffen wie "Intelligenz-Evolution" impliziert. Und es ist kein Zufall, dass die solcherart willkürlich angelegten Vergleichsmaßstäbe regelmäßig andere, ohnehin bedrängte Gruppen herabsetzen.
4. Bewertung statt Beschreibung
Und so lassen sich alle drei genannten Kritikpunkte in einem zusammen fassen: seriöse, empirische Wissenschaft beobachtet und beschreibt Zusammenhänge, "bevor" sie sie bewertet. Sie reflektiert ihren (nie vollständigen) Wissensstand, weiss um alternative Erklärungen und trennt also zwischen der wissenschaftlichen Theoriebildung und der (weltanschaulich-religiösen oder gar politischen) Interpretation. Gerade auch erfolgreiche Wissenschaftler sind nicht gegen den Umkehrschluss gefeit: aufgrund vorgefasster (mithin auch: emotionaler, z.B. fremdenfeindlicher) Bewertungen empirisch schwache Thesen als Tatsachen auszugeben oder auch bekannte Tatsachen mit Rücksicht auf eigene Vorannahmen zu unterdrücken.
Biologismus am Beispiel der sexuellen Selektion
Um nicht beim Watson-Beispiel stehen zu bleiben, sei beispielsweise auf die Verdrängung der sexuellen Selektion durch Evolutionsbiologen hingewiesen.
Schon Charles Darwin und Alfred Russel Wallace erkannten neben der natürlichen Selektion die sexuelle Selektion (also die Partnerwahl vor allem der Weibchen aus dem Überangebot paarungsbereiter Männchen) als entscheidendes Evolutionsprinzip, ohne dass viele tierische Merkmale wie der Pfauenschwanz, das Hirschgeweih etc. nicht zu erklären sind.
Nur - in die patriarchale Wissenschaftlergemeinde Europas im 19. Jahrhundert passte die Annahme, dass Frauen einen ganz wesentlichen Anteil an der Evolution des Menschen hatten und haben, natürlich nicht. Evolution hatte "Männersache" zu sein.
Und so brachte Charles Darwin es in seiner "Abstammung des Menschen" fertig, die sexuelle Selektion bei Tieren als "geschlechtliche Zuchtwahl" kapitelweise zu schildern - um dann in Bezug auf Menschen brüsk (und ohne Belege sowie auch ohne jede biologische Logik!) zu behaupten:
„Der Mann ist an Körper und Geist kraftvoller als die Frau, und im wilden Zustande hält er dieselbe in einem viel unterwürfigeren Stande der Knechtschaft, als es das Männchen irgend eines anderen Thieres thut; es ist daher nicht überraschend, dass er das Vermögen der Wahl erlangt hat.“ (Deutsche Ausgabe, S. 675)
Auch dass der Mitentdecker der Evolutionstheorie, Alfred Russel Wallace, diesen Fehler erkannte und darum warb, die sexuelle Selektion der Menschenfrauen auch als Alternative zu Krieg, sozialem Unrecht und Eugenik zu erkennen, konnte an der Verdrängung des biologischen Wissens nichts mehr ändern.
Dabei wusste es schon Goethe mit seiner Gretchenfrage besser: Frauen üben Selektion aus. Die Fälle, in denen ihnen dies gewaltförmig völlig verweigert wird, sind Ausnahme, nicht Regel.
Aber die biologistische Frauenfeindlichkeit hielt ein gutes Jahrhundert an und färbte sogar bis in die Primatologie ab: männliche Wissenschaftler liebten es, den sog. "gemeinen Schimpansen (Pan Troglodytes)" als menschlichen Verwandten heraus zu stellen, in und zwischen dessen Horden es oft recht patriarchal, territorial und gewalttätig zugeht. Die Existenz des uns genetisch nicht weniger verwandten "Zwergschimpansen (Bonobo / Pan paniscus" wurde dagegen jahrzehntelang "übersehen" - denn Bonobos sind sehr viel matriarchaler um Mütter und Schwestern strukturiert und lösen Konflikte statt durch Gewalt häufiger durch den Einsatz von (hetero- wie homosexuellem) Sex. Noch bis in die 90er Jahre musste sich der Primatologe Frans de Waal auch vor Biologenkollegen dafür rechtfertigen, eine so "unanständige" Affenart zu erforschen und zu beschreiben. Teilweise half ihm (schön beschrieben in "Der Affe und der Sushimeister"), dass er mit japanischen Kollegen zusammen arbeitete - die eben andere Perspektiven verinnerlicht hatten als die überwiegend WASP-geprägte Biologenzunft. Erst in den 80er Jahren begann (eine Folge auch der Frauenbewegung?) die Erforschung der sexuellen Selektion auch bei Menschenaffen und Menschen wieder neu - mit bis heute nicht ausgeschöpften, erstaunlichen Erkenntnisfortschritten. (Wir Menschen dürften übrigens irgendwo "zwischen" den Strategien des gemeinen Schimpansen und des Bonobo evolviert sein.)
Fazit: Biologie betreiben WEIL die Gefahr des Biologismus besteht
Schon eine oberflächliche Analyse der Geschichte der Biologie zeigt also auf, was gerade Religionswissenschaftler nicht anders erwarten würden: auch Biologen stützen sich nicht nur auf Fakten, sondern konstruieren, wie andere Menschen auch, unbewusst und bewusst Thesen und Mythen, die gerne auch Angehörige des je anderen Geschlechts und (ihnen) Fremde herabwürdigen. Dazu gehört, dass auch sie sich selbst dann gerne als "rein wissenschaftlich" verstehen wollen, wenn sie den Boden seriöser Empirie längst verlassen haben und ins phobische Spekulieren verfallen sind. (Und man erinnere sich an den Ärger, den der Soziologe Karl Mannheim auf sich zog, als er Anfang des 20. Jahrhunderts seinen eigenen Fachkollegen das gleiche nachwies... (-; )
Ich halte es jedoch für einen krassen Fehler, dass viele Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler aus diesen Missbräuchen der Biologie ("Biologismen") den Schluss ziehen, sich von humanbiologischen Forschungen generell fern zu halten und stattdessen nach Denkverboten zu rufen. Das Gegenteil scheint mir richtig: wir Vertreter nichtbiologischer Fächer müssen uns naturwissenschaftlich mindestens so fit machen, um auf Augenhöhe mit Biologen zu arbeiten und Biologismen ggf. als solche entlarven zu können.
Wer das ein bisschen üben will, sei z.B. auf den Blog meines soziobiologischen Sparringspartners Ingo Bading verwiesen, wo sich gar treffliche, interdisziplinäre Beispiele finden und diskutieren lassen.
Ich finde: die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften brauchen die Naturwissenschaften - aber diese benötigen nicht weniger auch uns, unter anderem, um ihre Perspektiven immer wieder zu klären. Evolutionsforschung kann ein Segen sein - wenn sie aber (wie schon so oft) ideologisch und phobisch missbraucht wird, kann sie auch großen Schaden anrichten. Insofern ist zu hoffen, dass die Watson-Debatte das Bewußtsein sowohl von Biologen wie Nichtbiologen schärft.
Denn einerseits - so argumentieren die Befürworter - gebe es doch allerhand empirische Daten, die auf Unterschiede nicht nur zwischen Einzelpersonen, sondern auch zwischen Gruppen hinwiesen, Beispiele wie die Milchverträglichkeit verwiesen auf auch historisch schnelle Selektions- und Gen-Kultur-Wechselwirkungsprozesse innerhalb weniger hundert Generationen und Wissenschaft dürfe sich Denkverboten nicht beugen.
Gegner dieser Ansätze verweisen dagegen auf die folgenschweren Katastrophen, die mit "Biologismen" schon gerechtfertigt wurden - etwa Rassismus, Eugenik, Sozialdarwinismus und Frauenfeindlichkeit - und hegen daher ein tiefes Mißtrauen gegen entsprechende Forschungen. Da kann es dann schon mal passieren, dass einem wohlmeinende Freunde raten, "sich besser gar nicht mit der Evolution des Menschen zu befassen".
Die tragischen Äußerungen des James Watson
James Watson, Mitentdecker der DNA-Doppelhelix und Medizin-Nobelpreisträger hat mit Äußerungen über eine vermeintlich geringere Intelligenz von Afrikanern nun diese Debatte neu angefacht. Nach empörten Reaktionen versuchte er sich mit einer Entschuldigung zurück zu ziehen - in der er immerhin einräumte, noch keinerlei empirisch haltbare Daten für seine Behauptung zu haben. (vgl. Blogberichterstattung in Studium Generale von Ingo Bading)
Im Gegensatz zu Bading teile ich jedoch die scharfe Kritik an Watson - und zwar nicht, weil ich Denk- oder Forschungsverbote befürworten würde. Vielmehr hat Watson durch plumpe Fahrlässigkeit Rechtsextremen wie auch Gegnern seriöser Biologie wieder neue Stichworte geliefert und damit der Wissenschaft insgesamt einen Bärendienst erwiesen.
Die Kritikpunkte im einzelnen:
1. Anekdoten statt Daten
In seiner nachträglichen Entschuldigung räumt Watson selber ein, keine belastbaren Daten für seine Behauptung aufweisen zu können. Stattdessen beruft er sich auf Ergebnisse "einiger" nicht näher genannter Studien und auf Erzählungen "von Menschen, die mit schwarzen Angestellten zu tun haben" (sic!). Wer auf Basis dieser skandalös schwachen Datenbasis dann auch noch wie Watson politisch den Ansatz der Entwicklungshilfe kritisiert (!), Afrikaner wie gleichbegabte Menschen zu behandeln, braucht sich über den Vorwurf des Rassismus wirklich nicht mehr zu wundern.
2. Essentialisierungen
Die fahrlässigen Äußerungen Watsons führen in einen Kardinalfehler, wie er auch der Religionswissenschaft täglich begegnet: der Essentialisierung, also des Zuschreibens scheinbar fester Merkmale an Gemeinschaften aus Menschen, ohne die soziokulturelle und auch individuelle Vielfalt zu berücksichtigen (Der Islam ist... Das Christentum ist... Der Afrikaner ist... Die Jüdinnen sind...).
Tatsächlich haben wir es bei der Kategorisierung von Menschengruppen jedoch immer nur mit statistischen Verteilungen zu tun - wenn Gruppe A unter einer höheren Arbeitslosigkeit als B leidet, bedeutet das nicht, dass jedes Mitglied von A arbeitslos ist. Wenn in Familie C besonders viele Kinder musisch begabt sind, heißt das nicht zwingend, dass Ferdinand C Klarinette spielen kann. Dass religiös vergemeinschaftete Menschen durchschnittlich mehr Kindern das Leben schenken bedeutet nicht, dass alle religiösen Menschen eine Familie gründen usw. Und schon weil weltweit erkennbar ist, dass natürlich auch Menschen afrikanischer Herkunft (und letztlich sind wir übrigens alle dieser Herkunft!) unter den klugen Köpfen dieses Planeten vertreten sind, sind Pauschalaussagen wie "Afrikaner sind weniger intelligent" sachlich falsch und können zu ungerechten Diskriminierungen führen (z.B. "Das Kind brauchen wir nicht fördern, das wird es doch ohnehin nicht schaffen."). Indem Watson auch noch Beispiele aus der Politik und Arbeitswelt (!) verwendete, rief er genau diesen essentialisierenden Effekt hevor.
3. IQ ist ein willkürlicher Standard
Wenn von "IQ-Evolution" geredet oder generell die "Intelligenz" von Völkern verglichen wird, so entsteht leicht der Eindruck, hier werde etwas Absolutes gemessen. Tatsächlich handelt es sich beim Intelligenzquotienten jedoch um ein kulturelles Konstrukt, dass maßgeblich in westlichen Universitäten erstellt und angewendet wird. Selbst wenn, wie Watson vermutet, auch angeborene Unterschiede im Durchschnitt dieses Skalenwertes bestünden, so wäre zu erwarten, dass schon geringfügige Veränderungen andere Ergebnisse hervorbringen könnten. Letztlich schwingt also schon in der Fragestellung ein an unserem Lebensstil vorgefertigtes Modell mit, ohne das klar ist, woher sich dessen vermeintlicher Absolutheitsanspruch ableitet. Warum nicht z.B. den Anteil von mathematischen Aufgaben verdoppeln und z.B. Schnelligkeitsaufgaben, die Zielwerfen beinhalten, einbeziehen? Emotionale Intelligenz vergleichen (EQ)? Räumliches Sehen? Musikalität? Religiosität? Körpergröße? Elternliebe?
Schauen wir der Tatsache ins Auge: IQ-Vergleiche messen andere Kulturen (mit vielleicht auch ganz anderen Lösungsstrategien) an Maßstäben, die wir innerhalb unserer Kultur entwickelt haben. Wie würden wir Deutschen wohl abschneiden, würden z.B. die Kung San einen "Intelligenztest" auf der Basis der Aufgaben stellen, denen sie täglich begegnen?
Es macht einfach überhaupt keinen Sinn, willkürliche Einzelaspekte des Menschseins in einer Weise zu präsentieren, die ein "Evolutionsziel" oder eine "menschliche Hierarchie" nahelegen - aber genau das wird mit Begriffen wie "Intelligenz-Evolution" impliziert. Und es ist kein Zufall, dass die solcherart willkürlich angelegten Vergleichsmaßstäbe regelmäßig andere, ohnehin bedrängte Gruppen herabsetzen.
4. Bewertung statt Beschreibung
Und so lassen sich alle drei genannten Kritikpunkte in einem zusammen fassen: seriöse, empirische Wissenschaft beobachtet und beschreibt Zusammenhänge, "bevor" sie sie bewertet. Sie reflektiert ihren (nie vollständigen) Wissensstand, weiss um alternative Erklärungen und trennt also zwischen der wissenschaftlichen Theoriebildung und der (weltanschaulich-religiösen oder gar politischen) Interpretation. Gerade auch erfolgreiche Wissenschaftler sind nicht gegen den Umkehrschluss gefeit: aufgrund vorgefasster (mithin auch: emotionaler, z.B. fremdenfeindlicher) Bewertungen empirisch schwache Thesen als Tatsachen auszugeben oder auch bekannte Tatsachen mit Rücksicht auf eigene Vorannahmen zu unterdrücken.
Biologismus am Beispiel der sexuellen Selektion
Um nicht beim Watson-Beispiel stehen zu bleiben, sei beispielsweise auf die Verdrängung der sexuellen Selektion durch Evolutionsbiologen hingewiesen.
Schon Charles Darwin und Alfred Russel Wallace erkannten neben der natürlichen Selektion die sexuelle Selektion (also die Partnerwahl vor allem der Weibchen aus dem Überangebot paarungsbereiter Männchen) als entscheidendes Evolutionsprinzip, ohne dass viele tierische Merkmale wie der Pfauenschwanz, das Hirschgeweih etc. nicht zu erklären sind.
Nur - in die patriarchale Wissenschaftlergemeinde Europas im 19. Jahrhundert passte die Annahme, dass Frauen einen ganz wesentlichen Anteil an der Evolution des Menschen hatten und haben, natürlich nicht. Evolution hatte "Männersache" zu sein.
Und so brachte Charles Darwin es in seiner "Abstammung des Menschen" fertig, die sexuelle Selektion bei Tieren als "geschlechtliche Zuchtwahl" kapitelweise zu schildern - um dann in Bezug auf Menschen brüsk (und ohne Belege sowie auch ohne jede biologische Logik!) zu behaupten:
„Der Mann ist an Körper und Geist kraftvoller als die Frau, und im wilden Zustande hält er dieselbe in einem viel unterwürfigeren Stande der Knechtschaft, als es das Männchen irgend eines anderen Thieres thut; es ist daher nicht überraschend, dass er das Vermögen der Wahl erlangt hat.“ (Deutsche Ausgabe, S. 675)
Auch dass der Mitentdecker der Evolutionstheorie, Alfred Russel Wallace, diesen Fehler erkannte und darum warb, die sexuelle Selektion der Menschenfrauen auch als Alternative zu Krieg, sozialem Unrecht und Eugenik zu erkennen, konnte an der Verdrängung des biologischen Wissens nichts mehr ändern.
Dabei wusste es schon Goethe mit seiner Gretchenfrage besser: Frauen üben Selektion aus. Die Fälle, in denen ihnen dies gewaltförmig völlig verweigert wird, sind Ausnahme, nicht Regel.
Aber die biologistische Frauenfeindlichkeit hielt ein gutes Jahrhundert an und färbte sogar bis in die Primatologie ab: männliche Wissenschaftler liebten es, den sog. "gemeinen Schimpansen (Pan Troglodytes)" als menschlichen Verwandten heraus zu stellen, in und zwischen dessen Horden es oft recht patriarchal, territorial und gewalttätig zugeht. Die Existenz des uns genetisch nicht weniger verwandten "Zwergschimpansen (Bonobo / Pan paniscus" wurde dagegen jahrzehntelang "übersehen" - denn Bonobos sind sehr viel matriarchaler um Mütter und Schwestern strukturiert und lösen Konflikte statt durch Gewalt häufiger durch den Einsatz von (hetero- wie homosexuellem) Sex. Noch bis in die 90er Jahre musste sich der Primatologe Frans de Waal auch vor Biologenkollegen dafür rechtfertigen, eine so "unanständige" Affenart zu erforschen und zu beschreiben. Teilweise half ihm (schön beschrieben in "Der Affe und der Sushimeister"), dass er mit japanischen Kollegen zusammen arbeitete - die eben andere Perspektiven verinnerlicht hatten als die überwiegend WASP-geprägte Biologenzunft. Erst in den 80er Jahren begann (eine Folge auch der Frauenbewegung?) die Erforschung der sexuellen Selektion auch bei Menschenaffen und Menschen wieder neu - mit bis heute nicht ausgeschöpften, erstaunlichen Erkenntnisfortschritten. (Wir Menschen dürften übrigens irgendwo "zwischen" den Strategien des gemeinen Schimpansen und des Bonobo evolviert sein.)
Fazit: Biologie betreiben WEIL die Gefahr des Biologismus besteht
Schon eine oberflächliche Analyse der Geschichte der Biologie zeigt also auf, was gerade Religionswissenschaftler nicht anders erwarten würden: auch Biologen stützen sich nicht nur auf Fakten, sondern konstruieren, wie andere Menschen auch, unbewusst und bewusst Thesen und Mythen, die gerne auch Angehörige des je anderen Geschlechts und (ihnen) Fremde herabwürdigen. Dazu gehört, dass auch sie sich selbst dann gerne als "rein wissenschaftlich" verstehen wollen, wenn sie den Boden seriöser Empirie längst verlassen haben und ins phobische Spekulieren verfallen sind. (Und man erinnere sich an den Ärger, den der Soziologe Karl Mannheim auf sich zog, als er Anfang des 20. Jahrhunderts seinen eigenen Fachkollegen das gleiche nachwies... (-; )
Ich halte es jedoch für einen krassen Fehler, dass viele Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler aus diesen Missbräuchen der Biologie ("Biologismen") den Schluss ziehen, sich von humanbiologischen Forschungen generell fern zu halten und stattdessen nach Denkverboten zu rufen. Das Gegenteil scheint mir richtig: wir Vertreter nichtbiologischer Fächer müssen uns naturwissenschaftlich mindestens so fit machen, um auf Augenhöhe mit Biologen zu arbeiten und Biologismen ggf. als solche entlarven zu können.
Wer das ein bisschen üben will, sei z.B. auf den Blog meines soziobiologischen Sparringspartners Ingo Bading verwiesen, wo sich gar treffliche, interdisziplinäre Beispiele finden und diskutieren lassen.
Ich finde: die Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften brauchen die Naturwissenschaften - aber diese benötigen nicht weniger auch uns, unter anderem, um ihre Perspektiven immer wieder zu klären. Evolutionsforschung kann ein Segen sein - wenn sie aber (wie schon so oft) ideologisch und phobisch missbraucht wird, kann sie auch großen Schaden anrichten. Insofern ist zu hoffen, dass die Watson-Debatte das Bewußtsein sowohl von Biologen wie Nichtbiologen schärft.
blume-religionswissenschaft - 25. Okt, 06:56
17 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
ingo_34 - 23. Okt, 16:54
Puh, Michael!
So ein langer Text!
Und da ich darin angesprochen bin, sollte ich wohl doch auch versuchen zu antworten?
Also, ich versuch's. Aber vorweg: Ehrlich gesagt, geht mir jede Motivation ab, in einer solch hysterischen öffentlichen Stimmung noch irgend etwas zu dieser Thematik zu sagen. Nur die aller mutigsten Ketzer haben noch großartig Motivation, heiß zu diskutieren, wenn sie in der Ferne schon die Scheiterhaufen brennen sehen ...
Du schreibst: "In seiner nachträglichen Entschuldigung räumt Watson selber ein, keine belastbaren Daten für seine Behauptung aufweisen zu können."
Hier noch mal die inkriminierte Stelle:
http://entertainment.timesonline.co.uk/tol/arts_and_entertainment/books/article2630748.ece
He says that he is “inherently gloomy about the prospect of Africa” because “all our social policies are based on the fact that their intelligence is the same as ours – whereas all the testing says not really”, and I know that this “hot potato” is going to be difficult to address. His hope is that everyone is equal, but he counters that “people who have to deal with black employees find this not true”.
Hierzu sagte er dann in dem neuen Artikel:
http://comment.independent.co.uk/commentators/article3075642.ece
If I said what I was quoted as saying, then I can only admit that I am bewildered by it. To those who have drawn the inference from my words that Africa, as a continent, is somehow genetically inferior, I can only apologise unreservedly. That is not what I meant. More importantly from my point of view, there is no scientific basis for such a belief.
Die Diskussion kann sich allein darum drehen, ob man einen niedrigeren IQ als "genetically inferior" (also genetisch minderwertig) erachtet oder nicht.
Bin ich ein gegenüber Albert Einstein minderwertiger Mensch, weil mein IQ höchstwahrscheinlich niedriger ist als der von Albert Einstein??? Dagegen möchte ich hochgradig Verwahrung einlegen. Auch dann, wenn ich nicht besonders viel darüber weiß, wie Albert Einstein - sagen wir - als Familienvater war etc. pp.. Aber schon die Tatsache, daß er einem amerikanischen Präsidenten den Vorschlag gemacht hat, die erste Atombombe der Menschheit zu bauen, nun, wird sicherliche viele an seiner "Höherwertigkeit" zweifeln lassen.
Ist denn damit nicht eigentlich alles gesagt???? ALLES?
Man lese doch einfach die Fülle der von Richard Lynn ausgewerteten IQ-Tests weltweit
http://www.gnxp.com/blog/2006/02/world-of-difference-richard-lynn-maps.php
und wie gut der durchschnittliche IQ der nordamerikanischen Schwarzen (von 85) gegenüber dem der afrikanischen Schwarzen (von 65) zu der Tatsache paßt, daß die nordamerikanischen Schwarzen nach neuesten Erkenntnissen 10 bis 20 % europäische Vorfahren haben.
Für mich war diese letztere Erkenntnis (entnommen dem eben angegebenen Richard Lynn-Verweis) das schlagende Argument dafür, daß ich die IQ-Forschung und -Genetik tatsächlich begann, ernst zu nehmen. Und daß ich mir seitdem die Literatur dazu genauer angeschaut habe. Und ich denke, James Watson wird es nicht anders gegangen sein und allen anderen Forschern, die sich darüber inzwischen geäußert haben oder auch nur "Gedanken gemacht haben".
Vergleichbares bei den Inuit. Die amerikanischen Ureinwohner, mit denen sie am nächsten genetisch verwandt sind, haben einen durchschnittlichen IQ von 85, die Inuit aber einen solchen von 95. Und was stellt sich in den letzten Jahren heraus? Genetisch auch bei den Inuit eine Einmischung von europäischen Genen - entweder schon zur Wikingerzeit oder zur Zeit norwegischer Seefahrer.
Man kann sich über die FLAPPSIGKEIT der Äußerung von James Watson ärgern. Aber noch nicht einmal die fällt ja auf ihn zurück, da es sich doch nur um ein sicherlich aus dem Zusammenhang gelösten Zitat aus einem längeren Interview handelt in einem ebenfalls viel längeren Artikel, der nicht von Watson selbst ist.
Warum schimpft man nicht - mit viel redlicherer Weise - über sein Buch? Weil er sich da vielleicht nicht so überzogen und einseitig interpretierbar geäußert hat? Warum hat man es nötig, solche aus dem Zusammenhang gerissenen Zitate überhaupt für öffentliche Hysterie zu benutzen?
Und zu den Frauen: Las ich nicht grad neulich irgendwo einen Artikel (FAZ, Süddeutsche oder Zeit?) über Lebenspartner-Vermittlungs-Foren im Netz, in denen deutlich wird, daß es die FRAUEN und ihre Partnerwahl-Strategien sind, die dafür sorgen, daß in Deutschland die Reichen immer reicher und die armen immer ärmer werden?
Denn sie wollen heute nicht unter ihrer eigenen "Schicht" heiraten, wozu Männer leichter bereit sind (wenn ich das recht in Erinnerung habe). Also hier ist doch überall viel Stoff für wissenschaftliche Diskussion.
Man muß immer sich und anderen klar machen: IQ ist nur EIN Merkmal des Menschen, das heute viel zu sehr überschätzt wird. (Vielleicht ist das neu ausgewertete Stärke-Verdauungs-Enzym beim Menschen viel wichtiger?) IQ ist ein wichtiges Merkmal, gewiß - aber nicht das allein wichtige.
In der Forschung ist es für MICH nur deshalb so wichtig, weil es sich eben relativ einfach messen läßt (nicht so kompliziert und oft fragwürdig wie etwa "Religiosität") und weil es so wunderbar korreliert mit Schulerfolg, Berufserfolg und Einkommen. Und eben wegen seiner klarer geographischen - das heißt evolutionären - Strukturierung weltweit. Das ist doch SPANNEND!
Also noch einmal: Ein Präsident Putin ist für mich nicht schon deshalb "höherwertig", weil er einen hohen IQ hat. Oh, oh, oh. Was für Lächerlichkeiten werden einem in einer solchen Diskussion zugemutet. TAUSENDMAL lieber als ein IQ-starker Putin ist mir ein IQ-schwacher, armer alter Mann in der afrikanischen Savanne, der mir - auch mit seiner Lebenserfahrung - etwas über die lange Geschichte der menschlichen Evolution erzählen kann, weil er Teil derselben ist. Schon deshalb tritt man mit großer Ehrfurcht ihm gegenüber - so wie man eigentlich jedem Menschen mit Ehrfurcht gegenüber treten sollte.
Wer anders argumentiert, wer meint, alle Menschen weltweit müßten den gleichen IQ haben, damit nicht die einen die anderen als minderwertig beurteilen können, DER hat meiner Meinung nach keine Ehrfurcht. Zumindest keine Ehrfurcht vor der Evolution, vor der Natur und vor der Vielfalt allen menschlichen Seins.
Ich erachte es für das Humanum schlechthin, menschenwürdig mit menschlicher UNGLEICHHEIT umzugehen. Darin haben wir uns ständig zu bewähren. Und ich sehe praktisch keine Stelle, wo sich Watson irgendeinen Vorwurf zu machen hat.
Freilich hat Steven Pinker Gruppenunterschiede behutsamer thematisiert und hat deshalb keinen öffentlichen Skandal hervorgerufen. Er ist das Thema allerdings auch offensiver angegangen als Watson, der offenbar nur ein paar Nebenbemerkungen in einem gar nicht vollständig wiedergegebenen Interview darüber hat fallen lassen.
So ein langer Text!
Und da ich darin angesprochen bin, sollte ich wohl doch auch versuchen zu antworten?
Also, ich versuch's. Aber vorweg: Ehrlich gesagt, geht mir jede Motivation ab, in einer solch hysterischen öffentlichen Stimmung noch irgend etwas zu dieser Thematik zu sagen. Nur die aller mutigsten Ketzer haben noch großartig Motivation, heiß zu diskutieren, wenn sie in der Ferne schon die Scheiterhaufen brennen sehen ...
Du schreibst: "In seiner nachträglichen Entschuldigung räumt Watson selber ein, keine belastbaren Daten für seine Behauptung aufweisen zu können."
Hier noch mal die inkriminierte Stelle:
http://entertainment.timesonline.co.uk/tol/arts_and_entertainment/books/article2630748.ece
He says that he is “inherently gloomy about the prospect of Africa” because “all our social policies are based on the fact that their intelligence is the same as ours – whereas all the testing says not really”, and I know that this “hot potato” is going to be difficult to address. His hope is that everyone is equal, but he counters that “people who have to deal with black employees find this not true”.
Hierzu sagte er dann in dem neuen Artikel:
http://comment.independent.co.uk/commentators/article3075642.ece
If I said what I was quoted as saying, then I can only admit that I am bewildered by it. To those who have drawn the inference from my words that Africa, as a continent, is somehow genetically inferior, I can only apologise unreservedly. That is not what I meant. More importantly from my point of view, there is no scientific basis for such a belief.
Die Diskussion kann sich allein darum drehen, ob man einen niedrigeren IQ als "genetically inferior" (also genetisch minderwertig) erachtet oder nicht.
Bin ich ein gegenüber Albert Einstein minderwertiger Mensch, weil mein IQ höchstwahrscheinlich niedriger ist als der von Albert Einstein??? Dagegen möchte ich hochgradig Verwahrung einlegen. Auch dann, wenn ich nicht besonders viel darüber weiß, wie Albert Einstein - sagen wir - als Familienvater war etc. pp.. Aber schon die Tatsache, daß er einem amerikanischen Präsidenten den Vorschlag gemacht hat, die erste Atombombe der Menschheit zu bauen, nun, wird sicherliche viele an seiner "Höherwertigkeit" zweifeln lassen.
Ist denn damit nicht eigentlich alles gesagt???? ALLES?
Man lese doch einfach die Fülle der von Richard Lynn ausgewerteten IQ-Tests weltweit
http://www.gnxp.com/blog/2006/02/world-of-difference-richard-lynn-maps.php
und wie gut der durchschnittliche IQ der nordamerikanischen Schwarzen (von 85) gegenüber dem der afrikanischen Schwarzen (von 65) zu der Tatsache paßt, daß die nordamerikanischen Schwarzen nach neuesten Erkenntnissen 10 bis 20 % europäische Vorfahren haben.
Für mich war diese letztere Erkenntnis (entnommen dem eben angegebenen Richard Lynn-Verweis) das schlagende Argument dafür, daß ich die IQ-Forschung und -Genetik tatsächlich begann, ernst zu nehmen. Und daß ich mir seitdem die Literatur dazu genauer angeschaut habe. Und ich denke, James Watson wird es nicht anders gegangen sein und allen anderen Forschern, die sich darüber inzwischen geäußert haben oder auch nur "Gedanken gemacht haben".
Vergleichbares bei den Inuit. Die amerikanischen Ureinwohner, mit denen sie am nächsten genetisch verwandt sind, haben einen durchschnittlichen IQ von 85, die Inuit aber einen solchen von 95. Und was stellt sich in den letzten Jahren heraus? Genetisch auch bei den Inuit eine Einmischung von europäischen Genen - entweder schon zur Wikingerzeit oder zur Zeit norwegischer Seefahrer.
Man kann sich über die FLAPPSIGKEIT der Äußerung von James Watson ärgern. Aber noch nicht einmal die fällt ja auf ihn zurück, da es sich doch nur um ein sicherlich aus dem Zusammenhang gelösten Zitat aus einem längeren Interview handelt in einem ebenfalls viel längeren Artikel, der nicht von Watson selbst ist.
Warum schimpft man nicht - mit viel redlicherer Weise - über sein Buch? Weil er sich da vielleicht nicht so überzogen und einseitig interpretierbar geäußert hat? Warum hat man es nötig, solche aus dem Zusammenhang gerissenen Zitate überhaupt für öffentliche Hysterie zu benutzen?
Und zu den Frauen: Las ich nicht grad neulich irgendwo einen Artikel (FAZ, Süddeutsche oder Zeit?) über Lebenspartner-Vermittlungs-Foren im Netz, in denen deutlich wird, daß es die FRAUEN und ihre Partnerwahl-Strategien sind, die dafür sorgen, daß in Deutschland die Reichen immer reicher und die armen immer ärmer werden?
Denn sie wollen heute nicht unter ihrer eigenen "Schicht" heiraten, wozu Männer leichter bereit sind (wenn ich das recht in Erinnerung habe). Also hier ist doch überall viel Stoff für wissenschaftliche Diskussion.
Man muß immer sich und anderen klar machen: IQ ist nur EIN Merkmal des Menschen, das heute viel zu sehr überschätzt wird. (Vielleicht ist das neu ausgewertete Stärke-Verdauungs-Enzym beim Menschen viel wichtiger?) IQ ist ein wichtiges Merkmal, gewiß - aber nicht das allein wichtige.
In der Forschung ist es für MICH nur deshalb so wichtig, weil es sich eben relativ einfach messen läßt (nicht so kompliziert und oft fragwürdig wie etwa "Religiosität") und weil es so wunderbar korreliert mit Schulerfolg, Berufserfolg und Einkommen. Und eben wegen seiner klarer geographischen - das heißt evolutionären - Strukturierung weltweit. Das ist doch SPANNEND!
Also noch einmal: Ein Präsident Putin ist für mich nicht schon deshalb "höherwertig", weil er einen hohen IQ hat. Oh, oh, oh. Was für Lächerlichkeiten werden einem in einer solchen Diskussion zugemutet. TAUSENDMAL lieber als ein IQ-starker Putin ist mir ein IQ-schwacher, armer alter Mann in der afrikanischen Savanne, der mir - auch mit seiner Lebenserfahrung - etwas über die lange Geschichte der menschlichen Evolution erzählen kann, weil er Teil derselben ist. Schon deshalb tritt man mit großer Ehrfurcht ihm gegenüber - so wie man eigentlich jedem Menschen mit Ehrfurcht gegenüber treten sollte.
Wer anders argumentiert, wer meint, alle Menschen weltweit müßten den gleichen IQ haben, damit nicht die einen die anderen als minderwertig beurteilen können, DER hat meiner Meinung nach keine Ehrfurcht. Zumindest keine Ehrfurcht vor der Evolution, vor der Natur und vor der Vielfalt allen menschlichen Seins.
Ich erachte es für das Humanum schlechthin, menschenwürdig mit menschlicher UNGLEICHHEIT umzugehen. Darin haben wir uns ständig zu bewähren. Und ich sehe praktisch keine Stelle, wo sich Watson irgendeinen Vorwurf zu machen hat.
Freilich hat Steven Pinker Gruppenunterschiede behutsamer thematisiert und hat deshalb keinen öffentlichen Skandal hervorgerufen. Er ist das Thema allerdings auch offensiver angegangen als Watson, der offenbar nur ein paar Nebenbemerkungen in einem gar nicht vollständig wiedergegebenen Interview darüber hat fallen lassen.
blume-religionswissenschaft - 23. Okt, 20:52
Nicht political correctness - aber scientific correctness!
Lieber Ingo,
danke für Deinen ausführlichen Kommentar! Und ich denke, er zeigt die Problematik auch wunderbar auf: Du schließt von der unterschiedlichen IQ-Performance zum Beispiel afrikanischer und nordamerikanischer Schwarzer darauf, dass letztere auch "europäische" Vorfahren in der Ahnenkette hätten.
Ich hielte eine andere Erklärung für sehr viel naheliegender: auch Schwarze in Nordamerika sind in einer Kultur und in einem Bildungssystem aufgewachsen, dass auf Problemstellungen, Medien etc. ausgerichtet ist, die mit den IQ-Merkmalen korrelieren. Gleichzeitig hat nur ein kleiner Teil von ihnen das Einkommen, die elterliche Frühförderung, das soziale (ggf. auch religiöse) Netz etc. erreicht, in dem der Aufstieg in noch höhere IQ-Bereiche immer leichter gelingt. Ebenso miserabel würden wahrscheinlich europäische Migranten in einem afrikanischen Wildbeuterdasein abschneiden, bis auch einigen von ihnen der Sprung in die Akkulturation geglückt wäre. Nicht also nur fixierte Genetik, sondern gerade auch die Plastizität unserer Gehirne bestimmt unsere Performance - und es macht das Menschsein aus, dass wir uns auf verschiedene Situationen einstellen können.
Für rassistisch halte ich es jedoch, wenn aufgrund völlig unklarer Datenlage der Eindruck erweckt wird, das schwarze Kind "könne" aufgrund seiner Gene gar nicht oder nur mit geringer Wahrscheinlichkeit vergleichbare IQ-Werte "wie ein Weißer" erreichen. Denn dann erreichen wir genau den Zirkelschluss, der schon soviel Leid über Menschen gebracht hat: aus der Annahme "die können eh nicht anders" wird dann die Schlussfolgerung, man müsse sie "anders fördern" - und beispielsweise in eigene, "einfache" Schulen abschieben, Mischehen unterbinden etc. Das hatten wir doch alles viele Male schon - mit jeweils katastrophalen Ergebnissen! Und genau in diese Richtung geht Watsons Kritik an der Entwicklungspolitik - er impliziert, die bringe ja doch nichts, denn die Afrikaner könne man halt nicht auf den gleichen "Intelligenz"-Stand bringen. Und das ist ein Skandal, gegen den auch gerade diejenigen aufstehen müssen, denen an seriöser Biologie liegt.
Hier geht es nicht darum, dass böse Menschen Biologen das Forschen verbieten wollen. Sondern hier geht es darum, dass Biologen aus unklaren Datenlagen völlig überzogene, auch politische (!) Forderungen ableiten. Und das ist dann Biologismus - nicht nur "politically incorrect" (also in Bereichen, die sich historisch als hoch problematisch erwiesen haben), sondern vor allem "scientifically incorrect", weil die Reichweite der eigenen Erkenntnisse völlig überziehend.
Watson hat damit nicht nur sich selbst, sondern auch der Biologie, insbesondere Genforschung, und dem interdisziplinären Dialog (für den ich mit Überzeugung eintrete!) einen Bärendienst erwiesen. Und das Beste, was wir aus dieser Situation noch machen können, ist eine ehrliche Diskussion über Reichweite und Grenzen der verfügbaren, empirischen Erkenntnisse. Dafür werbe ich und finde es gut, auch Dich als Gesprächspartner zu haben!
Alles Liebe
Michael
danke für Deinen ausführlichen Kommentar! Und ich denke, er zeigt die Problematik auch wunderbar auf: Du schließt von der unterschiedlichen IQ-Performance zum Beispiel afrikanischer und nordamerikanischer Schwarzer darauf, dass letztere auch "europäische" Vorfahren in der Ahnenkette hätten.
Ich hielte eine andere Erklärung für sehr viel naheliegender: auch Schwarze in Nordamerika sind in einer Kultur und in einem Bildungssystem aufgewachsen, dass auf Problemstellungen, Medien etc. ausgerichtet ist, die mit den IQ-Merkmalen korrelieren. Gleichzeitig hat nur ein kleiner Teil von ihnen das Einkommen, die elterliche Frühförderung, das soziale (ggf. auch religiöse) Netz etc. erreicht, in dem der Aufstieg in noch höhere IQ-Bereiche immer leichter gelingt. Ebenso miserabel würden wahrscheinlich europäische Migranten in einem afrikanischen Wildbeuterdasein abschneiden, bis auch einigen von ihnen der Sprung in die Akkulturation geglückt wäre. Nicht also nur fixierte Genetik, sondern gerade auch die Plastizität unserer Gehirne bestimmt unsere Performance - und es macht das Menschsein aus, dass wir uns auf verschiedene Situationen einstellen können.
Für rassistisch halte ich es jedoch, wenn aufgrund völlig unklarer Datenlage der Eindruck erweckt wird, das schwarze Kind "könne" aufgrund seiner Gene gar nicht oder nur mit geringer Wahrscheinlichkeit vergleichbare IQ-Werte "wie ein Weißer" erreichen. Denn dann erreichen wir genau den Zirkelschluss, der schon soviel Leid über Menschen gebracht hat: aus der Annahme "die können eh nicht anders" wird dann die Schlussfolgerung, man müsse sie "anders fördern" - und beispielsweise in eigene, "einfache" Schulen abschieben, Mischehen unterbinden etc. Das hatten wir doch alles viele Male schon - mit jeweils katastrophalen Ergebnissen! Und genau in diese Richtung geht Watsons Kritik an der Entwicklungspolitik - er impliziert, die bringe ja doch nichts, denn die Afrikaner könne man halt nicht auf den gleichen "Intelligenz"-Stand bringen. Und das ist ein Skandal, gegen den auch gerade diejenigen aufstehen müssen, denen an seriöser Biologie liegt.
Hier geht es nicht darum, dass böse Menschen Biologen das Forschen verbieten wollen. Sondern hier geht es darum, dass Biologen aus unklaren Datenlagen völlig überzogene, auch politische (!) Forderungen ableiten. Und das ist dann Biologismus - nicht nur "politically incorrect" (also in Bereichen, die sich historisch als hoch problematisch erwiesen haben), sondern vor allem "scientifically incorrect", weil die Reichweite der eigenen Erkenntnisse völlig überziehend.
Watson hat damit nicht nur sich selbst, sondern auch der Biologie, insbesondere Genforschung, und dem interdisziplinären Dialog (für den ich mit Überzeugung eintrete!) einen Bärendienst erwiesen. Und das Beste, was wir aus dieser Situation noch machen können, ist eine ehrliche Diskussion über Reichweite und Grenzen der verfügbaren, empirischen Erkenntnisse. Dafür werbe ich und finde es gut, auch Dich als Gesprächspartner zu haben!
Alles Liebe
Michael
ingo_34 - 23. Okt, 17:54
(Lust zur Diskussion nicht vergrößert)
Lieber Michael,
ich will noch mal klar stellen: Wir sprechen hier über Äußerungen, für die einer der bedeutendsten Biologen des 20. Jahrhunderts noch in seinem 79. Lebensjahr von jener außerordentlich bedeutenden Insitution entlassen worden ist (Cold Spring Harbour), die ihre Existenz zu einem großen Teil SEINEN Bemühungen zu verdanken hat.
(Cold Spring Harbour wurde berühmt durch die Seminare, die dort in den 1950er Jahren der Doktorvater von James Watson hielt, der deutsche Biophysiker Max Delbrück, dessen Grundsatz war: "Fröhliche Respektlosigkeit" - siehe die tolle Biographie von dem letzten Doktoranden von Max Delbrück, von Ernst Peter Fischer.)
Im Grunde kann von niemanden verlangt werden - gewiß nicht von mir, der NICHT einen so bedeutenden Namen trägt, und der noch NICHT 79 Jahre alt ist etc. pp. pp. - Standpunkte zu vertreten, die - unter weltweitem Aufsehen - SOLCHE beruflichen Konsequenzen haben.
Das solltest Du bei unserer "feucht-fröhlichen" Diskussion auch berücksichtigen. MIR jedenfalls vergeht bei solchen Ereignissen die Lust zu so manchem - zumindest "Öffentlichem".
Und ohne Zweifel ist genau DAS beabsichtigt von jenen, die solche Hysterien inszenieren und ein Weltbild vertreten, das zunehmend weniger mit den wissenschaftlich erforschten Tatsachen in Einklang zu bringen ist.
ich will noch mal klar stellen: Wir sprechen hier über Äußerungen, für die einer der bedeutendsten Biologen des 20. Jahrhunderts noch in seinem 79. Lebensjahr von jener außerordentlich bedeutenden Insitution entlassen worden ist (Cold Spring Harbour), die ihre Existenz zu einem großen Teil SEINEN Bemühungen zu verdanken hat.
(Cold Spring Harbour wurde berühmt durch die Seminare, die dort in den 1950er Jahren der Doktorvater von James Watson hielt, der deutsche Biophysiker Max Delbrück, dessen Grundsatz war: "Fröhliche Respektlosigkeit" - siehe die tolle Biographie von dem letzten Doktoranden von Max Delbrück, von Ernst Peter Fischer.)
Im Grunde kann von niemanden verlangt werden - gewiß nicht von mir, der NICHT einen so bedeutenden Namen trägt, und der noch NICHT 79 Jahre alt ist etc. pp. pp. - Standpunkte zu vertreten, die - unter weltweitem Aufsehen - SOLCHE beruflichen Konsequenzen haben.
Das solltest Du bei unserer "feucht-fröhlichen" Diskussion auch berücksichtigen. MIR jedenfalls vergeht bei solchen Ereignissen die Lust zu so manchem - zumindest "Öffentlichem".
Und ohne Zweifel ist genau DAS beabsichtigt von jenen, die solche Hysterien inszenieren und ein Weltbild vertreten, das zunehmend weniger mit den wissenschaftlich erforschten Tatsachen in Einklang zu bringen ist.
ingo_34 - 23. Okt, 19:21
Michael,
ich entdecke grade, was die Journalistin zu dem Furor schreibt, den ihr Artikel über ihr Interview mit James Watson ausgelöst hat.
http://www.timesonline.co.uk/tol/global/article2704730.ece
Sie war selbst Mitarbeiterin im Cold Spring Harbor Laboratory und KENNT darum auch die Bedeutung von Watson für alle Kollegen, die mit ihm zusammenarbeiten.
Charlotte Hunt-Grubbe schreibt unter anderem:
... After a long day of conversation – the topic of racial inequality was broached. It seemed an important extension to words he had written in his book. I would never have written something that I thought he would not be prepared to defend. I am not trying to destroy a brilliant scientist and I am genuinely horrified by the response.
Und außerdem:
Science has always been open to debate. Why shackle it? What are we so afraid of? Why gag and shame on the basis of fear?
Ganz klar ist, daß sie in der Wissenschaft die Atmosphäre "fröhlicher Respektlosigkeit" aufrecht erhalten wissen möchte, die James Watson ausstrahlte, die er von seinem Doktorvater Max Delbrück erbte und die dieser wiederum von Gamov, Nils Bohr und all den berühmten Atomphysikern der 1920er Jahre des 20. Jahrhunderts mit ins Leben genommen hatte.
Und zum Schluß schreibt sie:
He may push the boundaries of what is acceptable in our PC world – and stray into areas that are not his expertise - but when he sits in his role as Chancellor of Cold Spring Harbor Laboratory, his scientists – though not the publicists – feel safe and expertly guided. And they are.
ich entdecke grade, was die Journalistin zu dem Furor schreibt, den ihr Artikel über ihr Interview mit James Watson ausgelöst hat.
http://www.timesonline.co.uk/tol/global/article2704730.ece
Sie war selbst Mitarbeiterin im Cold Spring Harbor Laboratory und KENNT darum auch die Bedeutung von Watson für alle Kollegen, die mit ihm zusammenarbeiten.
Charlotte Hunt-Grubbe schreibt unter anderem:
... After a long day of conversation – the topic of racial inequality was broached. It seemed an important extension to words he had written in his book. I would never have written something that I thought he would not be prepared to defend. I am not trying to destroy a brilliant scientist and I am genuinely horrified by the response.
Und außerdem:
Science has always been open to debate. Why shackle it? What are we so afraid of? Why gag and shame on the basis of fear?
Ganz klar ist, daß sie in der Wissenschaft die Atmosphäre "fröhlicher Respektlosigkeit" aufrecht erhalten wissen möchte, die James Watson ausstrahlte, die er von seinem Doktorvater Max Delbrück erbte und die dieser wiederum von Gamov, Nils Bohr und all den berühmten Atomphysikern der 1920er Jahre des 20. Jahrhunderts mit ins Leben genommen hatte.
Und zum Schluß schreibt sie:
He may push the boundaries of what is acceptable in our PC world – and stray into areas that are not his expertise - but when he sits in his role as Chancellor of Cold Spring Harbor Laboratory, his scientists – though not the publicists – feel safe and expertly guided. And they are.
blume-religionswissenschaft - 23. Okt, 21:06
Nicht Hysterie, aber gesunde Selbstkritik
Lieber Ingo,
ich spreche mich hier weder für Hysterie noch für Maßnahmen, Berufsverbote oder ähnliches aus. Watson ist nicht mehr der jüngste, zu einer Zeit sozialisiert, in der ein gleichberechtigtes Miteinander in Vielfalt noch nicht zum Lebensalltag gehörte - ich würde da auch nicht so hart sein.
Aber umgekehrt gilt es eben auch nicht, wirklich weitreichende Behauptungen über ganze Populationen, Völker und Kontinente hinaus zu posaunen und dann zu beklagen, wenn man ernst genommen wird. Wenn es uns wirklich um den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt und die Humanität (auch als respektvoller Umgang mit Vielfalt) geht - dann sollten Natur- und Geisteswissenschaftler eben auch gemeinsam über Erkenntnisreichweite und öffentliche Verantwortung reflektieren.
Genau darum ging es mir bei der Bitte, junge Studierende der Religionswissenschaft nicht auf das glatte Eis von IQ-Evolution & Co. zu führen. In Bereichen herum zu dilettieren, die aus guten Gründen sehr kritisch betrachtet werden, kann nur schaden. Hier sind Behutsamkeit, Respekt vor den Grenzen unseres Wissens (siehe Friedrich August von Hayek) und sorgfältige, Alternativen prüfende Wissenschaft gefragt.
Mir ist mehr denn je bewusst geworden: im Dialog der Geistes- mit den Naturwissenschaften sind BEIDE Seiten Lernende...
Herzliche Grüße
Michael
ich spreche mich hier weder für Hysterie noch für Maßnahmen, Berufsverbote oder ähnliches aus. Watson ist nicht mehr der jüngste, zu einer Zeit sozialisiert, in der ein gleichberechtigtes Miteinander in Vielfalt noch nicht zum Lebensalltag gehörte - ich würde da auch nicht so hart sein.
Aber umgekehrt gilt es eben auch nicht, wirklich weitreichende Behauptungen über ganze Populationen, Völker und Kontinente hinaus zu posaunen und dann zu beklagen, wenn man ernst genommen wird. Wenn es uns wirklich um den wissenschaftlichen Erkenntnisfortschritt und die Humanität (auch als respektvoller Umgang mit Vielfalt) geht - dann sollten Natur- und Geisteswissenschaftler eben auch gemeinsam über Erkenntnisreichweite und öffentliche Verantwortung reflektieren.
Genau darum ging es mir bei der Bitte, junge Studierende der Religionswissenschaft nicht auf das glatte Eis von IQ-Evolution & Co. zu führen. In Bereichen herum zu dilettieren, die aus guten Gründen sehr kritisch betrachtet werden, kann nur schaden. Hier sind Behutsamkeit, Respekt vor den Grenzen unseres Wissens (siehe Friedrich August von Hayek) und sorgfältige, Alternativen prüfende Wissenschaft gefragt.
Mir ist mehr denn je bewusst geworden: im Dialog der Geistes- mit den Naturwissenschaften sind BEIDE Seiten Lernende...
Herzliche Grüße
Michael
Lasse (Gast) - 23. Okt, 23:07
Super ! - Oder was ?
Wir sollten vielleicht zusammenarbeiten !
Lars
http:((schreibnetz.de
Lars
http:((schreibnetz.de
blume-religionswissenschaft - 25. Okt, 09:57
Grundsätzlich gerne...
...mach einen Vorschlag! (Gerne auch per Mail über die Homepage)
Herzliche Grüße
Michael
Herzliche Grüße
Michael
ingo_34 - 24. Okt, 07:44
Nein, Michael, Du hast mich nicht richtig verstanden. Der IQ von nordamerikanischen und afrikanischen Schwarzen wird mit IQ-Tests gemessen und diese Tests sind von Richard Lynn ausgewertet worden.
Der Anteil der europäischen Gene bei den nordamerikanischen Schwarzen und bei den Inuit ist ganz UNABHÄNGIG von den IQ-Tests in ganz anderen Untersuchungen festgestellt worden. ICH (und sicherlich auch andere) haben nur festgestellt, wie diese beiden unabhängig voneinander gewonnenen Ergebnisse geradezu nahtlos aufeinander passen.
Und DAS war für mich einer der stärksten Hinweise darauf, daß an der ganzen Sache etwas ist zusammen damit, (1) daß es eben einen eindeutigen Nord-Süd-Gradienten beim IQ gibt, zusammen mit der Tatsache, (2) daß eben "jüngste lokale Humanevolution" in ALLEN menschlichen Merkmalen immer deutlicher sichtbar wird im Genom, zusammen (3) mit der schon lange aus der Zwillingsforschung bekannten und erhärteten Tatsache, daß der IQ eine starke erbliche Komponente hat zusammen mit der Tatsache, (4) daß auch bei anderen menschlichen Erbmerkmalen bei Mischbevölkerungen eben "Mischwerte" auftreten (Mendel, nicht wahr?) etc. etc. pp. pp.. Zusammen mit der Tatsache (5), daß ein Volk, daß es erst seit 1000 Jahren gibt, nämlich den aschkenasischen Juden, nicht nur der IQ in diesen 1000 Jahren evoluiert ist, sondern auch zahlreiche "andere" Erbkrankheiten besonders häufig vorkommen. etc. etc. etc. pp.
Es paßt halt alles wunderbar zusammen und gibt ein herrlich großes, neues Bild von Humanevolution, aus dem auch philosophisch viel abgeleitet werden kann. Nicholas Wade hat darauf hingewiesen, daß allein diese 200.000 Jahre ein Hinweis auf die "Zielgerichtetheit" der Evolution darstellen. Diese Tatsachen machen klarer als je, daß wir Menschen unsere Evolution selbst steuern - und zwar heftig. Will man denn mit all diesen spannenden Sachen sich gar nicht beschäftigen?
Ich habe einfach nur mal alle PC weggelassen, auch gar nicht wissenschaftlich "besonders" korrekt sein wollen, sondern "nur" die Tatsachen (und natürlich die Literatur) im Zusammenhang auf mich wirken lassen. Man muß dabei sein Denken nicht verbiegen. Vielmehr wird das Denken dadurch "lockerer".
Gerade DEINE Vermutung zu dem IQ von 85 bei nordamerikanischen Schwarzen hatte ich doch zuvor auch immer. Aber wenn er doch viel einfacher mit den Genen zu erklären ist, dann NEHME ich doch die sparsamste Erklärung und lasse mich doch mal darauf ein. Natürlich zunächst nur als Hypothese. Aber so fange ich doch immer erst mit dem Nachdenken an.
NEIN, Michael. Es ist wie bei der Atombombe und so vielen anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die nicht NUR zum Guten verwendet werden können: Wie wir mit wissenschaftlichen Ergebnissen UMGEHEN, was wir für Handlungsanleitungen aus ihnen ableiten, DAS entscheiden WIR Menschen und zwar WIR allein.
Übrigens fällt mir grad ein: Der Historiker Greogory Clark sagte neulich in der "Süddeutschen" genau das gleiche wie Watson (siehe mein Blog), ohne daß ein öffentlicher Sturm losbrach, ohne daß die Süddt. Ztg. zensiert hätte etc..
Die Schlußfolgerungen liegen nun mal inzwischen auf der Hand.
UNSER Wohlstand hängt ab von der Leistung sehr weniger, sehr intelligenter Menschen. Sind wir deshalb nicht berechtigt, diesen Wohlstand zu haben, weil wir nicht die Hauptleistung zu seinem Hervorbringen gebracht haben, sondern die hochintelligenten Menschen? All das ist doch Unsinn.
Der Anteil der europäischen Gene bei den nordamerikanischen Schwarzen und bei den Inuit ist ganz UNABHÄNGIG von den IQ-Tests in ganz anderen Untersuchungen festgestellt worden. ICH (und sicherlich auch andere) haben nur festgestellt, wie diese beiden unabhängig voneinander gewonnenen Ergebnisse geradezu nahtlos aufeinander passen.
Und DAS war für mich einer der stärksten Hinweise darauf, daß an der ganzen Sache etwas ist zusammen damit, (1) daß es eben einen eindeutigen Nord-Süd-Gradienten beim IQ gibt, zusammen mit der Tatsache, (2) daß eben "jüngste lokale Humanevolution" in ALLEN menschlichen Merkmalen immer deutlicher sichtbar wird im Genom, zusammen (3) mit der schon lange aus der Zwillingsforschung bekannten und erhärteten Tatsache, daß der IQ eine starke erbliche Komponente hat zusammen mit der Tatsache, (4) daß auch bei anderen menschlichen Erbmerkmalen bei Mischbevölkerungen eben "Mischwerte" auftreten (Mendel, nicht wahr?) etc. etc. pp. pp.. Zusammen mit der Tatsache (5), daß ein Volk, daß es erst seit 1000 Jahren gibt, nämlich den aschkenasischen Juden, nicht nur der IQ in diesen 1000 Jahren evoluiert ist, sondern auch zahlreiche "andere" Erbkrankheiten besonders häufig vorkommen. etc. etc. etc. pp.
Es paßt halt alles wunderbar zusammen und gibt ein herrlich großes, neues Bild von Humanevolution, aus dem auch philosophisch viel abgeleitet werden kann. Nicholas Wade hat darauf hingewiesen, daß allein diese 200.000 Jahre ein Hinweis auf die "Zielgerichtetheit" der Evolution darstellen. Diese Tatsachen machen klarer als je, daß wir Menschen unsere Evolution selbst steuern - und zwar heftig. Will man denn mit all diesen spannenden Sachen sich gar nicht beschäftigen?
Ich habe einfach nur mal alle PC weggelassen, auch gar nicht wissenschaftlich "besonders" korrekt sein wollen, sondern "nur" die Tatsachen (und natürlich die Literatur) im Zusammenhang auf mich wirken lassen. Man muß dabei sein Denken nicht verbiegen. Vielmehr wird das Denken dadurch "lockerer".
Gerade DEINE Vermutung zu dem IQ von 85 bei nordamerikanischen Schwarzen hatte ich doch zuvor auch immer. Aber wenn er doch viel einfacher mit den Genen zu erklären ist, dann NEHME ich doch die sparsamste Erklärung und lasse mich doch mal darauf ein. Natürlich zunächst nur als Hypothese. Aber so fange ich doch immer erst mit dem Nachdenken an.
NEIN, Michael. Es ist wie bei der Atombombe und so vielen anderen wissenschaftlichen Erkenntnissen, die nicht NUR zum Guten verwendet werden können: Wie wir mit wissenschaftlichen Ergebnissen UMGEHEN, was wir für Handlungsanleitungen aus ihnen ableiten, DAS entscheiden WIR Menschen und zwar WIR allein.
Übrigens fällt mir grad ein: Der Historiker Greogory Clark sagte neulich in der "Süddeutschen" genau das gleiche wie Watson (siehe mein Blog), ohne daß ein öffentlicher Sturm losbrach, ohne daß die Süddt. Ztg. zensiert hätte etc..
Die Schlußfolgerungen liegen nun mal inzwischen auf der Hand.
UNSER Wohlstand hängt ab von der Leistung sehr weniger, sehr intelligenter Menschen. Sind wir deshalb nicht berechtigt, diesen Wohlstand zu haben, weil wir nicht die Hauptleistung zu seinem Hervorbringen gebracht haben, sondern die hochintelligenten Menschen? All das ist doch Unsinn.
ingo_34 - 24. Okt, 07:46
Im übrigen wundere ich mich schon, wie Du "wissenschaftliche Korrektheit" fordern kannst, ohne offenbar die reichhaltige Literatur über moderne IQ-Forschung und Verhaltensgenetik Dir überhaupt jemals angeschaut zu haben.
Erste Voraussetzung für wissenschaftliche Korrektheit ist, daß man ERST die Literatur zur Kenntnis nimmt und sich DANN ein Urteil bildet.
Erste Voraussetzung für wissenschaftliche Korrektheit ist, daß man ERST die Literatur zur Kenntnis nimmt und sich DANN ein Urteil bildet.
blume-religionswissenschaft - 24. Okt, 15:25
Korrektheit
Lieber Ingo,
wie oft habe ich das Argument schon gehört, z.B. von Kreationisten: erst, wenn man alle kreationistische Literatur gelesen habe, habe man das Recht, sich über Kreationismus und die Evolutionstheorie zu äußern... Das ist meines Erachtens eine sehr durchsichtige Verteidigungsstrategie, mit der jede Disziplin oder auch Bewegung "Einmischungen" bequem abwehren kann.
Was würdest Du davon halten, wenn ich Biologen absprechen würde, über Religion(en) zu sprechen, wenn sie nicht zuvor mindestens zwölf wissenschaftliche Standardwerke gelesen hätten? Oder über Afrika und Afrikapolitik zu sprechen, bevor sie alle bedeutenden Werke durchgearbeitet haben? Würde das den interdisziplinären Dialog befördern? Nein, es würde die Gräben zwischen unseren Disziplinen vertiefen und den Erkenntnisfortschritt behindern. Deswegen begrüße ich es, wenn sich auch Biologen mit Religion und Religionswissenschaftler mit Biologie befassen - und sich auf Augenhöhe bewegen.
Unter "scientific correctness" verstehe ich ein Bedenken der erkenntnistheoretischen Grenzen. In Deinem Beitrag hast Du völlig richtig von Hypothesen und Korrelationen geschrieben. Diese mögen faszinierend sein, weiterer Forschung bedürfen - aber wer auf ihrer Basis gleich politische Maßnahmen fordert und Menschengruppen als Arbeitnehmer in ein schlechtes Licht rückt, darf sich doch dann nicht über Widerspruch wundern! Sehr schön finde ich diesen Dissens in Deiner Aussage über die Atombombe: die einen sollen sie eben entwickeln dürfen und dann "wir alle" darüber nachsinnen, wie wir damit umgehen. Da bin ich anderer Meinung: gerade auch Wissenschaftler tragen Verantwortung, die sich auch in der Zielrichtung und Kommunikation ihrer Ergebnisse spiegelt. "Ich darf alles machen und Ihr dürft mir nicht widersprechen!" ist keine erwachsene Einstellung - vor allem dann nicht, wenn die gleichen Wissenschaftler dann auch noch der Politik (und damit allen) Ratschläge erteilen wollen. Hier gilt: Respekt und Förderung ja, aber dafür bitte auch Verantwortungsbewusstsein!
Wenn Du von "Zielgerichtetheit" von Evolution sprichst, diese an den IQ koppelst und dann behauptest, Schwarze hätten nun einmal eine durchschnittlich niedrigere als Europäer, dann muss Dir doch selber klar sein, was das bedeutet! Und es ist erkenntnistheoretisch einfach nicht haltbar:
1. Ob die Evolution ein Ziel hat, entzieht sich unserer empirischen Erkenntnisfähigkeit. Schon singuläre Ereignisse wie z.B. Asteroiden können Entwicklungen von Jahrmillionen unterbrechen und neue Bahnen einschlagen - wie wohl am Ende der Dinosaurier und zugunsten der Säugetiere geschehen.
2. Wenn Du schon an ein "Ziel" glauben willst, warum dann IQ? Warum nicht Güte? Friedfertigkeit? Religiosität? Das einzige Kriterium für biologischen Erfolg ist der Reproduktionserfolg und der nimmt weltweit mit zunehmender Bildung eben "nicht" zu, sondern tendenziell ab. Dagegen haben wir einen engen Zusammenhang von Glauben und Kinderreichtum. Und Afrikaner haben weit mehr Kinder als die implodierenden, "intelligenten" Schichten Europas. IQ als "Ziel der Evolution" zu verkaufen ist nicht Beobachtung, sondern metaphysische Setzung - die dann natürlich auch "Maßnahmen" empfiehlt, dieses zu erreichen! Eugenik reloaded.
3. Dein Beispiel der aschkenasischen Juden ist ein sehr schönes Beispiel für die Notwendigkeit des Dialoges zwischen unseren Disziplinen. Denn ein Biologe kann den statistisch belegten Zuwachs an Bildung und IQ unter jüdischen Menschen innerhalb der letzten Jahrhunderte tendenziell als genetisch verstehen wollen (siehe oben; alle Fachliteratur über das Judentum gelesen? In jüdischen Gemeinden gewesen?). Ein Religionswissenschaftler wird dagegen darauf hinweisen, dass sich in genau diesen Jahrhunderten eben auch neue Gemeindeformen entwickelten, eine Wertschätzung von Lesen und Bildung (vergleiche zum Beispiel mit dem frühen Protestantismus, der ebenfalls Bildungsschübe auslöste) und schließlich den Aufbau einer hervorragenden Infrastruktur mit Kindergärten, Schulen etc. hervorbrachte. (Übrigens hast Du hier also auch wieder ein Beispiel, wie IQ "mit Religion" (!) korreliert!). Wir haben hier eine Wechselwirkung biologischer und kultureller Faktoren, die wir erst zu verstehen beginnen - und die jeden "biologistischen" oder auch "kulturalistischen" Schnellschuss verbietet!
Während eine rein genetische Sichtweise Gruppen scheinbar fixierte Merkmale zuweist, wird eine realistische Sichtweise auch die Kultur einbeziehen - und beispielsweise die Möglichkeit einräumen, voneinander zu lernen! Dass jüdisches Leben mit einer besonderer Wertschätzung von geistiger Tradition einhergeht, während Menschen aller Völker und Hautfarben Juden werden können halte ich für eine wichtige Selbstaussage.
Also: ich arbeite als Religionswissenschaftler jetzt seit Jahren mit der Biologie und Biologen. Ich bin der Meinung, dass die Religionswissenschaft hier viel lernen kann, ja muss. Aber einem "Biologismus", der religiöse, kulturelle, geographische und sozioökonomische Faktoren ausblendet, wage ich auch zu selbstbewusst zu widersprechen. Denn auch meine Kollegen und ich merken, wie dringend der interdisziplinäre Dialog ist, wenn wir manche Naturwissenschaftler z.B. über Religionsgemeinschaften sprechen oder schreiben hören. Die Bildungsentwicklung des aschkenasischen Judentums auf genetische Faktoren zu verengen ist so ein Fall, der darauf hinweist, dass hier wechselseitiger Lernbedarf besteht...
Ich schlage ein Bild vor: es ist für einen Kunstwissenschaftler wichtig, zu wissen, wie ein Maler arbeitete, welche Stoffe und Farben er zur Verfügung hatte etc. Aber die Schönheit eines Bildes wird sich niemals nur aus seiner chemischen Zusammensetzung ableiten lassen. So werden also Chemiker und Kunsthistoriker einander idealerweise im Dialog bereichern, niemals aber ablösen können.
Alles Liebe
Michael
wie oft habe ich das Argument schon gehört, z.B. von Kreationisten: erst, wenn man alle kreationistische Literatur gelesen habe, habe man das Recht, sich über Kreationismus und die Evolutionstheorie zu äußern... Das ist meines Erachtens eine sehr durchsichtige Verteidigungsstrategie, mit der jede Disziplin oder auch Bewegung "Einmischungen" bequem abwehren kann.
Was würdest Du davon halten, wenn ich Biologen absprechen würde, über Religion(en) zu sprechen, wenn sie nicht zuvor mindestens zwölf wissenschaftliche Standardwerke gelesen hätten? Oder über Afrika und Afrikapolitik zu sprechen, bevor sie alle bedeutenden Werke durchgearbeitet haben? Würde das den interdisziplinären Dialog befördern? Nein, es würde die Gräben zwischen unseren Disziplinen vertiefen und den Erkenntnisfortschritt behindern. Deswegen begrüße ich es, wenn sich auch Biologen mit Religion und Religionswissenschaftler mit Biologie befassen - und sich auf Augenhöhe bewegen.
Unter "scientific correctness" verstehe ich ein Bedenken der erkenntnistheoretischen Grenzen. In Deinem Beitrag hast Du völlig richtig von Hypothesen und Korrelationen geschrieben. Diese mögen faszinierend sein, weiterer Forschung bedürfen - aber wer auf ihrer Basis gleich politische Maßnahmen fordert und Menschengruppen als Arbeitnehmer in ein schlechtes Licht rückt, darf sich doch dann nicht über Widerspruch wundern! Sehr schön finde ich diesen Dissens in Deiner Aussage über die Atombombe: die einen sollen sie eben entwickeln dürfen und dann "wir alle" darüber nachsinnen, wie wir damit umgehen. Da bin ich anderer Meinung: gerade auch Wissenschaftler tragen Verantwortung, die sich auch in der Zielrichtung und Kommunikation ihrer Ergebnisse spiegelt. "Ich darf alles machen und Ihr dürft mir nicht widersprechen!" ist keine erwachsene Einstellung - vor allem dann nicht, wenn die gleichen Wissenschaftler dann auch noch der Politik (und damit allen) Ratschläge erteilen wollen. Hier gilt: Respekt und Förderung ja, aber dafür bitte auch Verantwortungsbewusstsein!
Wenn Du von "Zielgerichtetheit" von Evolution sprichst, diese an den IQ koppelst und dann behauptest, Schwarze hätten nun einmal eine durchschnittlich niedrigere als Europäer, dann muss Dir doch selber klar sein, was das bedeutet! Und es ist erkenntnistheoretisch einfach nicht haltbar:
1. Ob die Evolution ein Ziel hat, entzieht sich unserer empirischen Erkenntnisfähigkeit. Schon singuläre Ereignisse wie z.B. Asteroiden können Entwicklungen von Jahrmillionen unterbrechen und neue Bahnen einschlagen - wie wohl am Ende der Dinosaurier und zugunsten der Säugetiere geschehen.
2. Wenn Du schon an ein "Ziel" glauben willst, warum dann IQ? Warum nicht Güte? Friedfertigkeit? Religiosität? Das einzige Kriterium für biologischen Erfolg ist der Reproduktionserfolg und der nimmt weltweit mit zunehmender Bildung eben "nicht" zu, sondern tendenziell ab. Dagegen haben wir einen engen Zusammenhang von Glauben und Kinderreichtum. Und Afrikaner haben weit mehr Kinder als die implodierenden, "intelligenten" Schichten Europas. IQ als "Ziel der Evolution" zu verkaufen ist nicht Beobachtung, sondern metaphysische Setzung - die dann natürlich auch "Maßnahmen" empfiehlt, dieses zu erreichen! Eugenik reloaded.
3. Dein Beispiel der aschkenasischen Juden ist ein sehr schönes Beispiel für die Notwendigkeit des Dialoges zwischen unseren Disziplinen. Denn ein Biologe kann den statistisch belegten Zuwachs an Bildung und IQ unter jüdischen Menschen innerhalb der letzten Jahrhunderte tendenziell als genetisch verstehen wollen (siehe oben; alle Fachliteratur über das Judentum gelesen? In jüdischen Gemeinden gewesen?). Ein Religionswissenschaftler wird dagegen darauf hinweisen, dass sich in genau diesen Jahrhunderten eben auch neue Gemeindeformen entwickelten, eine Wertschätzung von Lesen und Bildung (vergleiche zum Beispiel mit dem frühen Protestantismus, der ebenfalls Bildungsschübe auslöste) und schließlich den Aufbau einer hervorragenden Infrastruktur mit Kindergärten, Schulen etc. hervorbrachte. (Übrigens hast Du hier also auch wieder ein Beispiel, wie IQ "mit Religion" (!) korreliert!). Wir haben hier eine Wechselwirkung biologischer und kultureller Faktoren, die wir erst zu verstehen beginnen - und die jeden "biologistischen" oder auch "kulturalistischen" Schnellschuss verbietet!
Während eine rein genetische Sichtweise Gruppen scheinbar fixierte Merkmale zuweist, wird eine realistische Sichtweise auch die Kultur einbeziehen - und beispielsweise die Möglichkeit einräumen, voneinander zu lernen! Dass jüdisches Leben mit einer besonderer Wertschätzung von geistiger Tradition einhergeht, während Menschen aller Völker und Hautfarben Juden werden können halte ich für eine wichtige Selbstaussage.
Also: ich arbeite als Religionswissenschaftler jetzt seit Jahren mit der Biologie und Biologen. Ich bin der Meinung, dass die Religionswissenschaft hier viel lernen kann, ja muss. Aber einem "Biologismus", der religiöse, kulturelle, geographische und sozioökonomische Faktoren ausblendet, wage ich auch zu selbstbewusst zu widersprechen. Denn auch meine Kollegen und ich merken, wie dringend der interdisziplinäre Dialog ist, wenn wir manche Naturwissenschaftler z.B. über Religionsgemeinschaften sprechen oder schreiben hören. Die Bildungsentwicklung des aschkenasischen Judentums auf genetische Faktoren zu verengen ist so ein Fall, der darauf hinweist, dass hier wechselseitiger Lernbedarf besteht...
Ich schlage ein Bild vor: es ist für einen Kunstwissenschaftler wichtig, zu wissen, wie ein Maler arbeitete, welche Stoffe und Farben er zur Verfügung hatte etc. Aber die Schönheit eines Bildes wird sich niemals nur aus seiner chemischen Zusammensetzung ableiten lassen. So werden also Chemiker und Kunsthistoriker einander idealerweise im Dialog bereichern, niemals aber ablösen können.
Alles Liebe
Michael
Kunar - 3. Nov, 02:53
Bonobo
Um nach der aufgeheizten Diskussion noch einen etwas harmloseren Beitrag zu bringen: Über die Bonobos gibt es ein Lied von Funny van Dannen (Text als PDF). Da kommt - wenn auch am Rande - sogar der Kampf der Kulturen vor.
blume-religionswissenschaft - 3. Nov, 02:57
Genial frecher Text!
Danke!
Und für das Esperanto-Livejournal, willkommen auf meiner Blogroll! (-:
Und für das Esperanto-Livejournal, willkommen auf meiner Blogroll! (-:
B.M. (Gast) - 17. Nov, 16:34
Was soll´s?
Hallo!
Wenn die Feststellung von Watson gesichert wären - was soll´s ? Das Ganze wird doch nur dadurch ein Problem - abgesehen vom Wert statistischer Aussagen wie Tibeter sind bessere Bergsteiger als Ostfriesen - , daß aus einer Tatsachenfeststellung in ein Werturteil gemacht wird. Nun ist das, wie jedes Schulkind im Philosophieunterricht lernt, eine böse Tat. Wenn man aber über den Wert von Menschen redet, spielt die Biologie keine Rolle. Hier sind kulturelle Errungenschaften maßgebend, wie: Alle Menschen sind vor Gott gleich! oder die säkularisierte Form: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich!
Viele Grüße
B.M
Ps. Ich würde dieses Weblog gerne in meine Blogroll aufnehmen, wenn´s genehm ist!
Wenn die Feststellung von Watson gesichert wären - was soll´s ? Das Ganze wird doch nur dadurch ein Problem - abgesehen vom Wert statistischer Aussagen wie Tibeter sind bessere Bergsteiger als Ostfriesen - , daß aus einer Tatsachenfeststellung in ein Werturteil gemacht wird. Nun ist das, wie jedes Schulkind im Philosophieunterricht lernt, eine böse Tat. Wenn man aber über den Wert von Menschen redet, spielt die Biologie keine Rolle. Hier sind kulturelle Errungenschaften maßgebend, wie: Alle Menschen sind vor Gott gleich! oder die säkularisierte Form: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich!
Viele Grüße
B.M
Ps. Ich würde dieses Weblog gerne in meine Blogroll aufnehmen, wenn´s genehm ist!
blume-religionswissenschaft - 17. Nov, 19:07
Danke...
Ingo, ich bin auch immer noch ganz baff. Das heisst aber dann wohl auch (noch) mehr Arbeit... (-;
Danke auch B.M.! Der Zephyrblog ist sehr schön, tiefsinnige Texte, wenn auch noch nicht arg bestückt - kommt aber als Empfehlung auch auf meine Blogroll. (-:
Danke auch B.M.! Der Zephyrblog ist sehr schön, tiefsinnige Texte, wenn auch noch nicht arg bestückt - kommt aber als Empfehlung auch auf meine Blogroll. (-:
blume-religionswissenschaft - 12. Dez, 11:20
FOCUS-Artikel zu IQ-Genetik...
...abrufbar hier:
http://www.focus.de/wissen/wissenschaft/siefers_hirnwelten/siefers-hirnwelten_aid_228956.html
http://www.focus.de/wissen/wissenschaft/siefers_hirnwelten/siefers-hirnwelten_aid_228956.html
ingo_34 - 12. Dez, 14:48
wenn schon Focus ...
.... dann auch diesen:
http://www.focus.de/wissen/wissenschaft/mensch/tid-8270/rasende-evolution_aid_228907.html
http://www.focus.de/wissen/wissenschaft/mensch/tid-8270/rasende-evolution_aid_228907.html




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