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Dienstag, 16. Oktober 2007

Ist Religiosität genetisch veranlagt? Ergebnisse der Zwillingsforschung

Auch die Frage, ob Religiosität genetisch veranlagt ist, fiel der Funkstille zwischen großen Teilen der Natur- und Geisteswissenschaften (zu) lange zum Opfer. Seit kaum zwei Jahrzehnten jedoch wurde auch diese Frage im Rahmen von Zwillingsstudien erforscht, bei denen Merkmalsausprägungen sowohl mono- wie dizygotischer (ein- bzw. zweieiiger Zwillinge) jeweils wieder gemeinsam oder getrennt aufwachsend mit denen weiterer Probandengruppen verglichen wurden.

Nach einer Vielzahl von Studien und deren Vergleichen etwa durch Hamer, Waller und zuletzt auch Koenig und Bouchard ("Genetic and Environmental Influences on the Traditional Moral Values Triad") kann kein empirischer Zweifel mehr bestehen: auch Religiosität ist genetisch etwa im Bereich von 0.4 bis 0.5 veranlagt. Menschen erben von ihren Eltern auch eine "religiöse Begabung", wobei die Umwelteinflüsse im Jugendalter stärker wirken, sich die genetischen Einflüsse jedoch im jungen Erwachsenenalter (und damit in der Familienbildungsphase!) stärker ausprägen.

Ergebnisvergleich genetischer Vererbbarkeit laut Zwillings- und Adoptionsstudien nach Koenig und Bouchard 2006. An einer Vererbbarkeit, wie sie auch bei anderen Persönlichkeitsmerkmalen besteht, kann empirisch kaum mehr Zweifel bestehen.

Überraschend wirken diese Befunde jedoch nur vor dem Hintergrund lange etablierter, dualistischer Denktraditionen, die zwischen "Körper" und "Seele" kaum Verbindung sehen wollten. Tatsächlich befindet sich die Religiosität, verstanden vor allem als sowohl individuelle wie gemeinschaftliche Beteiligung an religiösen Ritualen (Gebete, Gottesdienste etc.) sowie die Bejahung etablierter Glaubensinhalte (Gott, Weiterleben nach dem Tod etc.), mit diesen Ergebnissen im oberen Bereich auch anderer, vorwiegend im Gehirn ausgeprägter Persönlichkeitsmerkmale wie Intelligenz oder Musikalität. Es wäre rätselhaft gewesen, hätte kein empirischer Zusammenhang zwischen genotypischer Veranlagung und phänotypischer Ausprägung bestanden, wobei die Vielfalt der Ausprägungen eine polygenetische (d.h. durch eine Vielzahl interagierender Gene ausgelöste) Veranlagung nahelegt.

Eine handfeste Überraschung bieten die Zwillingsstudien darüber hinaus aber doch: es besteht nach bisherigem Kenntnisstand kein signifikanter Zusammenhang zwischen Spiritualität und Religiosität. Das heißt, dass die individuelle Befähigung etwa zu Transzendenzerfahrungen die Mitgliedschaft in Religionsgemeinschaften sowohl befördern, wie aber auch behindern kann. Sie mag einerseits etwa zu Gottesdienstbesuchen motivieren, andererseits aber auch das Einfügen in eine Gemeinschaft mit etablierten Lehren und Institutionen erschweren. Denkbar, ja wahrscheinlich ist auch, dass verschiedene Religionsgemeinschaften hier verschiedene Anknüpfungspunkte anbieten und dass sich in den monotheistisch-westlichen Gesellschaften (in denen die Zwillingsstudien bisher stattfanden) eine größere Distanz zwischen Religiosität und Spiritualität abbilden könnte als etwa in hinduistischen und buddhistischen Traditionen.

Während also einerseits festzuhalten ist, dass nach bisherigem Kenntnisstand vor allem Religiosität mit reproduktivem Erfolg verbunden ist, bleiben zukünftige, auch interkulturelle Forschungen zum Zusammenhang von religiösen und spirituellen Veranlagungen spannend.

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Dr. Blume

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