[>>]

Freitag, 12. Oktober 2007

Die Geschichte der menschlichen Demografie

Den längst widerlegten Annahmen von Thomas Robert Malthus (1766-1834) folgend, die leider in die Evolutionsbiologie übernommen wurden, herrscht bis heute die Auffassung vor, der Mensch neige "von sich aus" zur Bevölkerungsexplosion, wenn er nicht daran gehindert werde. In modernen Begriffen wie "biogenetischer Imperativ" gekleidet, widersteht diese Annahme bis heute allen Fakten.

So weisen sowohl prähistorische Befunde, DNA-Analysen wie auch Beobachtungen an heutigen Wildbeuterkulturen eindeutig darauf hin, dass sowohl in den Jahrzehntausenden menschlicher Vorgeschichte wie auch heute Jäger und Sammler ein weit geringeres Bevölkerungswachstum als möglich aufweisen. Sie regulieren ihre Familienplanung und religiös legitimierte Regeln sind sogar fast immer notwendig, um überhaupt eine ausreichende Anzahl an Geburten zu erzielen.

Das gleiche Bild dann auch wieder in marktwirtschaftlich orientierten Städten: ob im Paris des 18. Jahrhunderts oder in den Metropolen heute - weltweit sinken die Geburtenraten, nicht selten unter die Bestandserhaltungsgrenze. Eine entwickelte Population nach der anderen geht in die Schrumpfung über, so dass die Mehrzahl der Demografen nur noch rätselt, wann und wie deutlich die Menschheit im 21. Jahrhundert in eine Schrumpfung übergehen wird.



Von einem malthusianischen, biogenetischen Imperativ beim Menschen kann keine Rede sein. Vielmehr tendieren Menschen dazu, Familienplanung auf der Basis von Ökonomie und religiösen Werten vorab zu planen.

Wildbeutervölker tendieren zu nur leichtem Wachstum - denn wenn auch die Kinder die Altersversorgung der Gruppe sicherstellen, so besteht doch kein allzu großer Anreiz, die Mühen allzuvieler Kinder (die z.B. getragen und versorgt werden müssen) auf sich zu nehmen. Entsprechend entstehen (beispielsweise bei den Kung San) bereits hier erste religiöse Überlieferungen und Regeln, die Kindersegen unterstützen und Kinderlosigkeit eindämmen. Diese können, solange sie nicht von anderen Religionen massiv herausgefordert werden, jedoch noch relativ dezentral, flexibel und freiheitlich organisiert bleiben.

Zu einer Bevölkerungsexplosion kommt es dagegen erst in Agrar- und Viehzüchtergesellschaften, denn hier werden die Kinder zur Einkommensquelle: sie werden zu lebenswichtigen Arbeitskräften und vor allem die Söhne zu den entscheidenden Erben als Altersversorgung. Gleichzeitig entsteht ein demografisches Wettrüsten: überzählige zweite, dritte und weitere Söhne aus Bauernfamilien benötigen eigenes Land, das erschlossen oder erobert werden muss. Entsprechend werden demografisch zurückhaltende Populationen von ihren reproduktiveren Nachbarn buchstäblich überrannt und verdrängt. In Agrar- und Viehzüchtergesellschaften erleben wir also den Aufstieg strenger, später monotheistischer Religionen, die ihre Anhänger auf strikte Sexual- und Familienregeln verpflichten und eine reproduktive Arbeitsteilung vor allem auf Kosten der Frauen etablieren.

In Marktgesellschaften verlieren dagegen Kinder bald ihren Einkommenswert: statt in Kinder zu investieren, wird es ökonomisch klüger, Geld zinsbringend anzulegen (oder auch, z.B. in der Endphase des antiken Rom, Sklaven für sich arbeiten zu lassen und im Alter einen vertrauenswürdigen Statthalter an Sohnes statt zu adoptieren). Die Folgen, in der Geschichte und auch heute in fast allen Großstädten der Erde zu beobachten, sind Bevölkerungsimplosion. Mit schnellen Schritten nähern wir uns heute der Situation, dass die Kinderlosigkeit (bzw. Selbstbeschränkung auf Ein- und Zweikindfamilien) unter den wohlhabenden Marktteilnehmern schneller zunimmt, als die noch agrarische Populationen überzählige Kinder "abgeben" können. Das 21. Jahrhundert wird daher absehbar eine kommende Schrumpfung der Erdbevölkerung erleben, wie sie insbesondere in Europa (und nicht zuletzt in Deutschland) bereits stattfindet. Florierend vielfältige "religiöse Märkte" mit einer Vielzahl verbindlicher Religionsgemeinschaften dürften dabei reproduktive Inseln inmitten ausdünnender Gesamtpopulationen bilden.

Wenn Biologie, Demografie und auch die Sozial- und Kulturwissenschaften den Malthusianismus endlich überwunden haben, ist der Blick auf die Evolutionsgeschichte der Religion frei.

(Seminarvideo dazu hier)

Dr. Blume

Religionswissenschaft aus Freude
Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de

kostenloser Counter

Bloggeramt.de

Gott, Gene und Gehirn - Von Rüdiger Vaas und Michael Blume

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Kommentare

Danke, Elsa!
Dein Wunsch hat sich erfüllt! :-) Auch Dir ein...
blume-religionswissenschaft - 12. Apr, 20:05
Ich wünsche dir...
Ich wünsche dir Frohe Ostern und schöne Feiertage...
ElsaLaska - 12. Apr, 17:02
@itz: Sehr gerne!
Und ich würde fast sagen, dass wir beide auch...
blume-religionswissenschaft - 12. Apr, 12:01
Erkenntnis!?
Lieber Sapere Aude, es freut mich, dass Sie anfangen...
blume-religionswissenschaft - 12. Apr, 11:58
Everybody be cool,......
“Nothing does reason more right, than the coolness...
itz (Gast) - 12. Apr, 10:17
http://www.blog.dignitatis .com/wordpress/
Dass Sie sich gegenseitig mit Genuss die Flöhe...
sapere aude (Gast) - 12. Apr, 00:26
Danke, Ihr zwei!
Bin gerade aus Stuttgart zurück - so schnelle...
blume-religionswissenschaft - 11. Apr, 21:25
Doller Vortrag!
Hallo Herr Dr. Blume, vielen Dank für den ebenso...
Astrofan (Gast) - 11. Apr, 19:27

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this page (summary)

twoday.net AGB

Aus den Alben

Ein brillanter Tagungsband zu Fragen der Kosmologie und der theologischen Haltung zu außerirdischem Leben. Selten hat mich ein kleiner, theologischer Band so in den Bann geschlagen! Auch als EBook kostenlos downloadbar!

Suche

 

Status

Online seit 1053 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 2. Sep, 12:39
    Hier gehts zu Twitter