Dawkins mystische Transzendenzerfahrungen
Die internationale und interdisziplinäre HWK-Tagung zur Biological Evolution of Religiosity, in der Biologen verschiedenster Disziplinen (vom Neurobiologen bis zum Primatologen), aber auch Psychologen, Mediziner u.v.m. aus den USA bis China zusammen kamen, war ein echtes Erlebnis! Sowohl was die Vielfalt der Beiträge, die oft erstaunliche Konvergenz der Ergebnisse und auch das Niveau des wissenschaftlichen und menschlichen Austauschs anging, habe ich selten so intensive Tage erlebt!
Obwohl die Teilnehmerschaft mehrheitlich agnostisch oder atheistisch angehaucht war, war der Austausch wissenschaftlicher Argumente und Daten kein Problem und ich fand mich in der Einschätzung bestätigt, dass Richard Dawkins Mem-Theorie und Gotteswahn im Bereich seriöser Wissenschaft kaum bzw. weiter abnehmende Resonanz verzeichnen. Zu krass treten die Widersprüche seiner Theorien für fast alle zutage die sich ernsthaft mit der Materie beschäftigen, klare Definitionen oder gar empirische Studien hat Dawkins nicht zu bieten. Aber: wie in meiner Dawkins-Rezension auch geschrieben, gestehe ich ihm zu, dass er durch deftige Polemik endlich auch religionswissenschaftliche Fragen zuspitzt und in die Öffentlichkeit trägt.
Bezeichnend interessant ist zum Beispiel dieses (vom EuS-Blog (ID) gefundene) englische Interview, in dem der (bekennende Atheist) Jonathan Miller Richard Dawkins recht klug befragt:
Abgesehen davon, dass hier der ontologische Fehler des atheistischen Fundamentalismus deutlich wird (spiegelbildlich zu Kreationisten setzt Dawkins religiös-metaphysische und wissenschaftliche Aussagen einfach gleich), räumt Dawkins hier ein, auch selbst mystische und transzendente Erfahrungen und einen "Sinn für Transzendenz", etwa beim Betrachten der Sterne und Natur, zu haben. In scharfer Abgrenzung von Religiösen will er diese Erfahrungen und diese Fähigkeiten seines Gehirns jedoch nur innerweltlich verstanden wissen und reklamiert, dass sie bei der Betrachtung der Natur sogar stärker zur Geltung kämen als in der mystisch-religiösen Kontemplation.
Auch im aktuellen STERN führte Dawkins aus:
"Auch ich reagiere quasi religiös, wenn ich zu den Sternen aufsehe, zur Milchstraße und mir das Universum vorzustellen versuche. Das Gefühl, dass ich dann empfinde, könnte man fast so etwas wie Anbetung nennen."
Nur: genau dann stellt sich die Frage, wie sich dieser quasi-religiöse "mystische Sinn für Transzendenz" und diese allgemeinmenschliche Erfahrung, die Dawkins auf die Wissenschaft überträgt, evolutionstheoretisch erklären lässt. Gerade laut strenger Evolutionstheorie muss sich auch die Gehirnarchitektur über Vorteile entfaltet haben - wenn personal bezogene Religiosität nur mit Nachteilen verbunden gewesen wäre, hätte sie sich nicht über tausende von Generationen entwickeln können. Auch die dawkinschen Versuche, über Memetik oder Beiproduktthese aus dem Dilemma heraus zu kommen, verfangen nicht: die Memetik ist allenfalls eine weltanschauliche, kaum mehr aber eine wissenschaftliche Position (mangels Definitionen, Empirie etc. auch nicht falsifizierbar) - und wenn Religion als kostspieliges Beiprodukt beispielsweise der Kognition entstanden wäre, hätte sie tendenziell verschwinden, nicht aber dynamisch zulegen dürfen.
Das Gegenteil ist aber (wie ich in diesem Vortrag auf der Tagung darstellen durfte, wie aber auch die Mehrheit der anderen Teilnehmer vermutete bzw. bestätigte) der Fall: religiös vergemeinschaftete Menschen verhalten sich weltweit durchschnittlich biologisch erfolgreicher - etwa, indem sie mehr Kindern das Leben schenken!

Klar: Biologischer Nutzen ist kein Wahrheitskriterium. Dass Glaube mit biologischen Fitnessvorteilen einhergeht, beweist oder widerlegt Gott natürlich nicht. Aber wenn es Dawkins und seine Jünger mit Wissenschaft Ernst meinen, so sollten sie sich ebenso wie die Vertreter von Kreationismus und Intelligent Design mit jenen empirischen Daten und Arbeiten auseinandersetzen, die immer deutlicher aufzeigen: die religiösen Erfahrungsfähigkeiten des Menschen sind nicht Zufall, sondern Produkt des Evolutionsprozesses - und auch heute noch wirksam.
Mit dem gleichen Recht, mit dem der Atheist an Zufall glauben mag, kann also der Glaubende in der Entfaltung des Universums, den Naturgesetzen und der Evolution das Werk eines grandiosen Schöpfers erfahren, der entdeckt werden will. Glauben bleibt erkenntnistheoretisch ein Sprung ins Unbeweisbare und Unwiderlegbare - aber eben kein "Wahn", sondern eine biologisch durchschnittlich erfolgreiche Befähigung.
Polemik ist gut, echte Wissenschaft kann aber noch viel spannender sein! (-:
An dieser Stelle noch einmal einen herzlichen Gruß an die Veranstalter und Teilnehmer der außergewöhnlichen Tagung zur "Biological evolution of religiosity"! Danke, es war eine außergewöhnliche Erfahrung des wissenschaftlichen, menschlichen und auch philosophischen Dialoges!
Obwohl die Teilnehmerschaft mehrheitlich agnostisch oder atheistisch angehaucht war, war der Austausch wissenschaftlicher Argumente und Daten kein Problem und ich fand mich in der Einschätzung bestätigt, dass Richard Dawkins Mem-Theorie und Gotteswahn im Bereich seriöser Wissenschaft kaum bzw. weiter abnehmende Resonanz verzeichnen. Zu krass treten die Widersprüche seiner Theorien für fast alle zutage die sich ernsthaft mit der Materie beschäftigen, klare Definitionen oder gar empirische Studien hat Dawkins nicht zu bieten. Aber: wie in meiner Dawkins-Rezension auch geschrieben, gestehe ich ihm zu, dass er durch deftige Polemik endlich auch religionswissenschaftliche Fragen zuspitzt und in die Öffentlichkeit trägt.
Bezeichnend interessant ist zum Beispiel dieses (vom EuS-Blog (ID) gefundene) englische Interview, in dem der (bekennende Atheist) Jonathan Miller Richard Dawkins recht klug befragt:
Abgesehen davon, dass hier der ontologische Fehler des atheistischen Fundamentalismus deutlich wird (spiegelbildlich zu Kreationisten setzt Dawkins religiös-metaphysische und wissenschaftliche Aussagen einfach gleich), räumt Dawkins hier ein, auch selbst mystische und transzendente Erfahrungen und einen "Sinn für Transzendenz", etwa beim Betrachten der Sterne und Natur, zu haben. In scharfer Abgrenzung von Religiösen will er diese Erfahrungen und diese Fähigkeiten seines Gehirns jedoch nur innerweltlich verstanden wissen und reklamiert, dass sie bei der Betrachtung der Natur sogar stärker zur Geltung kämen als in der mystisch-religiösen Kontemplation.
Auch im aktuellen STERN führte Dawkins aus:
"Auch ich reagiere quasi religiös, wenn ich zu den Sternen aufsehe, zur Milchstraße und mir das Universum vorzustellen versuche. Das Gefühl, dass ich dann empfinde, könnte man fast so etwas wie Anbetung nennen."
Nur: genau dann stellt sich die Frage, wie sich dieser quasi-religiöse "mystische Sinn für Transzendenz" und diese allgemeinmenschliche Erfahrung, die Dawkins auf die Wissenschaft überträgt, evolutionstheoretisch erklären lässt. Gerade laut strenger Evolutionstheorie muss sich auch die Gehirnarchitektur über Vorteile entfaltet haben - wenn personal bezogene Religiosität nur mit Nachteilen verbunden gewesen wäre, hätte sie sich nicht über tausende von Generationen entwickeln können. Auch die dawkinschen Versuche, über Memetik oder Beiproduktthese aus dem Dilemma heraus zu kommen, verfangen nicht: die Memetik ist allenfalls eine weltanschauliche, kaum mehr aber eine wissenschaftliche Position (mangels Definitionen, Empirie etc. auch nicht falsifizierbar) - und wenn Religion als kostspieliges Beiprodukt beispielsweise der Kognition entstanden wäre, hätte sie tendenziell verschwinden, nicht aber dynamisch zulegen dürfen.
Das Gegenteil ist aber (wie ich in diesem Vortrag auf der Tagung darstellen durfte, wie aber auch die Mehrheit der anderen Teilnehmer vermutete bzw. bestätigte) der Fall: religiös vergemeinschaftete Menschen verhalten sich weltweit durchschnittlich biologisch erfolgreicher - etwa, indem sie mehr Kindern das Leben schenken!

Klar: Biologischer Nutzen ist kein Wahrheitskriterium. Dass Glaube mit biologischen Fitnessvorteilen einhergeht, beweist oder widerlegt Gott natürlich nicht. Aber wenn es Dawkins und seine Jünger mit Wissenschaft Ernst meinen, so sollten sie sich ebenso wie die Vertreter von Kreationismus und Intelligent Design mit jenen empirischen Daten und Arbeiten auseinandersetzen, die immer deutlicher aufzeigen: die religiösen Erfahrungsfähigkeiten des Menschen sind nicht Zufall, sondern Produkt des Evolutionsprozesses - und auch heute noch wirksam.
Mit dem gleichen Recht, mit dem der Atheist an Zufall glauben mag, kann also der Glaubende in der Entfaltung des Universums, den Naturgesetzen und der Evolution das Werk eines grandiosen Schöpfers erfahren, der entdeckt werden will. Glauben bleibt erkenntnistheoretisch ein Sprung ins Unbeweisbare und Unwiderlegbare - aber eben kein "Wahn", sondern eine biologisch durchschnittlich erfolgreiche Befähigung.
Polemik ist gut, echte Wissenschaft kann aber noch viel spannender sein! (-:
An dieser Stelle noch einmal einen herzlichen Gruß an die Veranstalter und Teilnehmer der außergewöhnlichen Tagung zur "Biological evolution of religiosity"! Danke, es war eine außergewöhnliche Erfahrung des wissenschaftlichen, menschlichen und auch philosophischen Dialoges!
blume-religionswissenschaft - 1. Okt, 19:49
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