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Montag, 1. Oktober 2007

Dawkins mystische Transzendenzerfahrungen

Die internationale und interdisziplinäre HWK-Tagung zur Biological Evolution of Religiosity, in der Biologen verschiedenster Disziplinen (vom Neurobiologen bis zum Primatologen), aber auch Psychologen, Mediziner u.v.m. aus den USA bis China zusammen kamen, war ein echtes Erlebnis! Sowohl was die Vielfalt der Beiträge, die oft erstaunliche Konvergenz der Ergebnisse und auch das Niveau des wissenschaftlichen und menschlichen Austauschs anging, habe ich selten so intensive Tage erlebt!

Obwohl die Teilnehmerschaft mehrheitlich agnostisch oder atheistisch angehaucht war, war der Austausch wissenschaftlicher Argumente und Daten kein Problem und ich fand mich in der Einschätzung bestätigt, dass Richard Dawkins Mem-Theorie und Gotteswahn im Bereich seriöser Wissenschaft kaum bzw. weiter abnehmende Resonanz verzeichnen. Zu krass treten die Widersprüche seiner Theorien für fast alle zutage die sich ernsthaft mit der Materie beschäftigen, klare Definitionen oder gar empirische Studien hat Dawkins nicht zu bieten. Aber: wie in meiner Dawkins-Rezension auch geschrieben, gestehe ich ihm zu, dass er durch deftige Polemik endlich auch religionswissenschaftliche Fragen zuspitzt und in die Öffentlichkeit trägt.

Bezeichnend interessant ist zum Beispiel dieses (vom EuS-Blog (ID) gefundene) englische Interview, in dem der (bekennende Atheist) Jonathan Miller Richard Dawkins recht klug befragt:



Abgesehen davon, dass hier der ontologische Fehler des atheistischen Fundamentalismus deutlich wird (spiegelbildlich zu Kreationisten setzt Dawkins religiös-metaphysische und wissenschaftliche Aussagen einfach gleich), räumt Dawkins hier ein, auch selbst mystische und transzendente Erfahrungen und einen "Sinn für Transzendenz", etwa beim Betrachten der Sterne und Natur, zu haben. In scharfer Abgrenzung von Religiösen will er diese Erfahrungen und diese Fähigkeiten seines Gehirns jedoch nur innerweltlich verstanden wissen und reklamiert, dass sie bei der Betrachtung der Natur sogar stärker zur Geltung kämen als in der mystisch-religiösen Kontemplation.

Auch im aktuellen STERN führte Dawkins aus:

"Auch ich reagiere quasi religiös, wenn ich zu den Sternen aufsehe, zur Milchstraße und mir das Universum vorzustellen versuche. Das Gefühl, dass ich dann empfinde, könnte man fast so etwas wie Anbetung nennen."

Nur: genau dann stellt sich die Frage, wie sich dieser quasi-religiöse "mystische Sinn für Transzendenz" und diese allgemeinmenschliche Erfahrung, die Dawkins auf die Wissenschaft überträgt, evolutionstheoretisch erklären lässt. Gerade laut strenger Evolutionstheorie muss sich auch die Gehirnarchitektur über Vorteile entfaltet haben - wenn personal bezogene Religiosität nur mit Nachteilen verbunden gewesen wäre, hätte sie sich nicht über tausende von Generationen entwickeln können. Auch die dawkinschen Versuche, über Memetik oder Beiproduktthese aus dem Dilemma heraus zu kommen, verfangen nicht: die Memetik ist allenfalls eine weltanschauliche, kaum mehr aber eine wissenschaftliche Position (mangels Definitionen, Empirie etc. auch nicht falsifizierbar) - und wenn Religion als kostspieliges Beiprodukt beispielsweise der Kognition entstanden wäre, hätte sie tendenziell verschwinden, nicht aber dynamisch zulegen dürfen.

Das Gegenteil ist aber (wie ich in diesem Vortrag auf der Tagung darstellen durfte, wie aber auch die Mehrheit der anderen Teilnehmer vermutete bzw. bestätigte) der Fall: religiös vergemeinschaftete Menschen verhalten sich weltweit durchschnittlich biologisch erfolgreicher - etwa, indem sie mehr Kindern das Leben schenken!

Die Grafik wurde aufgrund von Daten des World Value Survey erstellt, die Daniel Enske vom Institut der deutschen Wirtschaft Köln zu einer Studie verdichtete.

Klar: Biologischer Nutzen ist kein Wahrheitskriterium. Dass Glaube mit biologischen Fitnessvorteilen einhergeht, beweist oder widerlegt Gott natürlich nicht. Aber wenn es Dawkins und seine Jünger mit Wissenschaft Ernst meinen, so sollten sie sich ebenso wie die Vertreter von Kreationismus und Intelligent Design mit jenen empirischen Daten und Arbeiten auseinandersetzen, die immer deutlicher aufzeigen: die religiösen Erfahrungsfähigkeiten des Menschen sind nicht Zufall, sondern Produkt des Evolutionsprozesses - und auch heute noch wirksam.

Mit dem gleichen Recht, mit dem der Atheist an Zufall glauben mag, kann also der Glaubende in der Entfaltung des Universums, den Naturgesetzen und der Evolution das Werk eines grandiosen Schöpfers erfahren, der entdeckt werden will. Glauben bleibt erkenntnistheoretisch ein Sprung ins Unbeweisbare und Unwiderlegbare - aber eben kein "Wahn", sondern eine biologisch durchschnittlich erfolgreiche Befähigung.

Polemik ist gut, echte Wissenschaft kann aber noch viel spannender sein! (-:

An dieser Stelle noch einmal einen herzlichen Gruß an die Veranstalter und Teilnehmer der außergewöhnlichen Tagung zur "Biological evolution of religiosity"! Danke, es war eine außergewöhnliche Erfahrung des wissenschaftlichen, menschlichen und auch philosophischen Dialoges!

Trackback URL:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4309719/modTrackback

Gregor Keuschnig - 1. Okt, 19:11

Also auch Dawkins bringt dem "bestirnten Himmel" Ehrfurcht entgegen (ein Kant ist er deswegen noch lange nicht).

Es fällt auf, wie oft er in dem Gespräch den Wissenschaftler herausstellt. Aber sie weisen ihm sehr schön nach, dass sein Kapitel über das "evolutionäre Nebenprodukt Religion" im "Gotteswahn" reichlich an den Haaren herbeigezogen ist. Ich konnte auch wenig damit anfangen. Dabei wäre es DAS Kapitel gewesen, wo er mit "seiner" Wissenschaft eindeutig Religion hätte "auseinandernehmen" können.

Ich glaube im übrigen nicht, dass sein Buch mit Polemik richtig bezeichnet ist. Polemik setzt eine gewisse Sprachkunst voraus, die ich vollständig vermisse. Aber das ist ein sekundärer Punkt.

Japanologe (Gast) - 27. Jan, 18:50

Ich finde es unglaublich, dass Sie hier völlig unkritisch eine Korrelation zwischen Glaube und der Kinderzahl unterstellen und darin auch noch "biologischen Erfolg" sehen. Mit dieser Sichtweise könnte man auch für die Abschaffung der Schulbildung plädieren, da ungebildete Menschen statistisch gesehen mehr Kinder bekommen als Gebildete.
Übrigens wäre mit diesem Maßstab gemessen Kublai Kahn einer der erfolgreichsten Menschen aller Zeiten: durch seine Machtposition war es ihm möglich, so viele Nachkommen zu zeugen, dass sein Blut heute in den Adern eines großen Teils der Menschheit fließt.
Daher kann man sicherlich sagen, dass die Zahl der Kinder nicht als Maßsstab für die Qualität einer Ideologie herhalten kann, es sei denn, man ist bereit, Kublai Khan als persönliches Vorbild zu akzeptieren.

Außerdem haben Sie doch sicherlich nicht die Angelegenheit mit dem sog. "Mutterkreuz" vergessen? Hat eine hohe Kinderzahl nicht vielleicht eher etwas mit Unfreiheit zu tun?

???

Lieber Japanologe,

zunächst einmal bitte ich die empirische Beschreibung (Merkmal X -> Reproduktionserfolg Y) und Bewertung zu unterscheiden. Ich hoffe doch, dass Sie nicht bestreiten, dass wir Menschen in einem Evolutionsprozess entstanden sind und weiter darin befinden - und dieser erfolgt bei allen uns bekannten Lebewesen maßgeblich über die Weitergabe von Genen, d.h. den Reproduktionserfolg. Diesen auf Basis empirischer Daten zu beobachten und zu beschreiben ist Aufgabe der Wissenschaft - seitdem sich diese nicht mehr von "Ideologien" unterdrücken läßt.

Dann darf ich darauf hinweisen, dass wir die Wechselwirkungen zwischen Religiosität, Einkommen und Bildung gleich als erstes untersucht haben - und sich die reproduktiven Vorteile "insbesondere" bei gebildeten und wohlhabenden Schichten zeigen. In armen Agrargesellschaften erfüllen Kinder z.B. grundlegende Funktionen für Familieneinkommen und Altersversorgung - hier besteht meist kaum eine Wahl, Kinderlosigkeit ist (mit Ausnahmen im religiösen Bereich) selten eine Alternative. Unter freien und gebildeten Menschen werden Kinder jedoch schnell zunehmend zur Kosten- und Wertentscheidung - und prompt sinkt die Geburtenrate und steigt der reproduktive Abstand zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden.

Weitergehende, empirische Daten dazu finden Sie hier:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4047705/

Desweiteren darf ich z.B. auf die Demografie der jüdischen Gemeinden verweisen, die trotz höchster Bildungsraten und Leben in Großstädten fast doppelt soviele Kinder wie Konfessionslose haben. Müssen sich die jüdischen Gemeinden dafür Ihrer Meinung nach etwa schämen?

Dagegen hat die NS-"Familienpolitik" nicht die Wirkung gehabt, die Sie Ihr zuschreiben - die Geburtenraten sanken nach kurzem Hoch wieder und noch Himmler verlegte sich schließlich z.B. auf das wahnwitzige "Lebensborn"-Projekt, weil nicht einmal seine SS-Kader genügend Kinder für seine rassistischen Träume hervorbrachte. Ich möchte Sie also bitten, sich und andere hier nicht nachträglich durch rechtsextreme Propaganda irreführen zu lassen. Auch familienpolitisch erwiesen sich die Nationalsozialisten (wie übrigens auch die Sozialisten) am Ende als Versager.

Und ja, Kinder haben definitiv auch in modernen Gesellschaften mit dem Verzicht auf Freiheiten (übrigens auch Geld, Karriere etc.) zu tun. Und es ist außerordentlich interessant zu beobachten, welche Menschen bereit sind, diese Opfer auf sich zu nehmen. Gerade auch in Japan ist Demografie übrigens derzeit -wie Sie sicher wissen- ein sehr großes Thema, bis tief in Wirtschaft und Wissenschaft hinein.

Mit Dank für Ihren Beitrag und herzlichen Grüßen

Michael Blume

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