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Dienstag, 18. September 2007

Geburtenziffern in Deutschland - 2000 bis 2006

Die Hiobsmeldung schaffte es bis in die Tagesschau: 2006 kamen in Deutschland nur noch 672.700 Kinder zur Welt, 13.100 weniger als noch im Vorjahr. Mit einer Geburtenziffer von nur noch 1,33 erreichte Deutschland den niedrigsten Wert seit der Jahrtausendwende. Im Klartext heißt das: auf drei Erwachsene folgen derzeit kaum mehr zwei Kinder - die Bevölkerung schrumpft längst nicht mehr, sie implodiert.



Dennoch sind die Daten nicht so hoffnungslos, wie sie scheinen. Denn zum einen hat die Zuwanderung junger Menschen als wichtiger, demografischer Motor in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung verloren, während gleichzeitig junge, deutsche Leistungsträger vor oder während der Familiengründung in andere Länder ausgewandert sind. Es besteht mindestens Anlaß zur Hoffnung, dass diese beiden Faktoren nicht auf Dauer wirken, zumal einige Politiker den Handlungsbedarf erkannt haben.

Zum zweiten ist die Geburtenziffer in Ostdeutschland, die in den 90er Jahren bis weit unter 1,0 fiel, auch dank des Beibehaltens der rege nachgefragten Betreuungseinrichtungen auf wieder 1,30 in 2006 gestiegen. Vor allem aber deuten erste Meldungen aus Städten in 2007 darauf hin, dass die Einführung des Elterngeldes und die Ankündigung mehr und besserer Kinderbetreuung einen Aufschubeffekt gehabt haben könnten: nicht wenige junge Paare dürften ihren Kinderwunsch auf 2007 verschoben haben. Dieser Reaktionseffekt auf rechtliche und finanzielle Veränderungen zeigte sich gerade wieder eindrucksvoll bei der Nachfrage nach künstlichen Befruchtungen vor und nach der Änderung der Kostenübernahmen. Es besteht also sowohl theoretischer wie auch sanft-statistischer Grund zur Hoffnung, dass das leichte Absinken der Geburtenziffern in 2006 ein "Luftholen" zu einer deutlicheren Steigerung in 2007 darstellen könnte.

Kinder: Eine Frage von Ökonomie und Werten

Generell stellen sich die Entscheidungen für oder gegen Kinder insbesondere in modernen Gesellschaften als ökonomisches Entscheidungsproblem dar, wobei die potentiellen Eltern regelmäßig entgangene (Lebens- und Einkommens-)Optionen ebenso berücksichtigen wie die Kosten für Wohnen, Lebensunterhalt und Bildung etc. Die Folge: Weltweit tendieren Menschen zu umso weniger Geburten, umso wohlhabender, sicherer und freier sie sind.



Politik kann etwa durch Geldleistungen, vor allem aber durch die Bereitstellung von hochwertigen Betreuungs- und Bildungseinrichtungen die absehbaren Optionskosten für Eltern absenken und sie damit zu (etwas) mehr Kindern motivieren. Einkommensunabhängige Geldleistungen (wie das Kindergeld oder Sozialleistungen) stützen dabei v.a. Kinderwünsche von Gering- oder Nichtverdienern, einkommensabhängige Geldleistungen (wie das Elterngeld oder Steuerfreibeträge) motivieren Mittel- und Oberschichten.

Auch die emotionale Ebene spielt eine Rolle: Studien aus Island und Schweden belegen, dass Väter, denen die Gelegenheit zu intensiver Zeit mit ihren (ersten) Kindern gegeben wurde, dann auch häufiger weitere Kinder wünschten. Die Elternmonate für Väter sind also alles andere als ein zu verspottendes "Wickelvolontariat": sie erlauben modernen Vätern vielmehr, was bei Jägern und Sammlern (und damit der Kultur unserer Vorfahren bis vor wenigen hundert Generationen) seit jeher selbstverständlich war: mehr auch emotionale Teilhabe am Leben mit Kindern über die Rolle des nur selten anwesenden "Ernährers" hinaus.

Und schließlich ist der Kinderwunsch auch immer eine Wertfrage, was sich auch in Deutschland in der durchschnittlich deutlich höheren Geburtenziffern religiöser Menschen niederschlägt.

Mit steigender Bildung und steigendem Einkommen nimmt der reproduktive Unterschied zwischen Religiösen und Säkularen zu - denn in reichen und gebildeten Schichten "kosten" Kinder besonders viele Optionen, Religiosität gewinnt an relativer Bedeutung.

Dabei ist auch hier zwischen Religion und Tradition zu differenzieren: Religionsgemeinschaften, die starr auf Traditionen beharren, fallen tendenziell gegenüber moralisch verbindlichen, aber Familienmodelle flexibel ermöglichenden Gemeinschaften zurück. So haben die Neuapostolische Kirche, die Zeugen Jehovas, aber auch die katholische Kirche im demografischen Wettbewerb der Religionen zuletzt deutlich gegenüber z.B. dem Judentum oder protestantischen Freikirchen verloren.

Fazit

Derzeit implodiert die deutsche Bevölkerung weiter und selbst eine nennenswerte Steigerung der Geburtenziffern könnte die bereits ablaufende Schrumpfung erst mittel- und langfristig abschwächen. Mit den Daten 2007 wird sich zeigen, ob die modernere Familienpolitik der jetzigen Bundes- und einiger Landesregierungen Wirkung zeigt, wofür es erste, vorsichtige Indizien gibt.

Kinder sind aber immer auch eine Wertentscheidung. Und viele Eltern entscheiden sich bewusst auch unter Inkaufnahme von Einkommensverlusten für die Zeit mit ihren Kindern. So richtig und dringend es also ist, Betreuungsangebote zu schaffen, so sehr sollte Wahlfreiheit gewährleistet bleiben. Wenn unser Land wieder mehr Kinder haben soll, muss es verschiedene Wege fördern. Sowohl Traditionalisten wie Modernisierer müssen aufhören, vor allem Mütter wahlweise als Rabenmütter oder Heimchen am Herd abzukanzeln und damit Familienwege zu verbauen.

Längst hat das religiöse Erwachen auch eine demografische Komponente. Weil Säkulare und laue Christen häufiger auf Kinder verzichten, entstammt ein immer größerer Teil der jungen Menschen auch in Deutschland verbindlicheren religiösen Minderheiten sowohl mit und ohne Zuwanderungshintergrund (z.B. Islam, Freikirchen). Hinter der grassierenden Religionsfeindlichkeit und Islamophobie verbergen sich auch diffuse und letztlich hilflose Abstiegsängste einer absterbenden Ichling-Kultur, auf die (wie schon oft in der Geschichte) neue, religiöse Dynamik folgt. Wie das Beispiel der USA zeigt, bewirkt auch ein veilfältiger, religiöser Markt eine sowohl familienpolitische wie demografische Belebung. Deutschland wird bunter, bevor es wieder jünger wird.

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Dr. Blume

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