ich, atheist (anonym) - 3. Okt, 20:13

nunja

bin rk erzogen, hat nicht viel gebracht, habe biologie studiert und weiß seit langem, dass ich atheist bin. habe dawkins bisher nicht gelesen... mea culpa... mein ziel: ich muß das buch lesen, ABER ich habe als praktizierender wissenschaftler zum artikel was zu sagen und zwar:

1) "mir persönlich imponiert es jedoch sehr, wenn ein Wissenschaftler auch (wenigstens in Ansätzen) bereit ist, frühere Positionen, mit denen er bekannt wurde, dennoch kritisch zu überdenken."

was soll das denn???? wir (natur-) wissenschaftler tun tag für tag nichts anderes als uns und unsere daten permanent in frage zu stellen. frustration und umdenken sind gerade und im ganz besonderen unsere stärken!! ist wohl bei geisteswissenschaftlern nicht so?

2) "Und daraus zieht er nun den Schluss, Kinder staatlicherseits beispielsweise vor einer Erziehung als Amishe, orthodoxe Juden oder kreationistischen Privatschulen "zu schützen"."

... und das wäre gut so! die kämpfe, die ich im kleinen mit meinen nicht streng- aber zu religiösen (in meinen Augen) eltern über moral in der familie und moral von atheisten ausgestanden (leider noch nicht überwunden) habe, sind nur ein winziger teil der geschichte. nein, auch der krampf zu beweisen, dass man auch als nicht christlicher mensch, moralisch gut, liberal und offen für die welt ist, sich tatsächlich abzuwenden von "der" religion, in die man "hineingeboren" wird und aufgrund dessen von den eigenen eltern nicht respektiert zu werden, ist widerlich und geht gegen mein verständnis von "guten christen".
selbst nach dem eingeständnis, dass ich nicht an gott glaube, bin ich mehr als enttäscht von der schlechtigkeit von bekennenden christen, ihrer doppelmoral und dem drang alles zu tolerieren (wie im großen buch steht), aber nicht in der eigenen familie. religiöse erziehung? warum nicht den kindern die freiheit geben sich selbst zu orientieren? warum nach der geburt taufen, man kann auch mit 14 getauft werden, aus eigenem glauben heraus! mir stößt eins besonders auf, warum müssen fast alle religionen (im großen, wie im kleinen) ständig versuchen ihren (als einzig wahren) glauben mit gewalt durchsetzen. warum nicht wirklich mit liebe und moral? (ohne ständige predigten, damit hält man fast niemenden mehr)


3) "Gott und die Religionen kann Dawkins nicht wirklich widerlegen,

wirklich widerlegen? wie das? sollte er? wenn er es tatsächlich beweisen könnte, wäre er tod. wenn er also in der lage wäre die beweisführung gegen die existenz von gott zu führen, wäre jede religion ihrer daseinsberechtigung entzogen (siehe karl popper).

Tja...

Lieber Atheist,

danke für den regen Beitrag!

Zu 1. meine ich, dass alle Erfahrung zeigt, dass Wissenschaftler generell auch mit Emotionen an ihren Vorstellungen hängen. Ich bin z.B. immer wieder erstaunt darüber, wie vielen Biologen es schwerfällt, die eigene Implikation ihres Faches ernst zu nehmen: dass sich jedes kostspielige Merkmal des Menschen, also auch die Religiosität, über evolutive Vorteile entwickelt haben dürfte.

Amüsiert beobachte ich die empirisch völlig unhaltbaren Kapriolen wie Memetik oder Beiproduktthese, hinter die sich einige flüchten, um nicht das eigene Weltbild hinterfragen zu müssen. (-;

2. Seit tausenden von Generationen werden Menschenkinder religiös erzogen - und nun kommen (wieder) Wissenschaftler wie Dawkins daher, die Menschenzucht und Eingriffe in gewachsene Familien empfehlen...

Ich habe nicht behauptet, dass Christen per se moralischer wären als Atheisten. Allerdings belegen die empirischen Daten (!), dass sich religiöse Menschen quer durch alle Länder, Einkommens- und Bildungsschichten häufiger und stabiler für Familie und Kinder entscheiden. Eine kleine Datensammlung gerne hier:

http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4047705/

Und da der Reproduktionserfolg nun einmal "der" Fitnessindikator schlechthin ist, sehe ich der Zukunft recht gelassen entgegen...

3. Sehr guter Punkt, dem ich voll zustimme! Gott lässt sich weder beweisen noch widerlegen - sonst wäre Er nicht Gott. Indem aber Dawkins den (scheinbar generösen) Anspruch erhebt, Gottes Existenz sei eine "wissenschaftliche Hypothese", verlangt er polemisch "Beweise", die es nicht geben kann.

Genau das ist m.E. die Grundlage für Religionsfreiheit: anzuerkennen, dass wir weder das Eine noch das Andere je werden absolut beweisen können. Und uns daher auch zuzugestehen, je glaubend oder nicht glaubend zu sein. Wie Karl Popper richtig erkannte!

Herzliche Grüße

Michael Blume

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