Richard Dawkins: The God Delusion / Der Gotteswahn
Unter den derzeitigen Religionskritikern ist Richard Dawkins sicher der bekannteste. Im wissenschaftlichen Rahmen hat er zwar an Gewicht verloren, nachdem seine Memetik empirischer Überprüfung bisher unzugänglich blieb (um es vorsichtig zu formulieren) und er dafür unter anderem mit dem Vorschlag aufwartete, wieder über Menschenzucht nachzudenken. Auch viele Atheisten lehnen seine scharfe Polemik gegen Religionen ab. Auf der anderen Seite hat Dawkins aber längst eine über Memetiker hinausreichende, religionskritische Fangemeinde, die sich (vor allem auch im Internet) unter anderem in so genannten Bright-Zirkeln vernetzt. Die Frage ist: Lohnt sich sein neues Buch auch für diejenigen, die keine Dawkins-Jünger oder ggf. gar selbst religiös sind?
Meine persönliche Antwort lautet: Wenn Sie religionswissenschaftlich und/oder religionsphilosophisch interessiert sind, selbst nachdenken oder gar forschen sowie Polemik und rhetorische Tricks lieben oder doch vertragen - Ja!
Denn nachdem sich Dawkins einige Seiten Zeit genommen hat, um Atheisten anzugehen, die seine scharfe Religionskritik nicht teilen, legt er in bekannter Frische gegen die Weltreligionen los.
Dabei geht er am liebsten von markanten Einzelbeispielen aus, aus denen er die Berechtigung religiöser Rechte und schließlich überhaupt von Religion bestreitet. Indem er dafür extreme Beispiele aller Weltreligionen aufgreift, erlaubt er es dem Leser nicht, sich einfach von dieser oder jener Religion oder Gruppe abzusetzen, sondern zwingt Christen, Muslime, Juden, Hindus usw. gleichermaßen, sich zu fragen, warum sie (wenn Sie erlauben: wir) überhaupt religiös aktiv sind. Herrlich beispielsweise seine Anekdote über einen christlichen Theologen, der sich über die Glaubenswelt afrikanischer Stämme lustig macht - und dem Dawkins dann entgegenhält, was sein eigener Glauben so alles an schwer verdaulichen Inhalten enthält...
Die Wissenschaft ist dagegen etwas zurückgetreten und dient Dawkins vor allem als Munitionslager zur Bloßstellung religiöser Fundamentalisten. Eine absolut lesenswerte Ausnahme bildet jedoch das Kapitel, in dem er die verschiedenen Theorien zu religiös-evolutionärem Nutzen recht präzise zusammenfasst und auf ihre jeweiligen Schwächen hinweist. Das sind wirklich lesenswerte Seiten, bevor er (wissenschaftlich wie gesagt kaum befriedigend) eine memetische Antwort versucht - wobei diese deutlich vorsichtiger daher kommt als frühere Texte von ihm und fast aus "neutraler" Distanz die Thesen verschiedener Memetiker kommentiert.
Zu schaffen macht Dawkins aber auch, dass sich unter anderem der wegen Millionenbetrugs an Anlegern und Mitarbeitern verurteilte, frühere Enron-Chef ausdrücklich auf Anregungen aus Dawkins "Das egoistische Gen" berufen hatte. Dies lässt Dawkins noch einmal die Wurzeln menschlichen Altruismus diskutieren und sehr viel positiver darstellen, als dies früher bei ihm der Fall war.
Man kann hier von einem "Zurückrudern" in Sachen Memetik und Altruismus sprechen, mir persönlich imponiert es jedoch sehr, wenn ein Wissenschaftler auch (wenigstens in Ansätzen) bereit ist, frühere Positionen, mit denen er bekannt wurde, dennoch kritisch zu überdenken. Das gilt auch für einzelne biografische Andeutungen, wenn er etwa von guten Erfahrungen mit einem wunderbaren Schulkaplan berichtet oder davon, dass er sich gemeinsam mit führenden Theologen (!) an Tony Blair wandte, um gegen eine kreationistische Privatschule in Britannien zu protestieren. Dawkins wird nicht "weich", aber in Ansätzen wird er differenzierter.
Religion und Elternschaft
Den Zusammenhang von Religion und Kinderreichtum hat Dawkins noch nicht auf der Liste, allerdings nähert auch er sich dem Thema bereits an. So widmet er ein Schlusskapital der Diskussion religiöser Erziehung und ruft dazu auf, zwischen den Rechten der Kinder und denen ihrer Eltern zu unterscheiden. Weil das Kapitel seine Argumentationstechnik wunderbar darstellt, eine kurze Zusammenfassung:
Dawkins beginnt mit der Diskussion von Übergriffen katholischer Geistlicher an Kindern, denen er (seiner Ansicht nach nicht weniger "mißbräuchliche") Lehren von Schuld und Hölle gegenüberstellt. Müssten nicht, so Dawkins dann, Kinder vor allen Übergriffen geschützt werden?
Als Einstieg dient ihm der Fall einem jüdischen Jungen im Spanien des 19. Jahrhunderts, der von einem Kindermädchen heimlich getauft und dann von der Kirche (da "Christ") seinen Eltern entwendet wurde. Dabei weist er aber auch (mit Selbst-Schuld-Unterton) darauf hin, dass Juden eben gerne christliche Kindermädchen einstellten, da diese auch am Sabbat arbeiten durften.
Statt ein Kind also als Jude oder Christ zu bezeichnen, plädiert er dafür, es nur als Kind jüdischer oder christlicher Eltern gelten zu lassen. Und daraus zieht er nun den Schluss, Kinder staatlicherseits beispielsweise vor einer Erziehung als Amishe, orthodoxe Juden oder kreationistischen Privatschulen "zu schützen".
Der Leser reibt sich verblüfft die Augen, denn über diese Schritte ist es nun Dawkins, der faktisch für das Wegnehmen der Kinder plädiert - und kühl ausführt, dass er den Beitrag zur lebensweltlichen "Vielfalt" etwa der Amish-Lebensweise nicht für ein Argument hält, um den Kindern das eigene Amish-Schulsystem "anzutun".
Gerade in diesem Kapitel wird aber auch deutlich, dass Dawkins die Macht der so genannten vertikalen Transmission religiöser Überzeugungen in der Familie erkennt - und sie ihn besonders bei geburtenstarken Gemeinschaften (Amish, orthodoxe Juden, Mormonen, evangelikal-kreationistische Christen etc.) und Privatschulen beunruhigt.
Fazit
Sowohl Religionskritiker wie diejenigen, die hinter rationalistischem Atheismus Unfreiheit und den totalen Staat wittern, werden bei Dawkins wieder auf ihre Kosten kommen. Aber gerade auch für religiöse wie nichtreligiöse Menschen, die sich ernsthaft mit dem Zusammenhang von Religion und Wissenschaft beschäftigen wollen, lohnt die Lektüre durchaus. Denn Dawkins formuliert rhetorisch brilliant radikale Fragen, die wissenschaftliches, rechtliches und persönliches Nachdenken gerade dadurch fördern, weil sie kein einfaches, harmonisches Ausweichen erlauben. Wer Freiheit auch dann schätzt, wenn sie nicht aus Zuckerwatte ist, kommt hier auf seine Kosten.
Gott und die Religionen kann Dawkins nicht wirklich widerlegen, die Kritik an religiösen Fundamentalisten teilen auch die meisten Gläubigen und Dawkins-Jünger werden seine Mini-Distanzierungen von einigen früheren Positionen womöglich sogar bedauern. Wenn man ihn aber als radikal kritischen Religionsphilosophen mit treffsicheren Anekdoten und vor allem spannenden Fragen liest, kann man durchaus anerkennen, dass Dawkins manchmal schläfrige Religion-Wissenschaft-Debatten auf Trab brachte und teilweise noch bringt.
Meine persönliche Antwort lautet: Wenn Sie religionswissenschaftlich und/oder religionsphilosophisch interessiert sind, selbst nachdenken oder gar forschen sowie Polemik und rhetorische Tricks lieben oder doch vertragen - Ja!
Denn nachdem sich Dawkins einige Seiten Zeit genommen hat, um Atheisten anzugehen, die seine scharfe Religionskritik nicht teilen, legt er in bekannter Frische gegen die Weltreligionen los.
Dabei geht er am liebsten von markanten Einzelbeispielen aus, aus denen er die Berechtigung religiöser Rechte und schließlich überhaupt von Religion bestreitet. Indem er dafür extreme Beispiele aller Weltreligionen aufgreift, erlaubt er es dem Leser nicht, sich einfach von dieser oder jener Religion oder Gruppe abzusetzen, sondern zwingt Christen, Muslime, Juden, Hindus usw. gleichermaßen, sich zu fragen, warum sie (wenn Sie erlauben: wir) überhaupt religiös aktiv sind. Herrlich beispielsweise seine Anekdote über einen christlichen Theologen, der sich über die Glaubenswelt afrikanischer Stämme lustig macht - und dem Dawkins dann entgegenhält, was sein eigener Glauben so alles an schwer verdaulichen Inhalten enthält...
Die Wissenschaft ist dagegen etwas zurückgetreten und dient Dawkins vor allem als Munitionslager zur Bloßstellung religiöser Fundamentalisten. Eine absolut lesenswerte Ausnahme bildet jedoch das Kapitel, in dem er die verschiedenen Theorien zu religiös-evolutionärem Nutzen recht präzise zusammenfasst und auf ihre jeweiligen Schwächen hinweist. Das sind wirklich lesenswerte Seiten, bevor er (wissenschaftlich wie gesagt kaum befriedigend) eine memetische Antwort versucht - wobei diese deutlich vorsichtiger daher kommt als frühere Texte von ihm und fast aus "neutraler" Distanz die Thesen verschiedener Memetiker kommentiert.
Zu schaffen macht Dawkins aber auch, dass sich unter anderem der wegen Millionenbetrugs an Anlegern und Mitarbeitern verurteilte, frühere Enron-Chef ausdrücklich auf Anregungen aus Dawkins "Das egoistische Gen" berufen hatte. Dies lässt Dawkins noch einmal die Wurzeln menschlichen Altruismus diskutieren und sehr viel positiver darstellen, als dies früher bei ihm der Fall war.
Man kann hier von einem "Zurückrudern" in Sachen Memetik und Altruismus sprechen, mir persönlich imponiert es jedoch sehr, wenn ein Wissenschaftler auch (wenigstens in Ansätzen) bereit ist, frühere Positionen, mit denen er bekannt wurde, dennoch kritisch zu überdenken. Das gilt auch für einzelne biografische Andeutungen, wenn er etwa von guten Erfahrungen mit einem wunderbaren Schulkaplan berichtet oder davon, dass er sich gemeinsam mit führenden Theologen (!) an Tony Blair wandte, um gegen eine kreationistische Privatschule in Britannien zu protestieren. Dawkins wird nicht "weich", aber in Ansätzen wird er differenzierter.
Religion und Elternschaft
Den Zusammenhang von Religion und Kinderreichtum hat Dawkins noch nicht auf der Liste, allerdings nähert auch er sich dem Thema bereits an. So widmet er ein Schlusskapital der Diskussion religiöser Erziehung und ruft dazu auf, zwischen den Rechten der Kinder und denen ihrer Eltern zu unterscheiden. Weil das Kapitel seine Argumentationstechnik wunderbar darstellt, eine kurze Zusammenfassung:
Dawkins beginnt mit der Diskussion von Übergriffen katholischer Geistlicher an Kindern, denen er (seiner Ansicht nach nicht weniger "mißbräuchliche") Lehren von Schuld und Hölle gegenüberstellt. Müssten nicht, so Dawkins dann, Kinder vor allen Übergriffen geschützt werden?
Als Einstieg dient ihm der Fall einem jüdischen Jungen im Spanien des 19. Jahrhunderts, der von einem Kindermädchen heimlich getauft und dann von der Kirche (da "Christ") seinen Eltern entwendet wurde. Dabei weist er aber auch (mit Selbst-Schuld-Unterton) darauf hin, dass Juden eben gerne christliche Kindermädchen einstellten, da diese auch am Sabbat arbeiten durften.
Statt ein Kind also als Jude oder Christ zu bezeichnen, plädiert er dafür, es nur als Kind jüdischer oder christlicher Eltern gelten zu lassen. Und daraus zieht er nun den Schluss, Kinder staatlicherseits beispielsweise vor einer Erziehung als Amishe, orthodoxe Juden oder kreationistischen Privatschulen "zu schützen".
Der Leser reibt sich verblüfft die Augen, denn über diese Schritte ist es nun Dawkins, der faktisch für das Wegnehmen der Kinder plädiert - und kühl ausführt, dass er den Beitrag zur lebensweltlichen "Vielfalt" etwa der Amish-Lebensweise nicht für ein Argument hält, um den Kindern das eigene Amish-Schulsystem "anzutun".
Gerade in diesem Kapitel wird aber auch deutlich, dass Dawkins die Macht der so genannten vertikalen Transmission religiöser Überzeugungen in der Familie erkennt - und sie ihn besonders bei geburtenstarken Gemeinschaften (Amish, orthodoxe Juden, Mormonen, evangelikal-kreationistische Christen etc.) und Privatschulen beunruhigt.
Fazit
Sowohl Religionskritiker wie diejenigen, die hinter rationalistischem Atheismus Unfreiheit und den totalen Staat wittern, werden bei Dawkins wieder auf ihre Kosten kommen. Aber gerade auch für religiöse wie nichtreligiöse Menschen, die sich ernsthaft mit dem Zusammenhang von Religion und Wissenschaft beschäftigen wollen, lohnt die Lektüre durchaus. Denn Dawkins formuliert rhetorisch brilliant radikale Fragen, die wissenschaftliches, rechtliches und persönliches Nachdenken gerade dadurch fördern, weil sie kein einfaches, harmonisches Ausweichen erlauben. Wer Freiheit auch dann schätzt, wenn sie nicht aus Zuckerwatte ist, kommt hier auf seine Kosten.
Gott und die Religionen kann Dawkins nicht wirklich widerlegen, die Kritik an religiösen Fundamentalisten teilen auch die meisten Gläubigen und Dawkins-Jünger werden seine Mini-Distanzierungen von einigen früheren Positionen womöglich sogar bedauern. Wenn man ihn aber als radikal kritischen Religionsphilosophen mit treffsicheren Anekdoten und vor allem spannenden Fragen liest, kann man durchaus anerkennen, dass Dawkins manchmal schläfrige Religion-Wissenschaft-Debatten auf Trab brachte und teilweise noch bringt.
blume-religionswissenschaft - 3. Sep, 21:19
Trackbacks zu diesem Beitrag
begleitschreiben.twoday.net - 1. Okt, 13:35
Richard Dawkins: Der Gotteswahn
"Der Gotteswahn" ist ein Missionierungsversuch,... [weiter]
kwakuananse.twoday.net - 11. Nov, 13:07
Richard Dawkins: Der Gotteswahn
Es gibt schon eine Reihe von Meinungen... [weiter]
Felix Hoefert (Gast) - 30. Sep, 04:43
kleiner Strohmann
"Der Leser reibt sich verblüfft die Augen, denn über diese Schritte ist es nun Dawkins, der faktisch für das Wegnehmen der Kinder plädiert"
Sie legen Dawkins etwas in den Mund, dass er nie gesagt oder gemeint hat, weder in diesem Buch noch sonstwo. Dawkins plädiert nicht für das Wegnehmen der Kinder, sondern der Glaubensschulen - die wider aller Vernunft von 'säkularen' Regierungen in Europa und Amerika auch noch aktiv gefördert und ausgebaut werden, und so den Gotteswahn von Generation zu Generation perpetuieren.
Jeder, der dem Glauben positive Wirkungen auf praktizierte Moral attestieren möchte, sollte sich mal dem sogenannten Hitchens-Test stellen: "Erdenken Sie eine Moral, die ohne den Glauben nicht möglich wäre."
Sie legen Dawkins etwas in den Mund, dass er nie gesagt oder gemeint hat, weder in diesem Buch noch sonstwo. Dawkins plädiert nicht für das Wegnehmen der Kinder, sondern der Glaubensschulen - die wider aller Vernunft von 'säkularen' Regierungen in Europa und Amerika auch noch aktiv gefördert und ausgebaut werden, und so den Gotteswahn von Generation zu Generation perpetuieren.
Jeder, der dem Glauben positive Wirkungen auf praktizierte Moral attestieren möchte, sollte sich mal dem sogenannten Hitchens-Test stellen: "Erdenken Sie eine Moral, die ohne den Glauben nicht möglich wäre."
blume-religionswissenschaft - 1. Okt, 14:00
Mehr als Stroh...
Jedem einigermaßen unvoreingenommenen Leser ist Dawkins Botschaft völlig klar: religiöse Erziehung in konfessionellen Schulen (und Familien???) soll unterbunden werden, die Kinder sollen eine "geschützte" -d.h. streng säkulare- Erziehung erhalten. Eltern wird damit nicht nur das Erziehungsrecht beschnitten, sondern auch Gemeinschaften ihr Recht auf konfessionelle Schulen - wohl inklusive der Durchsetzung der entsprechenden Maßnahmen mit Polizeigewalt. Das ist ein "Wegnehmen", nicht weniger. Und wie schon bei der Diskussion um Menschenzucht siehe hier
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4047853/
kleidet Dawkins seine Vorstellungen natürlich lieber in Frageform als in Forderungen.
Die Süddeutsche Zeitung hat Dawkins dieser Tage als "biologistischen Hassprediger" bezeichnet. So weit würde ich nicht gehen. Aber Dawkins überzieht gezielt und polemisch die Grenzen wissenschaftlicher Seriosität und zielt auf Schlagzeilen. Daraus resultiert sein Erfolg, damit löst er (auch wichtige!) Debatten aus. Wer aber so kräftig austeilt wie Dawkins und seine Jünger, sollte umgekehrt auch höflichen Widerspruch ertragen. Dazu gehört auch der Hinweis, dass die meisten Schul- und Hochschulsysteme dieser Welt auf religiöse Gründungen zurück gehen.
Was Moral angeht: ich vergleiche empirische Daten und sehe z.B. ein deutlich reproduktiveres Verhalten religiös vergemeinschafteter Menschen. Dawkins weicht dieser Frage aus, dass er aber in seinem Kinder-Kapitel gezielt Amish, orthodoxe Juden und Mormonen angeht, deutet m.E. darauf hin, dass er den Zusammenhang zwischem Religion(en) und reproduktivem Erfolg mindestens ahnt. Diese Gemeinschaften brauchen schon lange keine Mission mehr (was ein weiteres Argument gegen die pseudo-wissenschaftliche Memetik ist), sondern wachsen über ihre Familien. Rein deskriptiv-empirisch gesehen sind es eben nicht die Religiösen, die aussterben. Religiosität ist biologisch insgesamt erfolgreich.
PS: Wir sind uns, denke ich, sicher einig, dass Kinder selbstverständlich vor Missbrauch zu schützen sind, auch, wenn er in Religionsgemeinschaften auftritt. Religiöse Erziehung per se jedoch als Kindesmissbrauch zu titulieren halte ich für eine gezielte Provokation, die im übrigen auch dem Geist der Menschenrechte und unseres Grundgesetzes widerspricht.
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4047853/
kleidet Dawkins seine Vorstellungen natürlich lieber in Frageform als in Forderungen.
Die Süddeutsche Zeitung hat Dawkins dieser Tage als "biologistischen Hassprediger" bezeichnet. So weit würde ich nicht gehen. Aber Dawkins überzieht gezielt und polemisch die Grenzen wissenschaftlicher Seriosität und zielt auf Schlagzeilen. Daraus resultiert sein Erfolg, damit löst er (auch wichtige!) Debatten aus. Wer aber so kräftig austeilt wie Dawkins und seine Jünger, sollte umgekehrt auch höflichen Widerspruch ertragen. Dazu gehört auch der Hinweis, dass die meisten Schul- und Hochschulsysteme dieser Welt auf religiöse Gründungen zurück gehen.
Was Moral angeht: ich vergleiche empirische Daten und sehe z.B. ein deutlich reproduktiveres Verhalten religiös vergemeinschafteter Menschen. Dawkins weicht dieser Frage aus, dass er aber in seinem Kinder-Kapitel gezielt Amish, orthodoxe Juden und Mormonen angeht, deutet m.E. darauf hin, dass er den Zusammenhang zwischem Religion(en) und reproduktivem Erfolg mindestens ahnt. Diese Gemeinschaften brauchen schon lange keine Mission mehr (was ein weiteres Argument gegen die pseudo-wissenschaftliche Memetik ist), sondern wachsen über ihre Familien. Rein deskriptiv-empirisch gesehen sind es eben nicht die Religiösen, die aussterben. Religiosität ist biologisch insgesamt erfolgreich.
PS: Wir sind uns, denke ich, sicher einig, dass Kinder selbstverständlich vor Missbrauch zu schützen sind, auch, wenn er in Religionsgemeinschaften auftritt. Religiöse Erziehung per se jedoch als Kindesmissbrauch zu titulieren halte ich für eine gezielte Provokation, die im übrigen auch dem Geist der Menschenrechte und unseres Grundgesetzes widerspricht.
blume-religionswissenschaft - 1. Okt, 14:18
Dawkins-Rezension auch im Begleitschreiben-Blog
Eine weitere, sehr lesenswerte Dawkins-Rezension findet sich im Blog von Herrn Keuschnig:
http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4308884/
Viel Spaß bei der Lektüre!
http://begleitschreiben.twoday.net/stories/4308884/
Viel Spaß bei der Lektüre!
ich, atheist (Gast) - 3. Okt, 20:13
nunja
bin rk erzogen, hat nicht viel gebracht, habe biologie studiert und weiß seit langem, dass ich atheist bin. habe dawkins bisher nicht gelesen... mea culpa... mein ziel: ich muß das buch lesen, ABER ich habe als praktizierender wissenschaftler zum artikel was zu sagen und zwar:
1) "mir persönlich imponiert es jedoch sehr, wenn ein Wissenschaftler auch (wenigstens in Ansätzen) bereit ist, frühere Positionen, mit denen er bekannt wurde, dennoch kritisch zu überdenken."
was soll das denn???? wir (natur-) wissenschaftler tun tag für tag nichts anderes als uns und unsere daten permanent in frage zu stellen. frustration und umdenken sind gerade und im ganz besonderen unsere stärken!! ist wohl bei geisteswissenschaftlern nicht so?
2) "Und daraus zieht er nun den Schluss, Kinder staatlicherseits beispielsweise vor einer Erziehung als Amishe, orthodoxe Juden oder kreationistischen Privatschulen "zu schützen"."
... und das wäre gut so! die kämpfe, die ich im kleinen mit meinen nicht streng- aber zu religiösen (in meinen Augen) eltern über moral in der familie und moral von atheisten ausgestanden (leider noch nicht überwunden) habe, sind nur ein winziger teil der geschichte. nein, auch der krampf zu beweisen, dass man auch als nicht christlicher mensch, moralisch gut, liberal und offen für die welt ist, sich tatsächlich abzuwenden von "der" religion, in die man "hineingeboren" wird und aufgrund dessen von den eigenen eltern nicht respektiert zu werden, ist widerlich und geht gegen mein verständnis von "guten christen".
selbst nach dem eingeständnis, dass ich nicht an gott glaube, bin ich mehr als enttäscht von der schlechtigkeit von bekennenden christen, ihrer doppelmoral und dem drang alles zu tolerieren (wie im großen buch steht), aber nicht in der eigenen familie. religiöse erziehung? warum nicht den kindern die freiheit geben sich selbst zu orientieren? warum nach der geburt taufen, man kann auch mit 14 getauft werden, aus eigenem glauben heraus! mir stößt eins besonders auf, warum müssen fast alle religionen (im großen, wie im kleinen) ständig versuchen ihren (als einzig wahren) glauben mit gewalt durchsetzen. warum nicht wirklich mit liebe und moral? (ohne ständige predigten, damit hält man fast niemenden mehr)
3) "Gott und die Religionen kann Dawkins nicht wirklich widerlegen,
wirklich widerlegen? wie das? sollte er? wenn er es tatsächlich beweisen könnte, wäre er tod. wenn er also in der lage wäre die beweisführung gegen die existenz von gott zu führen, wäre jede religion ihrer daseinsberechtigung entzogen (siehe karl popper).
1) "mir persönlich imponiert es jedoch sehr, wenn ein Wissenschaftler auch (wenigstens in Ansätzen) bereit ist, frühere Positionen, mit denen er bekannt wurde, dennoch kritisch zu überdenken."
was soll das denn???? wir (natur-) wissenschaftler tun tag für tag nichts anderes als uns und unsere daten permanent in frage zu stellen. frustration und umdenken sind gerade und im ganz besonderen unsere stärken!! ist wohl bei geisteswissenschaftlern nicht so?
2) "Und daraus zieht er nun den Schluss, Kinder staatlicherseits beispielsweise vor einer Erziehung als Amishe, orthodoxe Juden oder kreationistischen Privatschulen "zu schützen"."
... und das wäre gut so! die kämpfe, die ich im kleinen mit meinen nicht streng- aber zu religiösen (in meinen Augen) eltern über moral in der familie und moral von atheisten ausgestanden (leider noch nicht überwunden) habe, sind nur ein winziger teil der geschichte. nein, auch der krampf zu beweisen, dass man auch als nicht christlicher mensch, moralisch gut, liberal und offen für die welt ist, sich tatsächlich abzuwenden von "der" religion, in die man "hineingeboren" wird und aufgrund dessen von den eigenen eltern nicht respektiert zu werden, ist widerlich und geht gegen mein verständnis von "guten christen".
selbst nach dem eingeständnis, dass ich nicht an gott glaube, bin ich mehr als enttäscht von der schlechtigkeit von bekennenden christen, ihrer doppelmoral und dem drang alles zu tolerieren (wie im großen buch steht), aber nicht in der eigenen familie. religiöse erziehung? warum nicht den kindern die freiheit geben sich selbst zu orientieren? warum nach der geburt taufen, man kann auch mit 14 getauft werden, aus eigenem glauben heraus! mir stößt eins besonders auf, warum müssen fast alle religionen (im großen, wie im kleinen) ständig versuchen ihren (als einzig wahren) glauben mit gewalt durchsetzen. warum nicht wirklich mit liebe und moral? (ohne ständige predigten, damit hält man fast niemenden mehr)
3) "Gott und die Religionen kann Dawkins nicht wirklich widerlegen,
wirklich widerlegen? wie das? sollte er? wenn er es tatsächlich beweisen könnte, wäre er tod. wenn er also in der lage wäre die beweisführung gegen die existenz von gott zu führen, wäre jede religion ihrer daseinsberechtigung entzogen (siehe karl popper).
blume-religionswissenschaft - 4. Okt, 18:21
Tja...
Lieber Atheist,
danke für den regen Beitrag!
Zu 1. meine ich, dass alle Erfahrung zeigt, dass Wissenschaftler generell auch mit Emotionen an ihren Vorstellungen hängen. Ich bin z.B. immer wieder erstaunt darüber, wie vielen Biologen es schwerfällt, die eigene Implikation ihres Faches ernst zu nehmen: dass sich jedes kostspielige Merkmal des Menschen, also auch die Religiosität, über evolutive Vorteile entwickelt haben dürfte.
Amüsiert beobachte ich die empirisch völlig unhaltbaren Kapriolen wie Memetik oder Beiproduktthese, hinter die sich einige flüchten, um nicht das eigene Weltbild hinterfragen zu müssen. (-;
2. Seit tausenden von Generationen werden Menschenkinder religiös erzogen - und nun kommen (wieder) Wissenschaftler wie Dawkins daher, die Menschenzucht und Eingriffe in gewachsene Familien empfehlen...
Ich habe nicht behauptet, dass Christen per se moralischer wären als Atheisten. Allerdings belegen die empirischen Daten (!), dass sich religiöse Menschen quer durch alle Länder, Einkommens- und Bildungsschichten häufiger und stabiler für Familie und Kinder entscheiden. Eine kleine Datensammlung gerne hier:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4047705/
Und da der Reproduktionserfolg nun einmal "der" Fitnessindikator schlechthin ist, sehe ich der Zukunft recht gelassen entgegen...
3. Sehr guter Punkt, dem ich voll zustimme! Gott lässt sich weder beweisen noch widerlegen - sonst wäre Er nicht Gott. Indem aber Dawkins den (scheinbar generösen) Anspruch erhebt, Gottes Existenz sei eine "wissenschaftliche Hypothese", verlangt er polemisch "Beweise", die es nicht geben kann.
Genau das ist m.E. die Grundlage für Religionsfreiheit: anzuerkennen, dass wir weder das Eine noch das Andere je werden absolut beweisen können. Und uns daher auch zuzugestehen, je glaubend oder nicht glaubend zu sein. Wie Karl Popper richtig erkannte!
Herzliche Grüße
Michael Blume
danke für den regen Beitrag!
Zu 1. meine ich, dass alle Erfahrung zeigt, dass Wissenschaftler generell auch mit Emotionen an ihren Vorstellungen hängen. Ich bin z.B. immer wieder erstaunt darüber, wie vielen Biologen es schwerfällt, die eigene Implikation ihres Faches ernst zu nehmen: dass sich jedes kostspielige Merkmal des Menschen, also auch die Religiosität, über evolutive Vorteile entwickelt haben dürfte.
Amüsiert beobachte ich die empirisch völlig unhaltbaren Kapriolen wie Memetik oder Beiproduktthese, hinter die sich einige flüchten, um nicht das eigene Weltbild hinterfragen zu müssen. (-;
2. Seit tausenden von Generationen werden Menschenkinder religiös erzogen - und nun kommen (wieder) Wissenschaftler wie Dawkins daher, die Menschenzucht und Eingriffe in gewachsene Familien empfehlen...
Ich habe nicht behauptet, dass Christen per se moralischer wären als Atheisten. Allerdings belegen die empirischen Daten (!), dass sich religiöse Menschen quer durch alle Länder, Einkommens- und Bildungsschichten häufiger und stabiler für Familie und Kinder entscheiden. Eine kleine Datensammlung gerne hier:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4047705/
Und da der Reproduktionserfolg nun einmal "der" Fitnessindikator schlechthin ist, sehe ich der Zukunft recht gelassen entgegen...
3. Sehr guter Punkt, dem ich voll zustimme! Gott lässt sich weder beweisen noch widerlegen - sonst wäre Er nicht Gott. Indem aber Dawkins den (scheinbar generösen) Anspruch erhebt, Gottes Existenz sei eine "wissenschaftliche Hypothese", verlangt er polemisch "Beweise", die es nicht geben kann.
Genau das ist m.E. die Grundlage für Religionsfreiheit: anzuerkennen, dass wir weder das Eine noch das Andere je werden absolut beweisen können. Und uns daher auch zuzugestehen, je glaubend oder nicht glaubend zu sein. Wie Karl Popper richtig erkannte!
Herzliche Grüße
Michael Blume




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