Emile Durkheim, der Selbstmord und die Geburtenraten
Berühmt wurde Emile Durkheim mit einer Studie zum Selbstmord, in dem er diese scheinbar einsamste und privateste aller denkbaren Entscheidungen auf soziale Tatsachen zurückführte. Dabei unterschied er verschiedene Arten des Selbstmordes, beflügelte aber auch die Religionssoziologie unter anderem mit dem Nachweis, dass sich die Selbstmordrate unter den Juden (am niedrigsten, und auch bei hoher Bildung kaum steigend) von der der Katholiken (etwas höher, mit Bildung steigend) und der der Protestanten (am höchsten, mit Bildung steigend) unterschied.

Als Hintergrund wies er auf die soziale Verwurzelung in Religionsgemeinschaften hin: den Zusammenhalt jüdischer Gemeinden auch in einem strikteren Monotheismus, zumal diese auch bei hoher Bildung Antisemitismus ausgesetzt waren (wie Durkheim selbst auch erfahren musste), die stabilen, häufig ländlichen Milieus und durch unhinterfragbare Traditionen abgestützte Überzeugungen katholischer Gemeinden und die stärker das Individuum und Vernunfterkenntnis betonende Struktur evangelischer Christen, die häufiger auch in Vereinzelung münden konnten.
Die starke Wirkung konfessioneller Faktoren entsprach dabei noch gar nicht seinem damaligen Konzept, warb er im "Selbstmord" doch dafür, zukünftige Gemeinschaften über Berufsverbände zu definieren. Aber Durkheim war eben Wissenschaftler genug, sich von Daten in Frage stellen und anregen zu lassen, so dass sein später zunehmendes Interesse an Religionssoziologie (mit dem Hauptwerk "Elementare Formen religiösen Lebens"), einschließlich seiner Erkenntnis, dass sich Religion eben doch nicht einfach durch andere Sozialverbände ersetzen ließ, auch seinen Ergebnissen der Selbstmordforschung entsprang.
Wenn sich natürlich auch in seinen Daten selbst und seit 1897 sehr viele differenzierende und weitergehende Erkenntnisse ergeben haben, so gilt seine Datenauswertung und Kernthese immer noch als valide und sein Buch immer noch als ein Klassiker der (Religions-)Soziologie, das immer wieder aufgelegt wird.
Was kaum einer weiss: Durkheim und die Geburten
Kaum bekannt ist jedoch, dass Emile Durkheim einige Jahre vor Erscheinen des Buches einen Artikel verfasste, in dem er nicht nur die Entscheidung für Selbstmord, sondern auch für Kinder als private Entscheidung auf Basis sozialer Tatsachen untersuchte. Dass er sich dann doch auf das (auch philosophisch damals "angesagtere") Thema Selbstmord konzentrierte, trug dazu bei, dass er und die ihm folgende Religionssoziologie (insofern sie sich mit Biologen überhaupt austauschte) die Evolution der Religion fortan über "Überlebensvorteile" zu erschließen versuchte. Erst in jüngster Zeit wird der Zusammenhang zwischen religiöser Vergemeinschaftung und Kinderreichtum wieder religionswissenschaftlich erforscht.

Es ist über ein Jahrhundert her, dass der junge Durkheim in diese Richtung gedacht hatte. Was werden diejenigen von uns finden, die der Fährte heute folgen?

Als Hintergrund wies er auf die soziale Verwurzelung in Religionsgemeinschaften hin: den Zusammenhalt jüdischer Gemeinden auch in einem strikteren Monotheismus, zumal diese auch bei hoher Bildung Antisemitismus ausgesetzt waren (wie Durkheim selbst auch erfahren musste), die stabilen, häufig ländlichen Milieus und durch unhinterfragbare Traditionen abgestützte Überzeugungen katholischer Gemeinden und die stärker das Individuum und Vernunfterkenntnis betonende Struktur evangelischer Christen, die häufiger auch in Vereinzelung münden konnten.
Die starke Wirkung konfessioneller Faktoren entsprach dabei noch gar nicht seinem damaligen Konzept, warb er im "Selbstmord" doch dafür, zukünftige Gemeinschaften über Berufsverbände zu definieren. Aber Durkheim war eben Wissenschaftler genug, sich von Daten in Frage stellen und anregen zu lassen, so dass sein später zunehmendes Interesse an Religionssoziologie (mit dem Hauptwerk "Elementare Formen religiösen Lebens"), einschließlich seiner Erkenntnis, dass sich Religion eben doch nicht einfach durch andere Sozialverbände ersetzen ließ, auch seinen Ergebnissen der Selbstmordforschung entsprang.
Wenn sich natürlich auch in seinen Daten selbst und seit 1897 sehr viele differenzierende und weitergehende Erkenntnisse ergeben haben, so gilt seine Datenauswertung und Kernthese immer noch als valide und sein Buch immer noch als ein Klassiker der (Religions-)Soziologie, das immer wieder aufgelegt wird.
Was kaum einer weiss: Durkheim und die Geburten
Kaum bekannt ist jedoch, dass Emile Durkheim einige Jahre vor Erscheinen des Buches einen Artikel verfasste, in dem er nicht nur die Entscheidung für Selbstmord, sondern auch für Kinder als private Entscheidung auf Basis sozialer Tatsachen untersuchte. Dass er sich dann doch auf das (auch philosophisch damals "angesagtere") Thema Selbstmord konzentrierte, trug dazu bei, dass er und die ihm folgende Religionssoziologie (insofern sie sich mit Biologen überhaupt austauschte) die Evolution der Religion fortan über "Überlebensvorteile" zu erschließen versuchte. Erst in jüngster Zeit wird der Zusammenhang zwischen religiöser Vergemeinschaftung und Kinderreichtum wieder religionswissenschaftlich erforscht.

Es ist über ein Jahrhundert her, dass der junge Durkheim in diese Richtung gedacht hatte. Was werden diejenigen von uns finden, die der Fährte heute folgen?
blume-religionswissenschaft - 31. Aug, 20:09
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