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Dienstag, 31. Juli 2007

Die Linkesche These - Von Alphabetschriften, Hirnhemisphären und Gottesbildern

Nachdem ich zuletzt in dieser Rubrik zwei zwar populäre, aber nach kritischer Prüfung wenig haltbare "Neurotheorien" zur Religion vorgestellt habe, möchte ich heute einmal ein Gegenteil präsentieren: eine These, die kaum bekannt ist, sich aber als wissenschaftlich hochgradig spannend erweisen könnte.

Es handelt sich hierbei um eine Theorie, die der vor zwei Jahren leider viel zu früh verstorbene Neurowissenschaftler Detlef Linke bereits 1995 an der Universität Bonn präsentierte und die so bestürzend einfach klingt, aber seit beinahe zehn Jahren kaum ernsthaft überprüft wurde. Nachdem es mir im Rahmen der Dissertation auch durch intensive Nachforschung nicht gelungen war, sie zu falsifizieren - ich stattdessen auf immer mehr stützende Befunde traf, die Linke noch gar nicht kennen konnte -, habe ich mir erlaubt, sie auf eigene Verantwortung zu bebildern und im Rahmen der Generalversammlung der Görres-Gesellschaft in Regensburg 2006 vorzutragen. Die Resonanz war rege und ich hoffe, der Linkeschen These eines fernen Tages einmal mit einem interdisziplinären Team zu Leibe rücken oder aber andere, Befähigtere darauf aufmerksam machen zu können.

Die Ausgangsthese von Detlef Linke ging von Beobachtungen zu unterschiedlichen Schwerpunkten der Bearbeitung verschiedener Tätigkeiten je in der linken oder rechten Hirnhemisphäre aus.

Linke ging von seinem Habilitationsthema, der Lateralität des Gehirns aus - also der Spezialisierung der beiden Gehirnhälften auf unterschiedliche Tätigkeiten bei komplexeren Tieren bis hinauf zum Menschen. Unser Lesen werde bei Rechtshändern überwiegend in der linken Hemisphäre bearbeitet, die zuerst vom rechten Auge über Kreuz bedient wird.

Entsprechend tendieren wir, so Linke, Schrift von links nach rechts zu erfassen.

Eine Besonderheit aber bilden laut Linke vokalarme Alphabete, wie zum Beispiel Hebräisch. Zur Lesung der Konsonanten habe hier eine intensive, bildhafte Assoziierung der Vokale zu erfolgen, die vor allem auf der rechten Gehirnhälfte erfolge. Entsprechend tendiere das linke Auge zur Führungsrolle, die Schriftrichtung weise von rechts nach links.

Vor allem aber werde jetzt eine zusätzliche Konfrontation mit Bildern als rechtshemisphärische Überlastung empfunden - der Leser eines Konsonantenalphabetes werde Bilder (oder auch Musik) daher tendenziell zu meiden lernen.

In der Lesung eines vokalarmen Alphabetes wie Hebräisch werde, so Linke, auch die rechte Hirnhemisphäre zur Vokaleinfügung einbezogen. Entsprechend störten weitere Ablenkungen wie Bilder und Musik und würden unterbunden. Der Befund passt interessanterweise auch zu Arabisch.

Die weitere Verbreitung eines nichtvokalisierten Alphabetes sollte daher mit einer zunehmenden Bilderfeindlichkeit einhergehen - einer Verringerung der Götterzahl und Darstellung bis schließlich zur Bildlosigkeit des Eingottes.

Erst der Verzicht auf jede Bildlichkeit führe zur wieder gleichmäßigen Beanspruchung des gesamten Gehirns („Tanz“, „Wohlbefinden“), deren Herleitung und Umschreibung bei Linke an das psychologische „Flow“-Konzept (Csikszentmihalyi et al.) erinnern.

Vokalarme Leseerfahrung ohne störende Bilder, Musik etc. wird nach Linke als ausgeglichen und glückreich erfahren. Entspreche führte z.B. Hebräisch in den Monotheismus. Und man vergleiche wiederum das quranische Arabisch!

Eine religionshistorisch entscheidende Phase sieht Linke aber ab dem Moment, ab dem die hebräische Bibel ins Griechische übersetzt wurde, in die Septuaginta.

Eine wiederkehrende, bildlose Lesung eines vokalisierten Alphabetes (wie Griechisch oder Latein) unterfordert laut Linke die rechte Hirnhemisphäre. Entsprechend sei die Bibel nach der Übersetzung zur Septuaginta gewissermaßen verstummt.

Im vokalisierten Griechisch werde die rechte Gehirnhälfte einerseits vom Einfügen der Vokale entbunden - gerade deswegen aber erfolge keine gleichmäßige Beanspruchung mehr.

Der griechisch Lesende mag den bildlosen Eingott und die Bibel schätzen und lieben wie sein hebräisch lesender Zeitgenosse, wird aber gerade dann umso mehr darunter leiden, dass der Buchstabe allein anstrengend und tot bleibt.

Laut Linke traf aus diesem Grund Passionsgeschichte, Botschaft und später Bild des Gekreuzigten, die „Inkarnation des Wortes“ auf große Resonanz vorwiegend unter griechisch lesenden Juden und dann auch Heiden. Sie ging mit realen, positiven Erfahrungen einher.

Eine vokalisierte, heilige Schrift benötige daher, so Linke, ergänzend farbig-dramatische Personalisierungen, tendenziell auch ein Aufweichen des strikt bildlosen Monotheismus. Auch diese These trifft neben dem Christentum auch z.B. auf indische Religionen zu.

Konvergenz I: Änderungen der Schriftrichtung

Einen Konsens, aus welchem Grund das aus dem Phönizischen hervorgehende griechische Alphabet über ein wechselndes Zwischenstadium (Bustruphedon) prompt seine Richtung änderte, konnte ich nicht feststellen - Linkes These entspricht hier einem bisher ungeklärten Sachverhalt. Seine These trifft ebenso auf das Arabische, Koptische und viele weitere Sprachen zu - auch der enge Zusammenhang Konsonantenalphabet zu bildkritischer Kultur- und Religionstendenzen (und umgekehrt z.B. der Explosion von Bildhaftigkeit nicht nur in Europa, sondern auch in Indien nach Einführung der vokalisierten Silbenalphabete) erscheint signifikant überzufällig.

Konvergenz II: Papst Benedikt XVI.

Lassen Sie mich dazu nur einige wenige, aus theologischer Erfahrung gespeiste Sätze zitieren, die Papst Benedikt XVI. 2006 in Regensburg gesprochen hat und die leider aufgrund eines anderen Zitats aus seiner Rede bisher kaum wahrgenommen wurden. So führte der Pontifex aus:

„Das Zusammentreffen der biblischen Botschaft und des griechischen Denkens war kein Zufall. Die Vision des heiligen Paulus, dem sich die Wege in Asien verschlossen und der nächtens in einem Gesicht einen Mazedonier sah und ihn rufen hörte: Komm herüber und hilf uns (Apg 16, 6 – 10) – diese Vision darf als Verdichtung des von innen her nötigen Aufeinanderzugehens zwischen biblischem Glauben und griechischem Fragen gedeutet werden. […]
Heute wissen wir, dass die in Alexandrien entstandene griechische Übersetzung des Alten Testaments – die Septuaginta – mehr als eine bloße (vielleicht wenig positiv zu beurteilende) Übersetzung des hebräischen Textes, sondern ein selbstständiger Textzeuge und ein eigener wichtiger Schritt der Offenbarungsgeschichte ist, in dem sich diese Begegnung auf eine Weise realisiert hat, die für die Entstehung des Christentums und seine Verbreitung entscheidende Bedeutung gewann.“

Linke arbeitete genau an diesem historischen Spezialfall.

Konvergenz III: Jan Assmann et al.

Interessant konvergiert auch die entsprechende Arbeit des Ägyptologen Jan Assmann, der in „Religion und kulturelles Gedächtnis“ (2000) einen historischen Längs- und Quervergleich der Schriftkulturen des vorderen Orients vorgenommen hat, auch etwa im Hinblick auf die Verarbeitung von kulterschütternden Diaspora-Erfahrungen, und schließlich mit Bezug auf Israel zu folgendem Schluss kommt:

„Vieles spricht dafür, dass der jüdische Monotheismus, das Prinzip der Offenbarung und der aus diesem Prinzip entwickelte und sich immer mehr steigende Abscheu gegen traditionelle Formen des Kultes aus dem Geist der Schrift geboren sind oder doch in dem Medium der Schrift in einer sehr tiefen Weise verbunden sind, ganz im Sinne von Moses Mendelssohn, der einen Zusammenhang von Medienrevolution und religiösen Wandlungen schon vor mehr als 200 Jahren postulierte.

Der Schritt in die Religion der Transzendenz war ein Schritt aus der Welt - man möchte fast von einer Auswanderung, einem Exodus, sprechen - in die Schrift.“

Es sei dabei darauf hingewiesen, dass Assmann (wie er mir im Gespräch versicherte) zu dieser bemerkenswert passenden Schlussfolgerung ohne jede Kenntnis der Linkeschen These gekommen ist. Der von ihm zitierte Moses Mendelssohn (1729-1786), der zwischen den Sprachen wanderte und eine Neu- und Direktübersetzung der hebräischen Bibel ins Deutsche vornahm, konstatierte:

„Mich dünkt, die Veränderung, die in den verschiedenen Zeiten der Kultur mit den Schriftzeichen vorgegangen, habe von jeher an den Revolutionen der menschlichen Erkenntnis überhaupt und insbesondere an den mannigfachen Abänderungen ihrer Meinungen und Begriffe in Religionssachen sehr wichtigen Anteil.“

Und wenn wir schon bei Assmann und also der Ägyptologie sind: zu dem leider wenigen, was wir von Pharao Echnaton und seiner proto-monotheistischen Aton-Verehrung kennen, gehört der Umstand, dass er auch eine (proto-alphabetisierende) Schriftreform durchführen und sich selbst, seine Frau sowie seine Töchter mit Schreibtafeln abbilden ließ...

Gerne würde ich an dieser Stelle noch weitere, neuere Autoren - so Uehlinger, Mettinger, Niehr u.a.- anführen, die von strikt religionshistorischer oder religionssoziologischer Warte aus die frühisraelitischen Formierungsprozesse beschreiben und dabei der Linkeschen These ebenfalls verblüffend entsprechen, etwa in der Vermerkung von „Abscheu“ (Aversion), die aus schriftkundigen Kreisen (bisher ohne schlüssige Erklärung) gegen die etablierten
Kultbilder angeführt wurde usw. - aber das würde den Blograhmen dann wohl sprengen.

Konvergenz IV: Der Islam

Mich faszinierte über die Linkesche These zum historischen Spezialfall des Formierung des jüdischen Monotheismus hinaus jedoch auch die potentielle Erklärungskraft im Hinblick auf den Islam.

Linkes These passt genau zur arabischen Antwort auf die Evangelien, den Koran, der vokalarm und von rechts nach links gelesen wird, nur in Arabisch gültig rezitiert werden kann und im Bezug auf Gott und Jesus wieder strikt Gottesinkarnation, Passionserzählung und jede Bilddarstellung ablehnt.

Nach wie vor können wir weltweit miterleben, wie hebräische
und arabische Schriftrezitation in den Originalsprachen Menschen in einen Flow versetzt, während sich die vokalisierte Bibellesung im Regelfall in der Landessprache oder doch einer späteren Übersetzung durchsetzt und mit Bildern, Musik, Liturgie und komplexen Spekulationen ergänzt. Auch Christen mit größter Liebe zur Heiligen Schrift müssen sich nach wenigen Stunden „Bibelmarathon“ ablösen lassen, wogegen Juden und Muslime allein über einer langen Lesung in Verzückung geraten können.

Würde die Form des verwendeten Alphabetes keinerlei Rolle spielen, so sollte doch wenigstens eine der vielen christlichen
Kirchen die entsprechenden Rezitationstechniken entfaltet oder übernommen haben.

Konvergenz V: Reinhard Leichner

Überzeugt hat mich schließlich eine völlig unabhängig entstandene Studie des Darmstädter Kognitionspsychologen Reinhard Leichner zu Musik, Hemisphärenaktivation und das Gefallen von Portraits, die ohne jeden Bezug zu Religion, Linke o.ä. konzipiert war.

Leichner hatte Probanden Portraitfotos nach Sympathie bewerten lassen und sie gleichzeitig per Kopfhörer links-, rechts- oder beidhemisphärisch mit Musik beschallt.

Das Ergebnis entsprach völlig der Linkeschen These: bei stärkerer Doppelbeanspruchung der rechten Hemisphäre wurden die Bilder tendenziell negativer wahrgenommen, bei ausgleichender Beanspruchung der linken Hemisphäre tendenziell positiver.

Fazit

Dass also so viele, auch völlig unabhängige Befunde der Linkeschen These entsprechen, lässt mich an mehr als einen Zufall denken. Unter allen neurotheologischen Thesen fasziniert mich die Linkesche These deshalb so besonders, weil sie sich nicht einer allgemeinen Herleitung religiöser Erfahrung verschreibt, sondern konkrete Phänomene zueinander in Bezug setzt. Ich hoffe, dass es eines nicht allzu fernen Tages ein interdisziplinäres Team gebe, das die Linkeschen These auch experimentell testet. Vielleicht wartet seit mehr als zehn Jahren eine spannende Entdeckung auf uns.

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http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4122256/modTrackback

Trackbacks zu diesem Beitrag

philspass - 21. Aug, 22:37

Lateralität und Religionsentwicklung

Die Gehirnhälftentheorie und... [weiter]
Ibnatulbadia (Gast) - 31. Jul, 17:21

Faszinierende und absolut nachvollziehbare These, mich persönlich hat besonders der Aspekt zum Islam und zur Rezitation von heiligen Texten interessiert. Auch Sanskrit-Texte und Mantras haben im Original eine ganz andere Wirkung als in einer Übersetzung - leider weiss ich zu wenig über diese Sprache, aber es dürfte auf dem gleichen Prinzip beruhen.

Danke für diesen Beitrag!

Danke...

...für die nette Resonanz!

Ja, ich bin auch gespannt, ob, wann, wie und wo sich einmal das Team finden wird, um die Linkesche These einer experimentellen Prüfung zu unterziehen.

Ich bin mir fast sicher, dass Linke nicht völlig falsch gelegen sein kann. Die voneinander unabhängigen Befunde aus Neurologie, Schrift- und Religionsgeschichte, Religionsphänomenologie und auch Theologie halte ich für mehr als zufällig...

Danke also für die Ermutigung! Es freut mich, wenn die Theorie bekannter wird.
Basty Castellio - 8. Dez, 12:04

Skepsis angebracht

Das Thema erschien vor Kurzem bei den aktuellen Beiträgen, plötzlich nicht mehr. Ich kenne mich in der Bloggerei nicht so gut aus. Dennoch - zur Sache:
Da möchte ich auch etwas skeptisch nachhaken, Wasser in den Wein schütten.

Nur ein paar Punkte:
Schriftrichtung – Vokallosigkeit – Bildvermeidung
Die hebräischen-arabischen... Schriften sind eben näher am Ursprung der Schrift-Erfindung.
Zunächst war ja wohl alles Bild-Schrift, erst später dann mit einzelnen Buchstaben. Da Schriften eh nur Erinnerungs-/Verstehenshilfen sind, die meisten Leute nicht gelesen und geschrieben haben, dürfte es auf die Erleichterung des Lesens zunächst nicht so sehr angekommen sein.
Auf die Kultur u Religion dürfte es keinen so großen Einfluss gehabt haben, dass man daran geistesgeschichtliche Strömungen ablesen kann. Das meiste wurde mündlich überliefert. Auch in der jüdischen Religion war möglicherweise bis zur Exilszeit das Schreiben die absolute Ausnahme – siehe die Erzählungen über Jeremia und Amos.
Bilderreichtum möglicherweise erst mit besserem bemalbarem Material, damit gleichzeitig auch, weil mehr beschreibbares Material – Ausweitung auf Vokalzeichen.
Schriftrichtung:
In der Schule wurde es uns erklärt, und das halte ich immer noch für plausibel, dass man von Rechtshändern auszugehen hat, die schon immer das Sagen hatten. Für sie ist es einfacher:
Beim „Schreiben“ auf Stein, mit Hammer und Meißel: von rechts nach links. Wenn das Material weicher wird – Tontafeln, auch Schiefertafel, erst recht bei Tinte, ist es leichter von links nach rechts. Man könnte (nicht ganz ernst gemeint) anmerken: Seit der Kugelschreiberzeit erlaubt man ja den Schülern auch Linkshändigkeit; auch Linkshänder werden die Schrift nicht mehr so leicht verwischen.
Bustrophedon beweist, dass die Schriftrichtung so wichtig nicht war: Man wollte es den Lesern, nicht den rechtshändigen Steinmetzen, einfacher machen.

Papst Benedikt XVI kann mehr verklären als erklären.
Die angeblich mit innerer Notwendigkeit zustande gekommene Begegnung zwischen biblischem und griechischem Denken war nach dem ersten halben Jahrtausend Christentum vergessen bzw. konserviert/sterilisiert in der Trinitätslehre und der Zweinaturenlehre. Hypatia war ermordet, die griechische Philosophenschule geschlossen, die alten griechischen Schriften durch Heiligenlegenden übermalt. Erst durch die Begegnung mit den Moslems im Mittelalter kam es zu einem Re-Import griechischen Denkens. Und ausgerechnet den Moslems (zusammen mit den Protestanten!) wirft dieser Papst vor, sie hätten davon nicht so viel abbekommen. Nur die römisch-katholische Kirche hat diese angeblich notwendige Begegnung richtig bewahrt.
Dieser Papst hat auch sonst in dieser Rede Geschichtsklitterung betrieben; als Zeuge für geistesgeschichtliche Zusammenhänge ist er nicht besonders geeignet.

Assmann und Echnaton usw.:
Zuerst müsste man nachweisen, wie relevant die Art des Schreibens in der jüdischen /ägyptischen Religionsgeschichte war. Die Grundaussagen dieser Religion wurden doch vor der Verbreitung (!) von schriftlichem Denken entwickelt. Schrift nur als nachrägliches Festhalten von Ergebnissen.
Modernisierungsbemühungen bei Echnaton sind vielleicht vergleichbar mit Ata Türk (und er griff ja auch auf Religion und Schrift ein); aber ich werde vorsichtig bei einlinigen Erklärungen.
Interessante Frage wäre mal: Was hat der Monotheismus bei Echnaton mit dem sehr viel späteren biblischen Monotheismus zu tun? Wie ist es mit Bildern bei Echnaton? Da weiß ich zu wenig.


Islam-
Rückkehr zu Ablehnung von Gottesinkarnation, Passionserzählung und jeder Bilddarstellung.
Das ist eine der möglichen Kombinationen. Aber die drei Dinge sind nicht notwendig miteinander verknüpft. Der reformierte Protestantismus hat eine andere Verknüpfung; und durchaus als Schrift-Religion.
Rezitationstechnik:
Eine Rezitationstechnik die stundenlang ausgeübt wird, siehe orthodoxe Kirche. Faszinierend - flow - wohl hauptsächlich, wenn die Sache fremdländisch klingt.
.
Na ja, ich kann u mag nicht die Linie von Linke aushebeln. Sie aber nur als einen möglichen Mosaikstein in ein Gesamtbild von Religion(en) integrieren.
Und wenigstens dazu ein paar kleine und ein paar größere Fragen stellen.

Basty

Hypothesen testen

Lieber Basty,

danke auch für diese Rückmeldung! In der Tat bin ich auch davon ausgegangen, dass sich die Linkesche These würde leicht widerlegen lassen - das ist aber offensichtlich nicht der Fall.

Zu Argument 1: Nur wenige haben gelesen und geschrieben. Völlig richtig! Aber diese wenigen hatten natürlich prägenden Anteil an der Festlegung der Schrifttradition und damit der Formierung des jeweiligen kulturellen Gedächtnisses. So gewannen die jüdischen Schriftgelehrten im babylonischen Exil und später die Rabbiner in der Diaspora nach Zerstörung des Tempels an Gewicht - und mit ihnen verstärkten sich die bilderfeindlichen Tendenzen. Genau der Satz. "Auch in der jüdischen Religion war möglicherweise bis zur Exilszeit das Schreiben die absolute Ausnahme" bestätigt die interessante Verschiebung, denn davor haben wir anikonische, wenn nicht sogar ikonische Befunde aus der israelitischen Religionsgeschichte. Zufall? Kann sein. Interessanterweise haben wir mit der Punktierung (Teilvokalisierung) prompt eine partielle Rückkehr von Liturgie-, Musik- und Tonelementen. Wieder Zufall? Kann natürlich sein.

Schriftrichtung, Bustrophedon etc.: Seltsam aber nur: Hebräisch und Arabisch haben auch im Zeitalter von Papier und Kugelschreiber nie ihre Schriftrichtung geändert, das Türkische erst mit der Einführung der lateinischen Buchstaben. Aus dem Phönizischen änderte sich die Schriftrichtung nach erfolgter Vokalisierung ins Griechische, in Ägypten ebenso das Koptische (nicht aber das Arabische). Wenn Schriftrichtung "keine Rolle" spielte, warum schreiben wir dann kein einziges, vokalarmes Alphabet von links nach rechts? Und kein einziges vokalisiertes Alphabet von rechts nach links? Natürlich könnten wir argumentieren, dass Hebräisch und Arabisch deswegen konserviert worden waren, weil sie zu zentraler Bedeutung im Gottesdienst gekommen waren - dies aber verweist direkt wieder auf Punkt 1 (Warum so bedeutend?) und wirft z.B. die Frage auf, warum die Bibel in hundert (vokalisierte) Schriftsprachen übersetzt werden durfte, die hebräische Bibel und der arabische Koran aber nur im Urtext liturgisch verwendet werden. Wieder alles Zufall?

Assmann, Echnaton, Atatürk: Sehe ich ganz genauso. Einlinige Erklärungen vertrete ich nicht. Aber ich beobachte auch hier, dass Schrift- und Religionsreformen hier je Hand in Hand gingen und (zufällig?) je genau die Richtung nahmen, die Linke erwartet hätte. (Echnaton wird häufig als Proto-Monotheist verstanden, da er den bildhaften Polytheismus durch einen anikonischen Aton-Kult ersetzen wollte. Gleichzeitig führte er eine Schriftreform durch und ließ auch seine Töchter (im Kontrast zur Tradition) mit Schreibtafeln abbilden. Einige Forscher, am weitestgehenden Assmann, halten einen Traditionsstrang Echnaton - Moses für naheliegend.) Wir sind schon bei erstaunlich vielen Zufällen, oder?

Islam. Genau, passt wieder. Und das hatte Linke noch nicht einmal im Fokus! Wieder so ein erstaunlicher Zufal!?
Natürlich haben wir auch Rezitationen in der christlich-orthodoxen und katholischen Liturgie! Hier wird aber priesterlich im Gottesdienst (in der jeweiligen Kirchensprache) vorgetragen, während in Judentum und Islam die Schriftrezitation von allen erlernt und bis in den Alltag hinein praktiziert werden darf - und zwar global nur in Hebräisch bzw. Arabisch. Warum dieses Laienengagement? Und warum nie in Übersetzungen (Türkisch, Deutsch, Chinesisch?). Wieder so viele Zufälle...

Fragen und Skepsis sind super und wichtig. Ich hatte ja auch nicht erwartet, dass sich die Linkesche These als so robust erweisen und so viele "Zufälle" verbinden würde. Und ich stimme völlig zu, dass die Linkesche These nicht "Religion an sich" erklärt, sondern allenfalls einen (historisch allerdings sehr bedeutenden) Mosaikstein zu den Hintergründen des bildlosen Monotheismus und der Neurobiologie-Kultur-Wechselwirkung beim Menschen beisteuern könnte.

Die Zukunft wird zeigen, ob Linke (der über Sprachverarbeitung im Gehirn übrigens habilitiert hatte) wirklich nur eine große Kette von Zufällen verband, oder wirklich eine grandiose Entdeckung gemacht hatte. Genau so entfaltet sich ja Wissenschaft: Thesen werden entworfen, dann empirisch getestet und schließlich behalten, modifiziert oder widerlegt. Ich finde, die Linkesche These hätte genau eine solche, interdisziplinäre Betrachtung schon lange verdient!

Alles Liebe

Michael
Fischer (Gast) - 9. Jan, 19:08

Eine sehr spannende und bedenkenswerte These. Die Rolle der Wahrnehmungsphysiologie in der kulturellen Entwicklung des Menschen ist ein bislang kaum beackertes Thema, da dürften noch einige Überraschungen drinstecken.

Die wirklich spannende Frage ist natürlich, wie sich so etwas experimentell überprüfen lässt. Der Link bei Leichner funktioniert leider nicht. Mich hätte schon sehr interessiert, ob er die Hemisphärenaktivation irgendwie gemessen hat, zum Beispiel mit nem PET-Scanner. Ich finde die "links-macht-dies-rechts-macht-das-und-das-interferiert-oder-auch-nicht"-Argumentation, so wie sie hier steht, ein bisschen Hozschnittartig.

Zumal es heutzutage überhaupt kein Problem ist, die Hirnaktivität bei verschiedenen Aktivitäten in räumlich guter Auflösung zu messen.

Als erstes würde ich jemanden in den PET-Scanner stecken, der Hebräisch und Lateinisch lesen kann und beides vergleichen. Dann beides mit und ohne Bilder und mit ein paar Dutzend Probanden. Und dann mal gucken was man sieht.

Neuro

Hallo Lars,

ja, Du hast Recht: der Bericht ist aus dem Netz genommen worden, ich habe jetzt auf seinen Gesamtprojektbericht verwiesen.

Es war eine (nur) rein experimentelle Anordnung ohne PET-Scans.

Faktisch hat mit Linke ein Neurologe eine Religionsthese entworfen, die aus meiner Sicht als Religionswissenschaftler erstaunlich gut zu unseren Beobachtungen passt und, wenn sie verifiziert würde, die Aufhellung vieler bislang unerklärter Prozesse (zum Beispiel der zunehmenden "Bildaversion" früher Israeliten) leisten könnte. Und ich gebe Dir völlig Recht: idealerweise müsste man die Linkesche These nun interdisziplinär differenzieren und schlichtweg testen. Denn auch hier kann man wieder wunderbar sehen, dass weder die empirische Religionswissenschaft noch die Neuropsychologie allein das wird überprüfen können - das geht nur noch zusammen.

Ich hoffe, die Überprüfung dieser These noch erleben bzw. daran mitwirken zu können. Unter allen "neurotheologischen" Theorien, die ich im Rahmen meiner Diss bearbeitete, schien und scheint mir das die Spannendste.
Monika Armand (Gast) - 30. Apr, 13:40

Lateralisationshypothese

Lieber Michael,
die Lateralisationshypothese gilt m.W. seit 10 Jahren als überholt. Sie konnte empirisch nicht bestätigt werden, vielmehr deuten die vergangenen Forschungsbefunde darauf hin, dass die beide Hemisphären gleichermaßen in allen Bereichen aktiv sein sollen. Die Teilung hängt eher mit dem Bekanntheitsgrad von Aufgaben zusammen. So soll die rechte Hemisphäre bei neuen und schwierigen Aufgaben verstärkt aktiviert sein. Diese Aktivierung verringert sich mit dem Bekanntheits- und Übungsgrad und verlagert sich dann in die linke Hemisphäre. Auch die emotional verschiedenen Zuständigkeiten gelten als überholt.

Näheres:
The spinning girl oder was Wissenschaftler" aus einer optischen Illusion "basteln"
Soviel ich weiß, konnten auch Raichle et al. die von Goldhorn gemachten Untersuchungen im Bereich des Lesenlernens und des Sprachverständnisses bestätigen...

Leichner

Hallo Monika,

durch Zufall wurde ich seinerzeit auf die empirischen Arbeiten von Leichner aufmerksam, der -ohne jeden Bezug zu Linke, Religion o.ä.- in einer Studie zu Musik genau die o.g. Lateralisation maß. Interessant wäre zu wissen, ob Goldhorn, Raichle oder andere das Lesenlernen auch an Lesern vokalarmer Alphabete überprüft haben. Denn ansonsten könnte der Befund ja gerade für die Linkesche These sprechen: In dem Maße, in dem bei Vokalalphabeten keine gesteigerte assoziative Leistung mehr nötig ist, geht die Lesebearbeitung auf die linke Hemisphäre über. Vokalarme Alphabete erfordern dagegen weiterhin die "mühsame" assoziative Leistung.

Kennst Du irgendjemanden, den man vertieft danach fragen könnte?

Herzlichen Dank und viele Grüße!

Michael

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