Der Wahlsieg der islamisch-demokratischen AKP - Eine große Chance?
Bei einer außerordentlich hohen Wahlbeteiligung von um die 80 Prozent hat die regierende, islamisch-demokratische AKP in der Türkei 46,5 Prozent der Stimmen und damit (erneut) die absolute Mehrheit der Sitze im Nationalparlament erreicht. Die türkische Wahlbevölkerung wehrte damit auch den Versuch von Militärs sowie links- und rechtsnationalistischen Parteien ab, die politischen und wirtschaftlichen Reformen der letzten Jahre doch wieder zu stoppen. Robert Grötzinger titelte im Vorfeld der Wahlen daher sogar: "Ludwig Erhards Enkel heißen "Islamisten"". Die Stuttgarter Zeitung zitierte in ihrer heutigen Ausgabe den Sprecher des Vatikans, Sergio Sebastini, das sei "das bestmögliche Ergebnis für Europa und die christlichen Kirchen". Auch Pfarrer Rainer Korten (dessen Gottesdienste in der kleinen, deutschsprachigen St.-Nikolaus-Kirche in Antalya ich bereits besuchen konnte) kommt unter der Überschrift "Auch Christen wählen AKP" zu Wort: "Wir sind erleichtert. Das ist die beste Lösung."
Durch die (bereits übliche) Eskalationsstrategie von Militär und PKK im Kurdenkonflikt gelang neben der linksnationalistischen CHP aber auch der rechtsnationalistischen MHP (in Deutschland als "Graue Wölfe" bekannt) der Wiedereinzug ins Parlament. Das Gleiche galt für eine Reihe kurdischer Abgeordneter, die je als Einzelkandidaten erfolgreich waren. Türkisch-kurdische Polarisierung, Terror und der Ruf nach Gegenschlägen dienten wieder als politische "Wahlwerbung", hatten aber nicht mehr den Effekt vergangener Jahrzehnte.
Ursachen des AKP-Erfolges: Wirtschaft, Demografie, Religionsfreiheit
Dass der ideologische Laizismus stärker noch als in Frankreich nun auch in der Türkei unter Druck geraten ist, hat drei wesentliche, miteinander verschränkte Gründe:
1. Der Aufschwung der auch klein- und mittelständischen Privatwirtschaft. In der Vergangenheit war die Türkei wesentlich durch eine staatliche Bürokratie, einen subventionierten Agrarbereich und wenige Großkonzerne kontrolliert worden. Doch gerade aus den wachsenden, unterprivilegierten und (etwa aufgrund ihrer Ethnien oder Religiosität) von staatlichen Subventionen ausgegrenzten Schichten der Städte entwickelte sich in den vergangenen Jahrzehnten ein eigenständiger Sektor privater Unternehmer. Durch wirtschaftliche Reformen (Deregulierungen, Privatisierungen, mehr Unabhängigkeit des Finanzsektors von politischem Filz etc.) konnte die AKP das Potential dieser Unternehmer weiter entfesseln und bescherte dem Land Rekordwachstum und niedrige Inflation. Damit wurde die Partei auch für etablierte Bürgerliche, Journalisten und Wissenschaftler zunehmend attraktiver. Entsprechend jubelten die türkischen Börsen - die von den früheren, islamistisch-fundamentalistischen Parteien kaum Wirtschaftskompetenz zu erwarten hatten.
2. Die laizistische Ideologie gerät (vgl. auch Frankreich!) auch demografisch zunehmend unter Druck. Denn mit der marktwirtschaftlichen Modernisierung verstärkt sich auch in der Türkei der demografische Vorteil von Religiosität: Kinder werden von immer weniger Menschen etwa zur Altersvorsorge benötigt, stattdessen werden sie zunehmend zu Kostenfaktoren. Die allgemeine Geburtenrate sinkt und wer nur ökonomisch-rarional kalkuliert, hat weniger oder keine Kinder mehr. Wie auch im Rest Europas haben daher Glaubende zunehmend relativ mehr Kinder (Interview). Die Geburtenrate der Türkei ist auf inzwischen 2,2 abgesunken, in den säkularen Mittel- und Oberschichten hat längst eine Schrumpfung eingesetzt.
3. Sowohl der wirtschaftliche wie der demografische Aufstieg bescheren den aufstrebenden, religiösen Schichten eine Fülle neuer Identitäts- und Orientierungsfragen. Das laizistische Establishment hatte die (islamisch-sunnitische) Religionsausübung daher seit Jahrzehnten einer staatlichen Behörde (Diyanet) unterstellt, Aleviten und Christen ausgegrenzt und daneben eine kleine Reihe islamisch-nationalistischer Stiftungen zum Auffangen von Unzufriedenheit und zur Abwehr religiöser Minderheiten erblühen lassen. Ein großer Teil der AKP-Mitglieder hatte dagegen Wurzeln in einer Vielzahl staatsunabhängiger, islamischer Strömungen, die selbst oft staatlicher Verfolgung ausgesetzt waren - und also aus ganz eigener Erfahrung Sehnsucht nach mehr Religionsfreiheit und religiösem Wettbewerb.
So bemerkte auch das (sehr islam-kritische) Deutsche Institut für Islamfragen der Deutschen Evangelischen Allianz zu Recht, dass die Hetze gegen religiöse Minderheiten und vor allem christliche Mission der letzten Jahre maßgeblich von Militärs und der laizistisch-linksnationalistischen CHP ausgegangen war, wogegen die AKP für mehr Religionsfreiheit eintrat.
Fazit
Bereits im Januar hatte ich mich im Rahmen eines Interviews bei islam.de zum Erfolg des islamischen Bürgertums in der Türkei geäußert:
"Zur seriösen Erklärung des Aufstiegs des Islam in der Türkei braucht man keine wilden, islamophoben Verschwörungstheorien. Ein ganz wichtiger Faktor ist, dass auch die säkularen Oberschichten dort mangels Kindern seit langem schrumpfen und nun zunehmend verzweifelt versuchen, ihre Pfründe zu verteidigen. Gleichzeitig steigen die religiösen Familien der Vorstädte demografisch, wirtschaftlich und politisch auf. Auch da gilt: Diskriminierung und Zwang verschärfen die politische und auch demografische Differenz nur, mehr Demokratie, Religionsfreiheit und Respekt voreinander wären für alle Seiten besser!"
Nun sehe ich mit Zufriedenheit, dass gerade auch das entstehende, religiös-bürgerliche Bürgertum der Türkei einen weiteren Schritt zur wirklichen Demokratie gegangen ist (und übrigens die fundamentalistisch-extremistische Saadet-Partei zugleich deklassierte). Die AKP hat sich (auch durch eine breitere, liberalere Zusammensetzung ihrer neuen Fraktion) weiter zu einer islamisch-demokratischen Partei, quasi einer türkischen CSU, entwickelt. Die Hoffnung, dass in naher Zukunft christliche und muslimische Demokraten gerade auch in Europa zusammenrücken und der Welt damit ein ermutigendes Beispiel geben, hat neue Nahrung erhalten.
EVP-AKP
Und deswegen habe ich mich über eine kleine, bisher kaum beachtete Meldung in der Berliner Morgenpost ganz besonders gefreut: die EVP (Europäische Volkspartei, Dachverband christlich-bürgerlicher Parteien in Europa) gratulierte der AKP und lobte sie als verläßlichen Partner. Gehen christliche und islamische Demokraten nun weiter aufeinander zu?
Die Chance zu einer beispielhaften und für die Welt so bitter notwendigen Zusammenarbeit von Demokraten auch über Religionsgrenzen hinweg ist gewachsen. Nun braucht es weiterhin mutige Frauen und Männer aus beiden Kulturen und Religionen, die diese Gelegenheiten vorausschauend ergreifen.
Durch die (bereits übliche) Eskalationsstrategie von Militär und PKK im Kurdenkonflikt gelang neben der linksnationalistischen CHP aber auch der rechtsnationalistischen MHP (in Deutschland als "Graue Wölfe" bekannt) der Wiedereinzug ins Parlament. Das Gleiche galt für eine Reihe kurdischer Abgeordneter, die je als Einzelkandidaten erfolgreich waren. Türkisch-kurdische Polarisierung, Terror und der Ruf nach Gegenschlägen dienten wieder als politische "Wahlwerbung", hatten aber nicht mehr den Effekt vergangener Jahrzehnte.
Ursachen des AKP-Erfolges: Wirtschaft, Demografie, Religionsfreiheit
Dass der ideologische Laizismus stärker noch als in Frankreich nun auch in der Türkei unter Druck geraten ist, hat drei wesentliche, miteinander verschränkte Gründe:
1. Der Aufschwung der auch klein- und mittelständischen Privatwirtschaft. In der Vergangenheit war die Türkei wesentlich durch eine staatliche Bürokratie, einen subventionierten Agrarbereich und wenige Großkonzerne kontrolliert worden. Doch gerade aus den wachsenden, unterprivilegierten und (etwa aufgrund ihrer Ethnien oder Religiosität) von staatlichen Subventionen ausgegrenzten Schichten der Städte entwickelte sich in den vergangenen Jahrzehnten ein eigenständiger Sektor privater Unternehmer. Durch wirtschaftliche Reformen (Deregulierungen, Privatisierungen, mehr Unabhängigkeit des Finanzsektors von politischem Filz etc.) konnte die AKP das Potential dieser Unternehmer weiter entfesseln und bescherte dem Land Rekordwachstum und niedrige Inflation. Damit wurde die Partei auch für etablierte Bürgerliche, Journalisten und Wissenschaftler zunehmend attraktiver. Entsprechend jubelten die türkischen Börsen - die von den früheren, islamistisch-fundamentalistischen Parteien kaum Wirtschaftskompetenz zu erwarten hatten.
2. Die laizistische Ideologie gerät (vgl. auch Frankreich!) auch demografisch zunehmend unter Druck. Denn mit der marktwirtschaftlichen Modernisierung verstärkt sich auch in der Türkei der demografische Vorteil von Religiosität: Kinder werden von immer weniger Menschen etwa zur Altersvorsorge benötigt, stattdessen werden sie zunehmend zu Kostenfaktoren. Die allgemeine Geburtenrate sinkt und wer nur ökonomisch-rarional kalkuliert, hat weniger oder keine Kinder mehr. Wie auch im Rest Europas haben daher Glaubende zunehmend relativ mehr Kinder (Interview). Die Geburtenrate der Türkei ist auf inzwischen 2,2 abgesunken, in den säkularen Mittel- und Oberschichten hat längst eine Schrumpfung eingesetzt.
3. Sowohl der wirtschaftliche wie der demografische Aufstieg bescheren den aufstrebenden, religiösen Schichten eine Fülle neuer Identitäts- und Orientierungsfragen. Das laizistische Establishment hatte die (islamisch-sunnitische) Religionsausübung daher seit Jahrzehnten einer staatlichen Behörde (Diyanet) unterstellt, Aleviten und Christen ausgegrenzt und daneben eine kleine Reihe islamisch-nationalistischer Stiftungen zum Auffangen von Unzufriedenheit und zur Abwehr religiöser Minderheiten erblühen lassen. Ein großer Teil der AKP-Mitglieder hatte dagegen Wurzeln in einer Vielzahl staatsunabhängiger, islamischer Strömungen, die selbst oft staatlicher Verfolgung ausgesetzt waren - und also aus ganz eigener Erfahrung Sehnsucht nach mehr Religionsfreiheit und religiösem Wettbewerb.
So bemerkte auch das (sehr islam-kritische) Deutsche Institut für Islamfragen der Deutschen Evangelischen Allianz zu Recht, dass die Hetze gegen religiöse Minderheiten und vor allem christliche Mission der letzten Jahre maßgeblich von Militärs und der laizistisch-linksnationalistischen CHP ausgegangen war, wogegen die AKP für mehr Religionsfreiheit eintrat.
Fazit
Bereits im Januar hatte ich mich im Rahmen eines Interviews bei islam.de zum Erfolg des islamischen Bürgertums in der Türkei geäußert:
"Zur seriösen Erklärung des Aufstiegs des Islam in der Türkei braucht man keine wilden, islamophoben Verschwörungstheorien. Ein ganz wichtiger Faktor ist, dass auch die säkularen Oberschichten dort mangels Kindern seit langem schrumpfen und nun zunehmend verzweifelt versuchen, ihre Pfründe zu verteidigen. Gleichzeitig steigen die religiösen Familien der Vorstädte demografisch, wirtschaftlich und politisch auf. Auch da gilt: Diskriminierung und Zwang verschärfen die politische und auch demografische Differenz nur, mehr Demokratie, Religionsfreiheit und Respekt voreinander wären für alle Seiten besser!"
Nun sehe ich mit Zufriedenheit, dass gerade auch das entstehende, religiös-bürgerliche Bürgertum der Türkei einen weiteren Schritt zur wirklichen Demokratie gegangen ist (und übrigens die fundamentalistisch-extremistische Saadet-Partei zugleich deklassierte). Die AKP hat sich (auch durch eine breitere, liberalere Zusammensetzung ihrer neuen Fraktion) weiter zu einer islamisch-demokratischen Partei, quasi einer türkischen CSU, entwickelt. Die Hoffnung, dass in naher Zukunft christliche und muslimische Demokraten gerade auch in Europa zusammenrücken und der Welt damit ein ermutigendes Beispiel geben, hat neue Nahrung erhalten.
EVP-AKP
Und deswegen habe ich mich über eine kleine, bisher kaum beachtete Meldung in der Berliner Morgenpost ganz besonders gefreut: die EVP (Europäische Volkspartei, Dachverband christlich-bürgerlicher Parteien in Europa) gratulierte der AKP und lobte sie als verläßlichen Partner. Gehen christliche und islamische Demokraten nun weiter aufeinander zu?
Die Chance zu einer beispielhaften und für die Welt so bitter notwendigen Zusammenarbeit von Demokraten auch über Religionsgrenzen hinweg ist gewachsen. Nun braucht es weiterhin mutige Frauen und Männer aus beiden Kulturen und Religionen, die diese Gelegenheiten vorausschauend ergreifen.
blume-religionswissenschaft - 24. Jul, 06:23
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