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Freitag, 20. Juli 2007

Was ein Ichling (und ein Teamling) ist

Vor einigen Wochen hatte ich in einem Vergleich verschiedener Freiheitskulturen den Begriff "Ichling" verwendet und damit eine kleine Fülle von Rückfragen ausgelöst.

Wenn ich im folgenden meine persönliche (fast ernsthafte (-; ) Definition des Begriffes vorstelle, so sei betont, dass es sich dabei um eine deskriptive und nicht um eine normative Definition handelt. Denn es zeichnet m.E. ja gerade eine freie Gesellschaft aus, dass sie die Lebensentscheidungen von Menschen wirklich respektiert.

Definition: Ichling versus Teamling

Ichlinge sind Menschen, die weder für eigene Kinder noch die Kinder anderer dauerhaftes, lebensförderliches Engagement aufzubringen bereit sind.

Dagegen sind neben engagierten Eltern gerade auch Kinderlose, die sich aktiv und dauerhaft für die Kinder anderer einsetzen, Teamlinge. (Vgl. die Biologie des Zölibats)

Auftreten

Ichlinge treten vor allem in entwickelten Marktwirtschaften auf, in denen Kinder keinen ökonomischen Arbeits- und Vorsorgenutzen mehr erbringen und es also ökonomisch rationaler geworden ist, statt in Kinder in Rücklagen zu investieren. (Vgl. Warum Homo Oeconomicus das Beten lernte)

Sie sind nicht ausschließlich, aber empirisch häufiger unter Konfessionslosen und Männern zu finden. In politischen und medialen Diskussionen häufiger präsent sind beispielsweise Väter (seltener aber auch Mütter), die sich jeder Verantwortung und Leistung für eigene Nachkommen entziehen.

Das mutmaßlich bekannteste, historische Vorbild für die moderne Ichling-Kultur bleibt Jean-Jacques Rousseau, der Ichling-Ideale nicht nur philosophisch und literarisch (Emile) ausarbeitete, sondern auch konsequent all seine Kinder ins Waisenhaus abschieben ließ.

Teamlinge sammeln sich, mit messbarem, biologischen Erfolg, vorwiegend in Religionsgemeinschaften. Während staatskirchliche Monopole Teambildungen schwächen, bewirkt das Entstehen eines religiösen Marktes eine Stärkung der Teamkräfte. Dies deutet darauf hin, dass Teamlinge zwar Bindungen bejahen, diese aber in Freiheit wählen wollen.

Aus evolutionslogischen Gründen sind Ichling-Kulturen bisher eher kurzlebig geblieben und tendieren dazu, von Teamling-Kulturen demografisch-dynamischer, religiöser Vielfalt abgelöst zu werden. Dieser Vorgang ist z.B. in Phasen der römischen und griechischen Spätantike und derzeit in nahezu allen europäischen Ländern einschließlich Deutschlands, der Türkei und Russlands zu beobachten.

Legitimation

Ichling-Lebensstile legitimieren sich sowohl mit kollektivistischen, individualistischen wie sozialökologischen Argumenten. So wird das Ausbleiben eigenen Engagements gerne mit ausbleibenden Vorleistungen "der Gesellschaft" kollektivistisch begründet. Individualisten verweisen auf die zu hohen Bindungskosten bei verfügbaren, also allzu fehlbaren und damit ungeeigneten potentiellen Partnern und Kindern. Sozialökologisch wird argumentiert, es gebe ohnehin zu viele Menschen und sei also unethisch, "ein Kind in diese Welt zu setzen".

Im Regelfall werden diese Argumente kombiniert, um z.B. die sozialökologischen Argumentation um Zusatzgründe zu erweitern, warum dann statt eigener Kinder nicht die Kinder anderer unterstützt würden.

Diskussion

Aus traditionalistischer Sicht wird Ichlingen vorgehalten, dass sie einseitig aus dem Lebenskonto schöpften, das tausende von Vorfahrengenerationen für sie aufgebaut hätten. Durch das Nichtfördern weiterer Tradenten trügen sie zudem zum Verfall der jeweiligen biologischen wie kulturellen Tradition bei.

Nicht wenige Ichlinge können jedoch auf beeindruckende wirtschaftliche oder kulturelle Leistungen verweisen, von denen (wenn auch nicht-intendiert) letztlich zahlreiche Andere profitierten. Ein argumentativer Klassiker entstammt Richard Dawkins, der in dem die Memetik begründenden Schlusskapitel in "The Selfish Gene" argumentierte, dass gegenüber Sokrates geistigen Kindern die Bedeutung seiner leiblichen Nachkommen weit zurück bleibe. In jüngerer Zeit hat er folgerichtig dafür plädiert, statt des bisherigen, als ungenügend erachteten Evolutionsverlaufes (wieder) über rational durchdachte Menschenzucht nachzudenken.

Rationalistisch kann der Ichling-Lebensstil kaum widerlegt werden, da es sich bei der Frage, ob menschliches Leben (oder generell Leben) einen zu fördernden Eigenwert darstelle, um eine metaphysisch-normative Frage handelt. Da mit der Ablehnung dieser transzendenten Norm jedoch regelmäßig eine geringere Nachkommenzahl einhergeht, tendieren Ichling-Mehrheiten nach meist nur kurzer Blüte zum demografischen Rückzug.

Teamling-Veranlagungen dürften sich dagegen evolutionslogisch zunehmend durchsetzen. Vor Triumphalismus ist gleichwohl zu warnen: Teamlinge sollten jedoch Ichlingen Respekt und Entfaltungschancen schon deswegen nicht versagen, weil deren freiwilliges Aussteigen aus dem kulturellen und biologischen Evolutionsprozess ggf. den nachfolgenden Generationen von Teamlingen Probleme der Überbevölkerung erspart und also friedliche Entfaltung ermöglicht. Auch hierin kann eine individuell nicht-intendierte Funktionalität des Ichling-Lebensstils erkannt und gewürdigt werden.

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ingo_34 - 20. Jul, 18:35

Ceterum censeo ...

Ich halte die Unterscheidung zwischen Menschen, die viele Leistungen für die zukünftige Generation erbringen und solche, die nur wenig erbringen, in dieser Weise nicht für besonders förderlich.

Die jüngste Allensbach-Umfrage zeigt auf, daß derzeit in Deutschland zwölf Millionen Menschen leben, die sich ein oder mehrere Kinder wünschen. Und sie sagt auch, wo die Hinderungsgründe liegen, warum dieser Kinderwunsch nicht verwirklicht wird.

Und diese Gründe zeigen auf, daß man da nicht so schlankweg sagen kann, das wäre die freie Entscheidungen der "Ichlinge" gewesen, daß sie keine Kinder haben.

Solange in Deutschland und der westlichen Welt nicht allein schon auf finanziellem Gebiet ein umfassender Lastenausgleich hergestellt ist zwischen denen, die Kinder haben und denen, die keine haben, halte ich es für sehr unglücklich, dem einzelnen "Ichling" einen Vorwurf aus seiner Lebenssituation zu machen.

Der Vorwurf muß sich als erstes gegen Konrad Adenauer richten und gegen alle seine Nachfolge-Regierungen. Schon 1952 und 1957 wurde von den damaligen Sozialreformern genau das vorgeschlagen, was vorgeschlagen werden muß, wenn man ein allgemeines Ausbreiten des "Ichlings" in westlichen Gesellschaften verhindern will.

Es ist merkwürdig, daß mehrere dezidiert christlich-konservative Regierungen darunter sind, die NICHT die Gelegenheit ergriffen haben, diesen umfassenden Familienlastenausgleich durchzuführen. Das gilt auch für die gegenwärtige Regierung.

In einem Land können Reformen "von oben" kommen, so wie das Bismarck aufgezeigt hat. Es können auch Reformen "von unten" kommen - denken wir an die Bürgerinitiativen der 1970er Jahre. Aber Reformen "von unten" sind unwahrscheinlich schwer durchzuführen, wenn die regierende Klasse zäh in der Beharrung verbleibt - mental.

Die Hauptschuldigen sind für mich eindeutig christlich-konservative Regierungen, die immer wieder "geistig-moralische Wenden" versprechen und jedes mal läuft es nach dem gleichen Schema ab: Der Berg kreißte und gebar eine Maus.

Cetereum censeo Adenauer esse delendam.

Das ist das kollektivistische Argument! (-:

Wie ich ja oben schrieb, verlangt der kollektivistische Ichling, dass "die Gesellschaft" den Aufwand für die Kinder (und Partnerschaften?) trage - nur dann gebe es genug. Und Schuld sind natürlich immer irgendwie die Anderen (wahlweise die Kapitalisten, die Juden, die Kommunisten, die Christdemokraten, die Muslime, die Feministinnen - such es Dir aus...)

Wie Du weisst, trete ich durchaus für eine aktivere Familien- und Bildungspolitik ein, halte jedoch das von Dir geforderte Maß für unrealistisch, zumal mir keine Kultur bekannt wäre, die je den Aufwand für die eigenen Kinder völlig "vergemeinschaftet" hätte. Und die USA erreichen (maßgeblich aufgrund von Religiosität und Zuwanderung) ganz ohne Mammutsozialstaat höhere Geburtenraten als jede europäische Nation.

Also: Ja zur realistischen Weiterentwicklung der Familien- und Bildungspolitik, aber Nein zu einer weiteren Erhöhung der Staatsquote und Staatsbürokratie, die schon jetzt unser Land (und gerade Familien!) allzusehr lähmen. Die Zeiten, in denen jedes "Problem" durch den Griff in die Geldbeutel anderer (über Schulden vor allem auch kommender Generationen) gelöst wurde, sollten endgültig der Vergangenheit angehören.

Im übrigen halte ich die Kritik an der deutschen Christdemokratie schon deswegen nicht für besonders griffig, weil ja gerade religiös-konservative Menschen auch in Deutschland überdurchschnittlich viele Kinder bekommen, in Deutschland die Länder Baden-Württemberg und Bayern am kinderreichsten sind und wiederum auch fast alle anderen entwickelten Nationen von demografischer Schwäche betroffen sind, die nie einen Adenauer hatten: z.B. Griechenland, Japan, Italien, Spanien, Polen, Russland, Bosnien, beginnend sogar der Iran etc.

Eine Ichling-Kultur löst man gerade nicht mit kollektiver Umverteilung und immer weiter ausufernder Anspruchhaltung auf. Ich finde: Wenn erwachsene Menschen nur dann Beziehungen eingehen und Kinder bekommen wollen, wenn sie dafür massiv bezahlt werden - dann sollen sie es besser lassen und die Zukunft jenen überlassen, die auch andere (z.B. religiöse) Werte für das Leben gelten lassen.

Dr. Blume

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Auch in den USA haben Konfessionslose und insbesondere Atheisten deutlich unterdurchschnittlich Kinder. Zwar wenden sich durchaus signifikante Generationenanteil (> 10%) von den Religionsgemeinschaften ab, werden jedoch durch junge Generationen vorwiegend aus religiösen Familien und Zuwanderern ersetzt.

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