Donnerstag, 19. Juli 2007

Die Popularität des Dalai Lama

Der Dalai Lama kommt - und er genießt (wie auch die Süddeutsche Zeitung berichtet), unter Deutschen (wieder) größeres Vertrauen als der Papst. 44 Prozent erkennen im Dalai Lama, 42 Prozent im Papst "ein Vorbild" und der Buddhismus führt knapp vor dem Christentum als am "friedlichsten" geschätzte Religion.

Der Dalai Lama während eines Vortrages in Wiesbaden. Hessen nimmt eine besondere Rolle in den bisherigen Deutschland-Besuchen des buddhistischen Oberhauptes ein, da ihn und Ministerpräsidenten Roland Koch eine langjährige Freundschaft verbindet.

Zu seinen langjährigen Freunden zählt auch Ministerpräsident Roland Koch, der sich mit einer Einladung und klarem Bekenntnis zum Dalai Lama 2005 sowohl christlich-fundamentalistischen und chinesischen Widerspruch einfing.

Begründete Faszination?

Aber auch innerhalb des Buddhismus gibt es teilweise scharfe Kritik am Dalai Lama. Teilweise wird ihm vorgeworfen, die Religion aus vorwiegend politischen Gründen auf das Niveau von "Kalendersprüchen" herunter zu ziehen. Zudem wird auf vorbuddhistische Elemente in der tibetischen Tradition (z.B. die Verehrung von keinesfalls nur sanften Göttern und Dämonen), auf frauenfeindliche Traditionen und vor allem auf die keineswegs nur friedliche Rolle des tibetischen Staatsbuddhismus hingewiesen.

Denn es ist historisch richtig: die Gelugpa-Schule bildet nicht "den", sondern nur einen Zweig innerhalb des tibetischen Buddhismus, der wiederum viele vor- und nichtbuddhistische Elemente aufgenommen und sich teilweise weit von anderen Traditionen entfernt hat. Die besondere Rolle der Dalai Lamas innerhalb Tibets ging denn auch nicht auf freie Wahl, sondern auf blutige Kämpfe mit konkurrierenden Klostertraditionen zurück, in denen sich die Gelugpa vor allem durch ein Bündnis mit mongolischen Herrschern durchsetzen konnten. So entstand ein strikter Feudalstaat, in dem Massen nahezu rechtloser Bauern massive Abgaben für weltliche Adelige, vor allem aber für riesige Klöster (einschließlich derer Armeen!) zu erbringen hatten. Widerspruch oder gar Widerstand wurden auch mit Berufung auf religiöse Autoritäten gewaltsam unterbunden. Wie das frühe Christentum oder heute zum Beispiel der schiitische Islam im Iran entwickelte auch der Gelug-Buddhismus nach wenigen Jahrzehnten des Staatskirchentums von einer Kraft der Erneuerung zu einer der Unterdrückung.

Und doch...

...sollte eine faire Würdigung des jetzigen Dalai Lamas differenziert ausfallen. Denn als das kommunistische Regime unter Mao die ausgehandelten kulturellen und religiösen Freiheiten der Tibeter mit dem Anspruch der "Befreiung" (der auch heute wieder verkündeten: Freiheit durch Sozialismus...) beschnitt, Land "kollektivierte" und es zu Aufständen kam, floh er unter Lebensgefahr mit inzwischen zehntausenden Anhängern nach Indien. Und es gelang ihm im indischen Exil, auch gegen erbitterte, interne Widerstände quasi im Schnelldurchgang nur einer Generation der Übergang von der Staats- und Monopolkirche mit entsprechender Rückständigkeit und Gewaltbereitschaft hin zur Minderheitenkirche in einem demokratischen Staatswesen mit entsprechender Dialogbereitschaft und Friedfertigkeit, für den andere Religionsgemeinschaften (auch viele christlichen Kirchen) nicht selten Jahrhunderte benötig(t)en. Auch Morde zwischen rivalisierenden Fraktionen und Skandale um Mönche, die sich an Kindern vergangen hatten, wurden schmerzhaft diskutiert und nicht mehr einfach vertuscht, wie es in der Vergangenheit üblich geworden war. Schließlich gehört die Ankündigung, die Rolle der buddhistischen Frauen aufzuwerten, gehört in diese Reihe.

Wo ein religiöses Monopol wie z.B. in Griechenland oder der Türkei oder ein Kartell, wie derzeit noch in Deutschland, herrscht, werden Minderheiten ausgegrenzt, es dominiert das Kollektiv. Echte Freiheit entsteht dort, wo ein fairer, auch religiöser Wettbewerb entstanden ist und Vielfalt wirklich toleriert, ja geschätzt wird. (Klick führt zum Hayek-Vortrag Potsdam mit religionsdemografischen Daten.)

Wenn also sicher auch ein Teil der Dalai-Lama-Begeisterung auf einen bequem-uninformierten Exotismus zurück zu führen ist, so ist es auch andererseits möglich, in ihm ein Vorbild für den Erfolg von Demut und Reformbereitschaft im religiösen Wettbewerb zu erkennen. Er verkörpert eine Religion, deren Glaubwürdigkeit als Staatsmonopolist verfiel, die aber dann im demokratischen Rahmen und in scheinbarer Schwäche wieder zu den Menschen fand und global erblühte. Dass sich Religion von staatlichen Privilegien und Gewalt lösen und gerade darin moralisch erstarken kann - in dieser Hinsicht kann der Dalai Lama durchaus Vorbild sein.

Hoffen wir, dass auch das sich modernisierende und den religionsfeindlichen Sozialismus zunehmend abstreifende China den Dialog suchen und dem tibetischen Volk mehr Freiheit (gerade auch Religionsfreiheit) gewähren wird.

Trackback URL:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4083331/modTrackback

Dr. Blume

Religionswissenschaft aus Freude
Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de

kostenloser Counter

Bloggeramt.de

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Aktuelle Beiträge

Ein wunderschöner...
Ein wunderschöner Text und ein eindrucksvolles...
Claudia (anonym) - 21. Aug, 17:46
Kehrt die Gruppenselektion...
Zwei der weltweit bekanntesten Evolutionsbiologen unserer...
blume-religionswissenschaft - 21. Aug, 14:35
Zustimmung...
...@docque, habe gerade im Urlaub Endymion bzw. die...
blume-religionswissenschaft - 21. Aug, 11:25
Ich habe alle 4 Bände...
Ich habe alle 4 Bände gelesen und muss sagen ich...
docque (anonym) - 21. Aug, 10:25
@ sapere aude
Lustige Diskussion hier. Ich bin natürlich völlig...
Thilo (anonym) - 20. Aug, 20:23

Credits

Knallgrau New Media Solutions - Web Agentur für neue Medien

powered by Antville powered by Helma


xml version of this page
xml version of this page (with comments)

twoday.net AGB

Aus den Alben

Im Koordinierungsrat der Vereinigungen des christlich-islamischen Dialoges haben sich christlich-islamische Dialogverbände aus ganz Deutschland zusammen geschlossen, um Respekt, Verständnis und Frieden zwischen den Religionen zu fördern. Homepage: www.kcid.de

Suche

 

Status

Online seit 593 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 21. Aug, 17:46

Veranstaltungen
Begrüßung und Einführung
Bilderalbum
Buddhismus
Christentum
Demografie & Familienbilder
Dialog
Durkheim, Emile
Evolutionary Religious Studies (ERS)
Evolutionsforschung
F.A. von Hayek
Islam
Judentum
Kult-Filme
Memetik, UD & ID
Migration & Religion
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren