Dienstag, 17. Juli 2007

Der Verfall islamischer Religiosität im Iran

Immer wieder begegne ich der Auffassung, im Iran zeige sich "der Islam" voller Pracht und Machtanspruch, quasi ein Modellstaat islamischer Theokratie. Dabei lehnen die meisten Muslime gerade auch in Deutschland den iranischen "Gottesstaat" als "unislamisch" ab - und die Realität gibt ihnen recht!

Denn der Schaden für den Glauben könnte, wie z.B. Rahim Taghizadegan hier berichtet, kaum größer sein: gerade durch die Monopolisierung und Verstaatlichung der Religion ist binnen weniger Jahrzehnte sowohl die Religiosität wie auch ein zunehmender Teil des moralischen und sozialen Gefüges im Iran verfallen.

Vor allem die Jugend wendet sich mit Grausen ab, neben dem häufigen innerlichen Rückzug von der Religion gibt es trotz Verfolgungen immer wieder Übertritte zu Bahaismus und Christentum sowie auch eine nationalistische Rückbesinnung auf den vorislamischen Zoroastrismus.

Gerade auch im Vergleich etwa zum "laizistischen" Nachbarn Türkei gilt der Iran heute als Land der leeren Moscheen, auch Gebete, Fasten und Alkoholverbote werden von immer mehr Menschen fallen gelassen.

Kristin Helberg zitiert dazu Kambiz Tavana, Journalist bei Teherans größter Tageszeitung "Ham-Shahri":

"Sie vertreiben die Religion aus dem Leben der Menschen. In den letzten zehn Jahren hat sich diese Entwicklung beschleunigt. Wenn jemand irgend etwas über Religion sagt, heißt es: 'Ach hau' doch ab mit deiner Religion! Wir haben ihre besten Vertreter an der Macht und schau' dir an, was sie tun.'"

In der Öffentlichkeit wird dem Druck durch die Sittenpolizeien noch stattgegeben, aber die Teheraner Privatparties sind (samt geschmuggelten Alkohols und einer inzwischen bedrückend hohen Drogenquote) inzwischen legendär freizügig. Gegen rauschende Feste rund um Fussball und das (vorislamische) Nowruz-Neujahrsfest wagt die Polizei kaum mehr einzuschreiten. Und während Zeitehen auch rund um die Heiligen Stätten blühen (und man bei den sie schließenden Geistlichen auch oft gleich ein Zimmer mieten kann - auch auf Stundenbasis!), ist die Geburtenrate des Iran auf inzwischen 1,8 gefallen - auch, weil das Regime vor dem explosiven Anwachsen der eigenen Jugend so verängstigt ist, dass es inzwischen "erkannt" hat, das Familienplanung islamisch sein kann...

Und doch ist die (zunehmend frustrierte) Jugend bereits da und gewaltsame Proteste haben sich vor kurzem sowohl an der katastrophalen, national-sozialistischen Wirtschaftspolitik Ahmadinedschads (prompt zur Rationierung des Benzins (!) beitragend) wie auch an einem ganz eigenen, iranischen Karrikaturenstreit entzündet: als eine gezeichnete Küchenschabe Azeri sprach (der Sprache der größten Minderheit des Landes), kam es zu Ausschreitungen wütender Azeris mit mehreren Toten.

Wie ist das alles zu erklären?

Wo ein religiöses Monopol wie z.B. in Griechenland oder der Türkei oder ein Kartell, wie derzeit noch in Deutschland, herrscht, werden Minderheiten ausgegrenzt, es dominiert das Kollektiv. Echte Freiheit entsteht dort, wo ein fairer, auch religiöser Wettbewerb entstanden ist und Vielfalt wirklich toleriert, ja geschätzt wird. (Klick führt zum Hayek-Vortrag Potsdam mit religionsdemografischen Daten.)

Adam Smith und Friedrich August von Hayek hatten den Zusammenhang vorweg geahnt: religiöse Überzeugungen erneuern sich im Wettbewerb. Religiöse Monopole und Kartelle, wie sie auch noch in vielen Ländern Europas (einschließlich Deutschlands) nachwirken, führen daher zu einem Qualitätsverfall und einer auf Dauer absinkenden Religiosität. Und wenn Sie eine Religion richtig schnell unglaubwürdig machen und zu Grunde richten wollen, machen Sie sie zur Staatsreligion - wie derzeit dem schiitischen Islam im Iran geschehend. Denn dann leidet die religiöse Auslegung nicht nur - sondern kehrt sich von den Interessen ihrer Anhänger weg zu den jeweiligen Herrschenden. Die Religion verfällt.

Opposition auch ranghoher Geistlicher

Nicht nur der (wachsende) säkulare Teil des Iran und die religiösen wie ethnischen Minderheiten sind daher heute unzufrieden, sondern auch ein wachsender Teil des Klerus. Denn Khomeinis "Velayat e-Faqhi" (Herrschaft der Rechtsgelehrten) war eine islamistische Neuschöpfung und entsprach nicht der islamisch-schiitischen Tradition, die über ein Jahrtausend lang ausdrücklich Wert auf eine Unterscheidung geistlicher und politischer Autorität legte (sog. Quietismus, wie ihn Minderheiten häufig vertreten).

Entsprechend mußte schon Khomeini seinen Mitstreiter und designierten Nachfolger Großayatollah Hossein-Ali Montazeri vor nun 16 Jahren (!) unter Hausarrest stellen, als dieser im Namen des Islam Menschenrechtsverletzungen kritisierte und vor dem Mißbrauch des Glaubens warnte.

So zitiert Taghizadegan den Großayatollah:

„Es gibt keine Freiheit, die Repression erfolgt im Namen des Islam. All diese Gerichtsvorladungen, Zeitungsschließungen und Verfolgungen von Dissidenten sind falsch. Das sind die selben Dinge, die unter dem Schah getan wurden und nun wiederholt werden. Und nun werden sie im Namen des Islam getan und entfremden dadurch die Menschen vom Islam.“

Ein anderer Großayatollah, al-Udhma Yousof al-Sane’i, ebenfalls früher Mitstreiter Khomeinis, ist noch deutlicher: „Die Geistlichkeit hat ihre Heiligkeit verloren, weil sie Teil der Machtelite geworden ist. [...] Ich habe erkannt, wie sehr Macht korrumpiert. Das Einssein von Religion und Macht ist daher ein großer Schaden."

Um die Nachfolge Khomeinis zu regeln, mußte daher nach der Verstoßung Montazeris rasch die Verfassung geändert werden - nur so konnte der jetzige "geistliche Führer" Ali Khamenei trotz seines niedrigeren, theologischen Status unter den islamischen Gelehrten das Amt antreten.

Zuletzt hat das Regime mit Ahmadinedschad erstmals einen Nicht-Geistlichen ins Präsidentenamt gelassen - der einerseits nationalistische und islamistische Eiferer bedienen, andererseits die Wut der Menschen abfangen soll.

Auch droht derzeit Ayatollah Borudscheri und 17 Anhängern die Todesstrafe. Denn der Geistliche, der derzeit im berüchtigten Evin-Gefängnis in Teheran einsitzt, vertritt die Auffassung, dass wahrer Glauben nur unter der Bedingung von Religionsfreiheit entstehen könne und kritisierte öffentlich die "Diktatur des Klerus".

Und doch wagen auch immer mehr "jüngere" Geistliche wie Mullah Ahmad Gabel inzwischen offene Worte:

"In einem Sinne haben diese 25 Jahre die iranische Bevölkerung weitergebracht. Denn sie hat die Erfahrung gemacht, dass sich mit diesem Feuer kein Wasser kochen lässt - das heißt, dass sich mit dem politischen Islam keine ideale Gesellschaft errichten lässt. Diese Erfahrung ist enorm, sie ist – wenn Sie wollen – die eigentliche Errungenschaft der Islamischen Revolution…!"

Für westliche oder gar christliche Häme besteht dabei partout kein Anlass - haben doch christliche Staats- und Monopolkirchen in der Vergangenheit ebenfalls den von ihnen vertretenen Glauben oft schwer beschädigt, mit messbaren, religionsdemografischen Folgen bis heute.

Dauerhaft dynamische Religiosität hat sich dagegen bisher ausnahmslos nur in den Ländern entwickelt, in denen sich aufgrund echter Religionsfreiheit Glaubensgemeinschaften in einem fairen Wettbewerb wirklich um die Menschen und besonders die Familien kümmern mußten. Auch in Europa beginnt sich dieser "religiöse Wettbewerb" erst langsam, vor allem über die Demografie und gegen mancherlei Widerstände zu entwickeln.

Insofern ist aus religionswissenschaftlich-empirischer Sicht und europäisch-historischer Erfahrung dem iranischen Ökonomieprofessor Sayed Leylaz zuzustimmen:

"Eine Religion zur Staatsideologie zu machen, bedeutet ihren Tod. Wenn wir Muslime sein wollen, sollte sich der Islam nicht in die Politik einmischen. Religion und Politik sind zwei verschiedene Sachen. Indem wir sie voneinander trennen, retten wir unsere Religion."

Auch in Europa haben zu starr beharrende, religiöse Institutionen vor allem in Frankreich und der Türkei laizistische Systeme hervorgebracht. Hier war und bleibt es für die katholischen bzw. islamisch-sunnitischen Geistlichen eine Aufgabe über Jahrzehnte und Jahrhunderte, das verloren gegangene Vertrauen der Menschen wenigstens teilweise wieder zu gewinnen. Nun sieht es so aus, als ob auch der Iran diesen Weg gehen könnte - zum Schaden der Menschen und des mißbrauchten Glaubens.

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