Dienstag, 10. Juli 2007

Der Religionshelm von Michael Persinger

Seit Mitte der 70er Jahre haben Neurologen verschiedenste Gehirnregionen als vermeintliches "Gott-Modul" ins Gespräch gebracht - also als jene Gehirnregion, die mit der Konstruktion religiöser Erfahrung befasst sei.

Wohl am bekanntesten wurde die Theorie von Vilayanur Ramachandran, der einen Zusammenhang von religiöser Erfahrung und Schläfenlappenepilepsie ins Spiel brachte. Dr. Michael Persinger (der sich zuvor mit der These eines Kausalzusammenhangs zwischen UFO-Sichtungen und Erdbeben "einen Namen gemacht" hatte) wurde dann mit dem "Religionshelm" berühmt, der angeblich über elektromagnetische Stimulationen des Schläfenlappens spirituelle Erfahrung "induzieren" könne.

Der "Gotteshelm" von Dr. Michael Persinger, der beanspruchte, damit spirituelle Erfahrungen induzieren zu können. Der Helm wurde medienbekannt, eine unabhängige Bestätigung des Anspruches gelang freilich nie.

Epilepsiethese und Religionshelm wurden von den Medien dankbar aufgegriffen und werden auch heute noch teilweise unreflektiert wiedergegeben, obwohl eine unabhängige Bestätigung nie gelang.

So berichteten Probanden einer streng kontrollierten Doppelblind-Studie an der Universität Uppsala (Schweden) durchaus von spirituellen Erfahrungen: nur leider entstammten 11 der 22 Probanden, die „subtile“ Veränderungen an sich zu bemerken glaubten, und zwei der drei Teilnehmer, die sogar ein mächtiges mystisches Erlebnis hatten, jener Hälfte der Probanden, deren Helm gar nicht wirklich aktiviert worden war. Diese Befunde deuten also auf einen klaren Placebo-Effekt.

Auch der beispielhafte Selbstversuch etwa der Autorin Susan Blackmore schlug fehl, sie berichtet im Vorwort ihres Memetik-Buches von Angstzuständen, die sie erlitten habe.

Persingers weltanschauliche Schlußfolgerungen

Wie auch bereits Richard Dawkins hat der schwache, empirische Befund Persinger nicht davon abgehalten, weitergehende Schlüsse über Gott und den Menschen zu verkünden.

Die Religion erweist sich für Persinger in Neuropsychological Bases of God Beliefs als eine rein illusionäre Konstruktion des Gehirns, die den Atomkrieg herbeibeschwören könne, wenn sie nicht rigoros abgeschafft werde. Ihre Evolution erklärt er über die gesundheitlichen Vorteile von "Mikro-Anfällen", die sich mit der richtigen Theorie jedoch ebenfalls technisch "induzieren" und also "ernten" ließen.

Als vom Schläfenlappen hergestellte Illusion gilt Persinger aber auch das Konzept des "Ich", auf das sich der Mensch "aus Sicht der Wissenschaft" ebenfalls nicht berufen könne. Auch dieses sei zur Sicherheit als illusionär abzuschaffen, "jeder Einzelne" habe sich "dem Überleben der Spezies" unterzuordnen. Interessanterweise fand "dieser" zweite Teil der Persinger-Theorie praktisch nie in die Medien, das galt wohl nicht als marketingfähig...

Verdienste

Im Rückblick erscheint also der Trubel sowohl um den Religionshelm selbst wie auch um die von ihm abgeleiteten Deutungen eher kurios. Und doch hatte und hat er etwas Gutes: die Debatten um den Religionshelm brachten größere Teile der Öffentlichkeit, Theologie und anderer mit Religiosität befassten Disziplinen auf eine sehr plakative Weise erstmals mit dem Thema "Neurobiologie der Religion(en)" in Kontakt. Und auch in der Galerie der "Anmaßung von Wissen", in der Wissenschaftler meinen aus (schwachen) empirischen Befunden gleich definitive Aussagen über Gott und die Menschen machen zu können, hat der Religionshelm einen würdigen Platz verdient.

Die Dynamik der heutigen, ernsthafteren Debatten, ob der Glaube Hirngespinst oder evolutionärer Vorteil sei, und wie sich der biologische Erfolg religionsbezogener Veranlagungen in der Evolution des Menschen erklären könnte, hat Michael Persinger und seinem Helm also durchaus einiges zu verdanken.

Die Neurotheologie-Reihe wird fortgesetzt...

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Dr. Blume

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