Montag, 9. Juli 2007

Chef-Memetiker Richard Dawkins plädiert für Nachdenken über "Menschenzucht"

Richard Dawkins, Vordenker der pseudo-wissenschaftlichen "Memetik" und atheistisch-fundamentalistischer Religionskritiker, der mit der kommenden Buchübersetzung "Der Gotteswahn" auch in Deutschland seine Anhänger wieder verzücken wird, hat dafür plädiert, (wieder) über eine "moderne Eugenik" nachzudenken und die "Zucht des Menschen" nicht länger zu tabuisieren.

So schreibt er (unter anderem) hier:

"The spectre of Hitler has led some scientists to stray from 'ought' to 'is' and deny that breeding for human qualities is even possible. But if you can breed cattle for milk yield, horses for running speed and dogs for herding skill, why on earth should it be impossible to breed humans for mathematical, musical or athletic ability? [...] I wonder whether, sixty years after Hitler's death, we might at least venture to ask what is the moral difference between breeding for musical ability, and forcing a child to take music lessons."

Übersetzt:
"Das Gespenst Hitlers hat einige Wissenschaftler dazu geführt, von "Soll-" zu "Seinsaussagen" überzugehen und zu bestreiten, dass es überhaupt möglich wäre, menschliche Qualitäten zu züchten. Aber wenn man Kühe nach dem Milchertrag, Pferde nach der Geschwindigkeit und Hunde für das Schafehüten züchten kann, warum auf der Welt sollte es dann unmöglich sein, Menschen für mathematische, musikalische oder athletische Fähigkeiten zu züchten? [...] Ich frage mich, ob wir uns, sechzig Jahre nach Hitler's Tod, wenigstens trauen zu fragen, was der moralische Unterschied zwischen einem Züchten für musikalische Qualität und einer Verpflichtung von Kindern zu Musikunterricht ist."

Nicht überraschende Anmaßung von Wissen

Aus religionswissenschaftlicher Sicht kommen diese Äußerungen keineswegs überraschend. Denn wie Dawkins auch selber schreibt, waren "eugenische" Fantasien fester Bestandteil der Weltanschauungen sowohl linker wie rechter "Rationalisten" des 20. Jahrhunderts. Eugenische Programme gab es in vielen "entwickelten" Demokratien, die anstelle der "wilden" Natur und der "rückständigen", religiösen Lehren endlich das "planende Wissen", die "Vernunft" des Menschen setzen wollten: Zentrale Planwirtschaft statt "chaotischem" Markt, "Erziehungsregiment" statt "schwächlicher Liberalität" und eben "Menschenzucht" (Förderung "guter" und Unterdrückung "schlechter" Geburten) statt "verantwortungsloser Liebe"...

Insofern steht die atheistische Weltanschauung der Memetik hier in einer klaren Tradition, spiegelbildlich zum religiösen Kreationismus: beide Seiten halten einen "Intelligent Designer" für notwendig, der religiöse Fundamentalist zur Erklärung der Evolution, der atheistische Fundamentalist zu ihrer "Steuerung". Der religiöse Fundamentalist warnt dabei vor Eingriffen in das von ihm konstruierte Verständnis von Schöpfung, weil diese transzendent begründet und also heilig seien. Weil es Gott gebe, sei selbst wertneutrale Forschung gefährlich, auch Wissenschaft müsse immer schon Gott voraussetzen.

Der atheistische Fundamentalist plädiert dagegen im Rahmen der "Abschaffung von Tabus" dafür, Erziehung und "Zucht" auf der gleichen Ebene zu diskutieren, da es eben keine transzendent begründete Unantastbarkeit gebe. Weil wertneutrale Wissenschaft keinen Gott voraussetzen müsse, könne es auch keinen Gott geben, also sei erst einmal alles erlaubt.

Beide Seiten pflügen den Gedanken unter, zwischen naturwissenschaftlicher Erforschung und religiös-weltanschaulicher Bewertung (und der Begrenztheit und Vorläufigkeit beider Erkenntniswege) immer wieder sorgsam zu differenzieren. Die Wissenschaft wird missbraucht, um religiöse bzw. weltanschauliche Ansprüche als vermeintlich absolut zu legitimieren.

Entsprechend findet auch der Menschenzucht-Vorstoss Dawkins in atheistisch-rationalistischen Kreisen Deutschlands durchaus Zustimmung, zumal sich auch die "neue Eugenik" wieder sowohl mit "progressiven" Zielen (Lasst uns einen besseren Menschen schaffen) wie mit xenophoben Ressentiments (Der IQ der Europäer sinkt, dagegen müssen wir anzüchten!) verbinden lässt. Auf der anderen Seite werden sich religiöse Fundamentalisten in ihrem Irrtum bestätigt sehen, dass die Evolutionstheorie mit religiösem Glauben unvereinbar sei. Dem Verkaufserfolg vom "Gotteswahn" wird's nützen...

Mich persönlich fröstelt dagegen, wie gerne wir Menschen uns schon wieder auf die die Anmaßung von Wissen (so die Nobelpreisrede Friedrich August von Hayeks) einlassen. Wieder glauben wir, unsere beschränkten, rationalen Fähigkeiten wären geeignet, um gewachsene, transzendente Glaubensfundamente auszuschließen und uns dafür selbst (bzw. einige Wissenschaftler) in den quasi-gottgleichen Rang als "Intelligente Designer" zu erheben - eine "geplante" Wirtschaft, Gesellschaft und sogar Biologie zu schaffen...

Da halte ich es mit dem christlichen Mit-Entdecker der Evolutionstheorie Alfred Russel Wallace, der bereits 1893 in diesem Interview eugenischen Fantasien entschieden entgegentrat und stattdessen für die freie Entfaltung der Menschen im Rahmen von Demokratie, Bildung, Frieden und Gleichberechtigung der Geschlechter eintrat!

Und ich hoffe immer noch darauf, dass sich mehr Menschen gerade in den Evolution-Religion-Debatten der wissenschaftlichen Vernunft zwischen Intelligent Design und Ultra-Darwinismus widmen, sich eigenständig kundig machen und sowohl den religiösen wie den atheistischen Fundamentalisten durch seriöse Wissenschaft entgegentreten.

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ingo_34 - 9. Jul, 07:05

Michael,

(jetzt bin ich übrigens "registriert" ...;-) )

Du schreibst:

>>beide Seiten halten einen "Intelligent Designer" für notwendig, der religiöse Fundamentalist zur Erklärung der Evolution, der atheistische Fundamentalist zu ihrer "Steuerung"<<

Das ist meiner Meinung nach überinterpretiert. Dawkins schreibt nicht, daß eine Steuerung "NOTWENDIG" sei.

- Aber nun weiterhin: Ich bin nicht Dawkins. Und ich sehe keinen Grund, Dawkins zu verteidigen. Aber ich würde es für mich einfach so formulieren: Selektion FINDET statt. Menschen, die heute aufgrund irgend welcher persönlicher angeborener Eigenschaften mehr Schwierigkeiten haben, Familie zu gründen (oder die es gar nicht wollen), haben weniger Kinder als andere Menschen. (Ebenso schon durch Pränatal-Diagnostik etc..)

Wenn also im Harz Leute leben

http://studgendeutsch.blogspot.com/2007/07/unsere-vorfahren-bronzezeitliche.html

, deren Vorfahren dort schon vor 3.500 Jahren lebten, dann KÖNNEN sie sich dafür entscheiden, diese biologische Kontinuität im Jahr 2007 abbrechen zu lassen.

Aber Dawkins plädiert - so versteht ich ihn jedenfalls - dafür, sich einfach erst einmal nur solche vorhandene, stattfindende Selektion wirklich deutlich ins Bewußtsein zu rufen, sich klar zu machen, DASS sie stattfindet. Und er plädiert dafür, sich die Folgen, Konsequenzen so klar wie nur immer möglich zu machen. (Das tust ja auch Du, wenn Du [- erinnere ich mich richtig?] auf die Pränatal-Selektion in Richtung mehr männliche Kinder in Indien und China hinweist.)

Und Dawkins sagt vor allem, daß dabei nicht vom Sollen auf das Sein geschlossen werden soll, sondern daß erst einmal das Sein unvoreingenommen zur Kenntnis genommen werden soll.

Wenn ich seine Worte recht zu Ende denke, will er Spermien und Eizellen auf - z.B. - musikalische Begabung überprüfen und erst dann mit ihnen eine Befruchtung durchführen (- nur als Beispiel). Das würde ich für Nonsense halten. Ich hätte da keinen Spaß daran. Und ich wähle auch eine künftige Mutter meiner Kinder nicht nach solchem "rationalistischen" Blödsinn aus.

Ich vertraue da der Natur sehr stark, daß sie das zusammen führt, was zusammen gehört, was auch zusammen paßt (irgendwie). Aber ich bleibe mir bewußt, daß auch unsere gegenwärtigen kulturellen "Regime" und Regeln - oder auch die Familienpolitik - diese Paarfindung oder Paarvermeidung steuern, was Ergebnisse bewirkt nach vielerlei Richtungen hin.

EINES dieser Ergebnisse ist, daß die Politik derzeit glaubt, sie müsse massiv Fachkräfte aus dem Ausland holen, damit auch künftig unsere Renten bezahlt werden können. Das ist ein massiver Selektionsprozeß. Und wenn Dawkins auf solche Tatsachen aufmerksam machen WOLLTE, würde ich das sehr begrüßen.

Musikalische Begabung scheint eine Sache zu sein, die vor allem auch im deutschen Volk einmal sehr weit verbreitet war und bedeutende Dinge hervorgebracht hat. Die Weltkultur zährt davon noch heute.

Man kann es für sinnvoll halten, sich dafür einzusetzen, daß derartige musikalische Begabung nicht ausstirbt, nicht "wegselektioniert" wird.

Menschenwürde

Lieber Ingo,

aus Zeitgründen hier nur eine kurze Antwort: der Hauptunterschied ist m.E. das Verständnis von Menschenwürde. Nach meiner Auffassung darf die Integrität des einzelnen Mensch nicht für übergeordnete Ziele "verzweckt" werden - z.B. darf niemand um des Sicherheitsnutzens gefoltert, um des wirtschaftlichen Nutzens versklavt oder eben für die "Menschenzucht" verplant werden. Überschreitungen werden immer vorkommen, gerade deswegen gilt es ihnen zu wehren.

Genau aus diesem Grund weise ich z.B. auf die Pränatalselektion gegen Mädchen in China und Indien hin: weil ich sie für eine Katastrophe halte, ausgelöst einmal durch eine sozialistisch-atheistische Familienpolitik (China) und einmal durch fehlgehende, religiöse Traditionen (Indien). Hier fehlt es m.E. an einem freiheitlichen Ordnungsrahmen, der die Entfaltung der Menschenwürde ermöglichen würde: einer liberalere Familienpolitik in China und sozial-religiöse Alternativen zur "Brahmanenehe" in einigen Regionen Indiens.

Mir ist natürlich vollkommen bewusst, dass das Konzept von Menschenwürde kein "wissenschaftlich beweisbares" Konzept ist, sondern "nur" eine gewachsene Erfahrung. "Die Würde des Menschen ist unantastbar" ist kein empirisch-wissenschaftliches, sondern ein politisch-weltanschauliches Axiom. Daher wird sie, gerade auch im deutschen Grundgesetz ("In Verantwortung vor Gott und den Menschen...") häufig auch transzendent begründet. Aber auch Agnostiker und Atheisten können sich natürlich zur "Unverfügbarkeit menschlichen Lebens" bekennen, etwa aufgrund historischer Erfahrungen, und/oder weil sie die beschränkten Erkenntnisfähigkeiten des Menschen und entsprechend die nicht abschätzbaren Folgen gravierender Eingriffe anerkennen - und viele tun das auch.

Dawkins illustriert m.E. aber sehr anschaulich, was geschieht, wenn gerade wir Wissenschaftler meinen, uns auf unsere vermeintliche "Rationalität" etwas einbilden und gewachsene Erfahrungen verdammen und "durch besser designtes" ersetzen zu können. Musikalischer, sportlicher, klüger, weißer, weniger religiös - gerade weil es ja keine transzendente "Einspruchsinstanz" mehr gibt und gesammelte Erfahrungen nicht mehr zählen ("Hitler ist schon sechzig Jahre tot"...), wird jedes "Zuchtziel" denkbar. Ob das vielleicht einige seiner Anhänger zum kritischen Nachdenken anregen wird, wohin dieser Weg eigentlich führt?

Meine subjektive Meinung ist: Wahre Rationalität zeichnet sich auch dadurch aus, dass sie ihre eigenen Grenzen anerkennt, und daher auch die gewachsene Erfahrung und die Würde anderer gerade dann achtet, wenn sie deren Gründe (bisher) nicht nachvollziehen kann.

Herzliche Grüße

Michael

Dr. Blume

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