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Donnerstag, 21. Juni 2007

Von Religionsfreiheit, Privilegien und religiösem Wettbewerb

Vor kaum zwei Wochen noch schien die Diskussion um Religion, Freiheit und demografische Entwicklung auf den Hayek-Tagen zu Potsdam noch als eine eher theoretische Übung. Heute ist die Katze aber aus dem Sack: auf einem Empfang evangelischer und katholischer Bischöfe für die obersten Bundesgerichte (!) in Karlsruhe sprach sich unter anderem Kardinal Lehmann dagegen aus, andere als christliche Kirchen als Körperschaften des öffentlichen Rechts anzuerkennen. Vor allem der Islam dürfe rechtlich nicht gleich gestellt werden. (FAZ-Artikel dazu hier.)

Dreiteilung des Religionsverfassungsrechtes seit Preußen

Breiter Applaus ist Kardinal Lehmann nicht nur von Richtern sicher - denn diese Forderung entspricht völlig dem Mainstream deutsch-europäischer Rechtstradition. Über Jahrhunderte konnten wir uns Religionen nur als Monopole vorstellen: die Bewohner einer Region hatten einer gemeinsamen, vom Herrscher bestimmten Religion anzugehören. Vielfalt galt als Bedrohung des Zusammenhalts. In wenigen Fällen, beispielsweise in großen Städten, sicherten die Herrscher ein Kartell weniger "anerkannter" Gemeinschaften - diese waren dann umso mehr von weltlicher Gnade abhängig und hatten um der "guten, öffentlichen Ordnung" willen einander keinesfalls Konkurrenz zu machen.

Noch im aufgeklärten Preußen, dessen Herrscher verfolgte Minderheiten als wirtschaftliche Leistungsträger erkannten und ins Land holten, wurde zwischen den "offiziellen" (also staatlich geförderten), den "gestatteten" (also "auf Bewährung" befindlichen) und schließlich den "unerwünschten" Kulten unterschieden, die staatlicher Repression ausgesetzt waren. Auch in Weimar und später der Bundesrepublik wurde diese Dreiteilung faktisch übernommen, wobei neben den etablierten Kirchen nur noch die jüdischen Gemeinden in die Spitzenkategorie aufsteigen durften (die Kardinal Lehmann interessanterweise gar nicht erwähnt zu haben scheint). Anderen Weltreligionen (nicht nur dem Islam, sondern z.B. auch dem Buddhismus) blieb die staatliche Anerkennung bis heute verwehrt, nichtchristliche Gemeinschaften werden in der bundesdeutschen Praxis entweder als "gestattet" oder als "unerwünscht" betrachtet und entsprechend behandelt.

Die Frage ist - hilft das dem Glauben?

Wir haben es hier mit einem Effekt zu tun, den wir aus den Feldern der Wirtschaft (derzeit z.B. Microsoft) und Politik (derzeit z.B. Putin) natürlich zu Genüge kennen: wer einmal Dominanz erreicht hat, wird dazu tendieren, diese als Monopol oder als Kartell möglichst "abzusichern" und lästige Wettbewerber fernzuhalten. Das beliebteste Argument dafür ist stets die gewohnte, "gute, öffentliche Ordnung" - die auch Kardinal Lehmann wörtlich so verwendete.

In Politik und Wirtschaft haben die europäischen Völker freilich unter bitteren Opfern gelernt, dass Monopole und Kartelle zu schlechten Leistungen und auch Machtmissbrauch neigen. Und ein Rückblick auf die europäische Geschichte oder ein Seitenblick auf die meisten islamischen Länder derzeit zeigt, dass dies auch für die Religionen gilt: man kann der Glaubwürdigkeit, Friedfertigkeit und letztlich Lebensdienlichkeit von Religionen keinen schlechteren Dienst tun, als sie zu Monopolen oder Kartellen zu erheben.

Und umgekehrt: glaubwürdig und freiheitlich werden Kirchen und Religionsgemeinschaften regelmäßig (erst) in bedrängten Situationen. Denken wir an die katholische Kirche z.B. in England unter der anglikanischen Staatskirche oder in Osteuropa unter kommunistischer Bedrängung, die Institution des Dalai Lama (über Jahrhunderte Feudalherren mit Klosterarmeen!) im indischen Exil, die zunehmend dialog- und demokratiefreundlichen Strömungen des Islam in Europa usw. Religionen leuchten, solange sie als Minderheiten im Wettbewerb zueinander stehen.

Monopole und Kartelle führen zu religiösem Verfall und Religionsfeindlichkeit

Die überwiegende Religionsfeindlichkeit der europäischen Intellektuellen, die ihr häufiges inhaltliches, politisches und demografisches Scheitern bis in die Gegenwart hinein erklärt, erklärt sich dagegen maßgeblich aus der negativen Seite dieser Erfahrung: Religionen sind in der europäischen Geschichte lange vor allem als Monopole oder Kartelle aufgetreten mit entsprechenden Verfallserscheinungen wie Anbiederung an die Herrschenden, Gewaltaufrufen, überholten Gesellschafts- und Familienmodellen und Inquisition nach innen und außen. Im seit Jahrhunderten zunehmend demokratischen England, vor allem aber in den USA (maßgeblich geprägt durch fliehende Minderheiten!) werden Religionen dagegen als Wettbewerber betrachtet, die den Menschen glaubwürdig ansprechen müssen, um zu überdauern. Wenn auch das US-amerikanische Staat-Kirchen-Modell seine eigenen Probleme hat: gerade in der Förderung von Glaubens- und Kinderreichtum durch Wettbewerb hat es unseren Kontinent längst weit hinter sich gelassen. Und auch in der Integration religiöser Minderheiten, einschließlich des Islam haben sich die USA als bisher deutlich erfolgreicher erwiesen als die meisten europäischen Länder.

Keine Panik: In Demokratien setzt sich Vielfalt durch Konversionen und Demografie auf Dauer durch

Gerade aber das englische Beispiel zeigt auch, dass sich wachsende Vielfalt in Demokratien nicht auf Dauer aufhalten lässt: die anglikanische Staatskirche konnte weder ein Wiederaufleben des Katholizismus noch ein Erblühen von immer mehr Freikirchen und schließlich die Zuwanderung religiöser Minderheiten (Muslime, Juden, Sikhs, Parsen etc.) verhindern. Heute ist die anglikanische Kirche vor allem zeremonielle Moderatorin und Denkmalpflegerin und wird als solche auch von den vielen anderen Gemeinschaften geschätzt, in denen das eigentliche Wachstum stattfindet. In einer gewissen Hinsicht holen die anderen europäischen Länder diesen Prozess inzwischen eben nach.

Und auch etwa in den Massenkonversionen Lateinamerikas oder in der Volkszählung der Schweiz kann man dem religiösen Wettbewerb beim Entfalten quasi zuschauen. Das Zusammenspiel von Konversionen und Demografie höhlt religiöse Monopol- oder Kartellstrukturen in Demokratien unweigerlich aus bzw. verwandelt die Privilegieninhaber in zeremionell-zivilreligiöse Würdenträger. Die religiöse Dynamik findet dann eben vorwiegend in anderen Gemeinschaften statt.

Diese neu erstellte Grafik zeigt an, mit wie vielen Kindern Männer zwischen 35 und 46 Jahren in Schweizer Großstädten je in den Volkszählungen 1970, 80, 90 und 2000 in einem Haushalt lebten. Man beachte die Unterschiede, z.B. den stabilen Verlauf der jüdischen Demografie (oben, rot) und die durchgängig schwache Performance der Konfessionslosen (unten, schwarz). Klick führt zum Gesamtskript des Vortrages.

Fazit: Nachdenken lohnt

Das Beharren der etablierten Kirchen in Deutschland auf ihren Privilegien ist also religionshistorisch weder neu noch überraschend. Die buddhistischen Institutionen Sri Lankas, die jüdischen Institutionen Israels oder die islamischen Institutionen der Türkei versuchen ebenfalls, ihre jeweilige Dominanz staatlich abzusichern, finanzielle und politische Vorrechte zu behalten, den Bau "konkurrierender" Gotteshäuser zu unterbinden, Minderheiten als "Gefährder der guten, öffentlichen Ordnung" zu stigmatisieren usw. In China baut der Staat sogar gerade gezielt "staatstreue" Religionsgemeinschaften (wie die "patriotisch-katholische Kirche" oder einen pekingtreuen Buddhismus) auf, um die Dynamik des religiösen Erwachens in die politisch und nationalistisch gewünschten Bahnen zu lenken. Und einige christliche bzw. hinduistische Bewegungen versuchen durchaus auch immer mal wieder in den Demokratien der USA oder Indiens, doch noch irgendwie an staatskirchliche Privilegien zu kommen.

Aber alle religionshistorischen Erfahrungen zeigen: auf Dauer hat die Verweigerung von Wettbewerb vor allem den Monopolisten bzw. Kartellen selbst sowie dem Ansehen der Religion(en) insgesamt geschadet - ebenso, wie monopolistische Parteien der Demokratie und monopolistische Unternehmen der Marktwirtschaft meist Bärendienste erwiesen und sich dabei auch selbst unglaubwürdig gemacht haben. Daher haben die wenigen, religionshistorischen Ausnahmen wie Rabbiner Gamaliel I., Mahatma Ghandi, William Penn oder auch die berühmte Sure 5:48 im Koran zu Recht besondere Anerkennung gefunden und sind zu einer Quelle des Stolzes für freiheitliche Mitglieder ihrer jeweiligen Gemeinschaften geworden.

Insofern ist das Verhalten unserer Kirchen gegenüber den religiösen Minderheiten (derzeit vor allem den Muslimen, aber auch z.B. den Buddhisten) leider eher nur gewöhnlich. Dabei wäre es nach meiner Einschätzung gerade auch für den christlichen Glauben deutlich besser, sich in Gottes- und Selbstvertrauen auf einen fairen Wettbewerb um Glaubwürdigkeit und Familien einzulassen, statt sich (wieder einmal) an staatliche Privilegien und eine Vergangenheit klammern zu wollen, die auch religiös so prächtig nicht immer war...

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