Der "echte", evolutive Liberalismus und das lange, rationalistische Scheitern des Kontinents
Zur großen Tragik des europäischen Liberalismus gehört seine bis heute dominierende Ichling-Kultur. Denn während sich in England, Schottland, der Schweiz und später in den USA Freiheitsbewegungen entfalteten, die Freiheit auch als Freiheit "zu" Bindungen erkämpften (z.B. zur Gründung von Familien, Religionsgemeinschaften etc.), setzte sich auf dem Kontinent ein bis heute auch in Deutschland vorherrschender Liberalismus durch, der vor allem die Freiheit "von" Bindungen betonte und also auch Familien und Religionen verdammte, sich z.T. bis heute fast nur noch auf das Ökonomische und das Motto "Lust ohne Last" verengte.
Der echte Liberalismus begann mit dem Einsatz für Meinungs-, Religions- und Gewissensfreiheit
Bereits in einem Beitrag von 1959 (!) beschrieb von Hayek dagegen die Wurzeln des "echten" Liberalismus wie folgt:
"Beginnend mit dem Kampf um die Religions- und Gewissensfreiheit (mit Roger Williams in den amerikanischen Kolonien als ihrem wichtigsten frühen Vorkämpfer), hat der allgemeine Grundsatz [des Liberalismus, Anm. Blu] sich nach und nach als Pressefreiheit, Rede- und Versammlungsfreiheit und als akademische Lehrfreiheit durchgesetzt."
Und erst aus diesen Freiheiten hätten sich dann auch politische und wirtschaftliche Freiheiten entwickelt!
Über den kontinentalen Rationalismus weiß von Hayek dagegen im gleichen Text folgendes zu berichten:
"Der rationalistische Liberalismus der französischen Revolution
Der ursprünglich englische Liberalismus war an sich weder demokratisch noch auch egalitär, noch war ihm der aggressiv rationalistische und antireligiöse Charakter eigen, den später der kontinental-europäische Liberalismus zeigte. Diese Verwandlung hängt eng mit dem Einfluß der französischen Schriftsteller zusammen, die im 18. Jh. zunächst (in der Generation Voltaires und Montesquieus) die englischen Ideen für den Kontinent interpretierten und später (in der Generation Jean-Jacques Rousseaus und der Physiokraten) jene Ergebnisse langer politischer Erfahrung konstruktiv nach "Vernunftprinzipien" umgestalteten. In vieler Beziehung bedeutete das nicht viel weniger als eine Umkehrung der ursprünglichen Ideen. An Stelle des Vertrauens an die schöpferische Kraft freier gesellschaftlicher Entwicklung trat das Vertrauen auf die Macht eines von der Vernunft ausgedachten Plans."
Den gesamten Text kann man hier beim Mises Institut abrufen.
Wie wir wissen, scheiterte der "kontinentale" Liberalismus von Anfang an und immer wieder, man denke an die blutigen Exzesse der "französischen Revolution" und ihrer vermeintlichen "Religion der Vernunft". Europa wurde (mit Ausnahme der Schweiz und Großbritanniens!) in den folgenden Jahrhunderten von Regimen des nationalen und internationalen Sozialismus verheert und zerstört, die ihren Völkern immer wieder "Freiheit" versprochen hatten.
Vom Elend religiöser Monopole
Was aber unterschied die Länder, in denen bis heute der blutleere Ichling-Liberalismus auf der einen und rote und braune Kollektivisten auf der anderen Seite dominieren, von der (geradezu beängstigend!) erfolgreichen Dynamik Großbritanniens, der Schweiz und den USA?
Eine frühe Antwort veröffentlichte Hayek 1973 (in der "Enyclopedia del Novecento", Italien): das religiöse Monopol.

Religiöse Monopole erstarren und verfaulen ebenso wie politische oder wirtschaftliche Monopole. Kontinentale Liberale erleb(t)en daher Religion(en) häufig von ihrer schlechtesten Seite. In Minderheiten- und Wettbewerbssituationen aber, in denen sie sich fair behaupten und werben müssen, entdecken Religionen, Parteien und Unternehmen ihr eigentliches Potential.
So brachte die katholische Kirche in England (bedrängt von der anglikanischen Staatskirche) mit Personen wie Thomas Morus oder Lord Acton prompt beeindruckende Freiheitskämpfer hervor. Die Institution des tibetischen Dalai Lama, über Jahrhunderte brutale Feudalherren mit riesigen Klosterarmeen (!), wandelte sich im indischen Exil innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer beeindruckenden Kraft der Gewaltlosigkeit, des Dialoges und der Demokratie. Auch der Islam, in fast allen islamischen Ländern zum staatlichen Machterhalt mißbraucht, entfaltet in der Minderheitensituation Europas und der USA reform- und demokratieorientierte Strömungen. Und hatte die "gebildete" Welt noch gelacht, als sich das dörflich-arme Indien 1950 zur Demokratie ausrief, so hat gerade sein (innerhinduistischer und interreligiöser) Pluralismus es heute zu einer der dynamischsten Demokratien gemacht, die bisher alle Krisen überstand: und heute ein buddhistisches Dharma-Rad im Wappen, einen Sikh als Ministerpräsidenten und einen Muslim als Staatspräsidenten sowie eine katholische Vorsitzenden der größten Partei verzeichnet. Welche "rationalistische", europäische Demokratie war bisher zu solcher Vielfalt fähig?
Deshalb...
...hassen linke, rechte und religiöse Extremisten Minderheiten und Religionsfreiheit. Minderheiten sind der lebende Beweis für den Erfolg von Vielfalt und Wettbewerb. Kein sozialistischer Staat konnte daher je Religionsfreiheit gewähren - und die chinesische KP heute zittert vor dem "Erwachen der Religionen". Nationalistische Bewegungen haben Minderheiten seit je diskriminiert und u.a. Massaker an Juden (z.B. Deutschland), Christen (z.B. Türkei), Muslimen (z.B. Serbien), Hindus (z.B. Sri Lanka) und zahllosen weiteren verübt. Und religiöse Extremisten versuchen durch Terror zwischen den Religionsgruppen Angst und Schrecken zu verbreiten und so das Entfalten einer freiheitlichen Ordnung zu verhindern.
Und doch bin ich optimistisch, denn religiöse Minderheiten haben u.a. einen demografischen Vorteil gegenüber den erstarrten Monopol- oder Kartellstrukturen - sei es vorwiegend durch Konversionen (z.B. in Lateinamerika) oder vorwiegend durch Geburten (z.B. in Europa). Demokratien tendieren daher unweigerlich und nach meiner Kenntnis ausnahmslos zur Zunahme auch religiöser Vielfalt - und also wachsender Befürwortung von Freiheitsrechten.
So normal wir es heute finden, dass bei uns Unternehmen und Parteien im Wettbewerb stehen, so normal dürfte in Zukunft auch der religiöse Wettbewerb werden. Und sowohl den pseudoliberalen Ichlingen wie den intoleranten Kollektivisten (rot, braun oder traditionalistisch) können "echte Liberale" derweil beim demografischen Ausdünnen zuschauen und sich zugleich wachsender Vielfalt und fairen Wettbewerbs auf der Basis gemeinsamer Werte erfreuen. (-:
Der echte Liberalismus begann mit dem Einsatz für Meinungs-, Religions- und Gewissensfreiheit
Bereits in einem Beitrag von 1959 (!) beschrieb von Hayek dagegen die Wurzeln des "echten" Liberalismus wie folgt:
"Beginnend mit dem Kampf um die Religions- und Gewissensfreiheit (mit Roger Williams in den amerikanischen Kolonien als ihrem wichtigsten frühen Vorkämpfer), hat der allgemeine Grundsatz [des Liberalismus, Anm. Blu] sich nach und nach als Pressefreiheit, Rede- und Versammlungsfreiheit und als akademische Lehrfreiheit durchgesetzt."
Und erst aus diesen Freiheiten hätten sich dann auch politische und wirtschaftliche Freiheiten entwickelt!
Über den kontinentalen Rationalismus weiß von Hayek dagegen im gleichen Text folgendes zu berichten:
"Der rationalistische Liberalismus der französischen Revolution
Der ursprünglich englische Liberalismus war an sich weder demokratisch noch auch egalitär, noch war ihm der aggressiv rationalistische und antireligiöse Charakter eigen, den später der kontinental-europäische Liberalismus zeigte. Diese Verwandlung hängt eng mit dem Einfluß der französischen Schriftsteller zusammen, die im 18. Jh. zunächst (in der Generation Voltaires und Montesquieus) die englischen Ideen für den Kontinent interpretierten und später (in der Generation Jean-Jacques Rousseaus und der Physiokraten) jene Ergebnisse langer politischer Erfahrung konstruktiv nach "Vernunftprinzipien" umgestalteten. In vieler Beziehung bedeutete das nicht viel weniger als eine Umkehrung der ursprünglichen Ideen. An Stelle des Vertrauens an die schöpferische Kraft freier gesellschaftlicher Entwicklung trat das Vertrauen auf die Macht eines von der Vernunft ausgedachten Plans."
Den gesamten Text kann man hier beim Mises Institut abrufen.
Wie wir wissen, scheiterte der "kontinentale" Liberalismus von Anfang an und immer wieder, man denke an die blutigen Exzesse der "französischen Revolution" und ihrer vermeintlichen "Religion der Vernunft". Europa wurde (mit Ausnahme der Schweiz und Großbritanniens!) in den folgenden Jahrhunderten von Regimen des nationalen und internationalen Sozialismus verheert und zerstört, die ihren Völkern immer wieder "Freiheit" versprochen hatten.
Vom Elend religiöser Monopole
Was aber unterschied die Länder, in denen bis heute der blutleere Ichling-Liberalismus auf der einen und rote und braune Kollektivisten auf der anderen Seite dominieren, von der (geradezu beängstigend!) erfolgreichen Dynamik Großbritanniens, der Schweiz und den USA?
Eine frühe Antwort veröffentlichte Hayek 1973 (in der "Enyclopedia del Novecento", Italien): das religiöse Monopol.

Religiöse Monopole erstarren und verfaulen ebenso wie politische oder wirtschaftliche Monopole. Kontinentale Liberale erleb(t)en daher Religion(en) häufig von ihrer schlechtesten Seite. In Minderheiten- und Wettbewerbssituationen aber, in denen sie sich fair behaupten und werben müssen, entdecken Religionen, Parteien und Unternehmen ihr eigentliches Potential.
So brachte die katholische Kirche in England (bedrängt von der anglikanischen Staatskirche) mit Personen wie Thomas Morus oder Lord Acton prompt beeindruckende Freiheitskämpfer hervor. Die Institution des tibetischen Dalai Lama, über Jahrhunderte brutale Feudalherren mit riesigen Klosterarmeen (!), wandelte sich im indischen Exil innerhalb weniger Jahrzehnte zu einer beeindruckenden Kraft der Gewaltlosigkeit, des Dialoges und der Demokratie. Auch der Islam, in fast allen islamischen Ländern zum staatlichen Machterhalt mißbraucht, entfaltet in der Minderheitensituation Europas und der USA reform- und demokratieorientierte Strömungen. Und hatte die "gebildete" Welt noch gelacht, als sich das dörflich-arme Indien 1950 zur Demokratie ausrief, so hat gerade sein (innerhinduistischer und interreligiöser) Pluralismus es heute zu einer der dynamischsten Demokratien gemacht, die bisher alle Krisen überstand: und heute ein buddhistisches Dharma-Rad im Wappen, einen Sikh als Ministerpräsidenten und einen Muslim als Staatspräsidenten sowie eine katholische Vorsitzenden der größten Partei verzeichnet. Welche "rationalistische", europäische Demokratie war bisher zu solcher Vielfalt fähig?
Deshalb...
...hassen linke, rechte und religiöse Extremisten Minderheiten und Religionsfreiheit. Minderheiten sind der lebende Beweis für den Erfolg von Vielfalt und Wettbewerb. Kein sozialistischer Staat konnte daher je Religionsfreiheit gewähren - und die chinesische KP heute zittert vor dem "Erwachen der Religionen". Nationalistische Bewegungen haben Minderheiten seit je diskriminiert und u.a. Massaker an Juden (z.B. Deutschland), Christen (z.B. Türkei), Muslimen (z.B. Serbien), Hindus (z.B. Sri Lanka) und zahllosen weiteren verübt. Und religiöse Extremisten versuchen durch Terror zwischen den Religionsgruppen Angst und Schrecken zu verbreiten und so das Entfalten einer freiheitlichen Ordnung zu verhindern.
Und doch bin ich optimistisch, denn religiöse Minderheiten haben u.a. einen demografischen Vorteil gegenüber den erstarrten Monopol- oder Kartellstrukturen - sei es vorwiegend durch Konversionen (z.B. in Lateinamerika) oder vorwiegend durch Geburten (z.B. in Europa). Demokratien tendieren daher unweigerlich und nach meiner Kenntnis ausnahmslos zur Zunahme auch religiöser Vielfalt - und also wachsender Befürwortung von Freiheitsrechten.
So normal wir es heute finden, dass bei uns Unternehmen und Parteien im Wettbewerb stehen, so normal dürfte in Zukunft auch der religiöse Wettbewerb werden. Und sowohl den pseudoliberalen Ichlingen wie den intoleranten Kollektivisten (rot, braun oder traditionalistisch) können "echte Liberale" derweil beim demografischen Ausdünnen zuschauen und sich zugleich wachsender Vielfalt und fairen Wettbewerbs auf der Basis gemeinsamer Werte erfreuen. (-:
blume-religionswissenschaft - 12. Jun, 13:31
9 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
Ingo (Gast) - 12. Jun, 16:15
... ein anderer Gedanke
Siehst Du heute in Europa besondere Gefahren für die Religionsfreiheit?
Mir kam ein anderer Gedanke beim Lesen Deines Beitrages. Und zwar die merkwürdige Tatsache, daß es einen West-/Ost-Gradienten in Bezug auf individualistische und kollektivistische Kulturen gibt - oder zu geben scheint. Deutschland und Rußland befinden sich im "Übergangsraum" und haben deshalb vielleicht besondere Exzesse durchgemacht, was Auseinandersetzungen zwischen dem individualistischen und kollektivistischen Prinzip betrifft.
Das wird einerseits an Verhaltens- und Wahrnehmungsprägungen durch Muttersprache liegen, wie ja neuere Forschungen nahelegen.
Wenn aber andererseits in einem Volk wie dem der Chinesen - wie das der chinesische Humangenetiker Bruce Lahn als These vorgeschlagen hat - über Jahrhunderte hinweg "Selektion gegen (ADHS-)rebellische Charaktere" betrieben worden sein sollte, dann würde das einerseits einen höheren Grad von Harmonie in einer Gesellschaft bewirken, andererseits könnte dann die Gesellschaft auf Dauer die Fähigkeit zur Innovation verlieren oder überhaupt die Bereitschaft und Fähigkeit, sich mit Innovation/Fremdeinflüssen auseinandersetzen zu wollen.
Das war ja in China, Korea und Japan über viele Jahrhunderte der Fall. Ebenso wie das individualistische "Keine-Bindungen-eingehen-Können" Stärken und Schwächen mit sich bringt, ebenso bringt das eher "angepaßtere" "jederzeit Fähig-Sein zum Bindungen eingehen" (in einer einheitlichen Kultur) Stärken und Schwächen mit sich.
Es käme wahrscheinlich auf eine geglückte Kombination beider Verhaltenstendenzen an.
Mir kam ein anderer Gedanke beim Lesen Deines Beitrages. Und zwar die merkwürdige Tatsache, daß es einen West-/Ost-Gradienten in Bezug auf individualistische und kollektivistische Kulturen gibt - oder zu geben scheint. Deutschland und Rußland befinden sich im "Übergangsraum" und haben deshalb vielleicht besondere Exzesse durchgemacht, was Auseinandersetzungen zwischen dem individualistischen und kollektivistischen Prinzip betrifft.
Das wird einerseits an Verhaltens- und Wahrnehmungsprägungen durch Muttersprache liegen, wie ja neuere Forschungen nahelegen.
Wenn aber andererseits in einem Volk wie dem der Chinesen - wie das der chinesische Humangenetiker Bruce Lahn als These vorgeschlagen hat - über Jahrhunderte hinweg "Selektion gegen (ADHS-)rebellische Charaktere" betrieben worden sein sollte, dann würde das einerseits einen höheren Grad von Harmonie in einer Gesellschaft bewirken, andererseits könnte dann die Gesellschaft auf Dauer die Fähigkeit zur Innovation verlieren oder überhaupt die Bereitschaft und Fähigkeit, sich mit Innovation/Fremdeinflüssen auseinandersetzen zu wollen.
Das war ja in China, Korea und Japan über viele Jahrhunderte der Fall. Ebenso wie das individualistische "Keine-Bindungen-eingehen-Können" Stärken und Schwächen mit sich bringt, ebenso bringt das eher "angepaßtere" "jederzeit Fähig-Sein zum Bindungen eingehen" (in einer einheitlichen Kultur) Stärken und Schwächen mit sich.
Es käme wahrscheinlich auf eine geglückte Kombination beider Verhaltenstendenzen an.
blume-religionswissenschaft - 12. Jun, 18:49
Religionsfreiheit & Gene
Hallo Ingo,
natürlich gibt es in Europa derzeit massive Versuche, vor allem gegen das Aufkommen der Muslime mit staatlicher Assimilation (z.B. Kopftuchverbote in Frankreich, Kampagnen gegen Moscheen etc.) vorzugehen.
Solange die europäischen Nationen jedoch Demokratien bleiben, verstärken diese Effekte die demografische Veränderung nur: die Minderheiten (vor allem die Frauen) werden in den Bereich Familie und Privatwirtschaft abgedrängt, von wo aus sie erst Recht wachsen. (Vgl. den "Pharao-Effekt" im Buch Exodus (2. Moses) - sehr präzise beobachtet!) Also: auf Dauer lässt sich Vielfalt nur dann verhindern, wenn die Demokratie abgeschafft wird. Und das befürchte ich für Europa nun wirklich nicht.
Dass es zum reproduktiven Erfolg der richtigen Balance Individualismus / Kollektivismus bedarf, darin stimme ich Dir zu. Und auch, dass politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen bisweilen auch über Generationen hinweg auf Populationen einwirken.
Ich bin mir aber einfach nicht sicher, ob das auch gleich messbare, genetische Folgen hat. Immerhin hat allein der moderne Homo sapiens rund 8.000 Generationen auf dem Buckel, 90%+ davon in vorstaatlicher Zeit. Klar kenne ich die Studien, die z.B. der jüdischen Minderheit aufgrund von Jahrhunderten forcierter Endogamie und gleichzeitig härtesten Selektionsdruckes (Verfolgungen, Verdrängungen aus Wirtschaftszweigen etc.) besondere Eigenschaften zuschreiben, nach dem Motto: Nur die Klügsten und Tapfersten konnten das mitsamt großer Familien überleben.
Aber generell tendiere ich eher der Auffassung zu, dass der allergrößte Teil der Menschheitsentwicklung der vergangenen drei, vier Jahrtausende nicht biologischer, sondern kultureller Evolution zu verdanken ist: Nur diejenigen Gemeinden überlebten, die ihren Mitgliedern besonderen Zusammenhalt, Kontakte und gute Bildung vermitteln konnten. Die genetischen Unterschiede zwischen heutigen Menschengruppen halte ich für verschwindend und vernachlässigenswert gering, die individuellen Abweichungen für viel bedeutender (interessant z.B. Zwillingsstudien). Aber wir können uns ja durch kommende Studien noch überraschen lassen.
Herzliche Grüße!
Michael
natürlich gibt es in Europa derzeit massive Versuche, vor allem gegen das Aufkommen der Muslime mit staatlicher Assimilation (z.B. Kopftuchverbote in Frankreich, Kampagnen gegen Moscheen etc.) vorzugehen.
Solange die europäischen Nationen jedoch Demokratien bleiben, verstärken diese Effekte die demografische Veränderung nur: die Minderheiten (vor allem die Frauen) werden in den Bereich Familie und Privatwirtschaft abgedrängt, von wo aus sie erst Recht wachsen. (Vgl. den "Pharao-Effekt" im Buch Exodus (2. Moses) - sehr präzise beobachtet!) Also: auf Dauer lässt sich Vielfalt nur dann verhindern, wenn die Demokratie abgeschafft wird. Und das befürchte ich für Europa nun wirklich nicht.
Dass es zum reproduktiven Erfolg der richtigen Balance Individualismus / Kollektivismus bedarf, darin stimme ich Dir zu. Und auch, dass politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen bisweilen auch über Generationen hinweg auf Populationen einwirken.
Ich bin mir aber einfach nicht sicher, ob das auch gleich messbare, genetische Folgen hat. Immerhin hat allein der moderne Homo sapiens rund 8.000 Generationen auf dem Buckel, 90%+ davon in vorstaatlicher Zeit. Klar kenne ich die Studien, die z.B. der jüdischen Minderheit aufgrund von Jahrhunderten forcierter Endogamie und gleichzeitig härtesten Selektionsdruckes (Verfolgungen, Verdrängungen aus Wirtschaftszweigen etc.) besondere Eigenschaften zuschreiben, nach dem Motto: Nur die Klügsten und Tapfersten konnten das mitsamt großer Familien überleben.
Aber generell tendiere ich eher der Auffassung zu, dass der allergrößte Teil der Menschheitsentwicklung der vergangenen drei, vier Jahrtausende nicht biologischer, sondern kultureller Evolution zu verdanken ist: Nur diejenigen Gemeinden überlebten, die ihren Mitgliedern besonderen Zusammenhalt, Kontakte und gute Bildung vermitteln konnten. Die genetischen Unterschiede zwischen heutigen Menschengruppen halte ich für verschwindend und vernachlässigenswert gering, die individuellen Abweichungen für viel bedeutender (interessant z.B. Zwillingsstudien). Aber wir können uns ja durch kommende Studien noch überraschen lassen.
Herzliche Grüße!
Michael
Ingo (Gast) - 12. Jun, 21:49
Überraschungen sind ja schon da
naja, die Überraschungen, was jüngste Humanevolution betrifft, sind ja schon da. Zum Beispiel ganz gut zusammen gefaßt von Nicholas Wade (YT-Redakteuer) in "Before the Dawn". Und das ist erst die Spitze des Eisberges.
Genauso wie wir in Europa Milchverdauung evoluiert haben, haben die Afrikaner Malaria-Resistenz evoluiert. Glaube 40 oder 60 % der Arzneimittelwirkstoffe in Asien und Europa sind verschieden trotz Jahrzehnte langen intensiven wissenschaftlichen und medizinischen Austausches.
Bei den Chinesen und den Buschleuten hat man keine ADHS-Gene gefunden. Und so geht es immer weiter. Auf all diesen Vorlaufsstudien beruhte ja die Studie von Gregory Cochran und Henry Harpending zur Evolution des aschkenasischen Judentums. Die aschkenasischen Juden mit ihrem einzigartigen Spektrum von Erbkrankheiten und Intelligenz-Genen sind ja kein Einzelfall. Alle Völker haben sich noch in den letzten tausend Jahren evolutiv weiterentwickelt und werden dies auch künftig tun.
Insofern käme Deinem "Wettbewerb der Religionen" nach den neuen Paradigmen noch ganz neue Bedeutung zu. Entscheidende Bedeutung haben immer auch Aussterbe-Ereignisse und darauf folgende Flaschenpopulationen (aus einer solchen sind ja auch die aschkenasischen Juden hervorgegangen).
Gerade dieser "Wettbewerb der Religionen" scheint von dem von mir sehr geschätzten Robin Dunbar ("Klatsch und Tratsch") und Kollegen an der Uni Durham vor ein paar Wochen thematisiert worden zu sein. (Siehe mein Blog.) Der Dunbar leitet ja eine neue Forschungsgruppe, die die Evolution der Religiosität erforscht.
Genauso wie wir in Europa Milchverdauung evoluiert haben, haben die Afrikaner Malaria-Resistenz evoluiert. Glaube 40 oder 60 % der Arzneimittelwirkstoffe in Asien und Europa sind verschieden trotz Jahrzehnte langen intensiven wissenschaftlichen und medizinischen Austausches.
Bei den Chinesen und den Buschleuten hat man keine ADHS-Gene gefunden. Und so geht es immer weiter. Auf all diesen Vorlaufsstudien beruhte ja die Studie von Gregory Cochran und Henry Harpending zur Evolution des aschkenasischen Judentums. Die aschkenasischen Juden mit ihrem einzigartigen Spektrum von Erbkrankheiten und Intelligenz-Genen sind ja kein Einzelfall. Alle Völker haben sich noch in den letzten tausend Jahren evolutiv weiterentwickelt und werden dies auch künftig tun.
Insofern käme Deinem "Wettbewerb der Religionen" nach den neuen Paradigmen noch ganz neue Bedeutung zu. Entscheidende Bedeutung haben immer auch Aussterbe-Ereignisse und darauf folgende Flaschenpopulationen (aus einer solchen sind ja auch die aschkenasischen Juden hervorgegangen).
Gerade dieser "Wettbewerb der Religionen" scheint von dem von mir sehr geschätzten Robin Dunbar ("Klatsch und Tratsch") und Kollegen an der Uni Durham vor ein paar Wochen thematisiert worden zu sein. (Siehe mein Blog.) Der Dunbar leitet ja eine neue Forschungsgruppe, die die Evolution der Religiosität erforscht.
Fischer (Gast) - 15. Nov, 17:45
Mal als Einwurf: Ihr zwei seid echt Klasse. Wenn ihr das Thema noch ne Weile weiterdiskutiert, könnt ihr das als Buch rausgeben.
blume-religionswissenschaft - 15. Nov, 22:08
Hmmm... Wäre einen Gedanken wert. Der auch kulturhistorisch forschende Biologe versus dem auch biologisch forschenden Religionswissenschaftler... Wenn sich ein Verleger findet... (-;
Fischer (Gast) - 16. Nov, 18:06
Das denke ich schon, hat ja im Grunde alle Reizbegriffe: Zwei Kulturen, Bioethik, Gene, Religion, Familie. Dann noch mit Blogs, und für die Seriosität bürgt der Begriff Elite-Uni. ;-)
Ich würd das zumindest mal im Hinterkopf behalten.
Auf jeden Fall ist das Thema hochspannend. Ich würd ja mitdiskutieren, aber ich bin derzeit schon froh, wenn ich mit dem Lesen hinterherkomme.
Ich würd das zumindest mal im Hinterkopf behalten.
Auf jeden Fall ist das Thema hochspannend. Ich würd ja mitdiskutieren, aber ich bin derzeit schon froh, wenn ich mit dem Lesen hinterherkomme.
Kunar - 17. Nov, 02:26
Versuch wert
Leider ist der Begriff "interdisziplinär" in den letzten zehn Jahren zu einer reinen Worthülse verkommen, sonst wäre das das richtige Etikett. Immerhin könnte man in die Waagschale werfen, dass hier offenbar keine Studien im Auftrag irgendwelcher Reformer geschehen. (Im Antragsformular solcher Studien gibt es ganz unten ein Feld, in dem das gewünschte Ergebnis eingetragen wird, welches bei der Forschung herauskommen soll.) Es wird dringend Zeit, dass mal wieder ein Buch erscheint, in dem Themen wie Demographie, Ausländer, Integration, Religion, modernes Leben usw. behandelt werden, ohne dass es platt auf eine bestimmte politische Linie hinausläuft. Damit ließen sich auch Leserkreise erschließen, die mit Internet oder Blogs nichts am Hut haben.
ingo_34 - 23. Nov, 12:45
Na klar! ...
Irgendwie verpasse ich hier manchmal Diskussionen, obwohl ich doch schon immer so fleißig die Diskussionsleiste - fast täglich - überprüfe! Hm! - ?
Also: Die Literatur für ein solches Buchprojekt habe ich ja schon umfangreich gesichtet ,gegliedert und zusammen gestellt:
http://www.lulu.com/content/1230824
Wenn nun noch jemand genannt würde, bekannt wäre, der einen - sagen wir - für sechs Monate freihält was das Text-Verfassen betrifft, könnte ein neuer Jared Diamond-Bestseller (- was denn wohl sonst?!) schnell auf den Markt geworfen werden!
Also: Die Literatur für ein solches Buchprojekt habe ich ja schon umfangreich gesichtet ,gegliedert und zusammen gestellt:
http://www.lulu.com/content/1230824
Wenn nun noch jemand genannt würde, bekannt wäre, der einen - sagen wir - für sechs Monate freihält was das Text-Verfassen betrifft, könnte ein neuer Jared Diamond-Bestseller (- was denn wohl sonst?!) schnell auf den Markt geworfen werden!
Edgar (Gast) - 24. Nov, 23:23
Themenwunsch
Mein Themenwunsch für euer Buch, wenn´s tatsächlich kommt ;-)
Gruß,
Edgar
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Richard Dawkins: Nachdenken über "Menschenzucht" (2007)
Thomas Metzinger: Die "naturalistische Wende im Menschenbild" (2006)
Peter Sloterdijk: "Regeln für den Menschenpark" (1999)
Karl Rahner: "Zum Problem der genetischen Manipulation
aus der Sicht des Theologen." (1970)
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Vielleicht auch interessant für euch:
Günter Altner: "Die Güte - Qualität - des Lebens im Horizont des biotechnischen Perfektionsdrangs" In: Lebensqualität in der Diakonie (2002)
- http://www.diakonie.de/downloads/DD-02-03.pdf
Gruß,
Edgar
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Richard Dawkins: Nachdenken über "Menschenzucht" (2007)
Thomas Metzinger: Die "naturalistische Wende im Menschenbild" (2006)
Peter Sloterdijk: "Regeln für den Menschenpark" (1999)
Karl Rahner: "Zum Problem der genetischen Manipulation
aus der Sicht des Theologen." (1970)
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- http://www.diakonie.de/downloads/DD-02-03.pdf




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