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Sonntag, 10. Juni 2007

Herwig Birg und die Demografie des modernen Christentums

Wenn ich Lust auf etwas Melancholie habe, greife ich nach dem demografischen Evergreen "Biographische Theorie der demographischen Reproduktion" von Birg, Flöthmann & Reiter aus dem Jahre 1991.

Vor 16 (sechzehn!) Jahren standen sie hier bereits drin, wegweisende, religionsdemografische Daten aus dem modernen Deutschland (Geburtsjahrgänge 1950 und 1955), zum Beispiel:

- Frauen tendieren sehr viel seltener zur Konfessionslosigkeit (hier: 14%) als Männer (hier: 22%).

- Ebenso fühlten sich 20% der Frauen ihrer Religion stark oder sehr stark verbunden, aber nur 15% der Männer.

- Es gibt ein starkes Stadt-Land- und jünger-älter-Gefälle, wobei inmitten der städtischen und jüngeren Kohorte bereits erste Anzeichen auch der Belebung von Freikirchen auftreten.

- Vor allem aber: Es wird ein ganz klarer Zusammenhang zwischen religiöser Verbundenheit und Kinderzahl sichtbar, übrigens einer der stärksten Einzelfaktoren des gesamten Projektes.

Für einige frühe Vorträge hatte ich diese Daten zu einem Schaubild gefasst:



Warum mich das nicht einfach freut, sondern eher melancholisch macht? Nun, hier liegen seit 16 Jahren spannende Daten, die meines Erachtens jeden, der z.B. über Biologie & Religion nachdenkt, elektrisieren müßten. Das ist aber nicht geschehen. Als ich vor einigen Monaten mit Herrn Birg in Berlin zusammentraf, stellte er bedauernd fest, dass auch dieser Aspekt weder in der öffentlichen Diskussion noch in der Wissenschaft vertieft wurde.

Natürlich: die Daten können noch nicht beantworten, ob der Zusammenhang mit "Religion an sich" oder nur mit "Tradition" im Sinne eines Abbremsens des demografischen Abschwungs zu tun hat. Das ist ein Problem, mit dem auch neuere Demografen wie die hervorragende Arbeit von Nicole Brose Gegen den Strom der Zeit? – Vom Einfluss der religiösen Zugehörigkeit und Religiosität auf die Geburt von Kindern und die Wahrnehmung des Kindernutzens in der Zeitschrift für Bevölkerungswissenschaft 2006 noch ringen.

Aber andererseits haben wir doch gerade in Deutschland starke, theologische Fakultäten. Ein, zwei pfiffige Magisterarbeiten oder Dissertationen zum Zusammenhang von Religion-Demografie hätten da doch drin sein müssen, zumal das Thema doch immer wieder die Republik bewegte!

Aber - nada. Zum Großteil bis heute schnarcht der Wissenschaftsbetrieb einschließlich der Theologien, als ob der Zusammenhang Glaube - Liebe - Kinder oder auch der biologische Erfolg des Glaubens uninteressant gewesen wäre...

Jetzt wissen Sie, warum ich sowohl als Wissenschaftler wie auch als Christ melancholisch werde, wenn ich das Buch von 1991 aus dem Regal ziehe...

Trackback URL:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/3820301/modTrackback

Ingo (Gast) - 10. Jun, 08:05

Melancholie ...?

kann ich verstehen.
allerdings müßte Dir doch der Herr Birg auch zu verstehen gegeben haben, daß er in jenen Zeiten einer Enquet-Kommission "demographischer Wandel" des deutschen Bundestages angehörte, und daß an dem gleichen Tag, an dem im Bundestag der Bericht dieser Kommission diskutiert wurde, auch die Telefongebühren-Ordnung diskutiert wurde - - - und daß die Zeitungen, Fernsehn und Rundfunk-Anstalten nur über den letzteren Tagesordnungspunkt berichteten.

Natürlich haben die Medien auch Einfluß auf das, was Studenten und Wissenschaftler sich für Fragen stellen.

Das kann man sich heute kaum noch vorstellen, wie wenig noch vor wenigen Jahren demographische Fragen auch nur im leistesten den intellektuellen Horizont eines Zeitgenossen berührten ...

So ist es...

Wenn Demografie ein Thema wäre, dass niemand diskutiert - na gut. Wenn es ein Thema wäre, dass den Kirchen peinlich sein müßte - dann hätten wir uns jetzt wenigstens moralisch empören können. (-;

Aber dass über Jahre spannende Daten und Forschungen liegenbleiben, vor allem wohl weil sie Disziplingrenzen überschreiten, zeigt m.E. dass unser Wissenschaftsbetrieb in einer beklagenswerten Verfassung ist.

Ich glaube übrigens auch, dass solche Erfahrungen zu Birgs Pessimismus beigetragen haben, für den ihn heute wiederum einige angreifen.

Naja, wenigstens scheint es ihm eine kleine Freude gewesen zu sein, dass jetzt endlich Forschungen beginnen. Ein bissle sehe ich auch die Verpflichtung, seine Arbeit zu würdigen.
Ingo (Gast) - 10. Jun, 16:12

ja

vor Herwig Birg habe ich große Hochachtung. Der hat schon sehr frühzeitig sehr grundlegende Fragen gestellt.
Und Meinhard Miegel ("Das Ende des Individualismus"). Und Rosemarie von Schweitzer (5. Familienbericht der Bundesrepublik Deutschland).
Aber einer der Frühesten und zugleich Grundlegendsten war wohl: Gerhard Mackenroth. Der "einsame Klassiker".

Basty Castellio - 8. Dez, 10:08

Skeptische Frage dazu

So sehr mich das freuen könnte: reproduktiver Vorteil zeigt auch, dass Religion nicht so einfach als Krankheit denunziert werden kann.
Dennoch:
Wird dabei der Zusammenhang zwischen Religionsverbundenheit und Sozial- / Bildungsschicht mitbedacht? Ich könnte mir vorstellen, dass es auch signifikante Unterschiede in der Zahl der Kinder gibt etwa: zwischen Frauen in (industriellen/ politischen/ wissenschaftlichen) Führungspositionen und Hilfsarbeiterinnen; auch zwischen Wählerinnen der FDP und Wählerinnen der CSU; zwischen Miliionärinnen und Hartz -IV-Empfängerinnen, zwischen Flugzeugführerinnen und Radfahrerinnen...
Zumindest ist es doch wohl kein einliniger Zusammenhang sondern ein Regelkreis, in dem mehrere Eckdaten berücksichtigt werden müssen. Wie weit geschah das?

Basty

War natürlich...

Hallo Basty Castellio,

das war natürlich die erste Frage, auch schon im Rahmen unserer ersten ALLBUS-Auswertung (Artikel dazu hier)

http://www.blume-religionswissenschaft.de/pdf/blume_germ2006.pdf

. Und das Ergebnis war eindeutig: der reproduktive Zusammenhang bestand quer durch die Bildungs- und Einkommensschichten, nahm mit steigender, sozioökonomischer Entwicklung sogar relativ zu! Salopp gesagt: in klassischen Agrargesellschaften braucht fast jeder viele Kinder (Altersversorgung, Arbeitskräfte etc.), erst in Industrie- und Wissensgesellschaften werden sie zu Kosten- und Entscheidungsfragen (z.B. zwischen Kind und Karriere(n)).

Noch deutlicher waren dann die Ergebnisse der Schweizer Volkszählung: so standen die reproduktiven Erfolge insbesondere von jüdischen und freikirchlichen Gemeinschaften neben Rekord-Bildungsraten, hohen Berufserfolge und großstädtischem Leben.

Und auch umgekehrt lässt sich z.B. der Kinderreichtum der Amish in den USA im Vergleich zu den Landwirten in den gleichen Counties nicht ohne den religiösen Faktor erklären.

Eine kleine Sammlung reproduktiver Daten finden Sie auch hier: http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4047705/

Würde mich freuen, wenn Sie am Thema mit dranbleiben!
(-:

Herzliche Grüße

Michael Blume

Dr. Blume

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