Freitag, 18. Mai 2007

Religionsdemografischer Kommentar: Baby-Boom in Deutschlands Städten

...unter dieser Schlagzeile weist die Zeitung "Die Welt" heute auf ein Ergebnis ihrer Umfrage an die Städte hin. Demnach seien im ersten Quartal 2007 in den deutschen Großstädten "bis zu" 21 Prozent mehr Kinder geboren worden als im Vorjahr. (Artikel hier)
Während eine Minderheit der städtischen Stimmen noch ernsthaft einen bedeutenden Zusammenhang mit der Euphorie der Fussball-Weltmeisterschaft (!) sehen will, erkennt die Mehrheit doch an, dass dieser Trend wohl mit der Einführung des modernen Elterngeldes zu tun habe.

Reaktionen

Während sich die einen freuen und Familienministerin von der Leyen geboten vorsichtig-optimistisch formuliert, sind aber natürlich auch die Kritiker nicht weit: zum einen sei auch die attestierte Steigerung von "bis zu 21 Prozent" (in den meisten Städten sind es unter 10 Prozent, in wenigen Fällen sogar Minus) keinesfalls ein "Geburten-Boom" - immer noch liege die Fertilitätsrate damit weit unter den 2,1 Kindern pro Frau, die eine Population zur Bestandserhaltung benötige. Vor allem aber sei unklar, ob diese gesteigerte Rate nicht nur auf kurzfristige Verschiebungen des Geburtenwunsches zur Erlangung des Elterngeldes zurückzuführen sei - dann könnte es auch nur ein zeitliches Strohfeuer sein.

Religionsdemografische Relevanz

Aus der Warte der eigenen Arbeiten her betrachtet, passen die Ergebnisse auf jeden Fall sehr gut ins Bild: wieder einmal erweisen sich gerade auch reproduktive Entscheidungen des Menschen als in hohem Maße vorgeplant und abgewogen. In diesen Entscheidungsprozessen spielen biografische, soziale, wirtschaftliche, emotionale und eben auch religiöse Gründe eine Rolle - und durch Einwirkungen etwa auf die sozialen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen kann die Politik also durchaus einen gewissen, eigenständigen Einfluss nehmen.

Darüber hinaus bestätigt sich tendenziell auch die Beobachtung, wonach Religiosität zwar zu Kindern ermutigt, familienpolitischer Traditionalismus aber Kinderwünsche hemmt. Traditionalistische versus flexible Staaten im Staatenvergleich, aber auch traditionalistische Gemeinschaften im innergesellschaftlichen Vergleich (siehe Schaubild) schneiden regelmäßig schlechter ab als Gemeinschaften mit flexiblerer Familienorientierung.

Diese neu erstellte Grafik zeigt an, mit wie vielen Kindern Männer zwischen 35 und 46 Jahren in Schweizer Großstädten je in den Volkszählungen 1970, 80, 90 und 2000 in einem Haushalt lebten. Man beachte die Unterschiede, z.B. den stabilen Verlauf der jüdischen Demografie (oben, rot) und die durchgängig schwache Performance der Konfessionslosen (unten, schwarz). Klick führt zum Gesamtskript des Vortrages.

Mit der Modernisierung und Flexibilisierung der Familienförderung kann also m.E. auch dauerhaft durchaus ein höheres Geburtenniveau erreicht werden - auch wenn sicherlich Vorzieh- und Pendeleffekte noch eine ganze Weile Ausschläge nach oben und unten verursachen werden.

Auch wenn mir das wieder eine kleine Flut erboster, traditionalistischer Post einbringen wird: Aus religionsdemografischer Sicht möchte ich auch weiterhin behaupten - familienpolitische Reformen a la Ministerin von der Leyen machen demografisch Sinn!

Auch die neueren Daten könnten im übrigen, so ist zu hoffen, durchaus auch traditionalistische Lager der Theologie(n) noch einmal zum Nachdenken bringen. Religion wirkt dann lebensförderlich, wenn sie sich nicht gestreng über, sondern helfend neben die Familien stellt!

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http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/3741852/modTrackback

Ingo (anonym) - 24. Mai, 19:51

War wohl doch nichts


Auf keinen Fall...

...aufgrund des Fussballereignisses! (-:

Spannend wird eben tatsächlich sein, ob wir es nur mit statistischen Ausschlägen, mit einer (einmaligen) Verschiebung der Geburten zur Einführung des Elterngeldes oder mit einem längerfristigen Trend zu tun haben.

Ingo, ich biete Dir als Blogwette: am Ende (d.h. im Frühjahr 2008, wenn wir die Daten 2007 haben) wird (mindestens) ein Verschiebungseffekt sowie eine leichte Steigerung herauskommen! Wettest Du dagegen?

Der Verlierer muss Anfang 2008 einen Artikel zum Thema "Störche und Geburtenraten" bloggen, verbunden mit einem Hinweis auf die Wette.

Bist Du dabei!? (-;
Ingo (anonym) - 25. Mai, 11:16

Hm!

Also bei Dingen, bei denen ich mir sicher bin, da halte ich gerne kräftig dagegen. Aber in DIESER Frage?
Es wäre natürlich erfreulich, wenn Du recht hättest. Und ich sehe dem Frühjahr 2008 da jetzt mit einiger Erwartung entgegen. (... Schreibe dann auch gerne den Blogeintrag, wenn Du recht behalten solltest!)

Es ist ja nur so, daß so KLEINE "Ausschläge" an den großen Trends nicht besonders viel ändern werden. Wenn heute schon ein Drittel der Kinder in Deutschland "Migrationshintergrund" haben, dann deutet das auf einen mittelfristigen Kulturwandel in Europa hin, wie es ihn seit der Spätantike nicht mehr gegeben hat.

Und wie solche Entwicklungen vor dem großen Rahmen der Weltgeschichte zu beurteilen sind, das halte ich für die entscheidenden Fragen. Ich halte es auch für richtig zu fragen, wie dies vor dem Rahmen der menschlichen IQ-Evolution der letzten 200.000 Jahre zu beurteilen ist, die offenbar mit der Evolution gesellschaftlicher Komplexität korreliert.

Will also heißen: Eine so säkularisierte Welt wie die unsere wird den großen Trend in Richtung Untergang des Abendlandes durch ein bischen mehr Elterngeld nicht umkehren können. Solche Fragen werden sicherlich nicht mehr durch "Einzelkorrekturen" im System zu korrigieren sein.

Aber natürlich: Alles ist zunächst zu begrüßen, was in die bessere Richtung führt.

Kulturwandel, IQ-Evolution

Hallo Ingo,

Deine Bedenken sind mir nicht aus dem Kopf gegangen. Ich sehe das positiver (das wird auch in dem Hayek-Vortrag zum Ausdruck kommen, der ab morgen (07.06.) auch über den Blog abrufbar sein sollte), möchte aber auf Deine Sorgen schon eingehen.

"Kulturwandel" - ja, wir sind inmitten einer demografischen und teilweise auch religiös-kulturellen Umwälzung. Im Gegensatz zur Spätantike sind aber die Übergänge sehr viel fließender geworden, beispielsweise besuchen unsere Kinder gemeinsame Bildungseinrichtungen, konsumieren vergleichbare Medien usw. Und es entsteht schon jetzt erkennbar z.B. in der zweiten, dritten Generation ein deutschsprachiger Islam sowie zahlreiche Crossover-Kulturen im Jugendbereich. Auch wird ja auch keine Urpopulation mit Gewalt verdrängt - sondern wir haben es mit dem Ergebnis Millionen individueller Entscheidungen für bzw. gegen Partnerschaft und Kinder zu tun. Wer immer sich um das Deutschtum sorgt - der kann sich doch am besten für ein paar Kinder entscheiden und sich ggf. auch für bessere Integration, Bildung und Kulturarbeit engagieren! Es liegt doch an uns, was und wieviel bleibt, ob und wohin sich unsere Kultur entwickelt usw.

Mir macht die Vielfalt nichts aus, da steckt m.E. in Zukunft Wettbewerb und Dynamik drin. Und Mischungen von Populationen (d.h. Erweiterungen des Genpools) wirken sich doch auch biologisch eher positiv als negativ aus, davor haben doch nur Rassisten Angst.

Das mit der IQ-Evolution verstehe ich entsprechend nur teilweise. Abgesehen davon, dass Zuwanderer nach Deutschland vielleicht bisher seltener Bildungsschichten entstammten, aber kaum per se niedrigere IQs mitbringen dürften, stimmt Deine Beobachtung natürlich insofern, als dass bisher die Kinderlosigkeit in Deutschland vor allem akademische Schichten betroffen hat. Gerade diese Bereiche profitieren aber von einer besseren Familienförderung, wie sie jetzt endlich in Gang kommt.

Ich brauche Dir aber ja nicht zu sagen, dass der IQ eben auch nur eine Meßgröße ist, neben der andere (z.B. emotionale Intelligenz, Musikalität usw.) denkbar sind. Und "religiös + hoher IQ" bekommt ja laut der Daten durchaus überdurchschnittlich viele Kinder. Gerade für gebildete, religiöse Männer sehen die Daten doch sehr gut aus! Wir könnten allenfalls von einem Flaschenhals zu sprechen, der den Reproduktionserfolg von "säkular + hoher IQ" tendenziell abwürgt, nicht aber von einem generellen Stop. Und wenn wir von der Weltgeschichte sprechen: Europa ging in den letzten Jahrhunderten durch ein enormes Bevölkerungswachstum (mehrere andere Kontinente besiedelnd!), von dem wir selbst bei längerem Abnahmetrend nur einen (vorwiegend säkularen) Teil wieder verlieren würden.

Also, einen "Untergang des Abendlandes" sehe ich nicht, allenfalls eine potentiell vorteilhafte Anreicherung zu einer (genetischen, kulturellen, religiösen etc.) Vielfalt. Und nur im friedlichen Wettbewerb mit- und umeinander, nicht aber in einer linearen Aufstiegslinie entlang nur einer Variable (z.B. IQ) würde ich mir eine auch längerfristig positive Entwicklung versprechen. Es kommt m.E. stets auf die Kombination von Eigenschaften an.

Ich hoffe, Deine Sorgen ein wenig gemildert zu haben und bin gespannt, wie Dir der Hayek-Vortrag (verfügbar ab morgen) gefällt!

Alles Liebe

Michael
Ingo (anonym) - 7. Jun, 22:40

Auch Augustinus machte sich Gedanken ...

Hallo Michael!

Tip: Sanssouci nicht an Feiertagen besuchen!!! Schloß Glienicke ist auch sehr schön. Schwaneninsel, wo Kleist sich die Kugel in den Kopf schoß. (- Aber nicht nachmachen!!!)

Also ich stimme jedem einzelnen Wort Deines Kommentares zu. Zu IQ müßte man wahrscheinlich noch viel erörtern und wenn man es zu kurz faßt, wird es leicht mißverständlich. Ist auch jetzt vielleicht nicht die richtige Gelegenheit dazu. IQ ist nur EINE Variable. Vollkommen richtig und ein sehr wesentlicher Aspekt, den es mit zu bedenken gilt. IQ macht nicht den Wert des Menschen aus. Das bestimmen ja ganz andere Dinge.

Man kann wohl schon mit Nicholas Wade sagen, daß wir ab heute die Humanevolution (mit-)bestimmen. Jeder einzelne von uns. Einfach dadurch, daß wir bewußter als jemals zuvor die Lebensbedingungen festlegen, in denen Fortpflanzung stattfindet oder eben nicht. Und wir verstehen auch die Folgen von Entscheidungen nach dieser oder jener Richtung immer besser.

Meinhard Miegel hat mit seiner These vom "Ende des Individualismus" wie ich denke dazu auch allerhand Denkanstöße gegeben.

Ich arbeite viel über das Thema "Collaps of Complex Societies". Das hat ja der Jared Diamond mit seinem "Kollaps" nur thematisiert und illustriert und nur wenig theoretisch durchgearbeitet. Dazu liegt schon viel länger die Arbeit von Joseph A. Tainter vor:
http://www.amazon.de/Collapse-Complex-Societies-Studies-Archaeology/dp/052138673X/ref=sr_1_1/028-3023842-8322908?ie=UTF8&s=books-intl-de&qid=1181246704&sr=1-1
Er spricht von der "Mindestproduktion innovativen Wandels", die jede Gesellschaft leisten muß, damit sie nicht kollabiert und faßt das auch theoretisch genauer.

Und wenn man alles zu Ende bedacht hat, bleibt immer noch der Grundsatz bestehen, daß Sein nicht Sollen bedeutet. WIR müssen aus freiem Entscheid festlegen, was wir wollen. Aber wir sollten die Entscheidungen so bewußt wie nur immer möglich treffen. Wir haben heute viel mehr Wissen und damit Verantwortung als - etwa - die Menschen der Spätantike.

Wenn man etwa die Schriften von Augustinus liest, so merkt man, daß die sich schon damals der Verantwortung bewußt waren, die sie für eine große, reiche untergehende Kultur hatten. Es ist ja nicht so, daß Augustinus und seine Kollegen die heidnische antike Kultur in Bausch und Bogen verdammt hätten. Ganz im Gegenteil. Es war das - fast - alles, was ihr Leben ausmachte.

Augustinus wußte nur einfach den damaligen Menschen (und sich selbst) "hier auf dieser" Welt keine echten Leitbilder mehr zu geben, die die staatsbürgerlichen Tugenden der Römer neu untermauert und bekräftigt hätten. Seine Leistung war die Begründung des mönchischen Ethos, der aber zelebrierte die Abwendung von der Welt, nicht die Hinwendung zu ihr und konnte so den Untergang der antiken Welt nicht aufhalten.

Na. So viel auf die Kürze. Ist ja ein riesen Thema.

Wow!

Starker Beitrag! Danke!

Kann ich so stehenlassen, wobei ich in der Frage, ob Askese/Mönchtum den Niedergang Spätroms mitverursacht habe (eine klassische These nach Edward Gibbon) unschlüssig bin. Mir erscheinen z.B. die Aufbauleistungen der Benediktiner und die "Kulturspeicherung" der irisch-keltischen Mönchsorden (als Europa in und nach der Völkerwanderung große Teile seines historischen Gedächtnisses verlor) dagegen zu sprechen und in "Die Biologie des Zölibats" habe ich ja auch dargestellt, dass sich das Zölibat unter bestimmten Umständen sogar biologisch rechnen kann. Aber ich will nicht ausschließen, dass z.B. die Leibfeindlichkeit (die Augustinus stark aus dem Manichäismus entnahm) tatsächlich tiefgreifende, auch negative Folgen hatte.

Also nochmal: Danke für Deine lesenswerten Beiträge!!!
Ingo (anonym) - 9. Jun, 06:30

Mönchstum

Nur noch kurz: Ich wollte nicht zum Ausdruck bringen, daß das Mönchstum den Niedergang VERURSACHT hat.

Im Gegenteil, es waren sicherlich - u.a. - die Brutalisierung und "Sexualisierung" der Gesellschaft (die man schon in Pompeji besichtigen kann, die in den Stadien stattfand, und die ja auch alle großen Römer kritisiert haben), die einer der Hauptgründe für den Niedergang waren und EXAKT darauf reagiert ja das Mönchstum (war ja in der Bibel gar nicht vorgesehen, sondern eine Reaktion auf die Kultur der Spätantike).

Ich wollte nur zum Ausdruck bringen, daß das Mönchstum ganz offenbar keine ausreichende Reaktion, Antwort war, um den Niedergang aufzuhalten. Das Mönchstum hat - sozusagen - "unterirdisch" an der Geschichte weitergearbeitet, indem es all das gespeichert hat, wie Du richtig sagst, aus dem dann die diversen Renaissancen hervorgehen konnten.

Sollten wir mittelfristig etwa auch über eine solche - "unterirdische" - Speicherung für künftige Geschichtsepochen nachdenken? Stehen wir vor einem neuen Mittelalter? Manche Hinweise gibt es, manche Leute vermuten es. (Z.B. der amerikanische Bestseller "America alone", obwohl mir der Schreibstil dieses Buches ganz und gar nicht gefällt.)

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