Wird Deutschland islamisch?
Nachtrag 12/07: Ein aktueller Blogeintrag mit Datengrafiken zum Thema hier. -

Als der christlich-islamische Koordinierungsrat KCID für seine Jahrestagung vom 23.-25.11.2007 in der Evangelischen Akademie Bad Boll einen Vortrag zu obigem Thema anfragte, schluckte ich zunächst - und sagte dann umso lieber zu.
Die Einladung zur öffentlichen Tagung als Text und pdf-Flyer hier!
Denn eigentlich ist es der völlig richtige Weg: statt Ängste schlummern zu lassen, gilt es, diese offensiv ansprechen, auf Faktenbasis aufzuklären und Wege zu suchen. Also freue ich mich darauf, bastele an einem datenreichen Vortrag und werde den auch gleich nach der Tagung natürlich auf die Homepage stellen.
Denn es stimmt ja: so viele Daten der deutsche Staat und die Wissenschaft auch erheben - zu den religionsbezogenen Themen, die viele Menschen bewegen (und verunsichern) gibt es oft wenig Konkretes. Während das Nachbarland Schweiz alle zehn Jahre in einer Volkszählung auch die religiösen Verhältnisse erfasst (ein spannendes und bereicherndes Bild sowohl für die Gesamtgesellschaft wie auch die einzelnen Religionsgemeinschaften selbst!), setzen sich in Deutschland derzeit vor allem engagierte Religionswissenschaftler (wie REMID) nach Kräften für die Bündelung verfügbarer Daten ein. Insgesamt bleibt aber beispielsweise die reale Entwicklung des Islam in unserem Land noch immer eine (wie FOCUS richtig schreibt) "Unbekannte Größe".
Zwischen fehlender Information und Angst
So wird offiziell immer noch und immer wieder von 3,2 Millionen Muslimen in Deutschland gesprochen, obwohl auf diese Zahl aus dem Jahr 2000 schon eine knappe halbe Million Geburten sowie jährliche Nettozuwanderung zu rechnen wäre. Wir dürften uns längst eher nahe vier Millionen bewegen und sollten uns nicht wundern, dass, wo Informationen fehlen und sich die Menschen verschaukelt fühlen (müssen), natürlich auch Ängste und teilweise gezielt gesäte Spekulationen wuchern.
Ein beliebter "Trick" aus dem islamophoben Bereich besteht beispielsweise darin, aus vergangenen, jährlichen Wachstumsraten (beispielsweise der Verdoppelung der Zahl der Muslime von der letzten Volkszählung 1987 bis zur bislang letzten offiziellen Schätzung des Bundesinnenministeriums in 2000 oder einer geschätzten Wachstumsquote von 6,6% zwischen 2000 und 2001) exponentiell in die Zukunft hinein zu rechnen (sogar mit Grafiken, beispielsweise auch bei Udo Ulfkotte. Mit dieser (gerne auch mit Berufung auf Malthus oder Darwin pseudoargumentativ abgestützten) "Annahme" lassen sich natürlich schnell Szenarien berechnen, nach denen die deutsche Bevölkerung zur Mitte des Jahrhunderts mehrheitlich aus Muslimen bestünde. Mit seriöser Wissenschaft hat das aber natürlich nichts mehr zu tun.
Ein paar reale Fakten
Denn in den 90er Jahren verzeichnete Deutschland eine exorbitant hohe muslimische Nettozuwanderung (v.a. Asylgesetze, Bürgerkriege auf dem Balkan etc.), die sich seitdem sukzessive abgeschwächt hat. Auch ein Teil der derzeitigen Familiengründungen geht noch auf diese Einwanderungswelle zurück. Es ist unredlich, diese Sonderfaktoren einfach "fortzuschreiben", als passierten sie regelmäßig.
Die Geburtenzahl von Muslimen in Deutschland gleicht sich nach allen Erkenntnissen den deutschen Gesamtwerten an, wenn auch von einem noch deutlich höheren Niveau. Und: nicht >die< Muslime bekommen generell weiterhin viele Kinder, sondern eher nur der religiösere Teil - ganz genauso wie das auch unter Christen und Juden der Fall ist (dazu z.B. ein Artikel zu Religion und Demografie in Deutschland). Nicht nur der Islam, sondern generell aktive Religionszugehörigkeit wirken geburtenfördernd - was maßgeblich zur auch biologischen Evolution der Religiosität beigetragen haben dürfte.
Auch im internationalen Vergleich verhalten sich Muslime demografisch ebenso wie andere Gesellschaften, die zuvor durch die "demografische Transition" (rapides Ansteigen der Lebenserwartung, aber erst langsames Absinken der Geburtenzahl) gegangen und zeitweise massiv gewachsen sind. Denken wir daran, dass gerade wir Europäer in den letzten Jahrhunderten aus unseren Bevölkerungsüberschüssen Nord- und Südamerika, Australien und zahlreiche weitere Gebiete besiedelt haben, bevor unsere Geburtenzahlen sanken!
Die Muslime gehen heute durch die gleiche Entwicklung - wenn auch sehr viel schneller. Die Geburtenrate türkischer Frauen liegt derzeit nur noch bei 2,2, der Iran sogar nur noch bei 2,0, auch die muslimischen Populationen in Albanien und Bosnien haben bereits begonnen ihrerseits zu unterjüngen. Mit Ausnahme Somalias geht das Bevölkerungswachstum aller mehrheitlich islamischen Staaten derzeit zurück, in einigen Fällen sehr schnell (siehe z.B. Bericht des Population Research Center, Princeton).
Das bedeutet natürlich nicht, dass das globale, muslimische Bevölkerungswachstum binnen weniger Jahre zum Stehen kommen wird. Die große Zahl heranwachsender junger Leute und die steigende Lebenserwartung wird beispielsweise auch in der Türkei und im Iran noch bis zur Mitte des Jahrhunderts eine steigende Bevölkerungszahl verursachen. Auch Frustrationen junger Leute, Arbeitslosigkeit und Konflikte werden nicht sehr schnell aufhören - dagegen können und sollten wir heute etwas tun (z.B. faire Welthandelsregeln). Aber die Daten belegen keine Sonderentwicklung für die islamische Welt, sondern eine langsam abnehmende Tendenz, wie sie im letzten Jahrhundert auch Europa (wie geschrieben: einschließlich der Muslime etwa auf dem Balkan und inzwischen in der Türkei) durchlaufen hat.
Fazit: Deutschland wird nicht islamisch, bekommt aber eine bedeutende, muslimische Minderheit
Die Demografie von Muslimen entwickelt sich nirgendwo auf der Welt grundsätzlich anders als die anderer weltreligiöser Gemeinschaften. In Deutschland sinkt die muslimische Geburtenrate, wenn auch innerhalb der Nettozuwanderung nach Deutschland nachziehende Ehegatten sowie Zuwanderer außereuropäischer Herkunft an Bedeutung gewinnen, was die nachlassende Geburtenhäufigkeit der Muslime türkischer Herkunft etwas ausgleicht. Dass derzeit auf die rund 5% des muslimischen Bevölkerungsanteils mehr als 10% aller Geburten in Deutschland entfallen, hat nur zu einem kleineren Teil mit der noch höheren Religiosität und Geburtenzahl zu tun - zu einem größeren Teil damit, dass die muslimischen Zuwanderer durchschnittlich jünger und also häufiger in der Familienphase sind als die bereits alternde, deutsche Bevölkerung. Insofern dürfte ein stabiles, nicht aber exponentielles Wachstum die Entwicklung des Islam in Deutschland bestimmen, wie wir es auch in einem Seminar 2006 prognostizierten (Seminarbericht Islam 2030). Um 2030 könnten demnach rund sieben Millionen Muslime etwa ein Zehntel der deutschen Bevölkerung stellen - eine wichtige Minderheit, aber bei weitem nicht die von manchen behauptete Dominanz.
Demografie und insbesondere der Zusammenhang von Religion und Demografie bleiben spannende und wichtige Themen, sie tragen zum Wettbewerb der Religionen und damit auch zur Qualitätsverbesserung etablierter Kirchen und Gemeinschaften bei.
Wer sich ernsthaft und wissenschaftlich mit Religionsdemografie auseinandersetzt, kommt zu dem Ergebnis, Dialog, Zusammenarbeit, Demokratie, Bildung und wirtschaftliche Entwicklung zu fördern, um eine global wie regional ausgeglichene Bevölkerungsentwicklung zu erreichen. Deutschland selbst bleibt eine moderne Familien- und Bildungspolitik und auch postmaterialistische Besinnung auf den Wert des Lebens in Familien zu wünschen, wie sie je an vielen Orten sich zu entwickeln beginnen. Glaube, Liebe und Kinder hängen zusammen - und andere sind nicht schuld daran, sollte es uns heute daran mangeln.
Wer aber Minderheiten diskriminiert, für die je eigenen, niedrigen Geburtenraten verantwortlichen machen will oder gar groteske Verschwörungstheorien verbreitet, der verschärft nur die Konflikte und auch demografische Differenz.
Insofern freue ich mich schon sehr darauf, Ende November in Bad Boll versuchen zu dürfen, einen kleinen Beitrag für mehr seriöse Sachlichkeit zu leisten. Es würde mich freuen, wir würden uns dort sehen oder danach lesen. (-:
Nachtrag 12/07: Der aktuelle Blogeintrag mit Datengrafiken zum Thema hier.

Als der christlich-islamische Koordinierungsrat KCID für seine Jahrestagung vom 23.-25.11.2007 in der Evangelischen Akademie Bad Boll einen Vortrag zu obigem Thema anfragte, schluckte ich zunächst - und sagte dann umso lieber zu.
Die Einladung zur öffentlichen Tagung als Text und pdf-Flyer hier!
Denn eigentlich ist es der völlig richtige Weg: statt Ängste schlummern zu lassen, gilt es, diese offensiv ansprechen, auf Faktenbasis aufzuklären und Wege zu suchen. Also freue ich mich darauf, bastele an einem datenreichen Vortrag und werde den auch gleich nach der Tagung natürlich auf die Homepage stellen.
Denn es stimmt ja: so viele Daten der deutsche Staat und die Wissenschaft auch erheben - zu den religionsbezogenen Themen, die viele Menschen bewegen (und verunsichern) gibt es oft wenig Konkretes. Während das Nachbarland Schweiz alle zehn Jahre in einer Volkszählung auch die religiösen Verhältnisse erfasst (ein spannendes und bereicherndes Bild sowohl für die Gesamtgesellschaft wie auch die einzelnen Religionsgemeinschaften selbst!), setzen sich in Deutschland derzeit vor allem engagierte Religionswissenschaftler (wie REMID) nach Kräften für die Bündelung verfügbarer Daten ein. Insgesamt bleibt aber beispielsweise die reale Entwicklung des Islam in unserem Land noch immer eine (wie FOCUS richtig schreibt) "Unbekannte Größe".
Zwischen fehlender Information und Angst
So wird offiziell immer noch und immer wieder von 3,2 Millionen Muslimen in Deutschland gesprochen, obwohl auf diese Zahl aus dem Jahr 2000 schon eine knappe halbe Million Geburten sowie jährliche Nettozuwanderung zu rechnen wäre. Wir dürften uns längst eher nahe vier Millionen bewegen und sollten uns nicht wundern, dass, wo Informationen fehlen und sich die Menschen verschaukelt fühlen (müssen), natürlich auch Ängste und teilweise gezielt gesäte Spekulationen wuchern.
Ein beliebter "Trick" aus dem islamophoben Bereich besteht beispielsweise darin, aus vergangenen, jährlichen Wachstumsraten (beispielsweise der Verdoppelung der Zahl der Muslime von der letzten Volkszählung 1987 bis zur bislang letzten offiziellen Schätzung des Bundesinnenministeriums in 2000 oder einer geschätzten Wachstumsquote von 6,6% zwischen 2000 und 2001) exponentiell in die Zukunft hinein zu rechnen (sogar mit Grafiken, beispielsweise auch bei Udo Ulfkotte. Mit dieser (gerne auch mit Berufung auf Malthus oder Darwin pseudoargumentativ abgestützten) "Annahme" lassen sich natürlich schnell Szenarien berechnen, nach denen die deutsche Bevölkerung zur Mitte des Jahrhunderts mehrheitlich aus Muslimen bestünde. Mit seriöser Wissenschaft hat das aber natürlich nichts mehr zu tun.
Ein paar reale Fakten
Denn in den 90er Jahren verzeichnete Deutschland eine exorbitant hohe muslimische Nettozuwanderung (v.a. Asylgesetze, Bürgerkriege auf dem Balkan etc.), die sich seitdem sukzessive abgeschwächt hat. Auch ein Teil der derzeitigen Familiengründungen geht noch auf diese Einwanderungswelle zurück. Es ist unredlich, diese Sonderfaktoren einfach "fortzuschreiben", als passierten sie regelmäßig.
Die Geburtenzahl von Muslimen in Deutschland gleicht sich nach allen Erkenntnissen den deutschen Gesamtwerten an, wenn auch von einem noch deutlich höheren Niveau. Und: nicht >die< Muslime bekommen generell weiterhin viele Kinder, sondern eher nur der religiösere Teil - ganz genauso wie das auch unter Christen und Juden der Fall ist (dazu z.B. ein Artikel zu Religion und Demografie in Deutschland). Nicht nur der Islam, sondern generell aktive Religionszugehörigkeit wirken geburtenfördernd - was maßgeblich zur auch biologischen Evolution der Religiosität beigetragen haben dürfte.
Auch im internationalen Vergleich verhalten sich Muslime demografisch ebenso wie andere Gesellschaften, die zuvor durch die "demografische Transition" (rapides Ansteigen der Lebenserwartung, aber erst langsames Absinken der Geburtenzahl) gegangen und zeitweise massiv gewachsen sind. Denken wir daran, dass gerade wir Europäer in den letzten Jahrhunderten aus unseren Bevölkerungsüberschüssen Nord- und Südamerika, Australien und zahlreiche weitere Gebiete besiedelt haben, bevor unsere Geburtenzahlen sanken!
Die Muslime gehen heute durch die gleiche Entwicklung - wenn auch sehr viel schneller. Die Geburtenrate türkischer Frauen liegt derzeit nur noch bei 2,2, der Iran sogar nur noch bei 2,0, auch die muslimischen Populationen in Albanien und Bosnien haben bereits begonnen ihrerseits zu unterjüngen. Mit Ausnahme Somalias geht das Bevölkerungswachstum aller mehrheitlich islamischen Staaten derzeit zurück, in einigen Fällen sehr schnell (siehe z.B. Bericht des Population Research Center, Princeton).
Das bedeutet natürlich nicht, dass das globale, muslimische Bevölkerungswachstum binnen weniger Jahre zum Stehen kommen wird. Die große Zahl heranwachsender junger Leute und die steigende Lebenserwartung wird beispielsweise auch in der Türkei und im Iran noch bis zur Mitte des Jahrhunderts eine steigende Bevölkerungszahl verursachen. Auch Frustrationen junger Leute, Arbeitslosigkeit und Konflikte werden nicht sehr schnell aufhören - dagegen können und sollten wir heute etwas tun (z.B. faire Welthandelsregeln). Aber die Daten belegen keine Sonderentwicklung für die islamische Welt, sondern eine langsam abnehmende Tendenz, wie sie im letzten Jahrhundert auch Europa (wie geschrieben: einschließlich der Muslime etwa auf dem Balkan und inzwischen in der Türkei) durchlaufen hat.
Fazit: Deutschland wird nicht islamisch, bekommt aber eine bedeutende, muslimische Minderheit
Die Demografie von Muslimen entwickelt sich nirgendwo auf der Welt grundsätzlich anders als die anderer weltreligiöser Gemeinschaften. In Deutschland sinkt die muslimische Geburtenrate, wenn auch innerhalb der Nettozuwanderung nach Deutschland nachziehende Ehegatten sowie Zuwanderer außereuropäischer Herkunft an Bedeutung gewinnen, was die nachlassende Geburtenhäufigkeit der Muslime türkischer Herkunft etwas ausgleicht. Dass derzeit auf die rund 5% des muslimischen Bevölkerungsanteils mehr als 10% aller Geburten in Deutschland entfallen, hat nur zu einem kleineren Teil mit der noch höheren Religiosität und Geburtenzahl zu tun - zu einem größeren Teil damit, dass die muslimischen Zuwanderer durchschnittlich jünger und also häufiger in der Familienphase sind als die bereits alternde, deutsche Bevölkerung. Insofern dürfte ein stabiles, nicht aber exponentielles Wachstum die Entwicklung des Islam in Deutschland bestimmen, wie wir es auch in einem Seminar 2006 prognostizierten (Seminarbericht Islam 2030). Um 2030 könnten demnach rund sieben Millionen Muslime etwa ein Zehntel der deutschen Bevölkerung stellen - eine wichtige Minderheit, aber bei weitem nicht die von manchen behauptete Dominanz.
Demografie und insbesondere der Zusammenhang von Religion und Demografie bleiben spannende und wichtige Themen, sie tragen zum Wettbewerb der Religionen und damit auch zur Qualitätsverbesserung etablierter Kirchen und Gemeinschaften bei.
Wer sich ernsthaft und wissenschaftlich mit Religionsdemografie auseinandersetzt, kommt zu dem Ergebnis, Dialog, Zusammenarbeit, Demokratie, Bildung und wirtschaftliche Entwicklung zu fördern, um eine global wie regional ausgeglichene Bevölkerungsentwicklung zu erreichen. Deutschland selbst bleibt eine moderne Familien- und Bildungspolitik und auch postmaterialistische Besinnung auf den Wert des Lebens in Familien zu wünschen, wie sie je an vielen Orten sich zu entwickeln beginnen. Glaube, Liebe und Kinder hängen zusammen - und andere sind nicht schuld daran, sollte es uns heute daran mangeln.
Wer aber Minderheiten diskriminiert, für die je eigenen, niedrigen Geburtenraten verantwortlichen machen will oder gar groteske Verschwörungstheorien verbreitet, der verschärft nur die Konflikte und auch demografische Differenz.
Insofern freue ich mich schon sehr darauf, Ende November in Bad Boll versuchen zu dürfen, einen kleinen Beitrag für mehr seriöse Sachlichkeit zu leisten. Es würde mich freuen, wir würden uns dort sehen oder danach lesen. (-:
Nachtrag 12/07: Der aktuelle Blogeintrag mit Datengrafiken zum Thema hier.
blume-religionswissenschaft - 10. Apr, 19:44
10 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks
Ingo (Gast) - 11. Apr, 16:11
1007
Am 24.11.1007 jedenfalls war Deutschland noch nicht islamisch. ;-)
Aber ansonsten sehe ich das völlig identisch: "Wer dagegen Minderheiten diskriminiert, für die je eigenen, niedrigen Geburtenraten verantwortlichen machen will oder gar groteske Verschwörungstheorien verbreitet, der verschärft nur die Konflikte und auch demografische Differenz."
Doch vielleicht einen kleinen Schritt weiter: Ein gewisses Zorn-Potential - wie es gerade der Sloterdijk wieder scheint mobilisieren zu wollen (?) - kann, wenn es sich vor allem und in erster Linie einmal gegen die eigene Trägheit wenden würde, mancherlei bewirken, oder? Trägheit kann manchmal sehr inhuman sein.
Aber ansonsten sehe ich das völlig identisch: "Wer dagegen Minderheiten diskriminiert, für die je eigenen, niedrigen Geburtenraten verantwortlichen machen will oder gar groteske Verschwörungstheorien verbreitet, der verschärft nur die Konflikte und auch demografische Differenz."
Doch vielleicht einen kleinen Schritt weiter: Ein gewisses Zorn-Potential - wie es gerade der Sloterdijk wieder scheint mobilisieren zu wollen (?) - kann, wenn es sich vor allem und in erster Linie einmal gegen die eigene Trägheit wenden würde, mancherlei bewirken, oder? Trägheit kann manchmal sehr inhuman sein.
blume-religionswissenschaft - 11. Apr, 21:03
Uups, danke! (-;
Habe gerade das Jahrtausend korrigiert! So aufmerksame Leser sind der Traum eines jeden Blogs! (-:
muriceps - 31. Mai, 01:23
Zu viele unbekannte Größen
Bei der Voraussage, ob Deutschland einmal islamisch sein wird, gibt es zu viele unbekannte Größen und mögliche Faktoren, die bisher noch gar nicht in Erscheinung getreten oder vielleicht unterbewertet worden sind. Wenn wir in soundsoviel Jahren einen Prozentsatz von 10 bis 30 muslimischer Bevölkerung annehmen, dann ist jedenfalls davon auszugehen, daß diese nicht gleichmäßig über das Gebiet der BRD verteilt ist, sondern daß es Ballungsgebiete mit über 50 v.H. muslimischem Anteil und solche mit unter 5 v.H. geben wird. Weiterhin darf man nicht ausschließen, daß bis dahin soziale Um- und Zusammenbrüche stattgefunden haben und die BRD als Staatswesen vielleicht gar nicht mehr existiert. Möglicherweise könnte es in diesem Falle in Deutschland, wie auch in anderen westeuropäischen Ländern, unabhängige Gebiete oder Kleinstaaten mit muslimischer Bevölkerungsmehrheit geben. Ganz unberücksichtigt sind in dem Beitrag die Konvertiten geblieben, deren Zahl ggf. noch beträchtlich zunehmen könnte. Dazu kommt die Unvorhersehbarkeit von Ereigissen wie Kriegen oder Epidemien. Sodann geben solche Mengen- und Verhältnisangaben keine Auskunft über die Qualität. In Indien z.B. hat die Minderheit der Sikh von ca. 2,5 bis 3 v.H. der Gesamtbevölkerung u.a. durch ihr stärkeres Engagement in den Streitkräften einen überproportionalen Einfluß, so ist beispielsweise der derzeitige Ministerpräsident Sikh. Andererseits stellen in einigen schwarzafrikanischen Staaten die Muslime die Bevölkerungsmehrheit und haben auch entscheidenden Einfluß auf die Regierung, was dort bisher jedoch noch nicht zur Errichtung einer islamischen Ordnung geführt hat. Dazu kommt die Unvorhersehbarkeit von Ereigissen wie Kriegen oder Epidemien.
blume-religionswissenschaft - 1. Jun, 22:07
Da stimme ich zu!
Es ist tatsächlich so, dass es bisher kaum seriöse Prognosen gibt, die dann auch erst eine immer weitergehende Diskussion (welche Faktoren wären noch zu berücksichtigen, stärker oder schwächer zu gewichten etc.) erlauben würde. Bisher hat die Wissenschaft das Feld praktisch völlig der oft wilden und nicht selten rechtsextremen Spekulation überlassen - was in einigen Zirkeln sogar zu der Mär führte, der Staat wolle gar keine Prognosen und vorausschauende Politik zum Thema, sondern das Volk für dumm verkaufen... Dass unser Seminarbericht (!) inzwischen sogar von Leitmedien aufgegriffen wurde, zeigt m.E. eben an, dass da bisher eine enorme und kaum erschlossene Nachfrage besteht, um die wir Wissenschaftler uns dringend kümmern sollten.
Letztlich kann sich eine seriöse Prognostik m.E. erst dann entwickeln, wenn wir (wie es z.B. Klimaforscher und Wirtschaftswissenschaftler seit langem tun) Schritt für Schritt immer bessere und transparente Modelle entwickeln und durch Diskussion immer weiter verbessern. Im Idealfall würden dabei neue Datenquellen gefunden oder aber auch eingefordert, z.B. durch eine Berücksichtigung der Religionszugehörigkeit im Mikrozensus oder gar -wie in der Schweiz seit mehr als hundert Jahren üblich- in der Volkszählung.
Nur seriöse Daten lassen einerseits frühzeitige Problemlösungen zu (z.B. Konzepte der Integrations-, Dialog- und Bildungsarbeit in besonders betroffenen Stadtteilen) und vermeiden andererseits ungerechtfertigte Hysterie. Wie bereits mehrfach geschrieben deutet in der Tat religionsdemografisch nichts darauf hin, dass Deutschland im 21. Jahrhundert "islamisch wird" - der Islam dürfte jedoch absehbar zu einer bedeutenden Minderheit unseres Landes heranwachsen. Es liegt an uns allen (Nichtmuslimen und Muslimen), ob und wie gut wir diese gemeinsame Zukunft gestalten. Ich würde mich freuen, wenn Wissenschaft mehr Denkanstösse dazu liefern könnte und versuche, einen kleinen Beitrag dazu zu leisten.
Letztlich kann sich eine seriöse Prognostik m.E. erst dann entwickeln, wenn wir (wie es z.B. Klimaforscher und Wirtschaftswissenschaftler seit langem tun) Schritt für Schritt immer bessere und transparente Modelle entwickeln und durch Diskussion immer weiter verbessern. Im Idealfall würden dabei neue Datenquellen gefunden oder aber auch eingefordert, z.B. durch eine Berücksichtigung der Religionszugehörigkeit im Mikrozensus oder gar -wie in der Schweiz seit mehr als hundert Jahren üblich- in der Volkszählung.
Nur seriöse Daten lassen einerseits frühzeitige Problemlösungen zu (z.B. Konzepte der Integrations-, Dialog- und Bildungsarbeit in besonders betroffenen Stadtteilen) und vermeiden andererseits ungerechtfertigte Hysterie. Wie bereits mehrfach geschrieben deutet in der Tat religionsdemografisch nichts darauf hin, dass Deutschland im 21. Jahrhundert "islamisch wird" - der Islam dürfte jedoch absehbar zu einer bedeutenden Minderheit unseres Landes heranwachsen. Es liegt an uns allen (Nichtmuslimen und Muslimen), ob und wie gut wir diese gemeinsame Zukunft gestalten. Ich würde mich freuen, wenn Wissenschaft mehr Denkanstösse dazu liefern könnte und versuche, einen kleinen Beitrag dazu zu leisten.
Florian Dunklau (Gast) - 23. Jul, 14:18
Sehr geehrter Herr Blume, das Zentralinstitut Islam-Archiv Deutschland beruft sich in einer seiner Meldung auf ihre Arbeit zum Islam in Deutschland 2030. Es heißt dort:
"Und auch der Dozent an der Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Tübingen, Dr. Michael Blume, erstellte zum Thema 'Islam in Deutschland 2030' eine 'begründete Prognose' die von einem 'jährlichen Konversionssaldo' von ca. 5.000 Deutschen ausgeht."
Nun habe ich diese Zahl in ihrer Arbeit nicht gefunden. Hat das ZIAD sich diese selbst "errechnet"?
"Und auch der Dozent an der Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Tübingen, Dr. Michael Blume, erstellte zum Thema 'Islam in Deutschland 2030' eine 'begründete Prognose' die von einem 'jährlichen Konversionssaldo' von ca. 5.000 Deutschen ausgeht."
Nun habe ich diese Zahl in ihrer Arbeit nicht gefunden. Hat das ZIAD sich diese selbst "errechnet"?
blume-religionswissenschaft - 23. Jul, 16:39
So ähnlich... (-;
Vom "Konversionssaldo" von 5.000 habe ich gegenüber einer Journalistin gesprochen, da von den (vom ZIAD bekundenten) ca. 4.000 Konversionen einerseits Konversionen "vom" Islam abzuziehen, andererseits aber Geburten durch deutsche Muslime hinzuzuzählen seien. Insofern haben wir die ZIAD-Angaben, um sie im Rahmen des Seminars auf die Zukunft extrapolieren zu können, gar nicht in Frage gestellt, sondern gaaaanz vorsichtig erweitert.
Wie aber in der (mit mir nicht abgestimmten) PM richtig dargestellt, kann jedoch m.E. derzeit keine Darstellung zum Islam in D. mehr als eine vorläufige, "begründete Prognose" sein: es gibt keine genauen Daten, sondern nur sehr, sehr mit Vorsicht zu genießende Schätzwerte, die wir auch in Austausch und Diskussionen miteinander immer weiter verbessern müssen. Ein (von mir bewunderter) Gegensatz dazu ist die Schweiz, die die Religionszugehörigkeit im Rahmen ihrer Volkszählung erhebt - von solchen verläßlichen Daten können wir für Deutschland derzeit nicht einmal träumen. Allfällige Kritik etwa an den Daten des ZIAD ist daher m.E. sehr viel leichter, als sich selbst (wie es Wissenschaftler tun sollten) auf das Eis zu wagen - und ich nehme an, dass die PM des ZIAD auf einige (auch unfaire) Kritik reagierte, mit der es konfrontiert war.
Also: Ja, bis zum Novembertermin in Bad Boll möchte ich die Daten vom Tübinger (Grund-)Seminar vor allem auf Basis der Geburten (die statistisch einigermaßen exakt erfasst werden) und internationaler Vergleiche zu aktualisieren. Den Vortrag werde ich dann auch gerne hier im Blog veröffentlichen. Aber, nein, harte, unanfechtbare Daten zum Islam in Deutschland kann Ihnen derzeit und wohl leider auch auf absehbare Zeit niemand liefern. Immerhin hat die Bundesregierung in ihrer neuesten Antwort auf eine Bundestagsanfrage ihre Schätzung zur Anzahl der Muslime in D. nun etwas aufgestockt, m.W. aber die Geburten deutsch-muslimischer Staatsbürger (noch) nicht einbezogen.
Es geht also dank weniger Mutiger voran, langsam, aber stetig. (-:
Wie aber in der (mit mir nicht abgestimmten) PM richtig dargestellt, kann jedoch m.E. derzeit keine Darstellung zum Islam in D. mehr als eine vorläufige, "begründete Prognose" sein: es gibt keine genauen Daten, sondern nur sehr, sehr mit Vorsicht zu genießende Schätzwerte, die wir auch in Austausch und Diskussionen miteinander immer weiter verbessern müssen. Ein (von mir bewunderter) Gegensatz dazu ist die Schweiz, die die Religionszugehörigkeit im Rahmen ihrer Volkszählung erhebt - von solchen verläßlichen Daten können wir für Deutschland derzeit nicht einmal träumen. Allfällige Kritik etwa an den Daten des ZIAD ist daher m.E. sehr viel leichter, als sich selbst (wie es Wissenschaftler tun sollten) auf das Eis zu wagen - und ich nehme an, dass die PM des ZIAD auf einige (auch unfaire) Kritik reagierte, mit der es konfrontiert war.
Also: Ja, bis zum Novembertermin in Bad Boll möchte ich die Daten vom Tübinger (Grund-)Seminar vor allem auf Basis der Geburten (die statistisch einigermaßen exakt erfasst werden) und internationaler Vergleiche zu aktualisieren. Den Vortrag werde ich dann auch gerne hier im Blog veröffentlichen. Aber, nein, harte, unanfechtbare Daten zum Islam in Deutschland kann Ihnen derzeit und wohl leider auch auf absehbare Zeit niemand liefern. Immerhin hat die Bundesregierung in ihrer neuesten Antwort auf eine Bundestagsanfrage ihre Schätzung zur Anzahl der Muslime in D. nun etwas aufgestockt, m.W. aber die Geburten deutsch-muslimischer Staatsbürger (noch) nicht einbezogen.
Es geht also dank weniger Mutiger voran, langsam, aber stetig. (-:
Saibot (Gast) - 22. Okt, 11:09
Ansichtssache
"...Wettbewerb der Religionen und damit auch zur Qualitätsverbesserung etablierter Kirchen und Gemeinschaften"
Da kann man wohl geteilter Ansicht sein. Ob Wettbewerb unter den Religionen deren Qualität verbessert bezweifle ich auf jeden Fall. Wie in der Wirtschaft oder Politik: Die Ausgaben für die "Mission" (Werbung) werden sich erhöhen und die Mittel verschärfen. Der Ton gegenüber dem "Gegner" wird rauher und polemisch.
Genau das würde ich (wenigstens in der Religion) nicht wollen. Besser kein Wettbewerb und dafür Kooperation und friedliches Miteinander (oder wenigstes nebeneinader), oder?
Da kann man wohl geteilter Ansicht sein. Ob Wettbewerb unter den Religionen deren Qualität verbessert bezweifle ich auf jeden Fall. Wie in der Wirtschaft oder Politik: Die Ausgaben für die "Mission" (Werbung) werden sich erhöhen und die Mittel verschärfen. Der Ton gegenüber dem "Gegner" wird rauher und polemisch.
Genau das würde ich (wenigstens in der Religion) nicht wollen. Besser kein Wettbewerb und dafür Kooperation und friedliches Miteinander (oder wenigstes nebeneinader), oder?
blume-religionswissenschaft - 22. Okt, 19:40
Da bin ich optimistischer: wie in der Wirtschaft und Politik werden Auseinandersetzungen dann brutal und ggf. gewaltförmig, wenn es "nur einen geben" kann - es also keine fairen Regeln für politischen Wettbewerb (z.B. Wahlen, Regierungswechsel), wirtschaftlichen Wettbewerb (z.B. freie Märkte, Kartellverbote) oder eben religiösen Wettbewerb (z.B. positive und negative Religionsfreiheit, Rechtsstaatlichkeit) gibt.
So ist in den USA der religiöse Wettbewerb viel schärfer - und dennoch der Respekt unter den Gemeinschaften sehr viel größer, was z.B. zu einer religiös bunten Zusammensetzung auch der Parlamente und einem Zusammengehörigkeitsgefühl führt.
In Deutschland haben wir dagegen immer noch sehr viel Angst vor Vielfalt und tendieren zu einem Staat, der bestehende Machtverhältnisse absichert, Freiheit und Wettbewerb oft eher verhindert. Religiöse Minderheiten sind uns daher besonders suspekt - was Juden, Muslime, Freikirchen u.a.m. regelmäßig zu spüren bekommen, aber letztlich auch den Kirchen schadet.
Ich finde, es ist an der Zeit, mehr Demokratie und Freiheit und weniger Kartellpolitik zu wagen! (-:
So ist in den USA der religiöse Wettbewerb viel schärfer - und dennoch der Respekt unter den Gemeinschaften sehr viel größer, was z.B. zu einer religiös bunten Zusammensetzung auch der Parlamente und einem Zusammengehörigkeitsgefühl führt.
In Deutschland haben wir dagegen immer noch sehr viel Angst vor Vielfalt und tendieren zu einem Staat, der bestehende Machtverhältnisse absichert, Freiheit und Wettbewerb oft eher verhindert. Religiöse Minderheiten sind uns daher besonders suspekt - was Juden, Muslime, Freikirchen u.a.m. regelmäßig zu spüren bekommen, aber letztlich auch den Kirchen schadet.
Ich finde, es ist an der Zeit, mehr Demokratie und Freiheit und weniger Kartellpolitik zu wagen! (-:
Edgar (Gast) - 8. Apr, 16:26
Vergleich USA-Deutschland
Gibt es eigentlich Studien, die sich mit dem Vergleich zwischen Diskursen zur Einwanderungspolitik den USA und Deutschland beschäftigen? Ich habe manchmal den Eindruck, daß das was in Deutschland als "islamische Herausforderung" behandelt wird vergleichbar ist mit dem, was in den USA als "mexikanische Herausforderung" bezeichnet wird. In beiden Fällen wird sich jedenfalls mit der kulturellen (religiösen) Identität auseinandergesetzt ("Leitkultur", "American Creed").
blume-religionswissenschaft - 29. Mai, 17:52
Die Anregung wurde aufgegriffen! :-)
Ein Vergleich der Integration von Muslimen in Deutschland und den USA, als Kurzform und pdf hier:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/3894973/
Herzlichen Dank und viele Grüße!
Michael
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/3894973/
Herzlichen Dank und viele Grüße!
Michael




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