Die (kluge?) Gretchenfrage
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Sowohl religionskritische wie religionsaffirmative Religionstheorien verzeichnen seit dem Aufkommen der empirischen Religionsforschung ein pikantes Problem: die durchschnittlich deutlich ausgeprägtere Religiosität von Frauen.
Wo auch immer man nach religiöser Überzeugung, Mitgliedschaft oder Praxis seriös fragt oder forscht - das weibliche Engagement übersteigt das männliche quer durch Kulturen, Bildungs- und Einkommensschichten. Bereits Thomas Luckmann verzeichnete dies in seiner „unsichtbaren Religion“ (1967), ohne eine Erklärung anzubieten. Und auch moderne Beobachter notieren, nicht selten konsterniert, dass sich beispielsweise Akademikerinnen durchaus bewusst zum Islam bekehren und emanzipierte, junge Frauen häufiger in strenge Kirchen strömen.
Für gängige, religionskritische Theorien ist das oft peinlich - denn wie sollen sie es erklären? Dass Frauen mehr Angst vor dem Tod oder Vaterkomplexe als Männer haben? Es schwerer finden, rationale Erklärungen zu konstruieren? Sich leichter täuschen, manipulieren lassen? Sich stärker der Selbstspiegelung der Gesellschaft verpflichtet fühlen?
Aber auch männliche Vertreter der Religionen tun sich oft schwer damit. Sollten Frauen religiös begabter sein? Einen besseren Draht zu Gott, zur Transzendenz, Weisheit oder Erleuchtung haben? Wenn sie doch durchschnittlich religiös aktiver sind und mit ihrem Engagement die Gemeinschaften am Leben halten - warum beanspruchen dann so häufig Männer die religiöse Öffentlichkeit für sich?
Schlag nach bei Goethes „Faust“
Einen überraschend aktuellen, soziobiologisch schlüssigen und empirisch überprüfbaren Erklärungsansatz für die durchschnittlich stärker ausgeprägte Religiosität von Frauen finden wir dagegen, bisher ungeborgen, in Goethes „Faust“.
Als Faust Gretchen zum Beischlaf drängt, stellt sie ihm die zum Sprichwort gewordene „Gretchenfrage“: "Nun sag, wie hast du es mit der Religion?"
Dass sie sich dann doch mit einer gelehrten, aber mehrdeutigen Antwort zufrieden gibt, reißt sie ins Verderben. Goethe stand dabei das tragische Schicksal der Susanna Brandt vor Augen, einer Vollwaise, die als Dienstmagd in einer Frankfurter Herberge von einem Reisenden verführt und dann verlassen worden war. Im Kindsmord endete ihr verzweifelter Versuch, das Geschehene ungeschehen zu machen. Der junge Anwalt Goethe erlebte ihre Verurteilung zum Tode mit.
Warum aber fragte Gretchen vor dem Bett nach Religion? Warum wollte sie ein Bekenntnis hören - und zweifelt (wie sich zeigen wird, zu Recht) an der "unverbindlichen" Antwort Fausts? Aus reiner Gefühligkeit oder Dummheit? Mephistopheles vermutet zielsicher anderes: „Die Mädels sind doch sehr interessiert, ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch. Sie denken: duckt er da, folgt er uns eben auch.“
Religiosität - ein Indikator für die Bereitschaft zur Paarbindung auch „danach“?
Die Evolutionsbiologie hat das Dilemma um die Paarbindung längst als wichtigen Faktor im Evolutionsgeschehen erkannt und beschrieben: insbesondere bei komplexeren Säugetieren ist das weibliche Investment und Risiko bei jeder Geburt sehr viel höher als das männliche. Männliche Strategien zielen daher häufiger auf die Erschließung möglichst vieler Paarungschancen, gerne auch mit wechselnden Partnerinnen. Weibliche Strategien legen stattdessen häufiger Wert auf Partner, die dann auch einen Beitrag zu Ernährung und Aufzug der Kleinen leisten. Beim Säugetier Mensch aber sind die Kosten für den Aufzug jeden Kindes sogar besonders hoch, gleichzeitig ist (nur) der Mensch auch zu biografischer Vorausplanung in der Lage.
Die evolutionsbiologische These, frei nach Mephistopheles, also lautet: Mit der Gretchenfrage testen (vor allem, aber nicht nur) Frauen, biologisch klug, seit Jahrzehntausenden auch die Bindungsqualität potentieller Partner. Wer sich glaubwürdig von Jenseitigen auf familiäre Treue beobachtet und verpflichtet wähnt, könnte sich auch als verlässlicherer Partner erwiesen haben, eher gewählt worden sein (sexuelle Selektion) und mehr Kinder aufgezogen haben (natürliche Selektion). Sowohl für Männer wie für Frauen würde es sich demnach also lohnen, glaubwürdige Formen der Religiosität zu finden und zu zeigen. Dabei müssten sexuell-ethisch besonders strenge Gemeinschaften bei Frauen beliebter sein als bei Männern.
Und das Schöne ist: diese These lässt sich empirisch überprüfen.
So ergeben Befragungen, dass verbindlich religiös vergemeinschaftete Erwachsene tatsächlich Ehebruch häufiger strikt ablehnen als Konfessionslose.

Auch z.B. die Shell-Jugendstudie 2006 vermerkte nicht nur erneut eine höhere Religiosität unter jungen Frauen, sondern notierte nach Auswertung ihrer Wertebefragungen auch: „Nur diejenigen 30% der Jugendlichen, deren Glauben kirchennah ist, vertreten im Vergleich zur gesamten Jugend ein besonders akzentuiertes Wertesystem, indem sie familienorientierter, gesetzestreuer, gesundheitsbewusster und etwas traditioneller als andere Jugendliche eingestellt sind. Glaube an ein höheres Wesen, Glaubensunsicherheit sowie Glaubensferne führen dagegen zu überwiegend ähnlichen Wertesystemen, die weitgehend dem Mainstream der gesamten Jugend entsprechen.“ (S. 238)
Die Gretchenfrage in der Schweizer Volkszählung
Die Schweiz bot schließlich 2000 wieder auf, was Deutschland seit langem vermisst: eine echte Volkszählung, die auch die Religionszugehörigkeit differenziert erhob. Und sie krönte dies mit einer Datenauswertung, an der auch Religionswissenschaftler beteiligt waren. Das Interessante: Damit können nicht nur Aussagen, sondern auch die Folgen realen Verhaltens verglichen werden!
Das Ergebnis im Bezug zu unserer These: alle erfassten religiösen Kategorien der Schweiz verzeichnen deutlich mehr Kinder als die Konfessionslosen. Das gilt auch für Gruppen, die mehr Mitglieder mit akademischer Bildung aufweisen (verschiedene christliche Gemeinschaften, Juden), häufiger vom Land in die Stadt gezogen waren (Methodisten, Zeugen Jehovas) oder zu höheren Anteilen aus gebürtigen Schweizern bestehen (Pfingstkirchen, Neupietisten).

Neben dem Reproduktionserfolg, von dem ja Mann und Frau biologisch gleichermaßen profitieren, ließen sich aufgrund der Schweizer Daten aber auch Aussagen zur religiösen Vergemeinschaftung von Frauen und Männern machen.
Und Goethes Gretchen tritt hervor: Frauen sind in den Religionen deutlich in der Mehrheit, während die Konfessionslosigkeit von Männern dominiert wird. Mehr noch: Frauen finden sich nicht nur allgemein häufiger in Religionsgemeinschaften, sondern signifikant häufiger in jenen, in denen es weniger Zusammenleben ohne Trauschein, weniger Scheidungen und weniger Alleinerziehende gab. In allen diesen Fragen bildeten die Konfessionslosen das Schlusslicht: sie verzeichneten am seltensten Ehen statt „eheähnlicher Gemeinschaften“, trotzdem am häufigsten Scheidungen und bei niedrigster Frauen- und Kinderzahl dennoch den mit Abstand höchsten Anteil an Alleinerziehenden.
Die folgende Tabelle illustriert dies am Beispiel aller mehrheitlich von Geburtsinländern geprägten Schweizer Religionsgemeinschaften und der Konfessionslosen:

Fazit: Gretchens Klugheit
In Faust, der Wissen, Macht und Freiheit sucht und dabei alle auch religiösen Grenzen hinter sich lassen will, haben sich Generationen mit einer Mischung aus Faszination und Schrecken gerne wieder gefunden. Goethes gläubiges Gretchen galt und gilt dagegen als tragisch-unschuldige, unzeitgemäße Figur, einer Identifikation kaum würdig. Vielleicht ist das aber ein Fehler. Vielleicht hätte schon Faust statt auf den wortgewaltigen Mephistopheles auf seine Partnerin hören sollen.
Und anders: wenn Gretchen einen Fehler gemacht hat - dann doch den, sich von Faust einreden zu lassen, er wüsste es auf jeden Fall besser. Ob also in religiösen oder säkularen Weltanschauungen: es zeichnen sich gute, empirische Argumente ab, den Stimmen der Frauen mehr Gewicht zu geben. Auch dann, wenn dies mancher Religionskritik und mancher patriarchaler Theologie gar nicht ins Konzept passen sollte.

Sowohl religionskritische wie religionsaffirmative Religionstheorien verzeichnen seit dem Aufkommen der empirischen Religionsforschung ein pikantes Problem: die durchschnittlich deutlich ausgeprägtere Religiosität von Frauen.
Wo auch immer man nach religiöser Überzeugung, Mitgliedschaft oder Praxis seriös fragt oder forscht - das weibliche Engagement übersteigt das männliche quer durch Kulturen, Bildungs- und Einkommensschichten. Bereits Thomas Luckmann verzeichnete dies in seiner „unsichtbaren Religion“ (1967), ohne eine Erklärung anzubieten. Und auch moderne Beobachter notieren, nicht selten konsterniert, dass sich beispielsweise Akademikerinnen durchaus bewusst zum Islam bekehren und emanzipierte, junge Frauen häufiger in strenge Kirchen strömen.
Für gängige, religionskritische Theorien ist das oft peinlich - denn wie sollen sie es erklären? Dass Frauen mehr Angst vor dem Tod oder Vaterkomplexe als Männer haben? Es schwerer finden, rationale Erklärungen zu konstruieren? Sich leichter täuschen, manipulieren lassen? Sich stärker der Selbstspiegelung der Gesellschaft verpflichtet fühlen?
Aber auch männliche Vertreter der Religionen tun sich oft schwer damit. Sollten Frauen religiös begabter sein? Einen besseren Draht zu Gott, zur Transzendenz, Weisheit oder Erleuchtung haben? Wenn sie doch durchschnittlich religiös aktiver sind und mit ihrem Engagement die Gemeinschaften am Leben halten - warum beanspruchen dann so häufig Männer die religiöse Öffentlichkeit für sich?
Schlag nach bei Goethes „Faust“
Einen überraschend aktuellen, soziobiologisch schlüssigen und empirisch überprüfbaren Erklärungsansatz für die durchschnittlich stärker ausgeprägte Religiosität von Frauen finden wir dagegen, bisher ungeborgen, in Goethes „Faust“.
Als Faust Gretchen zum Beischlaf drängt, stellt sie ihm die zum Sprichwort gewordene „Gretchenfrage“: "Nun sag, wie hast du es mit der Religion?"
Dass sie sich dann doch mit einer gelehrten, aber mehrdeutigen Antwort zufrieden gibt, reißt sie ins Verderben. Goethe stand dabei das tragische Schicksal der Susanna Brandt vor Augen, einer Vollwaise, die als Dienstmagd in einer Frankfurter Herberge von einem Reisenden verführt und dann verlassen worden war. Im Kindsmord endete ihr verzweifelter Versuch, das Geschehene ungeschehen zu machen. Der junge Anwalt Goethe erlebte ihre Verurteilung zum Tode mit.
Warum aber fragte Gretchen vor dem Bett nach Religion? Warum wollte sie ein Bekenntnis hören - und zweifelt (wie sich zeigen wird, zu Recht) an der "unverbindlichen" Antwort Fausts? Aus reiner Gefühligkeit oder Dummheit? Mephistopheles vermutet zielsicher anderes: „Die Mädels sind doch sehr interessiert, ob einer fromm und schlicht nach altem Brauch. Sie denken: duckt er da, folgt er uns eben auch.“
Religiosität - ein Indikator für die Bereitschaft zur Paarbindung auch „danach“?
Die Evolutionsbiologie hat das Dilemma um die Paarbindung längst als wichtigen Faktor im Evolutionsgeschehen erkannt und beschrieben: insbesondere bei komplexeren Säugetieren ist das weibliche Investment und Risiko bei jeder Geburt sehr viel höher als das männliche. Männliche Strategien zielen daher häufiger auf die Erschließung möglichst vieler Paarungschancen, gerne auch mit wechselnden Partnerinnen. Weibliche Strategien legen stattdessen häufiger Wert auf Partner, die dann auch einen Beitrag zu Ernährung und Aufzug der Kleinen leisten. Beim Säugetier Mensch aber sind die Kosten für den Aufzug jeden Kindes sogar besonders hoch, gleichzeitig ist (nur) der Mensch auch zu biografischer Vorausplanung in der Lage.
Die evolutionsbiologische These, frei nach Mephistopheles, also lautet: Mit der Gretchenfrage testen (vor allem, aber nicht nur) Frauen, biologisch klug, seit Jahrzehntausenden auch die Bindungsqualität potentieller Partner. Wer sich glaubwürdig von Jenseitigen auf familiäre Treue beobachtet und verpflichtet wähnt, könnte sich auch als verlässlicherer Partner erwiesen haben, eher gewählt worden sein (sexuelle Selektion) und mehr Kinder aufgezogen haben (natürliche Selektion). Sowohl für Männer wie für Frauen würde es sich demnach also lohnen, glaubwürdige Formen der Religiosität zu finden und zu zeigen. Dabei müssten sexuell-ethisch besonders strenge Gemeinschaften bei Frauen beliebter sein als bei Männern.
Und das Schöne ist: diese These lässt sich empirisch überprüfen.
So ergeben Befragungen, dass verbindlich religiös vergemeinschaftete Erwachsene tatsächlich Ehebruch häufiger strikt ablehnen als Konfessionslose.

Auch z.B. die Shell-Jugendstudie 2006 vermerkte nicht nur erneut eine höhere Religiosität unter jungen Frauen, sondern notierte nach Auswertung ihrer Wertebefragungen auch: „Nur diejenigen 30% der Jugendlichen, deren Glauben kirchennah ist, vertreten im Vergleich zur gesamten Jugend ein besonders akzentuiertes Wertesystem, indem sie familienorientierter, gesetzestreuer, gesundheitsbewusster und etwas traditioneller als andere Jugendliche eingestellt sind. Glaube an ein höheres Wesen, Glaubensunsicherheit sowie Glaubensferne führen dagegen zu überwiegend ähnlichen Wertesystemen, die weitgehend dem Mainstream der gesamten Jugend entsprechen.“ (S. 238)
Die Gretchenfrage in der Schweizer Volkszählung
Die Schweiz bot schließlich 2000 wieder auf, was Deutschland seit langem vermisst: eine echte Volkszählung, die auch die Religionszugehörigkeit differenziert erhob. Und sie krönte dies mit einer Datenauswertung, an der auch Religionswissenschaftler beteiligt waren. Das Interessante: Damit können nicht nur Aussagen, sondern auch die Folgen realen Verhaltens verglichen werden!
Das Ergebnis im Bezug zu unserer These: alle erfassten religiösen Kategorien der Schweiz verzeichnen deutlich mehr Kinder als die Konfessionslosen. Das gilt auch für Gruppen, die mehr Mitglieder mit akademischer Bildung aufweisen (verschiedene christliche Gemeinschaften, Juden), häufiger vom Land in die Stadt gezogen waren (Methodisten, Zeugen Jehovas) oder zu höheren Anteilen aus gebürtigen Schweizern bestehen (Pfingstkirchen, Neupietisten).

Neben dem Reproduktionserfolg, von dem ja Mann und Frau biologisch gleichermaßen profitieren, ließen sich aufgrund der Schweizer Daten aber auch Aussagen zur religiösen Vergemeinschaftung von Frauen und Männern machen.
Und Goethes Gretchen tritt hervor: Frauen sind in den Religionen deutlich in der Mehrheit, während die Konfessionslosigkeit von Männern dominiert wird. Mehr noch: Frauen finden sich nicht nur allgemein häufiger in Religionsgemeinschaften, sondern signifikant häufiger in jenen, in denen es weniger Zusammenleben ohne Trauschein, weniger Scheidungen und weniger Alleinerziehende gab. In allen diesen Fragen bildeten die Konfessionslosen das Schlusslicht: sie verzeichneten am seltensten Ehen statt „eheähnlicher Gemeinschaften“, trotzdem am häufigsten Scheidungen und bei niedrigster Frauen- und Kinderzahl dennoch den mit Abstand höchsten Anteil an Alleinerziehenden.
Die folgende Tabelle illustriert dies am Beispiel aller mehrheitlich von Geburtsinländern geprägten Schweizer Religionsgemeinschaften und der Konfessionslosen:

Fazit: Gretchens Klugheit
In Faust, der Wissen, Macht und Freiheit sucht und dabei alle auch religiösen Grenzen hinter sich lassen will, haben sich Generationen mit einer Mischung aus Faszination und Schrecken gerne wieder gefunden. Goethes gläubiges Gretchen galt und gilt dagegen als tragisch-unschuldige, unzeitgemäße Figur, einer Identifikation kaum würdig. Vielleicht ist das aber ein Fehler. Vielleicht hätte schon Faust statt auf den wortgewaltigen Mephistopheles auf seine Partnerin hören sollen.
Und anders: wenn Gretchen einen Fehler gemacht hat - dann doch den, sich von Faust einreden zu lassen, er wüsste es auf jeden Fall besser. Ob also in religiösen oder säkularen Weltanschauungen: es zeichnen sich gute, empirische Argumente ab, den Stimmen der Frauen mehr Gewicht zu geben. Auch dann, wenn dies mancher Religionskritik und mancher patriarchaler Theologie gar nicht ins Konzept passen sollte.

blume-religionswissenschaft - 7. Jan, 11:57
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