Frage zur Evolutionsforschung zur Religion
Am Dienstag (10.3.) erscheint das neue Heft von Gehirn & Geist mit dem Titel: "Zum Glauben geboren? Forscher ergründen die Evolution der Religion". (Klick auf das Cover führt zum Themenartikel).

Ein Leser aus der Schweiz hat dazu vorab ein Mail übersandt, das ich gerne hier beantworte.
Sehr geehrter Herr Dr. Blume,
der Titel \"Evolution der Religion\" ist schon mal falsch, denn von Darwin ist Evolution als die natürliche Entwicklung des Lebens auf der Erde definiert. Das hat mit Änderungen von Auffassungen in der Religion überhaupt nichts zu tun, sondern es handelt sich um eine begriffliche Schlamperei.
Lieber Herr XY, danke für Ihr Interesse! Lassen Sie mich direkt mit Darwin antworten: Dieser selbst hatte bereits in seiner "Abstammung der Arten" erste Thesen zur Evolution von religiösen Veranlagungen und Glaubensinhalten wie dem "Glauben an Gott" entworfen - sogar unter der expliziten Abschnittüberschrift "Gottesglaube, Religion" (Cap. 3, in der deutschen Ausgabe S. 103). Wenn Sie so wollen, knüpfen wir heutigen Wissenschaftler (verschiedenster Disziplinen und Länder) an diesen ersten Skizzen an.
Vielleicht hilft es, einfach auf zwei andere, biokulturelle Phänomene zu verweisen: Sprache und Musik. Niemand bestreitet, dass es biologische Grundlagen gibt (Sprachfähigkeit, Musikalität), die immer im kulturellen Wettbewerb ausgeprägt und tradiert werden (Sprachen, Musikstücke) und damit auf die Biologie rückwirken (das Beherrschen von Sprachen und Musiken kann adaptiv sein). Für Religion gilt offensichtlich genau das Gleiche, wir benötigen bislang keinerlei Zusatzannahmen: Wir haben biologische Grundlagen für Religiosität (=Verhalten zu übernatürlichen Akteuren), die immer kulturell ausgeprägt und tradiert werden (Religionen). Und dass sich religiös vergemeinschaftete Menschen z.B. deutlich erfolgreicher kooperieren und fortpflanzen, vermuten wir ja nicht nur - wir messen es.
Eine Übersicht über online frei verfügbare, internationale Studien finden Sie z.B. auch hier:
http://www.blume-religionswissenschaft.de/english/wrrr.html
Was finden Sie übrigens an Religion so faszinierend ?
Ich halte es für eine Grundentscheidung, wie wir Menschen mit Phänomen umgehen, die wir nicht verstehen. Wir können das Unverstandene von oben herab als absurd beschimpfen - oder es erforschen. Ich plädiere für Letzteres.
Stellen Sie sich bitte einfach vor, wir würden z.B. bei Schimpansen sehr komplexes und kostspieliges Verhalten beobachten, für das wir keine Erklärung haben. Fänden Sie es nicht interessant, dieses wissenschaftlich zu erforschen? Und sollte uns das Verhalten unserer eigenen Spezies nicht noch viel mehr interessieren - auch um zu lernen, mit uns selbst besser umzugehen?
Wer Menschen interessant findet, kann Religiosität nicht ignorieren.
Es handelt sich um das Auslösen von Gefühlen durch als wahr geglaubte Wahn-Ideen.
Diese These wird u.a. von Richard Dawkins und Daniel Dennett seit längerem vertreten - leider ohne jede empirische Stütze. Denn ein "Wahn" (mithin: eine Krankheit) würde die betroffenen Organismen insgesamt schädigen, also ihre Fitness (= ihren Gesamt-Reproduktionserfolg) beeinträchtigen. Wie Sie oben lesen können, ist jedoch insgesamt das Gegenteil der Fall!
Natürlich können Sie metaphysisch behaupten, letztlich handele es sich doch um eine zufällige Illusion. Aber das ist wissenschaflich eben genau so wenig überprüfbar wie die Existenz Gottes, es ist eine Glaubensfrage. Hierfür sind Theologen und Philosophen zuständig, nicht Evolutionsforscher.
Befassen Sie sich mal mit der historischen Entwicklung der Religionen, das klärt vieles und der überirdische Zauber verschwindet.
Lieber Herr XY, Sie dürfen davon ausgehen, dass meine Kolleginnen, Kollegen und ich uns seit Jahren und Jahrzehnten beobachtend, lernend, forschend und lehrend mit der historischen Entwicklung und Gegenwart der Religionen befassen. So sind Fallstudien auch in "Gott, Gene und Gehirn" eigene Kapitel gewidmet. Einen Beitrag, warum in der Antike der Eingottglaube obsiegte, finden Sie z.B. auch hier.
Hinter den Dingen ist nichts als unsere eigene Fantasie. Wir sind \"sprechende Säugetiere\" und nach dem Tod kommt dasselbe wie vor der Geburt; wir alle waren nämlich schon mal tot.
Mit Respekt und Interesse nehme ich Ihre Glaubensäußerung zur Kenntnis. Vielleicht ist es für Sie auch interessant zu erfahren, dass sehr viel häufiger Männer für den Atheismus plädieren, während Frauen (auch der gleichen Bildungsschichten) häufiger die Existenz Gottes bejahen. Auch dies ist evolutionsbiologisch übrigens gut erklärbar.
Grüsse aus der Schweiz
Auch Ihnen beste Grüße! Es würde mich sehr freuen, wenn Sie dem Thema wissenschaftlich interessiert verbunden blieben.

Ein Leser aus der Schweiz hat dazu vorab ein Mail übersandt, das ich gerne hier beantworte.
Sehr geehrter Herr Dr. Blume,
der Titel \"Evolution der Religion\" ist schon mal falsch, denn von Darwin ist Evolution als die natürliche Entwicklung des Lebens auf der Erde definiert. Das hat mit Änderungen von Auffassungen in der Religion überhaupt nichts zu tun, sondern es handelt sich um eine begriffliche Schlamperei.
Lieber Herr XY, danke für Ihr Interesse! Lassen Sie mich direkt mit Darwin antworten: Dieser selbst hatte bereits in seiner "Abstammung der Arten" erste Thesen zur Evolution von religiösen Veranlagungen und Glaubensinhalten wie dem "Glauben an Gott" entworfen - sogar unter der expliziten Abschnittüberschrift "Gottesglaube, Religion" (Cap. 3, in der deutschen Ausgabe S. 103). Wenn Sie so wollen, knüpfen wir heutigen Wissenschaftler (verschiedenster Disziplinen und Länder) an diesen ersten Skizzen an.
Vielleicht hilft es, einfach auf zwei andere, biokulturelle Phänomene zu verweisen: Sprache und Musik. Niemand bestreitet, dass es biologische Grundlagen gibt (Sprachfähigkeit, Musikalität), die immer im kulturellen Wettbewerb ausgeprägt und tradiert werden (Sprachen, Musikstücke) und damit auf die Biologie rückwirken (das Beherrschen von Sprachen und Musiken kann adaptiv sein). Für Religion gilt offensichtlich genau das Gleiche, wir benötigen bislang keinerlei Zusatzannahmen: Wir haben biologische Grundlagen für Religiosität (=Verhalten zu übernatürlichen Akteuren), die immer kulturell ausgeprägt und tradiert werden (Religionen). Und dass sich religiös vergemeinschaftete Menschen z.B. deutlich erfolgreicher kooperieren und fortpflanzen, vermuten wir ja nicht nur - wir messen es.
Eine Übersicht über online frei verfügbare, internationale Studien finden Sie z.B. auch hier:
http://www.blume-religionswissenschaft.de/english/wrrr.html
Was finden Sie übrigens an Religion so faszinierend ?
Ich halte es für eine Grundentscheidung, wie wir Menschen mit Phänomen umgehen, die wir nicht verstehen. Wir können das Unverstandene von oben herab als absurd beschimpfen - oder es erforschen. Ich plädiere für Letzteres.
Stellen Sie sich bitte einfach vor, wir würden z.B. bei Schimpansen sehr komplexes und kostspieliges Verhalten beobachten, für das wir keine Erklärung haben. Fänden Sie es nicht interessant, dieses wissenschaftlich zu erforschen? Und sollte uns das Verhalten unserer eigenen Spezies nicht noch viel mehr interessieren - auch um zu lernen, mit uns selbst besser umzugehen?
Wer Menschen interessant findet, kann Religiosität nicht ignorieren.
Es handelt sich um das Auslösen von Gefühlen durch als wahr geglaubte Wahn-Ideen.
Diese These wird u.a. von Richard Dawkins und Daniel Dennett seit längerem vertreten - leider ohne jede empirische Stütze. Denn ein "Wahn" (mithin: eine Krankheit) würde die betroffenen Organismen insgesamt schädigen, also ihre Fitness (= ihren Gesamt-Reproduktionserfolg) beeinträchtigen. Wie Sie oben lesen können, ist jedoch insgesamt das Gegenteil der Fall!
Natürlich können Sie metaphysisch behaupten, letztlich handele es sich doch um eine zufällige Illusion. Aber das ist wissenschaflich eben genau so wenig überprüfbar wie die Existenz Gottes, es ist eine Glaubensfrage. Hierfür sind Theologen und Philosophen zuständig, nicht Evolutionsforscher.
Befassen Sie sich mal mit der historischen Entwicklung der Religionen, das klärt vieles und der überirdische Zauber verschwindet.
Lieber Herr XY, Sie dürfen davon ausgehen, dass meine Kolleginnen, Kollegen und ich uns seit Jahren und Jahrzehnten beobachtend, lernend, forschend und lehrend mit der historischen Entwicklung und Gegenwart der Religionen befassen. So sind Fallstudien auch in "Gott, Gene und Gehirn" eigene Kapitel gewidmet. Einen Beitrag, warum in der Antike der Eingottglaube obsiegte, finden Sie z.B. auch hier.
Hinter den Dingen ist nichts als unsere eigene Fantasie. Wir sind \"sprechende Säugetiere\" und nach dem Tod kommt dasselbe wie vor der Geburt; wir alle waren nämlich schon mal tot.
Mit Respekt und Interesse nehme ich Ihre Glaubensäußerung zur Kenntnis. Vielleicht ist es für Sie auch interessant zu erfahren, dass sehr viel häufiger Männer für den Atheismus plädieren, während Frauen (auch der gleichen Bildungsschichten) häufiger die Existenz Gottes bejahen. Auch dies ist evolutionsbiologisch übrigens gut erklärbar.
Grüsse aus der Schweiz
Auch Ihnen beste Grüße! Es würde mich sehr freuen, wenn Sie dem Thema wissenschaftlich interessiert verbunden blieben.
blume-religionswissenschaft - 7. Mrz, 10:41
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