Frage zu Spiritualität und Glauben
Im Rahmen dieser Diskussion um die wissenschaftlichen Arbeitsdefinitionen von Religiosität und Spiritualität warf Jimsonweet die folgende(n) Frage(n) ein. Ggf. wäre ein Theologie hier ein besserer Ansprechpartner, als Religionswissenschaftler kann ich natürlich nur vom wissenschaftlich-beobachtenden Standpunkt aus antworten, keine religiösen oder spirituellen Lehren verkünden. Dennoch fand ich die Frage so fair gestellt und auch persönlich begründet, dass ich versprach, noch vor Weihnachten auf sie einzugehen.
Die Frage wurde hier gestellt.
Die (bzw. der Versuch einer) Antwort:
"Kann Spiritualität mit einem Glauben verbunden werden???"
Ja, das ist zweifellos möglich - Abermillionen von Menschen tun genau das und leben ihre Spiritualität im Rahmen eines gemeinschaftlichen Glaubenssystems. Allerdings kann sich die Situation individuell deutlich unterscheiden und es kann also für den Einzelnen schwer oder unmöglich scheinen, dies zu tun (oder auch nur zu wollen) - sei es, weil die entsprechenden Erfahrungen sich nicht einstellen oder mit den gegebenen Lehren in Konflikt stehen.
"Ich bin geborener und getaufter Katholik. Konnte und kann mich mit diesem Glauben nicht anfreunden und bin bekennender Atheist.
Durch verschiedene psychische Probleme in meinem Alltag bin ich auf ein Buch mit dem Namen "Jetzt" gestoßen und bin damit in das Reich der Spiritualität eingetaucht, welches mich von Anfang an gefesselt hat. Nun, es hat mir geholfen mich meiner psychischen Probleme zu entledigen und meine Probleme haben mir geholfen, das Buch, die Spiritualität zu verstehen."
Hier wird m.E. sehr eindrucksvoll deutlich, wie wichtig es ist, die Begriffe der Religiosität und Spiritualität zu unterscheiden. Sie, lieber Fragender, haben sich von der Religiosität, in die Sie hineingewachsen sind, einschließlich des Glaubens an die Gottheit verabschiedet - daneben aber einen Zugang zu spirituellen Lehren und Erfahrungen gefunden, die Sie als subjektiv hilfreich zur Bewältigung psychologischer Probleme erlebt haben. Das ist zum einen erfreulich und unterstreicht, dass die beiden Dimensionen menschlicher Natur nicht einfach identisch sind. Allerdings sind sie auch nicht einfach getrennt, wie Sie dann schildern...
"Nun... damit nicht genug.
Zu oft tauchen in spirituellen Werken die Namen Gott und Jesus, Beispielstexte von Heiligen und Lehren der Kirche auf. Betrachtet man diese durch die Augen der Spiritualität ergeben diese Sinn... hier einige Beispiele:
- Lehren der Kirche: Denke nicht an morgen, denn das Morgen wird sich um sich selbst kümmern; Niemand, der den Pflug führt und zurückschaut, ist reif für das Königreich Gottes oder - die schönen Blumen, die sich nicht um das Morgen sorgen, sondern mit Leichtigkeit im zeitlosen Jetzt leben und für die von Gott ausreichend gesorgt wird ---- hat man sich mit Spiritualität befasst werden genannte Aussagen auf das Sein, das Jetzt, sich selbst im Inneren bezogen. Liest diese Zeilen jedoch ein Gläubiger werden seine Interpretationen ganz anders ausfallen.
- Formulierungen von Heiligen: Paulus: Alles wird erkannt, sobald es dem Licht ausgesetzt wird, und was immer dem Licht ausgesetzt wird, wird selber zu Licht --- auch hier spricht die Spiritualität von dem Wandel in sich selbst. Was würde dazu wohl ein Gläubiger sagen???"
Sehr viele Glaubende würden Ihnen zustimmen, andere die Nase rümpfen. Denn auch unter den Glaubenden aller Weltreligionen gibt es eine große Spannbreite von nüchterner Rationalität (die z.B. in Gebotserfüllung und Arbeitsethos "Sinn finden" kann) bis zu spiritueller Innerlichkeit, die die Heiligen Schriften "durch die Augen des Herzens" (u.ä.) zu erfassen versuchen. So haben Sie zum Beispiel im Islam strenge Orthodoxie neben sufischen (mystisch-spirituellen) Bruderschaften, in der katholischen Kirche kontemplative Laien- und Ordensbewegungen neben komplexen, kognitiven Theologien.
"Spiritualität im Märchen: War für mich kaum zu glauben dass Märchen einen spirituellen Hintergrund haben sollen... aber dem war so... und als ich auf eine solche Interpretation gestoßen bin, kamen auch hier wieder dieselben Aspekte, bezogen auf Gott - dem Sein - und die verschiedenen Bewusstheitsebenen mit den verschiedenen Konflikten."
Auch Märchen lassen sich spirituell lesen und im Laufe der abertausendfachen Erzählungen und Weitergaben haben sich immer wieder auch solche Elemente durchgesetzt, die Menschen auf unterschiedlichsten Ebenen angesprochen haben.
"Betrachtet man den Glauben (ich meine hier Religion) mit seinen ganzen Vorgaben (Glaube an dies, wie ist die Welt erschaffen worden, Kirche, die Entstehung selbst usw.) kann der Glauben als solches durch die Augen der Spiritualität nicht akzeptiert werden. Die katholische Glauben gibt vor dass Jesus... der Mensch gewordene Gott, auf die Erde zurückkehrt und uns verbessert... und die Gläubigen glauben das... und glauben an die MENSCHLICHE Erscheinung Jesus.... ist das nicht absoluter Quatsch???"
Hier muss ich widersprechen: Es gibt ebensowenig "den Glauben" wie "die Spiritualität". Millionen Menschen leben ihre Spiritualität in einem religiösen Rahmen und die Weltreligionen haben meist sogar eigene Orte (wie Heilige Bezirke (z.B. Berge), Klöster oder Schreine) entwickelt, in denen religiöse Menschen auch spirituelle Erfahrungen suchen können. Daneben gibt es auch eine religiöse Spiritualität des Alltags, die sich z.B. in Gottesdiensten, Gebeten, Ritualen im familiären oder auch individuellen Alltag (z.B. das Entzünden von Kerzen), Musik, Kunst, der Begleitung von Kindern oder auch Kranker, Verzweifelter, Sterbender, dem Schutz von Tieren und Schöpfung usw. ausdrücken kann. Und hier erleben wir immer wieder, dass die tiefe Erfahrung des Einen der Spott des Anderen sein kann.
"ich muss dazu sagen dass ich aufgrund meines Interesses an der Spiritualität, momentan überhaupt nicht verstehe wo ich stehe..."
Genau das ist die Kehrseite einer vornehmlich individuellen Spiritualität: Die großen Freiheiten gehen mit der Schwierigkeit der Verortung von Erfahrungen, Deutungen etc. einher. In spirituellen Gemeinschaften aber entwickeln sich bald wieder konsensuale Auffassungen, es bilden sich wieder religiöse Strukturen aus (wie auch umgekehrt, siehe oben, Religionen spirituelle Bewegungen hervorbringen)...
In diesem Jahr haben wir z.B. erlebt, dass schlichte YouTube-Videos von Musik und Gesängen der Zisterzienserabtei Heiligenkreuz Millionen auch junger Menschen über Nationengrenzen hinweg bewegten:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4995126/
"meiner Auffassung ist der Ursprung des Glaubens (Religion) die Spiritualität - und mittlerweile dermaßen "vermüllt" von Einbringungen verschiedener Persönlichkeiten, dass der tiefere Sinn des Glaubens beim Großteil der Menschheit komplett verloren gegangen ist."
Spiritualität ist sicherlich eine Quelle religiöser Erfahrung, aber mit Sicherheit nicht die einzige. So hat Religiosität stets eine soziale Komponente (im Bezug auf die übernatürlichen Akteure und die Gemeinschaft, die diese achtet und verehrt), wird durch Sprache und Rituale geformt usw. Die Auffassung, es gebe eine "ursprüngliche" Spiritualität, die gewissermaßen im "reinen", durch keine anderen Einflüsse "vermüllten" Einzelerleben zu finden sei, setzt ja wiederum gewisse Annahmen voraus: Beispielsweise, dass der Einzelne im Zentrum des Seins stehe und nicht z.B. Familien, Gemeinschaften oder Lehrer. Diese Auffassung kann man vertreten - und sie ist in der individualistischen Kultur des 21. Jahrhunderts sicher auch populär -, allerdings kann sie nicht für sich in Anspruch nehmen, die Evolutionsgeschichte des Menschen und menschlicher Religiosität fortzuschreiben. Nach allem, was wir wissen, war Homo Sapiens stets ein sich vergemeinschaftender Mensch und auch die religiösen und spirituellen Überlieferungen fanden, soweit wir sehen können, in der zwischenmenschlichen Vermittlung durch Erzähler und Deuter (z.B. Eltern, Schamanen, betagte Menschen, Musiker etc.) statt.
Wir könnten sogar annehmen, dass Spiritualität ein entscheidender Motivator für Menschen gewesen sein könnte, die letztlich religiösen Erzählungen, Rituale und Gebote ihrer Gemeinschaft immer wieder einerseits zu hinterfragen, andererseits neu zu formulieren, zu begründen und weiter zu geben. Auch in heutigen, schriftlosen Kulturen, in denen unsere Vorfahren evolvierten, zeichnen sich z.B. Schamanen oder Heiler durch den Zugang zu außergewöhnlichen Erfahrungen aus, die nur teilweise bewusst angestrebt werden, die sich sogar bisweilen gegen den Willen der Betroffenen manifestieren und ihm (und ihr) einerseits Achtung, andererseits auch oft Zeiten der Prüfung und Isolation eintragen. Für die nicht-schriftlichen Traditionen nehmen diese "spirituell begabten" Menschen wichtige Funktionen der Übermittlung und Darstellung wahr. Es ist möglich, dass sich mit der Verschriftlichung und also Verfestigung religiöser Systeme die Spannung zwischen dem religiös-gemeinschaftlichen und spirituell-kreativen Bereich tendenziell verschärft haben, so dass sehr spirituelle Menschen es schwierig finden, ihre Erfahrungen ins religiöse System einzupassen und die Verantwortlichen in Religionsgemeinschaften umgekehrt dem "vagabundierenden" Potential individueller Spiritualität skeptischer gegenüberstehen. Dies können jedoch nur sehr vorsichtige Vermutungen sein, die wissenschaftliche Landkarte zum Verhältnis Religiosität - Spritualität weist bislang allenfalls grobe Umrisse auf.
"Über eine sachliche Stellungnahme würde ich mich irrsinnig freuen."
Nun ja, ich habe mein Bestes versucht - im Bewußtsein, dass die trockene Sprache der Wissenschaft dem individuellen Erleben kaum gerecht werden kann. Aber vielleicht konnte ich ja deutlich machen, dass sowohl die individuelle Ausprägung von Spiritualität auch außerhalb jeder religiösen Gemeinschaft wie auch umgekehrt die Spiritualität im religiösen Leben ihre Geschichte und zu respektierende Würde aufweisen - und sich wohl auch in der Menschheitsgeschichte in Verflechtung und Abgrenzung immer wieder gegenseitig beeinflusst haben.
Die Frage wurde hier gestellt.
Die (bzw. der Versuch einer) Antwort:
"Kann Spiritualität mit einem Glauben verbunden werden???"
Ja, das ist zweifellos möglich - Abermillionen von Menschen tun genau das und leben ihre Spiritualität im Rahmen eines gemeinschaftlichen Glaubenssystems. Allerdings kann sich die Situation individuell deutlich unterscheiden und es kann also für den Einzelnen schwer oder unmöglich scheinen, dies zu tun (oder auch nur zu wollen) - sei es, weil die entsprechenden Erfahrungen sich nicht einstellen oder mit den gegebenen Lehren in Konflikt stehen.
"Ich bin geborener und getaufter Katholik. Konnte und kann mich mit diesem Glauben nicht anfreunden und bin bekennender Atheist.
Durch verschiedene psychische Probleme in meinem Alltag bin ich auf ein Buch mit dem Namen "Jetzt" gestoßen und bin damit in das Reich der Spiritualität eingetaucht, welches mich von Anfang an gefesselt hat. Nun, es hat mir geholfen mich meiner psychischen Probleme zu entledigen und meine Probleme haben mir geholfen, das Buch, die Spiritualität zu verstehen."
Hier wird m.E. sehr eindrucksvoll deutlich, wie wichtig es ist, die Begriffe der Religiosität und Spiritualität zu unterscheiden. Sie, lieber Fragender, haben sich von der Religiosität, in die Sie hineingewachsen sind, einschließlich des Glaubens an die Gottheit verabschiedet - daneben aber einen Zugang zu spirituellen Lehren und Erfahrungen gefunden, die Sie als subjektiv hilfreich zur Bewältigung psychologischer Probleme erlebt haben. Das ist zum einen erfreulich und unterstreicht, dass die beiden Dimensionen menschlicher Natur nicht einfach identisch sind. Allerdings sind sie auch nicht einfach getrennt, wie Sie dann schildern...
"Nun... damit nicht genug.
Zu oft tauchen in spirituellen Werken die Namen Gott und Jesus, Beispielstexte von Heiligen und Lehren der Kirche auf. Betrachtet man diese durch die Augen der Spiritualität ergeben diese Sinn... hier einige Beispiele:
- Lehren der Kirche: Denke nicht an morgen, denn das Morgen wird sich um sich selbst kümmern; Niemand, der den Pflug führt und zurückschaut, ist reif für das Königreich Gottes oder - die schönen Blumen, die sich nicht um das Morgen sorgen, sondern mit Leichtigkeit im zeitlosen Jetzt leben und für die von Gott ausreichend gesorgt wird ---- hat man sich mit Spiritualität befasst werden genannte Aussagen auf das Sein, das Jetzt, sich selbst im Inneren bezogen. Liest diese Zeilen jedoch ein Gläubiger werden seine Interpretationen ganz anders ausfallen.
- Formulierungen von Heiligen: Paulus: Alles wird erkannt, sobald es dem Licht ausgesetzt wird, und was immer dem Licht ausgesetzt wird, wird selber zu Licht --- auch hier spricht die Spiritualität von dem Wandel in sich selbst. Was würde dazu wohl ein Gläubiger sagen???"
Sehr viele Glaubende würden Ihnen zustimmen, andere die Nase rümpfen. Denn auch unter den Glaubenden aller Weltreligionen gibt es eine große Spannbreite von nüchterner Rationalität (die z.B. in Gebotserfüllung und Arbeitsethos "Sinn finden" kann) bis zu spiritueller Innerlichkeit, die die Heiligen Schriften "durch die Augen des Herzens" (u.ä.) zu erfassen versuchen. So haben Sie zum Beispiel im Islam strenge Orthodoxie neben sufischen (mystisch-spirituellen) Bruderschaften, in der katholischen Kirche kontemplative Laien- und Ordensbewegungen neben komplexen, kognitiven Theologien.
"Spiritualität im Märchen: War für mich kaum zu glauben dass Märchen einen spirituellen Hintergrund haben sollen... aber dem war so... und als ich auf eine solche Interpretation gestoßen bin, kamen auch hier wieder dieselben Aspekte, bezogen auf Gott - dem Sein - und die verschiedenen Bewusstheitsebenen mit den verschiedenen Konflikten."
Auch Märchen lassen sich spirituell lesen und im Laufe der abertausendfachen Erzählungen und Weitergaben haben sich immer wieder auch solche Elemente durchgesetzt, die Menschen auf unterschiedlichsten Ebenen angesprochen haben.
"Betrachtet man den Glauben (ich meine hier Religion) mit seinen ganzen Vorgaben (Glaube an dies, wie ist die Welt erschaffen worden, Kirche, die Entstehung selbst usw.) kann der Glauben als solches durch die Augen der Spiritualität nicht akzeptiert werden. Die katholische Glauben gibt vor dass Jesus... der Mensch gewordene Gott, auf die Erde zurückkehrt und uns verbessert... und die Gläubigen glauben das... und glauben an die MENSCHLICHE Erscheinung Jesus.... ist das nicht absoluter Quatsch???"
Hier muss ich widersprechen: Es gibt ebensowenig "den Glauben" wie "die Spiritualität". Millionen Menschen leben ihre Spiritualität in einem religiösen Rahmen und die Weltreligionen haben meist sogar eigene Orte (wie Heilige Bezirke (z.B. Berge), Klöster oder Schreine) entwickelt, in denen religiöse Menschen auch spirituelle Erfahrungen suchen können. Daneben gibt es auch eine religiöse Spiritualität des Alltags, die sich z.B. in Gottesdiensten, Gebeten, Ritualen im familiären oder auch individuellen Alltag (z.B. das Entzünden von Kerzen), Musik, Kunst, der Begleitung von Kindern oder auch Kranker, Verzweifelter, Sterbender, dem Schutz von Tieren und Schöpfung usw. ausdrücken kann. Und hier erleben wir immer wieder, dass die tiefe Erfahrung des Einen der Spott des Anderen sein kann.
"ich muss dazu sagen dass ich aufgrund meines Interesses an der Spiritualität, momentan überhaupt nicht verstehe wo ich stehe..."
Genau das ist die Kehrseite einer vornehmlich individuellen Spiritualität: Die großen Freiheiten gehen mit der Schwierigkeit der Verortung von Erfahrungen, Deutungen etc. einher. In spirituellen Gemeinschaften aber entwickeln sich bald wieder konsensuale Auffassungen, es bilden sich wieder religiöse Strukturen aus (wie auch umgekehrt, siehe oben, Religionen spirituelle Bewegungen hervorbringen)...
In diesem Jahr haben wir z.B. erlebt, dass schlichte YouTube-Videos von Musik und Gesängen der Zisterzienserabtei Heiligenkreuz Millionen auch junger Menschen über Nationengrenzen hinweg bewegten:
http://religionswissenschaft.twoday.net/stories/4995126/
"meiner Auffassung ist der Ursprung des Glaubens (Religion) die Spiritualität - und mittlerweile dermaßen "vermüllt" von Einbringungen verschiedener Persönlichkeiten, dass der tiefere Sinn des Glaubens beim Großteil der Menschheit komplett verloren gegangen ist."
Spiritualität ist sicherlich eine Quelle religiöser Erfahrung, aber mit Sicherheit nicht die einzige. So hat Religiosität stets eine soziale Komponente (im Bezug auf die übernatürlichen Akteure und die Gemeinschaft, die diese achtet und verehrt), wird durch Sprache und Rituale geformt usw. Die Auffassung, es gebe eine "ursprüngliche" Spiritualität, die gewissermaßen im "reinen", durch keine anderen Einflüsse "vermüllten" Einzelerleben zu finden sei, setzt ja wiederum gewisse Annahmen voraus: Beispielsweise, dass der Einzelne im Zentrum des Seins stehe und nicht z.B. Familien, Gemeinschaften oder Lehrer. Diese Auffassung kann man vertreten - und sie ist in der individualistischen Kultur des 21. Jahrhunderts sicher auch populär -, allerdings kann sie nicht für sich in Anspruch nehmen, die Evolutionsgeschichte des Menschen und menschlicher Religiosität fortzuschreiben. Nach allem, was wir wissen, war Homo Sapiens stets ein sich vergemeinschaftender Mensch und auch die religiösen und spirituellen Überlieferungen fanden, soweit wir sehen können, in der zwischenmenschlichen Vermittlung durch Erzähler und Deuter (z.B. Eltern, Schamanen, betagte Menschen, Musiker etc.) statt.
Wir könnten sogar annehmen, dass Spiritualität ein entscheidender Motivator für Menschen gewesen sein könnte, die letztlich religiösen Erzählungen, Rituale und Gebote ihrer Gemeinschaft immer wieder einerseits zu hinterfragen, andererseits neu zu formulieren, zu begründen und weiter zu geben. Auch in heutigen, schriftlosen Kulturen, in denen unsere Vorfahren evolvierten, zeichnen sich z.B. Schamanen oder Heiler durch den Zugang zu außergewöhnlichen Erfahrungen aus, die nur teilweise bewusst angestrebt werden, die sich sogar bisweilen gegen den Willen der Betroffenen manifestieren und ihm (und ihr) einerseits Achtung, andererseits auch oft Zeiten der Prüfung und Isolation eintragen. Für die nicht-schriftlichen Traditionen nehmen diese "spirituell begabten" Menschen wichtige Funktionen der Übermittlung und Darstellung wahr. Es ist möglich, dass sich mit der Verschriftlichung und also Verfestigung religiöser Systeme die Spannung zwischen dem religiös-gemeinschaftlichen und spirituell-kreativen Bereich tendenziell verschärft haben, so dass sehr spirituelle Menschen es schwierig finden, ihre Erfahrungen ins religiöse System einzupassen und die Verantwortlichen in Religionsgemeinschaften umgekehrt dem "vagabundierenden" Potential individueller Spiritualität skeptischer gegenüberstehen. Dies können jedoch nur sehr vorsichtige Vermutungen sein, die wissenschaftliche Landkarte zum Verhältnis Religiosität - Spritualität weist bislang allenfalls grobe Umrisse auf.
"Über eine sachliche Stellungnahme würde ich mich irrsinnig freuen."
Nun ja, ich habe mein Bestes versucht - im Bewußtsein, dass die trockene Sprache der Wissenschaft dem individuellen Erleben kaum gerecht werden kann. Aber vielleicht konnte ich ja deutlich machen, dass sowohl die individuelle Ausprägung von Spiritualität auch außerhalb jeder religiösen Gemeinschaft wie auch umgekehrt die Spiritualität im religiösen Leben ihre Geschichte und zu respektierende Würde aufweisen - und sich wohl auch in der Menschheitsgeschichte in Verflechtung und Abgrenzung immer wieder gegenseitig beeinflusst haben.
blume-religionswissenschaft - 23. Dez, 06:26
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