Religiosität und Spiritualität
Über die Homepage erreichte mich gestern ein spannende und präzise Frage, die ich daher gleich (auch) hier beantworten möchte.
Frage
Lieber Herr Dr. Blume, gute Seite, interessante Beiträge, sehr gewinnbringend!
Eine kleine Frage: Können Sie mir knapp (es hat auch Zeit!) den Unterschied zwischen religiös und spirituell erläutern? Sie landen immer gleich von der Beobachtung irgendwelcher Rituale bei der Diagnose Religiosität - so jedenfalls mein Eindruck.
Vielen Dank im Voraus
XY
Antwort
Sehr geehrter Herr XY,
danke für Ihre Frage, die inhaltliche Befunde präzise vorwegnimmt - denn tatsächlich werden Religiosität und Spiritualität gerade in der empirischen und evolutionären Religionsforschung zunehmend unterschieden. In "Gott, Gene und Gehirn" haben Rüdiger Vaas und ich dieser Unterscheidung daher ein ganzes Kapitel gewidmet.
Stark komprimiert lässt sich Religiosität als Verhalten zu übernatürlichen Akteuren (wie Ahnen, Geister, Götter, Gott) beschreiben, Spiritualität als Verhalten zu außeralltäglichen Erfahrungen (wie Entgrenzungs- und Alleinheitserfahrungen, Visionen etc.).
Dabei gibt es Menschen, die sich als tief religiös verstehen, ohne jemals spirituelle Erfahrungen gesucht zu haben und andere, die sehr spirituell orientiert sind, ohne sich religiös zu vergemeinschaften. Erste, aber noch vorläufige Befunde z.B. unter Kirchenmitgliedern und auch Pfarrern deuten sogar auf eine Glockenverteilung hin: Demnach kann sehr wenig Spiritualität ein Hinderungsgrund für religiöse Vergemeinschaftung sein (weil das Ritual, der Gottesdienst ggf. stumm bleiben), aber ebenso sehr viel (weil die intensive, individuelle Spiritualität schwer in einen gemeinschaftlichen und lehramtlichen Rahmen einzupassen ist). Auch erste genetische und neurobiologische Befunde deuten in die Richtung, dass hier eine Verschränkung, nicht aber eine Gleichsetzung religiöser und spiritueller Veranlagungen vorliegen dürfte. Und der religionshistorische Umgang mit Spiritualität, der zwischen Verfolgung und Integration (z.B. kontemplative Orden, Sufismus, kaballistische Schulen etc.) schillerte, wäre ein Thema für sich, scheint zunächst aber ebenfalls die Annahme einer Glockenverteilung zu untermauern.
In den kommenden Jahren sind hierzu sicherlich noch neue Erkenntnisse sowohl empirischer wie theoretischer Art zu erwarten - Überraschungen nicht ausgeschlossen.
Mit freundlichen Grüßen
Michael Blume
Frage
Lieber Herr Dr. Blume, gute Seite, interessante Beiträge, sehr gewinnbringend!
Eine kleine Frage: Können Sie mir knapp (es hat auch Zeit!) den Unterschied zwischen religiös und spirituell erläutern? Sie landen immer gleich von der Beobachtung irgendwelcher Rituale bei der Diagnose Religiosität - so jedenfalls mein Eindruck.
Vielen Dank im Voraus
XY
Antwort
Sehr geehrter Herr XY,
danke für Ihre Frage, die inhaltliche Befunde präzise vorwegnimmt - denn tatsächlich werden Religiosität und Spiritualität gerade in der empirischen und evolutionären Religionsforschung zunehmend unterschieden. In "Gott, Gene und Gehirn" haben Rüdiger Vaas und ich dieser Unterscheidung daher ein ganzes Kapitel gewidmet.
Stark komprimiert lässt sich Religiosität als Verhalten zu übernatürlichen Akteuren (wie Ahnen, Geister, Götter, Gott) beschreiben, Spiritualität als Verhalten zu außeralltäglichen Erfahrungen (wie Entgrenzungs- und Alleinheitserfahrungen, Visionen etc.).
Dabei gibt es Menschen, die sich als tief religiös verstehen, ohne jemals spirituelle Erfahrungen gesucht zu haben und andere, die sehr spirituell orientiert sind, ohne sich religiös zu vergemeinschaften. Erste, aber noch vorläufige Befunde z.B. unter Kirchenmitgliedern und auch Pfarrern deuten sogar auf eine Glockenverteilung hin: Demnach kann sehr wenig Spiritualität ein Hinderungsgrund für religiöse Vergemeinschaftung sein (weil das Ritual, der Gottesdienst ggf. stumm bleiben), aber ebenso sehr viel (weil die intensive, individuelle Spiritualität schwer in einen gemeinschaftlichen und lehramtlichen Rahmen einzupassen ist). Auch erste genetische und neurobiologische Befunde deuten in die Richtung, dass hier eine Verschränkung, nicht aber eine Gleichsetzung religiöser und spiritueller Veranlagungen vorliegen dürfte. Und der religionshistorische Umgang mit Spiritualität, der zwischen Verfolgung und Integration (z.B. kontemplative Orden, Sufismus, kaballistische Schulen etc.) schillerte, wäre ein Thema für sich, scheint zunächst aber ebenfalls die Annahme einer Glockenverteilung zu untermauern.
In den kommenden Jahren sind hierzu sicherlich noch neue Erkenntnisse sowohl empirischer wie theoretischer Art zu erwarten - Überraschungen nicht ausgeschlossen.
Mit freundlichen Grüßen
Michael Blume
blume-religionswissenschaft - 11. Dez, 06:21
76 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks



