Freitag, 14. November 2008

Interview mit der Filder-Zeitung

Berichterstattung über Wissenschaft gerade auch in Lokalzeitungen halte ich für eine großartige und wirklich wichtige Sache - ein Erfahrungsbericht und Plädoyer hier. Auch das Interview mit Claudia Barner von der Filder-Zeitung, die hier in der Region als beliebte Lokalbeilage zur Stuttgarter Zeitung und den Stuttgarter Nachrichten erscheint, hat wieder viel Freude gemacht. Es erschien gestern, am 13.11.2008, und gerne gebe ich den Wortlaut den Lesern außerhalb der Region sowie den Noch-Nicht-Tageszeitungslesern hier zur Kenntnis.

"Auch Religion hat eine Evolutionsgeschichte"
Der Filderstädter Religionswissenschaftler Michael Blume über sein neues Buch "Gott, Gene und Gehirn"

Filderstadt. Ist die Religiosität des Menschen ein Ergebnis der Evolutionsgeschichte? Der Filderstädter Religionsexperte Michael Blume erforscht die Zusammenhänge zwischen Glauben und Naturwissenschaft seit vielen Jahren. Die Ergebnisse hat er nun in einem Buch zusammengetragen, über das er sich mit unserer Mitarbeiterin Claudia Barner unterhalten hat.

„Gott, Gene und Gehirn“ lautet der Titel Ihres neuen Buches. Sie begeben sich darin gemeinsam mit dem Wissenschaftsjournalisten Rüdiger Vaas auf die Suche nach den biologischen Grundlagen von Religiosität. Müssen wir umdenken? Ist der Glaube eine genetische Anlage, wie die Haarfarbe oder die Körpergröße?

Nein, so prosaisch kann man das nicht sehen. Religiosität bleibt etwas Geheimnisvolles. Trotzdem muss man feststellen: Wenn alles, was wir wahrnehmen, denken, fühlen und planen, auf Prozessen im Gehirn beruht, dann trifft dies auch für religiöse Erfahrungen, Überzeugungen und Handlungen zu. Um diese Verbindungen zu erkennen, haben sich Psychologen, Hirnforscher, Evolutionsbiologen und Religionswissenschaftler zum internationalen Forschernetzwerk Evolutionary Religious Studies zusammengeschlossen, dem auch ich angehöre. Und wir sehen immer deutlicher, dass auch Religion eine Evolutionsgeschichte hat, zur Natur des Menschen gehört.

Welche konkreten Ergebnisse stützen diese These?

Betrachten wir den Einfluss der Religiosität auf die Demografie. Studien zeigen: Religiöse Menschen leben in durchschnittlich stabileren Familien und haben mehr Kinder als ihre Nachbarn auch gleicher Einkommens- und Bildungsschicht. An diesem Beispiel lässt sich das Wechselspiel zwischen Natur und Kultur gut nachvollziehen. Sicher ist es so, dass Religionsgemeinschaften Familienwerte vermitteln und Familiendienste organisieren. Dabei kann man auch feststellen, dass sich kulturell stets jene Religionen durchgesetzt haben, die das Leben erfolgreich fördern. Manchmal leider mit großer Intoleranz nach außen!

Ist das eine Annahme, die auf Wahrscheinlichkeit beruht, oder kann man diese Einschätzung als gesicherte wissenschaftliche Erkenntnis werten?

In vielen Punkten haben sich unsere Thesen bestätigt. Der Unterschied ist sogar messbar. Zum Beispiel bestätigen Gen- und Zwillingsforscher, dass auch Religiosität genetische Grundlagen hat. Natürlich ist es aber so, dass in dem relativ jungen Forschungsfeld noch viele Fragen offen sind. Insgesamt aber hat der Prozess der Entschlüsselung der biologischen Grundlagen von Religiosität in den vergangenen Jahren durch das Internet eine enorme Dynamik erfahren. Die Puzzleteile fügen sich über Kontinente und Fächer hinweg zusammen und wir erhalten Erkenntnisse, an die wir vor fünf Jahren noch nicht einmal zu denken wagten.

Zurück zu den Folgen aus ihrer Theorie: Bedeutet dies, dass es Menschen gibt, die für religiöses Verhalten einfach nicht begabt sind?

Das wäre viel zu eindimensional. Religiosität wird von vielen Faktoren bestimmt, zu denen die biologischen Aspekte eben auch gehören. Religiöses Verhalten ist eine Universalie. Sie lässt sich nicht unterdrücken und ist auch in Gesellschaften zu finden, die sich für atheistisch halten. Religiosität ist Teil der biokulturellen Evolution. Ich vergleiche sie gerne mit der Musikalität. Auch hier gibt es unterschiedliche Anlagen und Begabungen. Wenn sie jedoch nicht kulturell entfaltet und gefördert werden, entwickeln sie sich nicht. Das ist meiner Meinung nach auch der Grund dafür, dass alle Religionsgemeinschaften großen Wert auf religiöse Erziehung legen.

Es ist kein Geheimnis, dass es zwischen Naturwissenschaftlern und Theologen mitunter tiefe ideologische Gräben gibt. Sie führen beide Disziplinen zusammen. Wie ist die Reaktion auf Ihr Buch?

Überraschend positiv. Wir beobachten vor allem neugierige Verblüffung. Beide Seiten erfahren Bestätigung und verspüren die Herausforderungen, die die Ergebnisse der Forschung mit sich bringen. Unser Buch ist darauf angelegt, eine Brücke zu schlagen. Wir geben einen Überblick über die bisherigen Erkenntnisse und zeigen einige Schlussfolgerungen auf. Es geht um ein besseres Verständnis füreinander. Ich finde es unheimlich spannend, gemeinsam über die Natur des Glaubens zu forschen. Letztlich ist es doch so, dass beide Seiten voneinander lernen können. Wenn wir auf diesem Weg dazu beitragen können, dass wir Menschen besser mit den großen Chancen, aber auch Gefahren der Religiosität wie Extremismus und dem Sektenwesen umgehen können, dann hat sich mein Traum erfüllt.

Hintergrund

Den Zusammenhängen zwischen Theologie und Hirnforschung ist der Filderstädter Religionswissenschaftler Michael Blume seit seinem Studium in Tübingen auf der Spur. Dort schrieb er seine Doktorarbeit zum Thema Neurotheologie. Der 32-jährige, der sich als Jugendgemeinderat engagiert hat und sechs Jahre lang für die CDU im Filderstädter Stadtparlament saß, ist im Stuttgarter Staatsministerium als Referent für den interkulturellen und interreligiösen Dialog zuständig. In seiner Freizeit arbeitet der Vater zweier Kinder an seiner Habilitation zum Thema „Religion und Demografie“ an der Universität in Heidelberg. 2007 wurde er als jüngstes Mitglied und bislang einziger Deutscher ins internationale Forschernetzwerk „Evolutionary Religious Studies“ berufen. Seine Forschungsergebnisse weckten das Interesse des Stuttgarter Hirzel Verlags. Gemeinsam mit dem Wissenschaftsjournalisten Rüdiger Vaas hat Michael Blume in dessen Auftrag zum Darwin-Jahr 2009 das Buch „Gott, Gene und Gehirn – warum Glaube nützt. Die Evolution der Religiosität“ (ISBN 978-3-7776-1634-6) erarbeitet.
Clb

Dr. Blume

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Gott, Gene und Gehirn - Von Rüdiger Vaas und Michael Blume

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Doller Vortrag!
Hallo Herr Dr. Blume, vielen Dank für den ebenso...
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