Religionswissenschaft studieren?
Immer wieder erreichen mich über den Blog oder das Mailformular auf meiner Homepage Fragen, von denen ich denke, dass sie eigentlich auch für andere interessant sein könnten. Daher richte ich hier also eine kleine Kategorie ein, in der ich hin und wieder solche Fragen aufgreife - selbstverständlich unter strikter Wahrung der Anonymität der Einsender. Ohne Einverständnis (oder strafbaren Missbrauch des Blogs) gebe ich ausdrücklich keine Daten, Namen, Mailadressen o.ä. weiter.
So, hier also eine erste Frage:
Sehr geehrter Hr. Dr. Blume!
Ich besuche zur Zeit die 12. Klasse des Gymnasiums und habe sehr große Interesse an einem Studium der Religionswissenschaften. Allerdings frage ich mich in diesem Zusammanhang, was genau ich später damit anfangen kann. Ich habe zwar gelesen, dass das Feld der Möglichkeiten sehr groß ist, andererseits habe ich jedoch auch gelesen, dass man bei einem Studium einer Geisteswissenschaft undbedingt wissen müsse, was man damit anfangen will, da dann das Risiko, arbeitslos zu werden, geringer ist. Vielleicht können Sie mir hierbei weiterhelfen und mir sagen, was ich mit diesem Studium konkret anfangen kann? Ich würde mich sehr über eine Antwort Ihrerseits freuen.
Mit freundlichen Grüßen
XY
Antwort
Sehr geehrte Frau XY,
für Ihre Frage - die ich sehr berechtigt finde - möchte ich herzlich danken! Denn es ist in der Tat so: Einerseits ist Religionswissenschaft wohl eines der faszinierendsten und vielfältigsten Fächer, das man derzeit in Deutschland studieren kann - andererseits aber verlangt es ein besonderes Ausmaß an Eigeninitiative. Denn es gibt noch kein klares Berufsbild für Religionswissenschaftler, sondern außerhalb der Universitäten "nur" eine (wenn auch derzeit wachsende) Zahl von Chancen in Medien, Politik und Verwaltung, Verlagen und Unternehmen sowie in der Kombination mit anderen Fächern (z.B. mit theologischen, juristischen oder wirtschaftlichen Disziplinen). Und die Qualität der Vorbereitungen auf das Leben nach dem Studium schwankt von Institut zu Institut erheblich - positive Erfahrungen als Lehrender in diesem Feld habe ich z.B. in Heidelberg und Leipzig gemacht.
Das bedeutet: Wenn Sie sich für ein Studium der Religionswissenschaft entscheiden, dann sollte schon die Wahl eines zweiten Faches und ggf. Ihrer Schwerpunkte innerhalb der Religionswissenschaft Ihr Profil unterstreichen. Dringend würde ich empfehlen, während des Studiums das eine oder andere Ehrenamt (in einem Verein, einer Institution, Kirche, Partei, Initiative o.ä.) auszuüben: Dabei lernt man nicht nur unglaublich viel über andere Menschen und sich selbst, sondern auch einschätzen, wo man die eigenen Stärken hat und einbringen kann. Praktikas sind eine hervorragende Chance, sich und bestimmte Branchen zu testen. Und immer mehr Lehrstühle bieten extra Seminare an, in denen man z.B. das Verfassen von Artikeln, Reden oder Präsentationen auch einfach mal üben, sich ausprobieren kann - auch wenn der Schein nicht immer gebraucht wird, so etwas lohnt sich immer.
Was ist der Lohn für die Mühen? Sie haben in der Religionswissenschaft ein Fach zu einem Phänomen, dass in der menschlichen Gesellschaft wieder weltweit an Bedeutung gewinnt - und gerade das säkularisierte Europa sieht sich damit neuen Herausforderungen und auch Chancen gegenüber. Je nach Professores haben Sie die Wahl zwischen einer Vielzahl von Untersuchungsperspektiven: über Geschichte oder Sprachen, Soziologie oder Philosophie (vereinzelt auch noch Phänomenologie), langsam zunehmend sogar Biologie und Naturwissenschaft. Angesichts einer durch Zuwanderung, Konversionen und reproduktive Unterschiede wachsenden religiösen Vielfalt wird der Umgang mit religiöser Vielfalt und religiösen Phänomenen zugleich für Entscheider in Politik und Wirtschaft immer interessanter - wie heute schon in den USA wird man auch in Deutschland in naher Zukunft Wahlen oder Marktanteile maßgeblich über "diversity management" gewinnen oder verlieren. In diesen Situationen können Religionswissenschaftler wertvolle Begleiter und Berater sein und dazu beitragen, dass Kommunikation und Zusammenleben gelingen, Konflikte friedlich und produktiv gelöst werden. Aber auch die Faszination für das Phänomen Religiosität und Religion(en) an sich kann einen ein Leben lang fesseln und begeistern: Als oder neben dem Hauptberuf (wie in diesem Blog).
Ich würde mich also sehr freuen, wenn Sie sich für Religionswissenschaft entscheiden und ein Institut finden, das zu Ihnen passt. Persönlich habe ich die Entscheidung, eine damals so sicher scheinende Banklaufbahn für die Religionswissenschaft aufzugeben, nicht bereut. Die Bankausbildung und die Kolleginnen und Kollegen waren großartig und es war unglaublich wertvoll, z.B. mal Chefs zu haben und sich in Teams zu bewähren. Aber heute bin ich froh, inhaltlich und beruflich dann doch den aus damaliger Sicht riskanteren Weg gegangen zu sein.
Mit herzlichen Grüßen
Michael Blume
So, hier also eine erste Frage:
Sehr geehrter Hr. Dr. Blume!
Ich besuche zur Zeit die 12. Klasse des Gymnasiums und habe sehr große Interesse an einem Studium der Religionswissenschaften. Allerdings frage ich mich in diesem Zusammanhang, was genau ich später damit anfangen kann. Ich habe zwar gelesen, dass das Feld der Möglichkeiten sehr groß ist, andererseits habe ich jedoch auch gelesen, dass man bei einem Studium einer Geisteswissenschaft undbedingt wissen müsse, was man damit anfangen will, da dann das Risiko, arbeitslos zu werden, geringer ist. Vielleicht können Sie mir hierbei weiterhelfen und mir sagen, was ich mit diesem Studium konkret anfangen kann? Ich würde mich sehr über eine Antwort Ihrerseits freuen.
Mit freundlichen Grüßen
XY
Antwort
Sehr geehrte Frau XY,
für Ihre Frage - die ich sehr berechtigt finde - möchte ich herzlich danken! Denn es ist in der Tat so: Einerseits ist Religionswissenschaft wohl eines der faszinierendsten und vielfältigsten Fächer, das man derzeit in Deutschland studieren kann - andererseits aber verlangt es ein besonderes Ausmaß an Eigeninitiative. Denn es gibt noch kein klares Berufsbild für Religionswissenschaftler, sondern außerhalb der Universitäten "nur" eine (wenn auch derzeit wachsende) Zahl von Chancen in Medien, Politik und Verwaltung, Verlagen und Unternehmen sowie in der Kombination mit anderen Fächern (z.B. mit theologischen, juristischen oder wirtschaftlichen Disziplinen). Und die Qualität der Vorbereitungen auf das Leben nach dem Studium schwankt von Institut zu Institut erheblich - positive Erfahrungen als Lehrender in diesem Feld habe ich z.B. in Heidelberg und Leipzig gemacht.
Das bedeutet: Wenn Sie sich für ein Studium der Religionswissenschaft entscheiden, dann sollte schon die Wahl eines zweiten Faches und ggf. Ihrer Schwerpunkte innerhalb der Religionswissenschaft Ihr Profil unterstreichen. Dringend würde ich empfehlen, während des Studiums das eine oder andere Ehrenamt (in einem Verein, einer Institution, Kirche, Partei, Initiative o.ä.) auszuüben: Dabei lernt man nicht nur unglaublich viel über andere Menschen und sich selbst, sondern auch einschätzen, wo man die eigenen Stärken hat und einbringen kann. Praktikas sind eine hervorragende Chance, sich und bestimmte Branchen zu testen. Und immer mehr Lehrstühle bieten extra Seminare an, in denen man z.B. das Verfassen von Artikeln, Reden oder Präsentationen auch einfach mal üben, sich ausprobieren kann - auch wenn der Schein nicht immer gebraucht wird, so etwas lohnt sich immer.
Was ist der Lohn für die Mühen? Sie haben in der Religionswissenschaft ein Fach zu einem Phänomen, dass in der menschlichen Gesellschaft wieder weltweit an Bedeutung gewinnt - und gerade das säkularisierte Europa sieht sich damit neuen Herausforderungen und auch Chancen gegenüber. Je nach Professores haben Sie die Wahl zwischen einer Vielzahl von Untersuchungsperspektiven: über Geschichte oder Sprachen, Soziologie oder Philosophie (vereinzelt auch noch Phänomenologie), langsam zunehmend sogar Biologie und Naturwissenschaft. Angesichts einer durch Zuwanderung, Konversionen und reproduktive Unterschiede wachsenden religiösen Vielfalt wird der Umgang mit religiöser Vielfalt und religiösen Phänomenen zugleich für Entscheider in Politik und Wirtschaft immer interessanter - wie heute schon in den USA wird man auch in Deutschland in naher Zukunft Wahlen oder Marktanteile maßgeblich über "diversity management" gewinnen oder verlieren. In diesen Situationen können Religionswissenschaftler wertvolle Begleiter und Berater sein und dazu beitragen, dass Kommunikation und Zusammenleben gelingen, Konflikte friedlich und produktiv gelöst werden. Aber auch die Faszination für das Phänomen Religiosität und Religion(en) an sich kann einen ein Leben lang fesseln und begeistern: Als oder neben dem Hauptberuf (wie in diesem Blog).
Ich würde mich also sehr freuen, wenn Sie sich für Religionswissenschaft entscheiden und ein Institut finden, das zu Ihnen passt. Persönlich habe ich die Entscheidung, eine damals so sicher scheinende Banklaufbahn für die Religionswissenschaft aufzugeben, nicht bereut. Die Bankausbildung und die Kolleginnen und Kollegen waren großartig und es war unglaublich wertvoll, z.B. mal Chefs zu haben und sich in Teams zu bewähren. Aber heute bin ich froh, inhaltlich und beruflich dann doch den aus damaliger Sicht riskanteren Weg gegangen zu sein.
Mit herzlichen Grüßen
Michael Blume
blume-religionswissenschaft - 25. Okt, 06:02
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