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Dienstag, 22. Juli 2008

Zentralrat der Juden in Deutschland will Konversionen erleichtern

Über Jahrhunderte hinweg hat das Judentum in der christlichen und islamischen Welt als (vor allem in Europa) oft bedrängte Minderheit, der die Werbung oder auch nur Aufnahme von Neumitgliedern untersagt war, durch Kinderreichtum und religiös erfolgreich geförderte Endogamie (Heirat in der Gemeinschaft) überlebt. Auch aufgrund der orthodoxen Strömungen wiesen beispielsweise die jüdischen Gemeinden der Schweiz laut Volkszählung 2000 noch immer die höchste Geburtenrate aller mehrheitlich inländischen Religionen auf (siehe hier, S. 4).

Und doch haben, nicht zuletzt aufgrund der Überwindung von Ausgrenzung und des starken Bildungs- und Wirtschaftsaufstiegs in freiheitlichen Gesellschaften, Säkularisierung und Individualisierung längst auch die jüdischen Gemeinden erreicht: Geburtenrückgang, Ehen mit Nichtjuden und auch Konversionen zu anderen Religionen sind längst keine Ausnahmeerscheinungen mehr.

Dies bringt insbesondere in Deutschland, in denen vielerorts ein Gegenüber mehrheitlich liberaler Gemeindemitglieder und orthodoxer Rabbiner besteht, eine Vielzahl von Konflikten und menschlicher Tragödien mit sich: Ehepartner und Kinder, die zur Gemeinde gehören wollen, aber deren Übertrittswünsche nicht erfüllt werden, Zuwanderer v.a. aus Russland, die dort beispielsweise aufgrund eines jüdischen Vaters zeitlebens als Juden galten und nun beschieden bekommen, im halachischen Sinn (in dem die Religionszugehörigkeit nur über die Mutter vererbt wird) nichtjüdisch zu sein und auch kaum übertreten zu können, Abgewiesene, die sich schließlich auf der Suche nach einer akzeptierten Identität und Gemeinschaft judenchristlichen, messianischen Freikirchen anschließen und sich fortan sowohl antijüdischen wie antichristlichen Vorurteilen zu erwehren haben usw. Vor allem aufgrund solcher Prozesse und des Geburtenrückgangs sehen viele jüdische Gemeinden sogar mittel- und längerfristig ihre demografische Existenz bedroht.

Vielfalt zulassen & Übertritte erleichtern

Sowohl in den israelischen, US-amerikanischen wie auch deutschen Gemeinden erfolgte in den letzten Jahren eine intensive Debatte über die Zukunft des Judentums. Dabei wurde erkannt, dass einerseits eine breitere, durchaus auch wettbewerbliche Akzeptanz der innerjüdischen Vielfalt, die weitere Förderung von Familien, aber eben auch eine Erleichterung von Konversionen für das Überleben des Judentums in modernen Gesellschaften nötig werde. Die Aufnahme liberaler Gemeinden in die Strukturen des Zentralrats und die Etablierung je einer liberal-konservativen und orthodoxen Rabbinerkonferenz in Deutschland waren Schritte auf diesem Weg.

Einen Durchbruch in der Konversionsfrage brachte nun der Entscheid des Oberrabbinats in Israel, "Konversionskurse" anzubieten, mit denen tausende Übertrittswillige das Judentum annehmen können. Auf Basis dieser Kurse sollen auch die Konversionszahlen bei orthodoxen Rabbinern von bislang 100 bis 200 Menschen pro Jahr etwa verzehnfacht werden - mit entsprechenden Auswirkungen etwa wiederum auf die Kinder dann legitim konvertierter Mütter etc.

Die Jüdische Allgemeine brachte Anfang Juli zu all dem ein Interview mit dem zuständigen Präsidiumsmitglied im Zentralrat der Juden in Deutschland, Nathan Kalmanowicz (Download hier).

Strukturell...

...verbessert diese spannende Weichenstellung zunächst einmal die Situation vieler tausend Menschen, die das Judentum annehmen bzw. als Juden akzeptiert werden wollen. Eine Vielzahl menschlicher Tragödien und Identitätskonflikte könnte auf diesen Wegen geheilt und Übertretende häufiger zu einem anerkannten Teil deutsch-jüdischen Lebens werden.

Zugleich stärken die jüdischen Gemeinden auch in Deutschland nicht nur ihre Zukunftschancen, sondern bringen sich auch sichtbarer in den freiheitlichen Wettbewerb der Religionen ein. Sie werden, ggf. gerade auch wegen ihres Verzichts auf aktive Mission, als religiöse Alternative erkennbarer und zugänglicher, ihre Gemeindezusammensetzungen und wohl auch Strukturen und Angebote dürften sich noch vielfältiger ausprägen. Sicher werden auch diese Prozesse von teilweise heftigen Kontroversen begleitet sein. Aber auch diese sind Ausweis einer erfreulichen Lebendigkeit, wie sie noch vor wenigen Jahrzehnten dem Judentum in Deutschland wenige zugetraut hätten.

Dr. Blume

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