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Mittwoch, 18. Juni 2008

Ab wann kleidete sich der Mensch? Ein Beispiel biokultureller Evolution

Evolutionsforschung ist etwas für Krimi- und Tüftelfreunde: Immer wieder ergeben sich überraschende Zusammenhänge und Querverbindungen, die Lust auf mehr machen.

So scheint die Frage, ab wann sich unsere Vorfahren in Kleidung hüllten, sehr schwer zu beantworten - schließlich erhalten sich Felle & Co. kaum über Jahrzehntausende, Nadeln und Spangen sind ebenfalls schwer zu finden und mit Sicherheit sehr viel jünger.

Einen originellen Seitenblick fand ich im Artikel "Kopfsache" von Philip Wolff im "Wissen"-Magazin der Süddeutschen Zeitung 7/2008, S. 44 - 52 (Fundstelle, S. 49). Demnach könne ein kleines, sonst eher als lästig betrachtetes Tier bei der Antwort helfen: die Kleiderlaus.

Ein Kleiderlaus-Weibchen und eine Larve. Laut einigen DNA-Forschern spalteten sich die Vorfahren dieser Tiere vor 70.000 Jahren vom Stammbaum der Kopflaus ab - was einen originellen Hinweis auf das Entstehen menschlicher Kleidungsgewohnheit bieten könnte.

Denn diese habe sich - so auch Otto Urban vom Institut für Ur- und Frühgeschichte der Universität Wien (ein Beitrag hier) - vor ca. 72.000 (plus/minus 4.200) Jahren genetisch aus dem DNA-Stammbaum der Kopflaus gelöst: Ein Hinweis auf die Entstehung warmer Kleidung als eigenständiger Nische.

Interessanterweise würde dieser Zeitraum recht genau in die Ausbreitung von Homo Sapiens aus dessen Wiege in Afrika fallen - wobei jedoch Homo Erectus-Gruppen und Homo Neanderthalensis schon lange zuvor auch außerhalb dieses Kontinentes gesiedelt hatten. Sollten also tatsächlich erst unsere Sapiens-Vorfahren ausreichend Kleidung zur Entstehung und Ausbreitung der Kleiderlaus produziert haben, so spräche (auch) dies für deren kulturelle Kreativität.

Auf jeden Fall aber fand ich die Verbindung Kleiderlaus - Kleidung, so viele Fragen auch noch offen bleiben, interessant weil

1. Wir hier ein schönes Beispiel haben, wie Kultur und Natur auseinander hervorgehen und einander wechselseitig verändern.

2. Das Beispiel zeigt, wie quer man gerade auch in der Evolutionsforschung denken kann und muss, um Erkenntnisse zu gewinnen.

PS: Die SZ-Wissen-Ausgabe empfehle ich übrigens nicht nur aufgrund des anregenden Kopfsache-Artikels zur Evolution menschlicher Haarpracht, sondern auch aufgrund eines kurzen, aber würdigenden Artikels von Richard Friede zu Alfred Russel Wallace. Leser dieses Blogs kennen den völlig verkannten Mitentdecker der Evolutionstheorie (der auch zeitlebens gläubiger Christ blieb) bereits - und es ist sehr erfreulich, dass er langsam auch ins allgemeinere Bewußtsein sickert.

Dr. Blume

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