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Freitag, 30. Mai 2008

Macht Religion doch keine Kinder? Ein Versuch des humanistischen Pressedienstes

Gerne behaupten nicht wenige Humanisten von sich, im Gegensatz zu "den Religiösen" wären sie vorurteilslos bereit, harte, wissenschaftliche Befunde auch als solche anzuerkennen und ihre eigenen Haltungen jederzeit "vernünftig" zu überprüfen.

Für die Forschungen zur Religionsdemografie scheint das aber nicht generell zu gelten. So hat Andreas Müller im humanistischen Pressedienst hpd einen polemischen Text des kanadischen Journalisten Dan Gardner "Religion macht keine Kinder" von 2006 übersetzt und mit dem schönen Schlusswort versehen: "Dieser Artikel geht auch an die Adresse des Religionswissenschaftlers Dr. Blume, der nicht müde wird, noch im letzten Winkel nach einem Sinn für Religion zu suchen und ihn natürlich auch zu finden."

Naja, Herr Müller - schauen wir uns den Gardner-Text doch einmal an. Er polemisiert gegen den Papst, der (eine interessante Information, danke!) ebenfalls einen Zusammenhang von Religiosität und Kinderreichtum vermutet.

Als "Beleg", dass es diesen dann nicht oder kaum gebe, führt Gardner aber nicht etwa demografische Studien, Volkszählungen oder ähnliches an, sondern würfelt ungeordnet und unterhalb jedes wissenschaftlichen Anspruchs alle möglichen Geburtenzahlen verschiedenster Länder und Regionen mit ad-hoc-Thesen wild durcheinander.

So habe, so Gardner, der Kinderreichtum der USA und dessen Geburtenunterschied zu den säkularen Gesellschaften Europas angeblich nichts oder kaum etwas mit Religiosität zu tun, sondern eher mit Immobilienpreisen.

Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock

Lieber Herr Müller, lieber humanistischer Pressedienst, das ist schlichtweg falsch und von seriösen Demografen längst widerlegt. Wenn Sie mir nicht glauben wollen - dann vielleicht dem Max-Planck-Institut für demografische Forschung in Rostock? Auch dort hat man nämlich 2006 zum Geburtenunterschied von US-Amerikanern und Europäern geforscht, siehe -zum freien Download- hier:
Frejka, Westoff 2006 - "Religion, Religiousness and Fertility in the U.S. and Europe"
Die Forscher, die das datenreiche Paper inzwischen auch als Fachartikel herausgebracht haben, schätzen den religiös verursachten Geburtenvorteil der USA im Vergleich zu Europa nach Abzug aller anderen Faktoren auf 13-14%!!!

Nicht berücksichtigt hat Gardner auch die inneramerikanischen Daten, von denen ich einige bereits hier vorstellte.

Auch in den USA haben Konfessionslose und insbesondere Atheisten deutlich unterdurchschnittlich Kinder. Zwar wenden sich durchaus signifikante Generationenanteil (> 10%) von den Religionsgemeinschaften ab, werden jedoch durch junge Generationen vorwiegend aus religiösen Familien und Zuwanderern ersetzt.

Vienna Yearbook of Population Research 2007

Auch zu den unterschiedlichen Geburtenraten europäischer Länder gibt es längst Untersuchungen zum Einfluss der Religiosität. So haben Philipov und Berghammer unlängst (2007) in Österreich, genauer im Wiener Jahrbuch für Bevölkerungswissenschaft dazu veröffentlicht, ebenfalls zum freien Download:
"Religion and fertility ideals, intentions and behaviour: a comparative study of European countries"

Das Ergebnis: Quer durch europäische Gesellschaften haben religiöse Menschen mehr Kinder als ihre säkularen Nachbarn. Selbstverständlich ist Religiosität nicht der einzige Faktor, aber er ist empirisch messbar da.

Weitere Daten...

Eine kleine Auswahl weiterer Daten (z.B. von Herwig Birg, ALLBUS, der Schweizer Volkszählung, Institut der deutschen Wirtschaft Köln u.a.) finden Sie auch hier.

Lebendgeburten pro Frau nach Religionszugehörigkeit, Schweizer Zensus 2000, alle Kategorien. Es zeigt sich, dass "alle" religiösen Gemeinschaftskategorien durchschnittlich deutlich mehr Kinder erreichen als die Konfessionslosen.

Und im übrigen wären da auch noch die Fallstudien: Dass Mormonen in den USA mehr Kinder haben, erkennt Gardner widerwillig an. Dass aber z.B. auch orthodoxe Juden und Amische in den USA und Kanada mehr Kinder bekommen als ihre säkulare Umwelt ist m.E. wissenschaftlich noch nie bestritten worden und hätte einem kanadischen Journalisten, wenn er daran interessiert gewesen wäre, doch wirklich auffallen können, oder!?

Fazit

Lieber Herr Müller, lieber humanistischer Pressedienst - dass wissenschaftliche Erkenntnisse aus weltanschaulichen Gründen geleugnet und Wissenschaftlern stattdessen Voreingenommenheit unterstellt wird, ist ja historisch keine neue Erscheinung. Und die Form des wirren Essays, in dem Halb- mit Unwahrheiten verrührt werden, haben z.B. antievolutionistische Kreationisten schon vor Ihnen perfektioniert - insofern ist diese nun also auch "humanistische" Strategie außerordentlich erhellend! Als junger Forscher durch Sie dergestalt "herausgefordert" worden zu sein, betrachte ich als große Ehre und bedanke mich dafür.

Herausforderung angenommen :-)

Und gerne bin ich bereit, vor dem Publikum und mit der Wissenschaftlerin oder dem Wissenschaftler Ihrer Wahl die These zu disputieren, dass Religiosität in freiheitlichen Gesellschaften mit durchschnittlich mehr Fortpflanzungserfolg einhergeht - als natürlich nicht einzigem und komplex wechselwirkendem, aber empirisch hoch relevantem und mit Daten längst bestens belegtem Faktor.

Und ich würde dabei nicht nur auf Basis eigener, sondern inzwischen Dutzendfacher unabhängiger Datenauswertungen argumentieren, deren Zahl ständig wächst. Denn ich fände es schade, wenn der humanistische Pressedienst den Anspruch auf Wissenschaftlichkeit aufgeben und sich stattdessen auf einen (höflich formuliert) etwas wirren, populärwissenschaftlichen Essay zurück ziehen würde, der letztlich auch nicht leugnen kann, was sich empirisch nicht mehr leugnen lässt. Auch Sie, lieber Herr Müller, lieber Pressedienst, dürfen aufzeigen, ob Sie ein tatsächlich wissenschaftliches oder doch eher ein fundamentalistisch abgeschottetes Weltbild bevorzugen...

Wir warten gespannt.

Migration: Rücküberweisungen erreichen Rekordniveau

Aktuellen Berechnungen der Weltbank zufolge haben Migranten im vergangenen Jahr schätzungsweise 318 Milliarden US-Dollar in ihre Heimatländer überwiesen. Der größte Anteil der weltweiten Rücküberweisungen floss nach Indien (27 Mrd. US-Dollar), gefolgt von China (25,7 Mrd. US-Dollar) und Mexiko (25 Mrd. US-Dollar).

Allein 240 Milliarden US-Dollar flossen dabei in Entwicklungsländer. Die Summe dieser Rücküberweisungen ist damit mehr als doppelt so hoch, wie die Ausgaben für die internationale Entwicklungszusammenarbeit. Sie beliefen sich 2006 auf etwa 104,4 Milliarden US-Dollar.

Migration trägt zur Entwicklung von Ländern bei

Die finanziellen Transfers, die Migranten jedes Jahr tätigen, um ihre Familien in den Heimatländern zu unterstützen, leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Armutsbekämpfung. Wie eine aktuelle Studie des Entwicklungszentrums der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zeigt, fließt der Großteil der Rücküberweisungen derzeit jedoch in den Konsum. Um langfristig positive Effekte in der Armutsreduzierung zu erreichen, müsse es gelingen, mehr Mittel in die Bildungs- und Gesundheitsvorsorge zu lenken, so der Bericht.

Quelle: D. Ratha/Z. Xu: Migration and Remittances Factbook 2008, Washington D.C. 2008; OECD Development Centre: Policy Coherence for Development 2007. Migration and Developing Countries, November 2007

Quelle: Deutsche Stiftung Weltbevölkerung

Aus religionswissenschaftlicher Sicht ist zu ergänzen, dass Emigration zunehmend nur noch aus religiösen Populationen stattfinden, da säkulare Gesellschaften (inklusive armer Länder wie z.B. Russland, Bosnien-Herzegowina etc.) meist bereits mangels Geburten in die Bevölkerungsstagnation und -schrumpfung übergegangen sind.

Dr. Blume

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