Nicht selten sind es die kleineren, unauffälligen Debatten, aus denen neue Gedanken erwachsen. So brachte Edgar in der
Wissenslogs-Debatte zur Religionstheorie des Wirtschaftsnobelpreisträgers Friedrich-August von Hayek den Begriff der "Wirtschaftstheologie" auf - wobei von Hayek darunter ausdrücklich nicht zu verstehen wäre.
Gibt es aus Unkenntnis verbreitete Vorbehalte deutscher Theologen gegenüber der Ökonomie?
Spannend war aber auch der Beitrag von Basty Castellio, außerhalb des Netzes ein süddeutscher Theologe und Pfarrer. Er hatte mehrere Hayek-Texte und den
Hayek-Vortrag Markets and Morals von Oberrabbiner Jonathan Sacks gelesen - und dabei reflektierend auch bei sich antiökonomische Vorurteile festgestellt.
So fragte er
hier:
"Den Jonathan Sacks las ich – deutlich dadurch geworden: von Hayek ist nicht für den a-moralischen liberalen Markt. Aber woher kommt das Missverständnis, nicht nur bei mir?"
Meine Vermutung dazu war:
"In Religionsgemeinschaften, die durch Beiträge und Spenden finanziert werden, erwächst ein Ethos der Bewunderung gegenüber wirtschaftlichen Leistungsträgern und Unternehmern, die auch teilen. In den steuerfinanzierten Kirchen und theologischen Fakultäten in Deutschland gilt dagegen eine verächtliche Haltung gegenüber Ökonomen und Ökonomie als schick. Da wurden tausende theologische Arbeiten zu Marx geschrieben, aber nach meiner Kenntnis bislang keine zu Friedrich August von Hayek..."
Theologie & Wirtschaft
Erfreulicherweise gibt es Theologen, die die ökonomische Unkenntnis zu durchbrechen versuchen und auch die Evangelische Akademie Bad Boll, deren Kuratorium ich angehöre, setzt hier einen Schwerpunkt und vermittelt z.B. Dialoge, Vikaren Einblicke ins Wirtschaftsgeschehen etc.
Warum ich das wichtig finde?
Zum einen erforschen Ökonomen entgegen gängigen Klischees längst nicht mehr nur, wie man Geld möglichst gewinnbringend investiert - die Ökonomie ist vielmehr eine der Disziplinen, aus denen die stärksten Innovationen in den Bereichen Selbstorganisation, Kommunikationsprozesse und Spieltheorie stammen. Umgekehrt verfällt sie jedoch allzu oft in rationalistische Engführungen und die Versuchung, ihre theoretischen Modelle für Realität zu halten - eine Entwicklung, die Friedrich August von Hayek beklagte und gegen die er (bislang ohne großen Erfolg) eine Öffnung der Disziplin zur Evolutionstheorie anregte. Auch Ökonomen sind immer wieder verblüfft, dass schon in seinen frühen Schriften (aufbauend auf Walter Eucken) Religionsfreiheit Teil seines Denkens war und der Einsatz für diese für ihn zum Beginn der liberalen Bewegung zählte.
Es läge m.E. gerade auch an den Theologien und Religionswissenschaften, hier stärker einzusteigen - auch, damit es nicht länger unfreiwillig komisch wirkt, wenn Theologen hilflos Wirtschafts- und Finanzskandale kommentieren, die sie ganz offensichtlich kaum verstehen.
In einer Welt, in der die Schicksale von Menschen sowohl durch Wirtschaft wie Religionen längst weltweit im Guten wie im Bösen eng verknüpft sind, braucht es überzeugend verbindende Denker. Rabbiner Sacks hat gezeigt, dass es geht - und ich hoffe nach wie vor, dass er auch unter Christen und Muslimen deutscher Sprache Nachahmer finden wird.