Montag, 7. April 2008

Familienleben im Judentum - Gastbeitrag von Anna, Mittendrin

Nach den Daten der Schweizer Volkszählung gelang es den jüdischen Gemeinden, trotz der höchsten Quoten an Akademikern, Inhabern leitender Berufe und Stadtbewohnern knapp doppelt soviele Geburten zu erzielen wie den Konfessionslosen. Auch im Zeitvergleich zeigt sich, dass die jüdischen Familienstrukturen der Schweiz in den vergangenen Jahrzehnten im Kontrast zum allgemeinen Trend insgesamt erstaunlich stabil blieben, sogar leichte Aufstiegstendenzen verzeichneten (rote Linie).

Diese neu erstellte Grafik zeigt an, mit wie vielen Kindern Männer zwischen 35 und 46 Jahren in Schweizer Großstädten je in den Volkszählungen 1970, 80, 90 und 2000 in einem Haushalt lebten. Man beachte die Unterschiede, z.B. den stabilen Verlauf der jüdischen Demografie (oben, rot) und die durchgängig schwache Performance der Konfessionslosen (unten, schwarz). Klick führt zum Gesamtskript des Vortrages.

Heute möchte ich dazu (mit Einverständnis der Verfasserin) einfach als Impression einen Blogbeitrag von "Mittendrin" zitieren, in dem Anna aus ihrem jüdisch-religiösen Alltag berichtet. Interreligiös interessierten Lesern darf ich vor allem auch Annas Reflektionen zum Islam empfehlen.

Aber hier ihr Beitrag zum Familienbild:

Jüdisch, religiös, erwachsen, unverheiratet

Das ist nicht der Anfang einer Kontaktanzeige, sondern eine Kombination von Eigenschaften, die zumindest in religiöser Hinsicht auf die Dauer ziemlich frustrierend sein muss. Das Judentum ist nämlich keine Religion, die sich darin erfüllt, dass man in die Synagoge geht, die Gebete spricht, koscher isst und im Umgang mit den Mitmenschen ethische Prinzipien pflegt. Das Judentum lebt vor allem in und mit der Familie. Das gemeinsame Essen am Schabbat und der Seder-Abend an Pessach sind, um nur einmal zwei bekannte Beispiele zu nennen, wichtige Bestandteile des jüdischen Lebens, die man als Single kaum mit sich allein veranstalten kann. Während man bei den einmal im Jahr stattfindenden Ereignissen wie dem Pessach-Seder noch in der Gemeinde, bei Verwandten oder Freunden unterkommen kann, lässt sich für den wöchentlich wiederkehrenden Schabbat kaum regelmäßig eine adäquate Alternative für die vertraute, warme Atmosphäre in der eigenen Familie finden. Leute, die religiös leben wollen, müssen sich darüber im klaren sein, dass sie, wenn sie nicht heiraten, einen wesentlichen Aspekt des jüdischen Lebens verpassen werden. Vor allem Leute, die mich auf einen Übertritt zum Judentum ansprechen, weise ich immer wieder darauf hin, dass sie die Bedeutung des Familienlebens im Judentum bloß nicht unterschätzen sollen. Wer religiös leben will, sollte bald nach dem Übertritt (oder bei geborenen Juden: nach der Entscheidung für ein religiöses Leben) die Gründung einer Familie als nächstes Lebensziel anvisieren. Selbstgewähltes Alleinsein oder gar Seder- und Schabbat-Hopping sind auf die Dauer kein befriedigender Ersatz für ein eigenes jüdisches Familienleben.

Dr. Blume

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