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Freitag, 14. März 2008

Woran scheitert die Säkularisierung in den USA? - Zur Theorie des religiösen Marktes

Für die hohe Religiosität der USA wird gemeinhin die Erklärung angeführt, dass die Geschichte eine positive Haltung zur Religionsfreiheit begünstigt und die entstehende, religiöse Vielfalt einen aktiven, religiösen Markt hervorgebracht habe. Diese These wird auch durch neueste Daten bestätigt - und durch den Faktor Demografie erweitert.

Zur Geschichte

Zuwanderer in die USA hatten und haben verschiedenste, religiöse Hintergründe. Und nicht wenige waren, wie die Pilgerväter auf der Mayflower, bewusst in die neue Welt aufgebrochen, um dort ihren Glauben frei leben zu können. Die steuerliche Finanzierung oder rechtliche Bevorzugung bestimmter Kirchen, staatlich organisierter Religionsunterricht oder die Verwendung religiöser Symbole in staatlichen Gebäuden wurden per Verfassung verboten, damit keine Konfession mehr anderen ihren Willen aufzwingen konnte. Stattdessen entwickelte sich ein buntes und schnell wachsendes Angebot aus zugewanderten und neu gegründeten Gemeinschaften, die sich selbst organisieren und um Mitglieder aktiv werben mussten, wenn sie überleben wollten. „Ist die eigene Kirche zu liberal, zu konservativ, zu phantasielos, so kann man umsteigen, statt auszusteigen.“ (Michael Zöller in "Gottes eigenes Land" hier (Tagespost-Beitrag))

Der religiöse Markt in den USA

US-Amerikaner machen von dieser Möglichkeit reichlich Gebrauch. Heute gehören 44% nicht mehr der Religionsgemeinschaft an, in der sie aufgezogen wurden. Auch nach Abzug von Wechseln innerhalb einer religiösen Tradition, beispielsweise von einer evangelischen Kirche in eine andere, verbleiben 28% Glaubenswechsel.

Aber: Durchaus Säkularisierung

Allerdings erklärt dies die religiöse Dynamik des Landes nicht alleine, denn auch in den USA wenden sich Menschen von Religion insgesamt ab: 13%, mehr als ein Achtel der derzeitigen Erwachsenengeneration, verließen die durch die Familie vermittelte Glaubensgemeinschaft, ohne sich einer neuen anzuschließen. Teilweise werden diese Verluste durch religiöse Neuzuwanderer, beispielsweise katholische Christen aus Lateinamerika, ausgeglichen. Als dritten Faktor im Wettbewerb der Religionen und Weltanschauungen aber hat das Pew Forum on Religion and Public Life die reproduktiven Unterschiede ausgemacht.

Religionsdemografie der USA - Vergleich Religiöse, Konfessionslose, Atheisten

So leben 54% der US-Amerikaner verheiratet, unter den streng evangelischen (evangelikalen) Christen 59% und unter Muslimen 60%. Dagegen sind nur 46% der Konfessionslosen verheiratet, mehrheitlich (59%) mit religiösen Partnerinnen und Partnern. Und unter den Atheisten, immerhin 1,6% der Gesamtbevölkerung, führen sogar nur 39% eine Ehe.

Entsprechende Auswirkungen ergeben sich im Hinblick auf die Familiengröße: 35% der erwachsenen US-Amerikaner leben mit mindestens einem Kind im Haushalt, 22% mit mehr als einem. Einzelne Gruppen weisen sogar noch viel mehr Kinder auf, beispielsweise Muslime (47%, 34% mehr als eines) oder Mormonen (49%, 35% mehr als eines). Dagegen leben nur 33% der Konfessionslosen und gar nur 25% der Atheisten mit Kindern, nur 20% bzw. 15% mit mehr als einem.

Auch in den USA haben Konfessionslose und insbesondere Atheisten deutlich unterdurchschnittlich Kinder. Zwar wenden sich durchaus signifikante Generationenanteil (> 10%) von den Religionsgemeinschaften ab, werden jedoch durch junge Generationen vorwiegend aus religiösen Familien und Zuwanderern ersetzt.

Gesellschaftliche Auswirkungen: Nachwachsender, religiöser Markt

Entsprechend sind auch nur 7,3% der erwachsenen US-Amerikaner konfessionslos erzogen worden - und von diesen schlossen sich 54% (3,9% aller Erwachsenen) später wiederum einer Religionsgemeinschaft an. Konfessionslose Milieus wie in Teilen Ostdeutschlands, in denen Kinder und Jugendliche mit Religionen kaum in Kontakt kommen, haben sich in den USA kaum entwickeln können.

Die hohe Religiosität der USA ist damit durch das Miteinander eines vielfältigen, religiösen Angebotes, der Zuwanderung religiöser Menschen und vor allem durch die durchschnittlich höhere Kinderzahl religiöser Amerikaner gegenüber Konfessionslosen und (noch stärker) Atheisten bedingt.

Die Teilnahme am religiösen Geschehen ist also auch in den USA durchschnittlich mit biologischem Reproduktionserfolg verknüpft - ein weiterer Beleg für die biokulturelle Evolution der Religiosität.

Wie Friedrich August von Hayek vermutete, überleben nur jene Gemeinschaften den Wettbewerb und also die kulturelle Evolution, die auch aktiv zu Familie und Kindern ermutigen und entsprechende Strukturen schaffen. Und umgekehrt: dass die USA fast ohne staatliche Familienförderung dennoch mit 2,1 Geburten pro Frau die demografische Spitze freiheitlicher und wohlhabender Nationen bilden wird von Demografen weltweit auf die durchschnittlich höhere Religiosität der Einwohner zurück geführt.

Und: US-Konfessionslose noch seltener weiblich

Womöglich gerade aufgrund der geringeren, staatlichen Absicherung und also des höheren Existenzrisikos bei scheiternden Partnerschaften bevorzugen US-amerikanische Frauen verbindliche Sozial- und Familienstrukturen in Religionsgemeinschaften sogar noch stärker als ihre europäischen Schwestern: Waren in der Schweiz Frauen unter den Konfessionslosen mit 46% (siehe hier) schon deutlich unterrepräsentiert, so sind in den USA sogar nur 41% der Konfessionslosen weiblich.

Auch dies bestärkt Hypothesen zur sexuellen Selektion von Religiosität, die sog. "Gretchenfrage-Theorien".

Dr. Blume

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